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Schöpfung

Schöpfung. Jahrbuch der Religionspädagogik (JRP)

 

Band 34 (2018)

Herausgegeben von Stefan Altmeyer, Rudolf Englert, Helga Kohler-Spiegel, Elisabeth Naurath, Bernd Schröder, Friedrich Schweitzer
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2018
ISBN: 978-3-525-70259-8
263 S. ; ab 29,99 Euro

 

Die Bibel gibt keine Weltenstehungslehre her!

 

Eines steht fest: SCHÖPFUNG  ist  d a s  religionspädagogische ‚Spitzenthema‘. Das belegen Einblicke in Schulmaterialien, Bildungspläne sowie die Schlagwort-Hitliste bei RPI-Virtuell. Noch viel stärker drängt sich das Thema durch die gesellschaftliche Aktualität auf. Immer größerer Betroffenheit durch die drohende Klimakatastrophe kann kaum jemand ausweichen. Junge Menschen werden aktiv für den Klimaschutz und protestieren gegen politische Versäumnisse. Eine junge Lehrerin charakterisiert die heutigen unterrichtlichen Erfordernisse mit dem Kennzeichen: „Religionsunterricht nach Greta“.[1]

Das Jahrbuch der Religionspädagogik 2018 hat diese Dringlichkeit erkannt und bietet ein breites Spektrum thematischer Auseinandersetzung. Mit mehreren SCHLAGLICHTERN beginnt das Buch. Sie verdeutlichen, dass das Thema Schöpfung im wahrsten Sinne des Wortes ‚Ansichtssache‘ ist. So vertritt die Grundschülerin Theresa (4. Klasse) die Auffassung, dass Gott das Bestehende wachsen lässt und fördert; einen Schöpfer als Urgrund von allem kann sie sich nicht vorstellen (8-10). Die nächste Ansicht kommt von ‚oben‘, aus 10 Kilometer Höhe. Es ist die Perspektive des Piloten Klaus Froese (11-12), dem sich im Cockpit staunende Fragen stellen. Aus den Medien ist der Forscher Harald Lesch bekannt (13-14). Sein knappes Statement spricht vom Respekt des Naturforschers gegenüber dem Universum und der Natur. Seine Mahnung: Geht achtsam damit um, denn: “Das gibt es nur einmal, das kommt nicht wieder“! Zwei weitere Schlaglichter führen uns in den Wald [2] beziehungswiese an unseren ersten Anfang zurück: die Geburt [3]. Brutale Fakten des Klimawandels werden von Andreas Lienkamp komprimiert vorgestellt (24-27).

Derartige Schlaglichter – die Auswahl lässt sich erweitern – sind ein guter Weg, Einstiege und spezielle Vertiefungen für die unterrichtliche Arbeit zu bahnen.

Die folgenden Artikel gehen fachlich und umfänglich mehr in die Breite, hier genannt INTERDISZIPLINÄRE PERSPEKTIVEN. Beim Forschungsüberblick von Christian Höger „Schachmatt für die Schöpfung“ (30-34) besteht eine gewisse Gefahr, dass einem ober der Fülle der Erkenntnisse und Frage-Schwerpunkte leicht schwindelig wird. Doch ist es gut zu wissen, dass dem Schöpfungsthema in der religionspädagogischen Forschung mit viel Energie nachgegangen wird. Relevante Stichworte: Kindertheologie, Artifizialismus, Naturwissenschaftsglaube, Weltbilder. Hoffentlich prägen diese Erkenntnisse zukünftig stärker die Qualität religionspädagogischer Materialien! [4] Höger resümiert: „Zweifellos bleibt ‚Schöpfung‘ an sämtlichen religionspädagogischen Lernorten ein lebenslang relevantes Thema“ (42).
Georg Steins (45-59) kritisiert die oft ‚matten‘ Aussagen zur theologischen Bedeutung biblischer Schöpfungsrede. Kirchliche Erklärungen werden der Vielfalt und der Tiefe nicht gerecht, welche in der Bibel anzutreffen sind. Die Bibel gibt keine ‚Weltenstehungslehre‘ her! Steins regt an, weitere Aspekte in den Vordergrund zu holen: die Statthalterschaft des Menschen, die Unabgeschlossenheit der Schöpfung und die dynamisch nach vorn weisende Funktion des Lobes an den Schöpfer. Das sollte religionsdidaktisch aufgegriffen werden! Dem Verhältnis von Mann und Frau in den uralten biblischen Texten widmet sich Desmond Bell (60-70). Er macht auf Fehlinterpretationen aufmerksam; so werde bei Gen 3 auch heute zumeist noch von ‚Sündenfall‘ gesprochen, obgleich im Text überhaupt nicht von Sünde die Rede ist. Die Auslegung der 2. Schöpfungserzählung (Gen 2, 4b ff) habe die „absonderlichsten Theorien über das Miteinander von Mann und Frau“ hervorgebracht (65). Die Vielstimmigkeit der Texte lasse es kaum zu, ein ‚stimmiges Gesamtbild‘ zu erstellen (64). Eine berechtigte Warnung vor schlichten Verallgemeinerungen und Engführungen aufgrund dogmatischer Vorverständnisse!

Was glauben eigentlich Muslime bezüglich der Schöpfung? Was findet man im Koran? Fahima Ulfat [5] fragt nach Verbindungen zwischen Bibel und Koran (71-84). Fast bedauernd hebt sie hervor, dass der Koran über „keinen chronologischen Schöpfungstext“ verfüge. Jedoch spricht der Koran an sehr vielen Stellen von der Schöpfung Gottes und dem Auftrag des Menschen. Die Funktion „Statthalter“ auf Erden zu sein, wird besonders betont (76f. 84). Leider fehlen in ihren Ausführungen jegliche Bezüge zur Religionspädagogik.[6] Im Jahrbuch finden sich auch keine weiteren Beiträge aus islamischer Perspektive! Angesichts der sehr virulenten Lage des islamischen Religionsunterrichts in Deutschland ist dies ein schmerzliche Lücke!

„Mitgeschöpflichkeit“ ist ein wichtiges Stichwort der Diskussion um das Verhältnis zu den Tieren. Peter Riede (85-94) stellt die Probleme und die Chancen der gegenwärtigen Situation vor: Artenschutz, Nutz- und Haustiere, Versuchsobjekte. Der Erkenntnisstand ist ernüchternd: „Dass das ‚Verbrauchsmaterial‘ Tier kaum seiner Bestimmung als Mitgeschöpf entspricht, steht außer Frage“ (94).

Interessante neue Aspekte bieten die Artikel „Schöpfungsglaube im Anthropozän“ [7] und die „Verantwortung des Menschen in Zeiten der Künstlichen Intelligenz“ [8]. Mit der Kernfrage „Quo vadis Menschheit“ wird der Blick auf die großen Erdzeitalter gerichtet. Aber auch bezüglich der KI stellen sich fundamentale Orientierungsfragen. Ein spannender Stoff, der auch schulisch aufgegriffen werden sollte.

‚Das musste einfach mal gesagt werden!‘ Andreas Benk (229-248) knöpft sich die zahllosen Religionsmaterialien zum Thema Schöpfung vor und untersucht diese auf fachliche und didaktische Substanz. Sein Urteil ist größtenteils vernichtend! Er stellt eine gewisse Themenkonzentrierung in den Schulstufen fest: Zu Beginn der Grundschule: Staunen, Lob und Dank; gegen Ende der Grundschulzeit kommt die „Verantwortung für die Schöpfung“ hinzu (231). In den Sekundarstufen erweitert sich das Spektrum um das Verhältnis zu Naturwissenschaften – Evolution. Er vermisst schmerzlich eine umfassende Gesamtschau, die theologisch verantwortbar ist. Benk stört sich an vielfach vorhandenen Appellen zum Umweltschutz, die direkt aus den biblischen Texten abgeleitet werden, an krassen Umdeutungen wie etwa dem Entdecken einer „Evolutionstheorie“ in Gen 1 und einer verklärenden Sicht von Natur, welche die Realität ausblendet: „Zwischen Natur und Schöpfung wird nicht differenziert, beide Begriffe werden austauschbar verwendet“ (241). Die Beispiele ließen sich noch vermehren! Auch für Oberstufenmaterialien gilt die Erkenntnis: “Gen 1 will keine philosophische Antwort geben auf die metaphysische Frage nach dem Ursprung der Welt …“ (242). Für zahlreiche Materialien auf dem Büchermarkt kann Benk sich nur einen guten Ort vorstellen: „Ich wünsche mit derartige Materialien in die Giftschränke der Bibliotheken verbannt!“ (234).

Die DIDAKTISCHEN KONKRETIONEN des Jahrbuchs „Schöpfung“ enthalten folgende weitere Artikel, auf die ich aus Zeit- und Raumgründen jetzt nicht detaillierter eingehen kann:

Martin Rothgangel: Schöpfung und Evolution – eine Beziehung voller Missverständnisse, 123-134 [9]

Peter Kliemann, Friedrich Schweitzer: Schöpfung aus curricularer Sicht: Was lernen Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht laut Bildungsplan und was sollten sie lernen?, 136,147

Veit-Jakobus Dieterich: Jugendliches Denken über Schöpfung und Evolution. Empirische Forschungen – religionspädagogische Herausforderungen, 148-160

Guido Hunze: »Ich widerspreche alles, weil eigentlich überall Gott drin steht.« Theologische Herausforderungen und schöpfungsdidaktische Stolpersteine (nicht nur für den Religionsunterricht), 161-170

Stefan Altmeyer, Daniel Dreesmann: Grenzgänge zwischen Natur und Schöpfung – Grundlagen und Vorschläge für fächerverbindendes Lernen in Biologie- und Religionsunterricht. 171-183

Heike Lindner: »Im Anfang war der Klang …« Schöpfung fächerverbindend mit Musik unterrichten – didaktische Entfaltungen und Konkretionen. 184-194

Matthias Wörther: Die Axt am Baum des Lebens – Überlegungen zu schöpfungstheologischen Aspekten in Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen. 195-206

Elisabeth Naurath: Werte-Bildung auf dem Erlebnisort Bauernhof. 207-217

Thomas Weiß: Theologisch argumentieren üben am Beispiel Schöpfung. 218-228

 

Generelle Problemstellungen beim Thema Schöpfung

Im Beitrag von Guido Hunze bin ich auf markante Problemstellungen gestoßen, die immer wieder in religionspädagogischen Schöpfungsmaterialien zu finden sind.

  1. „Die Welt um uns herum ist nicht aus sich heraus Schöpfung, sondern Schöpfung ist eine Kategorie der (Glaubens-) Erfahrung und (Glaubens-) Deutung von Welt“ (164).
    Wird dies als Basiserkenntnis umgesetzt, dann beugt man Fehlschlüssen und Kurzschlüssen weitgehend vor!
  2. „Es ist erstaunlich, wie oft die beiden Texte am Anfang der Bibel noch immer als ‚Schöpfungsberichte‘ bezeichnet werden“ (165). Das ist nicht nur ‚erstaunlich‘, sondern sogar skandalös fehlerhaft. Sollte auch so benannt werden! [10]
  3. Eine „Entschärfung geschieht, wenn beim Thema ‚Schöpfung‘ zunächst an ‚Natur‘ gedacht wird … Natur erfahren, Schöpfung erleben“ (166). Angesichts des inflationären Vorkommens dieses Unterrichtsansatzes ist der kritische Begriff ‚Entschärfung‘ eine viel zu wohlwollende Untertreibung!

 

Bilanzierendes …?

 Dafür hat Rudolf Englert schon im Band gesorgt (250-263). In seinen Einschätzungen spürt man eine deutliche Sorge, dass unser Thema künftig nicht mehr einen großen Stellenwert habe. Seine Hoffnungen auf große theologische Entwürfe teile ich so nicht; dazu gibt beispielsweise die Systematische Theologie keinen Anlass. Aber ich kann mit ihm die unaufgebbare Zuversicht teilen, dass Freude, Dankbarkeit und staunendes Innehalten vor den Wundern des Lebens zu den Schlüsselelementen des Religionsunterrichts angesichts der Schöpfung zählen! [11]

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[1] https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/religionsunterricht-nach-greta-weniger-rechtfertigen-mehr-machen

[2] Bodo Marschall: Am Beispiel des Waldes die Welt erklären (15-16)

[3] Hanna Strack, Theologie der Geburtlichkeit (17-29)

[4] Mit der oft fehlenden Qualität religionspädagogischer Schöpfungsmaterialien setzt sich im Jahrbuch besonders Andreas Benk auseinander:229-248. Mehr dazu unten.

[5] Juniorprofessorin für Islamische Religionspädagogik an der Universität Tübingen.

[6] Ulfat geht intensiv auf verschiedene Positionen islamischer Gelehrten ein, ein wirklicher Vergleich zur Bibel findet jedoch nicht statt. Die Titelfrage „Verbindet oder trennt die Schöpfungstheologie?“ ist wohl eher rhetorisch zu verstehen. – Zu dieser Thematik ist besonders zu empfehlen: Karl Josef Kuschel: Die Bibel im Koran. Grundlagen für das interreligiöse Gespräch, Düsseldorf 2017!

[7] Alexander Loichinger, 96-108

[8] Thomas Christaller, 109-122

[9] Anders als im Buch eingeordnet, rechne ich diesen Artikel zu den Didaktischen Konkretionen. Mein Didaktik-Verständnis lässt das zu.

[10] Das geschieht erfreulich deutlich in Martin Rothgangels Beitrag „Schöpfung und Evolution – eine Beziehung voller Missverständnisse“ (123-134).

[11] vgl. 261

…………………………..

Dr. Manfred Spieß, Oldenburg
27.08.2019

 

 

 

 

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Ikonographie Palästinas

Die Ikonographie Palästinas/Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern.
Band 4: Die Eisenzeit bis zum Beginn der achämenidischen Herrschaft.

Von Silvia Schroer unter Mitarbeit von Barbara Hufft, Philipp Frei, Florian Lippke, Patrick Wyssmann.

Basel: Schwabe 2018.

961 Seiten. ISBN 978-3-7965-3878-0.
148 €

 

Bilder im Alten Israel laden ein, die bunte Religion zu entdecken

 

Kurz: Das sorgfältige Handbuch, hier der vierte und letzte Band über die Zeit von 1200-500 v.Chr., ist auch ein Buch zum Entdecken der Religionsvielfalt im Alten Israel vor der Exilszeit und dem strengen Monotheismus Jhwhs der Exils-Propheten.

Ausführlich: Ein Langzeitprojekt wird mit diesem Band abgeschlossen: Die Ikonographie der Zeichen, die in der südlichen Levante dargestellt wurden. War die Erforschung Israels ein fast ausschließlich protestantisches Unternehmen, so schuf die tatkräftige Arbeit von Othmar Keel (*1937) ein ganz neues Projekt und mit diesem Band ist es so gut wie vollendet. Die Protestantische Worttheologie berief sich auf das erste/zweite Gebot des Dekalogs: Du sollst Dir kein Bildnis machen! Also waren Bilder kein Ausdruck der Theologie Israels, sondern das ‚kanaanäische‘ Gegenteil. Die joschianische Kultreform (622 v.Chr)[1] zeigte den Umgang Israels mit den Bildern: Ausreißen, zerhacken, säkularisieren. Mit seinem Buch über die Bilderwelt der Psalmen setzte Keel einen Paukenschlag: die Metaphern der Psalmen (Gott als Fels, als Burg, als Hirte …) fanden sich in den Bildern.[2] Die Nachzeichnungen seiner Frau Hildi erwiesen (und erweisen sich auch in dem vorzustellenden Band) als viel besser als jede Photographie. Es folgten Bücher über die Bilder/Metaphern bei Hiob, im Hohen Lied usf.[3] Ein Buch zur Schöpfung ist für den Unterricht ein vorzüglicher Lehrerband.[4] Die Kritik allerdings fragte zu Recht: Da hat ein Jäger und Sammler in seiner Entdeckerfreu­de Bilder zusammengestellt assoziativ zu den Psalmen, die irgendwie aus dem antiken Nahen Osten stammen.[5] Da muss eine Ordnung her! Denn die Bilderwelt ist offenbar eine Gold­grube, die für die Forschung viel Potential ergibt. Der Aufbau eines Museums in Fribourg in der Schweiz,[6] der Katalog der Siegel,[7] der vorliegende Katalog der Ikonographie. Unter seiner Anleitung entstanden zahlreiche Dissertationen.[8] Seine Mitarbeiterin und Kollegin, Professorin in Bern, Silvia Schroer hat die mühsame Arbeit der Ordnung übernommen, aber auch mehr populäre Bücher veröffentlicht, beispielsweise die Körpersymbolik.[9] Beim ersten Band war Keel noch Mitverfasser. Dann allerdings fesselte ihn das Thema der Religions­geschichte Jerusalems.[10]

Nun also zum Handbuch Ikonographie als eine Religionsgeschichte Palästinas/Israels. Die vier Bände umfassen Band 1 Vom ausgehenden Mesolithikum bis zur Frühbronzezeit.  (Fribourg: Academic Press, 2005. 392 S.); Band 2 Die Mittelbronzezeit. 2008.  339 S.; Band 3 Die Spätbronze­zeit. (Fribourg: Academic Press, 2011. 457 S. Der vierte Band umfasst die Zeit vom Ende der Bronzezeit um 1200[11] bis zum Beginn der Perserherrschaft, also bis zur Exilszeit Israels (‚Babylonische Gefangenschaft‘, 597-520 v.Chr.).[12]  Mit Band 4 ist der Katalog abgeschlossen. Für die Zeit nach dem Exil ist ein Nachfolgeprojekt in Aussicht BIPOW Die Bildwelt Israels/ Palästinas zwischen Ost und West, das die Perserzeit und hellenistische Zeit behandeln wird. Der Band 4 also umfasst die Nummern 994-1974, d.h. die Hälfte des gesamten Katalogs und umfangmäßig 80% des Gesamtwerkes. Die Katalogeinträge sind sehr präzise knappe Beschreibungen des Bildthemas, der Fundort und eine Datierung, das Museum, in der das Objekt aufbewahrt und zu finden ist, die Größe, die Literatur, wo das Objekt schon erforscht wurde, Parallelen. Viele Objekte sind allerdings nicht in einer Grabung gefunden worden, die einen Kontext und damit eine präzise Datierung erlaubt, sondern irgendwie ins Museum gekommen, so dass die Datierung oft aus der Stilistik und Vergleich mit ähnlichen Stücken erschlossen wird.[13] Der Katalog ist chronologisch in drei Epochen untergliedert, dort dann nach Ikono­graphischen Themen sortiert, also etwa ‚Der Stier‘, ‚Herr der Tiere‘, ‚Göttin, Schlange, Taube und Granatapfel‘, ‚die nackte Göttin‘, ‚Sterne, Wächter und Mischwesen‘, ‚Wettergott‘, ‚Herrscher erschlägt Feinde‘. Diese Themen sind auch chronologisch in der Entwicklung und thematisch kontextualisiert in der Einleitung S. 60-88 behandelt, das Kapitel v. ergänzt die biblischen Bezüge aus Band 3, v.a. um Frauen und Göttinnen, die astralen Gottheiten und den Einfluss der brutalen assyrischen Herrschaftsideologie. Die knappe, aber umfassende Beschreibung des jeweiligen ikonologischen Themas benennt Orte und Zeiten, in denen das Motiv (in der ‚Umwelt‘) besonders gepflegt wurde und wie die Könige, die Propheten, wie die Psalmen und poetisch-liturgischen Texte das Motiv ver­arbeiten oder kritisieren im Bezug auf den Jhwh-Kult. Es ist auch möglich, anhand der ausführlichen Indices (für das Gesamt­werk S. 926-961 in kleiner Schriftgröße) zu finden, beispielsweise eine Bibelstelle, einen Fundort (mit kurzer geographischer Einordnung; dazu auch die Karten S. 13f), die gesuchten Motive (leider nicht immer unter­gliedert; etwa zu ‚Bovine, s.a. Kuh, Kalb, Rind, Stier‘ sind es an die hundert Katalog­num­mern. Differenzierter sind aber viele der großen Einträge wie ‚Feinde‘: unter Füßen, gefesselt, geköpft, gefesselt mit Nasenring usf., so auch unter Capride [Ziege, Antilope …], Frau, Gott, Göttin, Löwe, MusikantInnen. Die Joschijanische Kultreform kann ich nicht unter dem Namen des Königs finden, muss also über die Bibelstelle 2.Könige 22-23 suchen und das religionsgeschichtlich so interessante Kapitel 8 bei Ezechiel zum sog. Synkretismus[14] in Jerusalem, also viele Kulte neben dem Jhwh-Kult. S. 18 finde ich so nicht, S. 79 und 84 behandeln nur Details. Zu Recht hat Silvia Schroer die mangelnde Berücksichtigung der weiblichen Gottheit oder weiblichen Seite Gottes kritisiert (21) und in diesem Band einen besonderen Schwerpunkt: gesetzt 96-107. Israel/Palästina ist ein Land zwischen den Großmächten in Mesopotamien und Ägyp­ten, die S. 25-60 vorgestellt werden, dazu die Philister und Phönizier, Zypern und Griechen­land, Urartu und Hethiter.  Kapitel IV, 61-88, beschreibt die Themen der Bildkunst und wie sie sich in den drei Epochen der frühen Eisenzeit verändern: nächst den ägyptischen die auto­chthonen (‚einheimischen‘) Traditionen, unterschieden noch einmal von den nord­syrisch-anatolischen Motiven, wie Stier und Wettergott.

Der vierbändige Katalog findet in diesem Abschlussband eine glänzende Vollendung. Ob das schon eine ‚Religionsgeschichte‘ ist, sollte noch reflektiert und eingeschränkt werden. Die Bilder und Zeichen sind nur eine Dimension,[15] die eher der Elite zuzuweisen sind. Der Band ist ebenso ein Handbuch zum genauen Studium, wie die Zeichnungen der Objekte zum genaueren Nachschauen der Erklärung locken, zu den vergleichbaren Objekten, zum Motiv, zum Kontext. Und sie leiten die Leser dazu, die Bibel aufzuschlagen, um die ange­gebenen Stellen nachzulesen. Ein ausgezeichneter, sorgfältiger Band und ein Entdeckerbuch.

 

Bremen/Much, 16. Juli 2019
Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Michael Pietsch: Die Kultreform Josias. Tübingen: Mohr 2013. Meine Rezension: Israels Religions­geschichte am Wendepunkt: Die joschianische Kultreform. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/. Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart: Kohlhammer 2016, 267-269.

[2] Othmar Keel: Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1972, 51996.

[3] Eine Zusammenstellung seiner Bücher findet man am einfachsten im Wikipedia-Artikel zu Keel.

[4] Keel/Schroer: Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht; Fribourg: Academic Press 2002; ²2008.

[5] Zur Kritik und Diskussion etwa die Beiträge in Bernd Janowski; Nino Zchomelidse (Hrsg.): Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 2003.

[6] BIBEL+ORIENT Museum in Fribourg.

[7] Vier Bände Studien 1985, 1989, 1990, 1994, dann das Corpus der Stempelsiegel-Amulette aus Palästina/ Israel. Von den Anfängen bis zur Perserzeit. Einleitung. Göttingen 1995, ISBN 3-525-53890-1. (Orbis Biblicus et Orientalis. Series Archaeologica 10), Band 1(1997)-5(2017). Noch nicht abgeschlossen.

[8] Um nur einige zu nennen: Thomas Staubli zum Image der Nomaden, Urs Winter zu Baum und Göttin, Christoph Uehlinger zum Turmbau zu Babel. Die von OK gegründete Reihe Orbis Biblicus et Orientalis umfasst 285 Bände, die neutestamentliche Reihe Orbis Biblicus et Orbis Antiquus NTOA ist bei Band 120 angelangt, dazu je eine Reihe series archaeologica.

[9] Silvia Schroer; Thomas Staubli: Menschenbilder der Bibel. Ostfildern 2014. Schroer: Die Körpersymbolik der Bibel. Darmstadt: WBG 1998, ²2005.

[10] 2 Bände, die in dem Handbuch und Reisebuch Orte und Landschaften der Bibel als Band 4,1 erschienen. Band 4,2 ist der unschätzbare Studienreiseführer von Max Küchler über Jerusalem von den Anfängen bis zur Neuzeit. 2007. Die zweite Auflage 2014 ist gekürzt (von 1266 auf 816 Seiten, also um ein Drit­tel), gestrafft, aber viele Alter­na­tiven in den Deutungen sind gestrichen. Ich ziehe die erste Auflage vor.

[11] Zu der Bewertung der Zerstörung durch die Seevölker, das ist die Sicht der Ägypter, und anderen Faktoren des Niedergangs und der Kontinuität Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt. München: Beck 2018, 577-662. Siehe meine Rez. auf dieser Internet-Seite: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/07/18/die-geburt-der-mediterranen-welt/

[12] Die Zeitangaben nennen nicht die ‚christliche‘ Ära, sondern nur a [wie ante Christum natum vor Christi Geburt], beziehen sich also auf die übliche Zeitrechnung, wie im Englischen sich eingebürgert hat, in wissenschaftlichen Texten nicht mehr BC (Before Christ), sondern BCE zu schreiben (Before Common Era).

[13] „Viele Katalogstücke sind nicht auf hundert Jahre genau, manche nicht einmal auf zweihundert Jahre genau datierbar.“ S. 7.

[14] Schroer 21: „Die Religion Israels und Judas vor dem Exil beschreibt man am zutreffendsten als polytheistisch.“ Der wichtige weitergehende Aspekt des Synkretismus ist damit nicht getroffen.

[15] Christoph Auffarth und Hubert Mohr: Religion. in: Metzler Lexikon Religion. Hrsg. von denselben und Jutta Bernard. Band 3. Stuttgart: Metzler 2000, 160-172.

 

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Die Architektur der Normannen

Oliver Becker: Die Architektur der Normannen in Süditalien im 11. Jahrhundert: Kontinuität und Innovation als visuelle Strategien der Legitimation von Herrschaft.

(Studien zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit 17) Affalterbach: Didymos-Verlag [2018].

436 Seiten, 96 nicht gezählte Seiten mit Illustrationen, Karten, Pläne.
ISBN 978-3-939020-17-2.


Die wilden Männer werden Christen

 

Kurz: Das Buch macht die süditalienische Kirchenarchitektur aus jahrelanger Forschung zugänglich, Grundlagenarbeit und spannende Thesen.

Ausführlich: Nachdem die wilden ‚Männer aus dem Norden‘ als Wikinger Jahrhunderte lang die Menschen im Westen Europas in Angst und Schrecken gesetzt hatten, indem sie in jedem Frühjahr mit ihren Schiffen die Flüsse hinaufgefahren waren und alles plünderten, nicht zuletzt die unbewaffneten Klöster, ändert sich das nach der Jahrtausendwende: Vor allem in der Normandie, in Großbritannien (Schlacht von Hastings 1066) und in Süditalien/ Sizilien gründen sie nun Königreiche, nehmen das Christentum an, erobern mit dem Fähn­lein Petri, also im Namen des Papstes, das Land, das teils von Muslimen beherrscht war. Das gehört in die Vorgeschi­ch­te der Kreuzzüge, an denen sich die Normannen dann tatkräftig beteiligten (Bohemund von Tarent, Tancred, Robert Kurzhose).[1] Zur Gründung eines Reiches gehört der Bau von Burgen und in den Städten neuer Kirchen.[2] Dieser Architektur der gerade erst chris­ti­a­nisierten Normannen ist der Verfasser der Dissertation Oliver Becker seit vielen Jahren nachgegangen.[3] Dabei hat er so gut wie jede Kirchen besucht, fotografiert, vermessen, unter­sucht. Viele der Abbildungen im Tafelteil stammen von ihm. Er will aber kein ‚positivisti­sches‘ Inventar aller Kirchen vor­legen, was dann eine kurze, eher technische Beschreibung verlangt hätte. Viel­mehr wählt er vier bzw. fünf „Schlüsselbauten“ aus, an denen er je ein Problem diskutieren will und dabei ausführlich diese Kirche beschreiben kann (1. S. 84-130) den Dom von Salerno wegen der Spolienverwendung, d.h. in dem Bau sind viele ‚geklaute‘ Bauteile verarbeitet, die aus anderen Gebäuden stammen, mit Vorliebe aus antiken Bauten. (2. S. 131-183) Den Dom von Otranto wählt er als Typus einer Hallen­krypta aus, d.h. unter dem oberen Dom mit seinem berühmten Mosaik befindet sich eine große zweite Kirche. (3. S. 184-235) Am Dom von Tarent will er beschreiben, wie in der Forschung sich die Bewertungen änder­ten. Waren das alle (Erz-) Bischofskirchen, so wählt OB (4.) die Kirche von Reggio di Calabria (S. 236-270, ein durch zwei Erdbeben verlorenes Dokument, das sich aus alten Ansichten aber wieder rekonstruieren lässt. Gegen die bisheri­ge Forschung erweist sich der Grundriss nicht als beeinflusst von der berühmten Kloster­kirche von Cluny, sondern bildet einen eigenen Typus mit anderen normannischen Bauten, etwa dem Dom von Tarent. Weiter untersucht OB (5., S. 271-322) die Kirchen von Aversa und Capua als „Bau und Gegenbau“ wegen ihrer neuen Bauformen, also das typisch Andere an der normannischen Kirchenarchitektur, zu dem es keine Vorbilder gibt, aber Konkurrenz zu den Kirchen im nördlich anschließenden Campanien.

Die These, dass die Normannen „mit der schrittweisen Festigung der Herrschaft Kirchen als Monumentalarchitektur, mit der sie weniger ihre frommen Aspirationen als vielmehr ihre weltlichen Herrschaftsansprüche visuell propagieren wollen“ (10) spricht einen Gegensatz aus, den man im Mittelalter kaum auseinanderhalten kann. Kirchen oder Kapellen in Burgen stellen sowohl Prestigearchitektur dar, viel zu groß für den normalen Gottesdienst, als auch ein Zeichen, dass Gott den Reichtum und die Macht zu solcher Architektur gibt, und als Geschenk an Gott, dass er das auch künftig geben möge. Dies war gerade für Eroberer und neu getaufte Könige wichtig.

Die hervorragende Dokumentation in den Bildern und Grundrissen, der Beweis von späte­ren Planänderungen anhand von Baufugen, Rekonstruktion untergegangener Bauten, das riesige Literaturverzeichnis, die Fülle der detaillierten Fußnoten, die Beherrschung der lateinischen Inschriften und Passagen aus den Historikern, erschlossen durch einen Index der Personen und Orte, zeigen, dass hier eine jahre­lange, beharrliche Forschung einen meister­haften Abschluss gefunden hat.

 Bremen/Much, Juli 2019

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Den Zusammenhang hat schon Carl Erdmann herausgearbeitet: Die Entstehung des Kreuzzugs­gedankens. Stuttgart: Kohlhammer 1936. Die neueste Monographie zu den Normannen: Rudolf Simek: Die Geschichte der Normannen. Von Wikingerhäuptlingen zu Königen Siziliens. Ditzingen: Reclam 2018.

[2] Pointiert sagt Oliver Becker, sei es in den rund 70 Jahren der Landnahme zur „Liquidation des süditalienischen Frühmittelalters“ gekommen (14).

[3] Dissertation 2015 an der Freien Universität Berlin bei Prof. Christian Freigang. Bereits 2007 ist ein erster Aufsatz erschienen. Oliver Becker – im Folgenden mit den Initialen OB abgekürzt – hat immer wieder die Bauten aufgesucht, oft genug vergeblich, weil die Kirche ‚in restauro‘ jahrelang geschlos­sen war, was er witzig formuliert: die Kirche sei dem heiligen Restauro geweiht.

 

 

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Ägyptische Religion-2-Götterliteratur

Jan Assmann; Andrea Kucharek: Ägyptische Religion. [2] Götterliteratur.

Aus dem Altägyptischen übersetzt und herausgegeben von Jan Assmann und Andrea Kucharek. Mit zahlreichen, teils farbigen Abbildungen Berlin: Verlag der Weltreligionen 2018.
1099 Seiten, 25 Ab­bildungen. [ISBN 978-3-458-70056-2 ]
78.-

 

Ägyptische Religion in Texten und genauen Erklärungen

 

Der umfangreiche Band mit Texten zu Göttern Ägyptens folgt dem Band über die Toten- und Unterwelt-Texte.[1] Die Texte (S. 11-560). Kommentar 563-1056. Bibliographie 1057-1084. Bilderläuterungen 1085-1091. Die Texte umfassen: (1) die Kultbildrituale (9-148), (2) Abwehr, Schutz, Heilung (149-298). (3) Kosmographie und Theologie (299-420). (4) Hymnen und Klagen (421-508). (5) Lebensführung und Persönliche Frömmigkeit (509-560).

Jan Assmann hat als einer der international führenden Ägyptologen und sprachmächtigen Kulturwisssenschaftler[2] gemeinsam mit Andrea Kucharek[3] eine substantielle Auswahl von Texten aus der gesamten ägyptischen Zeit, die von der frühdynastischen Zeit (etwa 3000-2650 v.Chr.), dem Alten Reich, dem Mittleren und dem Neuen Reich reicht mit den sog. Zwischenzeiten. Aber auch Hellenismus (332-30 v.Chr.) und Römerzeit sind nicht ausge­schlossen (Zeittafel 587f). Die Texte sind guten Teils neu übersetzt in einer Sprache, die im Deutschen als Zielsprache mutig Wörter und Begriffe wählt, statt veraltete und bedeutungs­arme Wörter zu verwenden, die ein früherer Übersetzer verwendete, wenn er sich der Bedeutung nicht sicher war. Die Kommentare sind ebenso stark. Ein Beispiel zu nennen: Die in Europa in der Renaissance als älteste Religion wahrgenommenen Texte unter dem Namen des Hermes, die Hermetik, leitet sich her von dem griechischen Namen (Hermes trismegistos)[4] des Gottes Thot. Für diese Symbolfigur der modernen Esoterik findet JA die folgende Charak­­terisierung: „Er ist der paradigmatische Verwaltungsbeamte unter den Göttern, der Weisungen erteilt, plant, Gesetze erlässt, ‚die Schrift reden lässt‘, d.h. aus Geschriebenem vorliest, und die Opfer an Götter und Totengeister verteilt. Er hat das Sonnenauge heimge­holt, das sich im Zorn entfernt hatte, er hat Horus mit Seth versöhnt und dadurch die Einheit des Staates begründet, er verfügt über die Zaubersprüche, den Wütenden abzuwehren und die Rebellen zu vernichten, und er hat verhindert, dass das Wunder des restituierten Osiris dem Seth sichtbar wurde.“ (719, vgl. 698f). Vielleicht sollte aber der Hinweis auf die Schrift als gehütete Expertenwissenschaft seine Bedeutung doch etwas heben. Ein weiteres Beispiel die knappe Charak­teri­sierung des Seth, heute ein Symbol für das personifizierte Böse (zB in der Church of Seth der Satanisten), S. 696-700 und die folgenden Stellenkommentare 701-728 Seth ist meist ein komplementäres Gegenstück zu Osiris, nur beide zusammen machen die Weltord­nung aus, Wüste und Nil gehören zusammen. Hier aber finden sich Tendenzen zur Verteufe­lung. Der Kommentar (561-586) gibt eine Einführung in die hier versammelten Texte.[5] JA schöpft aus und fasst hier zusammen, was er in zahlreichen Büchern so exzellent erklärt hat: Was er den kosmogonische Monotheismus nennt mit seiner sich täglich erneu­ernden Welt­ordnung und ihre wechselseitige Rechtfertigung mit der Monarchie der Phara­onen.[6] Dann erklären sie, was man unter Götterliteratur, ihre Entstehung, Umfang und Wachstum, ver­steht: Texte zu den Ritualen, in deren Mittelpunkt die Götterstatuen stehen, darunter das berühmte Mundöffnungsritual (Texte 100-148, kommentiert 653-687). Sie müssen gegen Feinde geschützt werden. Kosmotheistische Texte binden die Statuen ein in die Erhaltung der Weltordnung. Hymnen verehren die Götter in den Statuen. Schließlich gibt es auch Texte der Theologie außerhalb des Tempelrituals (die sog. Persönliche Frömmigkeit). Der christ­liche Theologe Clemens aus Alexandria hat in seinen Stromateis („Teppichen“) auf Griechisch eine Bibliothek eines ägyptischen Tempels und das Personal für den Kult beschrieben (570-573). Großartig auch die Beschreibung der ‚Hierosphäre‘ als eine begrenzte Transzendenz der dem Kosmos immanenten Götter, die zwar Flüsse, Winde, Bäume, aber auch Kultur­techniken wie die Schrift repräsentieren, aber den Menschen in einer geschlossenen Sphäre trans­zendent gegenübertreten; gleichzeitig kann ganz Ägypten vom ersten Katarakt bis ins Nildelta als ein einziger Tempel verstanden werden (574). Über den Tempelkult hinaus­greifend ist die Vorstellung der Ma’at als Kult und Recht umgreifende Idee (579-583). Sie manifestiert sich in den Gesetzen und der Rechtsprechung, erhält ihre Bestätigung im Toten­gericht. Die Rezeption des Konzeptes außerhalb Ägyptens in Israel bei den Propheten oder im frühen Griechenland, bildet eine wichtige Transformation oder eine mitlaufende Ent­wicklung in den Religionen, die aus den monotheistischen Konzepten her­vor­gegangen sind: unter den polytheistischen Oberflächen des Kultes findet man mono­theistische Unter­strö­mun­gen.[7]

Ein Bogen auf Kunstdruckpapier (zwischen S. 640 und 641) stellt einige Abbildungen vor, die auf Seite 1085-1090 bzw. im Stellenkommentar erklärt sind. – Etwas betrübt bin ich, dass die in allen bisherigen Textaus­gaben exzellente Arbeit, die Claus-Jürgen Thornton in die Indices der Personen, Orte, Sachen gesteckt hat, hier fehlt. Ein erhebliches Manko.

Der Verlag der Weltreligionen beruhte auf der Zusammenarbeit mit der Udo Keller Stiftung  Forum Humanum. Die Zusammenarbeit ist leider aufgekündigt. Aber es werden noch begonnene Projekte weiter und hoffentlich zu Ende geführt. Dieses Buch ist eines davon. Der Koran-Kommentar das andere. Immerhin. Auch wenn das Gesamtprogramm nicht weiter voran kommt,[8] so hat es bedeutende Bücher hervorgebracht. Dazu gehört dieses Buch von Assmann/ Kucharek über die ägyptische Religion.

Der Band ist eine Summe des Lebenswerkes von Jan Assmann auf dem Gebiet der Ägypto­logie, eine Einsicht in die aktuelle Forschung, wichtige Texte in einer genauen, gut lesbaren Über­setzung und umsichtige Kommentare, nicht in Details sich verlierend, sondern die großen Zusammenhänge am Detail erklärt. Großartig!

  1. Juni 2019
    Christoph Auffarth
    Religionswissenschaft
    Universität Bremen
    ……………………………………………..

[1] Jan Assmann: Ägyptische Religion. [1] Totenliteratur. Frankfurt am Main: Verlag der Weltreligionen 2008.

[2] Die Wertschätzung zeigt sich in der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahre 2018 an den 80-Jährigen gemeinsam mit seiner Frau, der Anglistin Aleida Assmann. Die Qualität seiner Sprache würdigt der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa 2016, die welterklärende Weitsicht der Karl-Jaspers-Preis 2017. – Wenn ich im Folgenden JA oder Assmann nenne, so ist der Anteil von Andrea Kucharek mit gemeint.

[3] Andrea Kucharek arbeitet am Institut für Ägyptologie der Universität Heidelberg. Der Nachfolger Assmanns, Joachim Quack, arbeitet an der Edition von aufregenden, bisher unveröffentlichten ‚spä­ten‘ Osiris-Texten, die die römerzeitliche Götterliteratur erforscht.

[4] Florian Ebeling: Das Geheimnis des Hermes Trismegistos. Geschichte des Hermetismus. München: Beck 2005. Christoph Auffarth: Hermetik. Enzyklopädie der Neuzeit, Band 5(2007), 391-395. Vgl. Assmann 564 zu Iamblichos als Vermittler in die Religions- und Geistesgeschichte des Abendlandes.

[5] Begründung der Auswahl 573.

[6] Vgl. Christoph Auffarth: Der drohende Untergang. ”Schöpfung” in Mythos und Ritual im Alten Orient und in Griechenland am Beispiel der Odyssee und des Ezchielbuches. (RGVV 39) Berlin; New York 1991: der latente Dualismus, den die Theologien zwischen Chaos und Kosmos behaupten, trifft nicht „dieses dramatische und latent apokalyptische Weltbild“ (Assmann 564).

[7] Kenntnis solcher Königsideologie und Übertragung auf eine völlig andere Gesellschaftsordnung: Auffarth, Der drohende Untergang 1991, 524-558. Auffarth: Justice, the King and the Gods: Polytheism and Emerging Monotheism in the Ancient World. In: Reinhard G. Kratz / Hermann Spieckermann in collaboration with Björn Corzilius and Tanja Pilger (eds.): One God – One Cult – One Nation. Archaeo­logical and Biblical Perspectives. (BZAW 405) Berlin; New York 2010, 421-453.

[8] Das war in dem Almanach zur Eröffnung des Verlags der Weltreligionen, hrsg. von Hans-Joachim Simm. Frankfurt: VdWR 2007 auf 415 Seiten angekündigt worden. Vgl. Christoph Auffarth: Habermas trifft Papst Benedikt, Suhrkamp verlegt Religion. Die ersten Programme 2009 des Verlags der Weltreligi­onen. In: Zeitschrift für Religionswissenschaft 17(2009), 213-220.

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Ernst Bloch: Geist der Utopie

Ernst Bloch: Geist der Utopie.

Berlin: Suhrkamp 2018
437 Seiten
ISBN: 978-3-518-58722-5

20.-

 

Die Utopie wird kein Traum mehr sein, sondern Praxis

Kurz: Das Buch im Zorn gegen den Ersten Weltkrieg, gegen die kriegsbetrunkenen Deutschen geschrieben und 1918 veröffentlicht: Es verweist auf die not-wendige Utopie.

Ausführlich: Das Buch Geist der Utopie schrieb der Feuergeist Ernst Bloch während des Ersten Weltkriegs vom Bayerischen Voralpenland aus. Nach dem Erscheinen reist er ins Schweizer Exil. Den jüdischen Kommunisten hatte seine Zeitung zu seiner eigenen Sicherheit aus dem kriegsbegeisterten und kritikfeindlichen Deutschland weggeschickt, freilich ohne materielle Absicherung. Schweizer Freunde halfen dem Fremden und seiner kranken Frau mit monatlichen Beiträgen, die die Existenz knapp absicherten. Schreiben brachte etwas ein, aber das Leben war prekär.[1] Zornig wendet sich der Autor gegen den Militarismus der Preußen, gegen Kapitalismus gegen Industrialisierung, die aus den Arbeitenden Handlanger der Maschine macht, sie zur Nachtarbeit zwingt und die Befriedigung eines vollendeten Werkstücks vorenthält. Er weiß, dass man die Industrialisierung nicht zurückdrehen kann. Er ist nicht romantisch. Aber doch ist er überzeugt von der „heraufkommenden Welt vom neuen bäuerlicher, frommer, ritterlicher Menschen. Es ist ein „Zeitalter der Gottesferne“.

Das Buch aus sehr diversen Kapiteln hat etwas von dem expressionistischen Stil, den Blochs Ästhetik (Die Erzeugung des Ornaments 19-54) als den angesagten Stil lobt, der der Zeit angemessen sei, und der dann auch den Impressionismus der Jahrhundertwende ablöste, den empfindsamen Farbregen durch die fast brutalen Pinselstriche mit brutalen Farben, Provokation. Im Jahr des Bauhausjubiläums 1919-2019 kann man verstehen, warum Bloch mit einer Ästhetik beginnt, erst der bildenden Kunst, dann einer Philosophie der Musik (Mit einem eigenen Inhaltsverzeichnis 81-233) mit ihrem „Transzendentalen Kontrapunkt“ 221-226 und endend mit „Das Geheimnis“. Eine Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Philosophen (Bergson, Husserl, Hartmann, dann Nietzsche) unternimmt er im Kapitel Über die Gedankenatmosphäre dieser Zeit 235-338. Darin auch ein „Symbol: Die Juden“.[2] „Wenigs­tens bei den Jüngeren scheint die ausgeprägt händlerische und zugleich formalistische Neigung keinen Boden mehr anzutreffen. Man sieht hier ein Warten vor sich, das schon einmal bei diesem Volk Früchte getragen hat.“ (316) Aber „Warum haben wir uns abgewen­det?“ 319: von Jesus. Anspielung auf den ‚Gottesknecht‘ beim Jüdischen Propheten Jesaja 53. Nein, das Christentum ist nicht die Erfüllung: „Die Neuzeit ist letzthin nicht jesuanisch durchtränkt.“ 327 (vgl. den Abschnitt „Jesus“ 369-377). Und Jesus ist Prophet, nicht Vollen­dung. Die kommt vom ‚Geist‘ als dritte Person Gottes. Proklamation „für den praktischen Messianismus“ 333. Doch da stellt sich für den Kommunismus-affinen Philosophen die Frage nach Marx: Ist sein Programm der praktische Messianismus? 385-437. Das Kapitel eröffnet Bloch mit der Frage „Wie aber. Ist das nicht alles schon viel zu viel? Denn ich muß sterben. Aber vorher will ich essen und trinken, denn morgen bin ich tot.“ Weiß jede Leserin und Leser, dass das eine Antwort auf Paulus ist, der 1. Korinther 15, 32 den Gottlosen eben das vorwirft? Gegen die Selbstüberhebung des Krieges wettert Bloch zunächst. Marx wirft er vor, nur die Industriefrage behandelt zu haben, die Bauern aber und die Lebensmittel vergessen zu haben. Die Utopie ist nicht nur theoretisch möglich, sondern notwendig 434. „Aus der Natur der Sache a priori [habe ich] postuliert und demnach auch wirklich, das heißt [die Utopie ist] von utopischer, intensiver Neigung genau gegebener, essentieller Realität. Der Gedanke kann so zum Stichwort werden, mit dem sich die gottesträgerische Seele ihren Traum, den Traum der Ahnung aufschließt als welcher zuletzt die Wahrheit der ganzen Welt sein wird.“ 436.

Soweit ein paar Leitlinien des Werks. Aber: Dieses Buch in seiner Ersten Fassung wieder zu drucken ohne jede Leseanleitung, geht nicht. Bloch schrieb voraussetzungsreich, war auch für die Leser damals anstrengend. Und auch dies müsste angemerkt sein (nicht nur „Erst­fassung“ auf dem Titelblatt): Das Buch wurde erneut verlegt im Paul Cassirer Verlag, Berlin 1923. Es enthält auf der der Titelseite folgenden leeren Seite exklusiv diese Vorbemerkung:

Dieses Buch liegt hier zum zweiten Mal vor. Es wurde begonnen April 1915, beendet 1917, er­schienen 1918. Die damalige Ausgabe ist jedoch lediglich als vor­läufige Fixierung, als gedrucktes Konzept zu betrachten. Mit der hier vorliegenden neuen Ausgabe erst erscheint der „Geist der Utopie“ in endgültiger, systematischer Form. (v)

Suhrkamp hat also zum hundertsten Jahrestag die ‚vorläufige Fixierung‘ gedruckt. Ohne weitere Erklärung. Ohne die vorausgehende Diskussion mit Georg Lukacs, ohne die zeit­genössische Rezeption, ohne die Weiterarbeit zur zweiten Auflage, ohne den Zwillingsband Durch die Wüste (gewissermaßen die Anti-Utopie), ohne den weiteren Weg Blochs, ohne das Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung (3 Bände, 1954-1959), das Bloch 1938 bis 1947 im amerikani­schen Exil schrieb und das mit dem Geist der Utopie begann. Der Streit um den Messias, den Bloch mit Gerhard/Gershom Scholem austrägt. Und die praktische Utopie der Deutschen Demokratischen Republik, die Bloch verbot, so dass er ausreisen durfte.

Bei aller Suhrkamp Purizität: Das geht nicht.

 

 Bremen/Much, 1. Juni 2019

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen
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[1] Ich habe mir besorgt und fand informativ Peter Zudeick: Der Hintern des Teufels. Ernst Bloch – Leben und Werk. Moos; Baden-Baden: Elster 1985, zum Geist der Utopie 39-98.

[2] Man müsste den Abschnitt lesen im Zusammenhang mit der jüdischen Selbstkritik bei Walter Rathenau Von kommenden Dingen 1917 und dem Stern der Erlösung von Franz Rosenzweig 1921. In der zweiten Auflage gibt es diesen Abschnitt nicht mehr.

 

 

 

 

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Die Geburt der mediterranen Welt

Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt. Von den Anfängen bis zum klassischen Zeitalter.


München: Beck 2018. Aus dem Englischen von Klaus Binder und Bernd Leineweber.
951 Seiten, 32 nicht gezählte Seiten: Illustrationen, Karten.

ISBN 978-3-406-71369-9.  € 44.00

Die Entstehung der Mittelmeerwelt

 

Kurz: Von Eiszeiten, Warmzeiten, bis vom Meer nur noch Pfützen übrig blieben, von Menschen, die in dieser riskanten Landschaft rings ums Meer ihr Leben meisterten, als Nomaden („Vorratshaltung auf vier Beinen“), als Bauern Getreide züchteten, in Städte zusammenzogen, das Risiko wagten, übers Meer zu segeln, Handel zu treiben, Paläste bauten: aus der Tiefe der Zeit bis zu den Großreichen Ägypten und Meso­pota­mien und den „tausend Blumen“ der Entwicklungsmöglichkeiten, „aus der Tiefe der Zeit“, bis zu der dichten, dynamischen und herausfordernden, hier kargen, dort üppigen Diversität der Mittelmeerwelt der klassischen Zeit. Ein Archäologe malt ein überaus detail­reiches, spannendes Gemälde der Vor- und Frühgeschichte bis etwa 500 v.Chr.

Ausführlich: Die Mittelmeerwelt ist ein außerordentlich vielfältiger und reicher Kosmos. Das Meer ist keine Grenze oder unüberwindliche Trennung, sondern die Menschen haben es gelernt, dieses Meer als ihr Verbindungsmittel zu nutzen. Die Flüchtlinge vor Kriegen, Klimaveränderung, Ausbeutung ihrer besten Ressourcen wagen sich auf diesen ‚flüssigen Kontinent‘ und erleben seine schnellen Wetterwechsel.[1] Aber die Besonderheit des Mittel­meeres ist nicht immer so gewesen, sondern geworden und mensch­liches Handeln (the making of) [2] spielt dabei eine wichtige Rolle.[3] Das ist das Thema dieses Buches von Cyprian Broodbank.[4] Also nicht nur die Besonder­heit der klimati­schen Verhältnisse und die Umwelt, sondern vor allem, wie Menschen sich in dieser ebenso chancenreichen wie riskanten Umge­bung ihre Lebenswelt aufbauten und welche Rolle das Meer, die Meisterung des Meeres durch Fischfang und Suche nach neuen Lebensmöglich­keiten spielte. Oder warum es an seiner Südküste in Nordafrika so wenig Bäume und Vegetation gibt, während an seiner Nordküste reiche Vegetation wächst.

Die beiden älteren Klassiker begrenzten ihre Fragestellung: (1) Fernand Braudel (1902-1985) rekon­stru­ierte von Philipps II. Regierung im 16.Jh. ausgehend (dem Kaiser der beiden Spani­en, auf der iberi­schen Halbinsel und Neuspaniens in Lateinamerika und Kaiser des Deut­schen Reiches), die Vergangenheiten in drei Ebenen: Ereignisse an der Oberfläche wie Schlachten, Heiraten und Verträge, Konjunkturen auf der mitt­leren Ebene wie Mittelmeer­handel und sehr lang­same und tiefgreifende Veränderungen (longue durée), etwa wie Flüsse und Bergpässe Handelsrou­ten leiten.[5] (2) Die ‚romantische“ Idee von der „Einheit der  Mittel­meerwelt“,[6] die Braudel etwa an der Grenze definierte, wo Ölbäume wachsen, wohl auch die koloniale Idee vom Frankreich, das das Meer übergreift und weit nach Afrika aus­greift.[7] Diese ‚Einheit‘ stellen Horden & Purcell in Frage und beschreiben als das Besondere die drei Kriterien: Frag­mentierung – Risiko/Chance – Kon­nek­tivi­tät. Ihrer Beschrei­bung des Mittelmeeres fehle jedoch die genaue Tiefe, so CB, lobt aber ihre Charakterisierung der Frag­mente und wie die Menschen damit umgehen, das Risiko suchen und so wieder Verbindun­gen schaffen. Ihre Darstellung geht bis zur Moderne; das islamische Mittelmeer ist ein Teil ihrer Beschreibung. Die ist bei CB nicht mehr berück­sich­tigt. So bleibt dieser zweite Klassiker ein Meisterwerk, das man neben diesem neuen Klassiker von Broodbank lesen muss. Das Mittelmeer, das Horden & Purcell beschreiben, gibt es seit etwa 5000 Jahren. Broodbank beginnt hingegen tief in der Erd­geschichte und zeichnet ein Panorama der Klimage­schich­te von den Urmeeren (Thetys) bis vor die Klassische Zeit Griechen­land, die Seeschlacht von Salamis 480 vChr. Das ist außerordentlich interes­sant, wenn wir vom Klimawandel sprechen, mit CB weit in die Klimageschichte hinabzu­steigen. Welche massiven Verän­de­rungen von den Eiszeiten bis in die Antike haben diese ‚Mitt­lere See‘ und ihre Küsten durch­gemacht! Karten der Küsten­linien, die sensationelle Karte vom Mittelmeer als Salzwüste mit ein paar Wasserpfützen in der ‚Messinischen Salini­tätskrise‘ (S. 105: vor etwa 5,9 Mio Jahren) und die Rückkehr des Wasserschwalls allein aus der Enge von Gibral­tar, viel später dann entstand das Schwarze Meer. Die Eiskerne der Arktis und die Bohrkerne in die Erdschichten bilden das Archiv und Gerüst für die Rekonstrukti­on der eiskalten wie der war­men Zeiten der Großregion, in die dann die Surveys,[8] Ausgra­bungen und Unter­wasser-Sondierungen eingeordnet werden können.[9]

Nach dem einleitenden Kapitel zu Vorgängern und Methoden der Forschung (17-65) begibt sich CB zu den Anregenden Orten (67-104), wo sich aus dem Urmeer Tethys das Mittlere Meer bildete, indem sich die afrikanische Platte unter die eurasische schiebt: an den Rändern ständig Erdbeben und Vulkane. Die Inseln als Gipfel von aufgefalteten Hochgebirgen von 4500 m Tiefe hinauf zu bald 3000 m der kretischen Berge übertreffen an Höhe die Alpen­gipfel. Für die Südküste ‚Nordafrika‘ gibt es eine auffällige Überlieferunglücke (45). Aber Nordafrika entwickelt sich völlig anders als der Osten (die ‚Levante‘) und die vielen Land­schafen der Nordküste. Dort gibt es nie ein höher gewachsenes Pflanzenkleid von Bäumen. Der Rückzug des Monsuns (‚Regenzeit‘) nach Süden macht aus der lebensreichen Sahara eine Wüste und die Sahelzone südlich davon folgt gerade. Felsbilder dokumentieren noch den Lebensreichtum. Kapitel 3 Das Meer, das zwei Menschenarten schuf (143-185) beginnt mit der Trennung der Menschenarten: Längere Zeit leben Homo sapiens und Neandertaler neben­einander. – Kapitel 5 Schöne neue Welten (187-259: für die Zeit 10 000 – 5 500) beginnt mit der Insel Zypern, die zuvor unbesiedelt war: Für die mindestens 70 km Entfernung vom türki­schen Festland braucht es Schiffe. Das Meer wird zum Meer der Mitte, bildet nicht mehr eine Barriere. Da geschieht die ‚Kernexplosion‘, die Hotspots für den ersten Ackerbau und die Domestizierung von Tieren: Man ist nicht mehr auf den zufälligen Überschuss angewiesen, den die wenigen kleinen Körner des Getreides vielleicht für das nächste Jahr abwerfen. Man kann Vorräte anlegen, sicher das Saatgut für das nächste Jahr, dann auch für Handwer­ker und Jäger das Getreide, die nicht selbst für ihre Lebensmittel sorgen können.

Das Buch schenkt einem einen langen Leseweg mit vielen anschaulichen Abbildungen. Lang muss er sein, um die vielen besonderen Entwicklungen und Nicht-Entwicklungen nebenein­ander skizzieren zu können. Nie hält sich CB an einem Ort länger auf, aber die Skizzen sind kenntnisreich und bieten immer das Beispiel für die Unterstützung oder Differenz zum Argument einer bestimmten Entwicklung.

Das ‚lange‘[10] dritte Jahrtausend bildet einen zentralen Entwicklungsschub (Kapitel 7, 327-446): Zwischen Teufel und blauem Meer. Meisterhaft erzählt, stellt CB den Anfang mit zwei Männern: Den bei der Alpenüberquerung erschöpft gestorbenen Ötzi und den ersten ägyp­tischen Pharaonen: Die ersten Großreiche entstehen entlang den Flussoasen im regenarmen Ägypten und Mesopotamien mit ihren Zentral­admini­strationen und wechselseitigen Über­höhungen von Herrschaft und Götterwelt. Und gleichzeitig, aber nicht abhängig davon, die Entwicklung mediterraner Gemeinschaften um maritime Handelsfamilien herum. Wieder verwirft CB die Vorstellung einer Entwicklung, die auf geradem Wege auf die (beispiels­weise) minoische Kultur auf Kreta zusteuert, sondern betont die Vielfalt der Entwicklungen und sein Horizont ist nicht begrenzt auf einen vorgeblichen ‚Sonderfall Ägäis‘ (414). Gerade in den iberischen und italienischen Ausgrabungen lese ich vieles, was ich aus anderen Dar­stellungen nicht kannte (wie ich überhaupt beim Studium des Buches ein ganzes Heft an Notizen sammelte). Der Abschnitt ‚Zivilisierende Prozesse‘ beschreibt, wie sich allmäh­lich Regeln des Ineinandergreifens von individuellen Handlungen zum Vorteil für das ge­mein­schaftliche Leben in Großgesellschaften herausbilden und zu Gewohnheiten werden.

Kapitel 8 (447-575) Prunk und Pomp 2200 – 1300 v.Chr. Das Jahrtausend der Bronzezeit gilt als der Höhepunkt der mittelmeerischen Kulturen mit Ägyptens Mittlerem Reich, den Palast­kulturen von Avaris im Nildelta (501-512), Ebla (ebenso knapp wie informativ hervorgeho­ben und die aussagekräftige Luftaufnahme Tafel xxv), Ugarit, Hattuša, den kretischen Paläs­ten, San­to­rin (mit dem Stand der Diskussion zum Ausbruch des Vulkans und dessen Aus­wir­kun­gen 483f), Mykene, das Schiff, das mit seiner vielfältigen 15 000-teiligen Fracht vor Uluburun gesunken ist (523-528). Palast definiert CB nicht als Königspalast, sondern auch die Möglichkeit, dass eine Elite ein gemeinschaftliches Zentrum für ihre religiösen und öko­nomische Aktivitäten bündelte in einer Prestigearchitektur und Spezialisten für Luxus­produkte (palast-städtisches Wirtschaften 461f). Mit der Bemerkung von Braudel sich ausein­andersetzend, das könnte nur das allerdünnste Blattgold sein, verweist er auf die ländlichen  Gemeinschaften, die nicht primitiv und unterentwickelt erscheinen (besonders in Israel inten­siv erforscht).

Kapitel 9 wird das sein, an dem sich die meiste Kritik entzünden wird: der Untergang der Palast­kulturen der Bronzezeit und das, was lange als die Dark Ages oder ‚dunklen Jahrhun­derte‘ genannt wurde, weil zwischen 1200 und 800 wenig archäologische Zeugnisse und keine Schrift vorlag. Das hat sich ganz erheblich verändert, aber das Bild ist nicht einfach zu deuten. Schon in der Wahl der Epoche von 1300 – 800 macht CB deutlich, dass er schon im letzten Jahrhundert der Palastzeit die Veränderungen erkennt, die die Zeit nach den Palästen bestimmen wird: Die Vorteile des Eisens gegenüber der Bronze, der ‚weniger risikoscheue Handel‘, die von viel mehr Verbrauchern nachgefragte Handelsware unterhalb des modi­­schen Luxussegments. Die Vogelperspektive ist wertvoll, wird aber nicht immer dem Detail gerecht. Die Darstellung eines Pharaos, der mit Pfeilen auf einen Kupferbarren schießt, hat eine ganz andere Bedeutung, als einen frustrierten Monarchen, der so vermeint­liche Feinde erledigt (613). Vielmehr erweist der alternde Monarch seinem Volk zum dreißig­jähri­gen Thronjubiläum, dass er noch über seine Stärke verfügt; das Motiv ist in der Odyssee auf­genommen mit dem Schuss des Odysseus durch 12 Beile, als er nach zwanzig Jahren in sein Haus zurückkehrt.[11] Unscharf ist auch, was CB über den Aufstieg Jhwhs in Israel behaup­tet.[12]

Fazit: Ein phantastisches Buch, das die Geschichte einer ganz besonderen Region plastisch vor Augen führt durch gut aufbereitete Photos und Zeichnungen, vor allem aber einem glänzend argumentierenden Text: Wie hat der auch von Menschen gemachte Klimawandel die Region verändert und wie antworten wieder die Menschen und Tiere darauf? An vielen Stellen verschieden, aber auch voneinander lernend, vor allem seit das Meer nicht mehr Barriere, sondern mutige Seefahrer – allen Tücken der Stürme zum Trotz – Verbindungen übers Meer möglich machten. Die Übersetzung wagt mutig die Zielsprache Deutsch[13] und trifft sicher die Schreibweisen der vielen Namen. Das Buch ist einerseits ein Handbuch und Führer durch all die vielen lokalen Ausgrabungen und CB führt sie zusammen zu einer Global-Geschichte ‚aus der Tiefe der Zeit‘ bis in die Klassische Zeit. Dabei sind die Ausgra­bungen auf der Iberi­schen Halbinsel, die sehr kargen Befunde aus Nordafrika die Vervoll­ständigung des Bildes, das vielfach durch die Forschungen über Ägypten, Mesopotamien, Israel und die Ägäis geprägt ist: Einerseits Ein­zig­artigkeit, andererseits Gegensätzlichkeit, jedenfalls Vielfalt. Erst durch ein vollständiges Bild kann man den Sonderfall erkennen und bewerten. im letzten (10.) Kapitel beschreibt CB, wie das Mittelmeer interaktiv zusammen­wuchs, so dass man von da an von einem kulturellen Ganzen sprechen kann (776). Die lange Reise durch den Raum rund um das und mitten im Mittelmeer ist lohnend, überraschend oft, wunderbare Plätze, in brütender Hitze und erfrischendem Sprung ins Wasser. Geführt wird man von einem, der sich in der ganzen Region auskennt, in den Bibliotheken mit den Ausgrabungsberichten und offenbar auch die Orte besucht und die Ausgräber gesprochen hat. Kauf Dir das Buch und reise an die schönsten Orte!

  1. Juni 2019Christoph Auffarth

    Religionswissenschaft
    Universität Bremen………………………………………………………………………………………………………………………….

[1] Unter diesem Titel (the liquid continent) ist angekündigt die Fortsetzung des grandiosen Buches von Peregrine Horden; Nicholas Purcell: The corrupting sea. Oxford: Blackwells 2000. Siehe meine Forsch­ungs­berichte (1) [Mittelmeerforschung in der] Religionswissenschaft, in: Mahram Dabag; Dieter Haller; Nikolas Jaspert; Achim Lichtenberger (Hrsg.): Handbuch der Mediterranistik. Systematische Mittelmeer­forschung und diszi­plinäre Zugänge. (Mittelmeerstudien 8) München: Fink 2015, 417-430.
(2) Das Mittel­meer als handelnde Person der Geschichte: Wie die klimatisch-geographische Lebens­welt Menschen und Religionen prägt. [Rezensionsaufsatz zu] Richard Faber; Achim Lichtenberger (Hrsg.): Ein pluri­verses Universum. Zivili­sationen und Religionen im antiken Mittelmeerraum. (Mittelmeer­studien 7) München: Fink; Paderborn: Schöningh 2015, in Zeitschrift für Religionswissenschaft 24 (2016), 213-220.

[2] Der Originaltitel von Cyprian Broodbank lautet The making of the Middle Sea. A history of the Medi­terranean from the beginning to the emergence of the classical world. London: Thames & Hudson = Oxford: Oxford University Press 2013. Die englische Ausgabe ist noch opulenter ausgestattet, so enthält Kapitel 10 beispielsweise 30 Abbildungen, währen die Originalausgabe 48 hat.

[3] Zur Metapher „Geburt“, die im deutschen Titel verwendet wird, s. Auffarth, Geburten und Geschwi­s­ter: Peter Schäfer: Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums 2010. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2010/08/19/die-geburt-des-judentums-aus-dem-geist-des-christentums-von-peter-schafer/#comment-79 (19.8.2010).

[4] Im Folgenden abgekürzt mit den Initialen CB. CB, geboren 1964, ist seit 2014 Professor für Archäo­logie in Cambridge, vorher in London. Hochgelobt und ausgezeichnet sein erstes Buch An island archaeology of the early Cyclades. Cambridge: Cambridge University Press 2000.

[5] Braudel: La mediterranée et le monde méditeranéen à l’epoque de Philippe II. Paris 1949 (Nachdem Braudel in Algerien gelebt hatte, schrieb er, so heißt es, das Buch in Kriegsgefangenschaft in Lübeck. Die drei Bände erschienen 1949, eine deutsche Übersetzung erst bei Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990. 

[6] „Romantisch“ CB 21.

[7] Manuel Borutta: Braudel in Algier. Die kolonialen Wurzeln der „Méditerranée“ und der „spatial turn“. In: Historische Zeitschrift 303 (2016), 1-38.

[8] Surveys sind eine Methode der Untersuchung, bei der im Abstand von einigen Metern Archäologen mit geübtem Auge mehrere Quadrat-Kilometer durchstreifen und Scherben, Spuren von Siedlungen suchen, die dann genauer untersucht werden. Unbebaute Regionen werden aber immer seltener (S. 40). 

[9] Vernichtende Kritik an dem (auch unter Archäologen umstrittenen) Colin Renfrew, der anhand zu weniger Kriterien umfassende Annahmen über Emergence of civilization behauptete (S. 28). CB forscht an der gleichen Region, den Kykladen. Sonst im Buch hält sich CB eher mit Kritik zurück.

[10] Die Zeit von 4500-2500 v.Chr., also eigentlich zwei Jahrtausende. In der Geschichtswissenschaft ist es üblich geworden, Epochen in Jahrhunderte zu untergliedern, die aber nicht mit den hundert Jahren genau enden. So beginnt das ‚lange‘ 19. Jahrhundert mit der Französischen Revolution 1789 und endet mit dem Ersten Weltkrieg 1914/18. Das ‚kurze‘ 20. Jahrhundert 1914 bis zum Ende des Kommunismus 1989.

[11] Christoph Auffarth: Der drohende Untergang. (RGVV 39) Berlin: De Gruyter 1991, 502-523, einen Aufsatz von Walter Burkert weiterführend.

[12] Zur Joschianischen Kultreform Ende des 7. Jahrhunderts s. Michael Pietsch 2013. Das babylonische Exil, ein grundlegendes Datum für Israels Geschichte, fehlt. Die deutsch­sprachige Forschung ist unterrepräsentiert.

[13] Beispiel: The later nickname tubs (514) – übersetzt: mit ihrem Spitznamen ‚Pötte‘ genannt (674). In dem umfangreichen Buch fand ich kaum einen Fehler, keinen nennenswerten. In der Bibliographie folgt man dem amerikanischen System, van Dommelen (u.a.) unter V, statt europäisch unter D einzu­ordnen. Ein hervorragendes Lektorat und Übersetzerteam Klaus Binder und Bernd Leineweber. Zur Bindung: Stabiler Festeinband, keine Fadenheftung. Das ist nicht zu ersetzen. Aber: Das Buch ist auch nach dem gründlichen Durcharbeiten nicht zerlesen. Also gute Qualität.

 

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Die Geburtskirche in Bethlehem

Bianca Kühnel und Gustav Kühnel:
Die Geburtskirche in Bethlehem. Die kreuzfahrerzeitliche Auskleidung einer frühchristlichen Basilika.

Mit einer neuen Edition der Mosaikinschriften von Erich Lamberz.
Deutsch von Andreas Fliedner.

Regensburg: Schnell + Steiner, 2019.
39,95 €. ISBN 978-3-7954-3332-1

Die Geburtskirche in Bethlehem als Ziel der Kreuzfahrer

 

Kurz: Wunderbar ausgestattet mit farbigen Bildern erklärt Gustav Kühnel, wie die Kreuz­fahrer Mitte des 12. Jahrhunderts die alte Kirche der Geburt Christi neu ausstatteten.

Ausführlich: Die beiden Kunsthistoriker Bianca Kühnel[1] und der 2009 verstorbene Gustav Kühnel[2] haben ihr Leben lang die Kunstgeschichte Palästinas in der Kreuzfahrerzeit (also 1099-1292) erforscht und die grundlegenden Handbücher dazu geschrieben. Die Geburts­kirche in Bethlehem war – neben der Grabeskirche in Jerusalem – der wichtigste ‚Heilige Ort‘, deretwegen die Pilger die lebensgefährliche Reise ins ‚Heilige Land‘ unternahmen.[3] Seit Mitte des 11. Jahrhunderts betrieben die Päpste, um sich von der Abhängigkeit vom Deut­schen Kaiser zu befreien, eigene Pläne, das ‚Heilige Land‘ „zurück“ zu erobern, das die Muslime sich zu Unrecht angeeignet hätten: die Kreuzzüge. Die lateinischen Christen trafen in Konstantinopel auf eine hoch entwickelte Kultur und in Syrien-Palästina auf Orthodoxe Christen, auf Muslime, auf Juden und erlebten zunächst einen Kulturschock. Schon der Kaplan des Königs von Jerusalem, Fulcher von Chartres kann aber nach einer Generation schreiben (3,37):

“Denn wir, die wir Abendländer waren, sind nun Orientalen geworden. Einer, der Römer oder ein Franke war, wurde in diesem Land zu einem Galiläer oder Palästi­nenser. Einer, der aus Reims oder Chartres stammte, ist nun ein Bürger von Tyrus oder Antiochien geworden. Wir haben unseren Geburtsort bereits vergessen; schon kennen ihn viele von uns nicht mehr oder er wird nicht mehr erwähnt.”

Sie seien also nun selbst Orientalen geworden und kennen das neue Land besser als das, welches sie verlassen hatten. Die Kreuzfahrer sind nun heimisch geworden. Dazu gehört auch, dass sie neue Kirche bauen, vor allem aber vorhandene Kirchen in Besitz nehmen, indem sie sie bemalen, neu ausstatten lassen.[4] Die Grabeskirche in Jerusalem und die Geburtskirche in Bethlehem sind Bauprojekte von Konstantin dem Großen, Anfang des 4. Jahrhunderts, nachdem seine Mutter Helena dorthin gepilgert war. Die Geburtskirche ließ Kaiser Konstantin über einer Grotte errichten, in die die Hirten bei Nacht die Schafe trieben (der ‚Stall‘ von Bethlehem). Den Altarabschluss in drei Konchen[5] fügte Iustinian hinzu. Die Geburts­kirche ist auch des­halb bemerkenswert, weil sie auch von den Muslimen als Gebetsort ver­wen­det wurde.[6] Sie wählten die Süd-Konche der Apsis als Gebetsrichtung (Mihrab) gen Mekka. Die Muslime verehren ja den Propheten Jesus (Isa) und seine Mutter Maria (Mery­am), die ihn ohne Zutun eines Mannes zur Welt brachte.[7] Als gemeinsames Heiligtum von Muslimen und Christen überlebte es die Zerstörungswut des radikalen Kalifen El-Hakim:[8] “Thus the church is the only pre-Muslim church building to have survived intact in Palestine up to the present day.”[9]

GK hat Jahrzehnte sich um die Geburtskirche gekümmert, unter schwierigsten Bedingungen, bevor sie zu Weltkulturerbe erhoben und dann Gelder flossen zur Restauration. Einen Ver­gleich vor und nach der Restaurierung zeigt Abb. 57 (S. 143).  Davon zeugen nun die hervor­ragenden Aufnahmen der Mosaiken. Und die Forschungen GKs krönt nun dieser Band als ein Schlussstein, der ein Gelehrtenleben vollendet. Die Inschriften, die die regierenden Könige und Bischöfe sowie den Künstler nennen, hat GK von befreundeten Spezialisten bearbeiten lassen (19-29. Erich Lamberz im Anhang 159-180; für die verlorenen Teile hilft eine detaillierte Beschreibung von Francisco Quaresmius 1639). Die Ausstattung wurde demnach in einer Zeit vorgenommen, als die Könige von Jerusalem ein gutes Auskommen mit den Kaisern von Konstantinopel pflegten, 1168/69 ist als Datum angegeben. Der Künst­ler arbeitete in enger Anlehnung an die lokale byzantinische Formensprache und Ikono­graphie. Die mittlere Konche, die beim Eintreten sofort die Blicke auf sich zieht, zeigt Maria als Platytera, zwischen Abraham und David, dargestellt. Die Südkonche stellt die Geburt Christi dar, die Nordkonche vielleicht, da sie nicht erhalten ist, die Auferstehung. Über der Ein­gangs­tür ist die Wurzel Jesse dargestellt. Wie GK erkannt hat, wird in den Herkunfts­ländern der Kreuzfahrer um diese Zeit gerade die Herkunft eines Adelsgeschlechts in Form eines agnatischen Baumes dargestellt. Hier also die Herkunft Jesu aus den Patriarchen des Heili­gen Landes. Sie kann mit Jesse/Isai, dem Vater König Davids einsetzen, hier aber mit Abraham. Das Grab der Patriarchen und Matriarchen Abraham und Sarah, Isaak und Rebek­ka, Jakob und Rahel befinden sich in einem ebenfalls spätantiken burgartigen Gebäude im rund 30 km entfernten Hebron. Die Darstellung zieht sich an der linken Seite bis zu Maria und Jesus. Sie entspricht etwa dem Stammbaum im Matthäusevangelium, der die jüdische Herkunft Jesu betont, während Lukas sie sogar bis Adam führt, also einen uni­versellen Anspruch vertritt, während hier die Verwurzelung im Heiligen Land hervorgeho­ben ist. Die Ahnen Jesu und, auf den Säulen dargestellt, 29 Heilige der Kirche wenden sich den Eintre­ten­den zu, während die Engel auf der anderen Seite sich ihrem Herrn am Altar zuwenden. Unter den Heiligen (144-152) sind spezifische westliche, wie die skandinavischen Knut und Olav oder der Hl. Leonhard. Jakobus, der Jünger Jesu und Ziel der spanischen Sant­­iago [Sant‘ Iago]-Pilgerfahrt, die Hl. Fusca aus Venedig. Cataldus ist ein typischer Heili­ger der süditalienischen Normannen, deren König Boemund und Tankred Führer im ersten Kreuzzug war. Daneben sind auch viele Mönchsheilige darge­stellt, die als Gruppen oder Einsiedler in der Gegend von Bethlehem lebten, der berühmteste unter ihnen ist Hierony­mus, der Übersetzer der Bibel ins Lateinische.[10] In der Bildzone darüber sind Konzilien dargestellt, die ökumenischen und die regionalen, je in einer Archi­tektur als Rahmen rund um einen Altar oder Lektionar mit aufgeschlagenem Buch, das Gemmenkreuz – ein seltenes Motiv.[11] – Die Ausstattung des Buches durch den Verlag[12] macht es zu einem Abglanz des Heiligen, das auf die Pilger der Kreuzfahrerzeit wirkte:[13] Feierlicher Einzug, die Liturgie,[14] in der die Heiligen und die Patriarchen des Landes mit beten und knien vor dem Baby, das die Gottesmutter gerade zur Welt gebracht hat und dessen Lehre die universale, in den Konzilien verkörper­ten Kirche begründet hat. Das alles wird in den herrlichen Fotos, den Grund- und Aufrissen gezeigt, aber vor allem durch den (Aufmerk­sam­keit erfordernden) wissenschaftlichen Text gründlich erklärt und von dem besten Kenner der Kunstgeschichte der Zeit in den historischen und lokalen Kontext eingebettet.

Bremen/Much 19. Mai 2019                                                                       Christoph Auffarth

 Religionswissenschaft, Universität Bremen

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[1] Bianca Kühnel, die 2019 75 Jahre alt wird, ist Professorin für Kunstgeschichte an der Hebrew University in Jerusalem. Unter ihren Publikationen: (Hrsg.) gemeinsam mit Galit Noga-Banai and Hanna Vorholt:  Visual constructs of Jerusalem. (Cultural encounters in Late Antiquity and the Middle Ages 18) Turnhout: Brepols 2014. Ihre Hauptwerke: Crusader art of the twelfth century: A geographical, an historical, or an art historical notion? Berlin: Mann 1994. – The end of time in the order of things. Science and eschatology in early Medieval art. Regensburg: Schnell+Steiner 2003. From the earthly to the heavenly Jerusalem. Representations of the Holy City in Christian art of the first millennium. (Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte: Supplementheft 42) Rom: Herder 1987.

[2] Gustav Kühnel war am Institut für Kunstgeschichte in Tel Aviv tätig. Er ist 2009 gestorben. Eine Bibliographie seiner Aufsätze (teils auch im Netz zugänglich) findet sich http://opac.regesta-imperii.de/lang_en/autoren.php?name=K%C3%BChnel%2C+Gustav Sein Hauptwerk ist Wall painting in the Latin kingdom of Jerusalem. Berlin: Mann 1988. Im Folgenden verwende ich der Kürze halber seine Initialen GK.

[3] Dazu etwa Christoph Auffarth: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem, Fegefeuer aus religionswissenschaftlicher Sicht. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2002. Pilgerziele 117-119.

[4] Der vollständige Katalog von Denys Pringle: The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. A corpus. Band 1 (1993): A-K; Band 2 (1998): L-Z; Band 3: Jerusalem 2007. Band 4: The cities of Acre and Tyre. Cambridge: CUP 2009. Zur Geburtskirche in Bethlehem: Band 1(1993), 137-157.

[5] Als Konche Griechisch κόγχη  ‚Muschel‘ bezeichnen die Kunsthistoriker die Apsis ἀψίς, das ‚Halb­rund‘ hinter dem Altar, das oben viertel-kugelförmig abschließt.

[6] Zu gemeinsamen Gebetsorten von Christen und Muslimen in Ägypten, Palästina, Syrien: Carsten Colpe: Das samaritanische Pinehas-Grab in Awerta und die Beziehungen zwischen Hadir- und Georgs-Legende.  in: C.C.: Das Siegel der Propheten. Berlin: Institut Kirche und Judentum 1989, 182-226. Christiane M. Thomsen: Burchards Bericht über den Orient. Reise­erfahrungen eines staufischen Gesandten im Reich Saladins 1175/1176. Berlin: De Gruyter 2018, 168-193. Meine Rezension in: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/08/03/burchard-ueber-den-orient/ (3.8.2018). – Die Tempel­ritter erlaubten Muslimen, auf dem Tempelberg in einem Raum der ehemaligen Al-aksa-Moschee zu beten, wie Usama ibn Munqid erinnert. Zur zeitweiligen, aber seltenen Toleranz auch christlicher Herrscher, v.a. die Jerusalemer Königin Melisende und ihre Unterstützung aller in Jerusalem vertretenen christlichen Konfessionen, besonders auch der Flüchtlinge, die nach dem Fall von Edessa nach Jerusalem flüchteten, s. Katalog Museum New York Metropolitan 2016/17: Barbara Drake Boehm; Melanie Holcomb (eds.): Jerusalem 1000-1400. Every People Under Heaven.  New York 2016, 230f.

[7] Koran, Sure 3, 45-47 und 4, 171.

[8] 1009 ließ El-Hakim die Grabeskirche zerstören. Dazu Thomas Pratsch (Hrsg.): Konflikt und Bewälti­gung. Die Zerstörung der Grabeskirche zu Jerusalem im Jahre 1009. (Millennium Studien 32) Berlin: de Gruyter 2011. Josef van Ess: Chiliastische Erwartungen und die Versuchung der Göttlichkeit: Der Kalif al-Ḥākim 386 – 411 H. Heidelberg: Winter 1977.

[9] Pringle, Churches 1(1993), 138.

[10] Die lateinische Bibel auf Deutsch übersetzt: Vulgata 5. Berlin: de Gruyter 2018. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/03/12/the-eucharist-its-origins-and-contexts/ (12.3.2019)

[11] Die Bezeichnung ‚anikonisch‘ für diese Darstellung folgt nicht dem üblichen Begriff.

[12] Fester Einband, Fadenheftung, farbige Abbildungen, übersichtliches lay-out, Index. Deutsche und englische Parallel-Ausgabe. Noble Ausstattung!

[13] Wiederholt habe ich das Element der Pilgerfahrt hervorgehoben, das parallel und geschützt von den Militärs auf dem Weg ist, aber unterschiedliche Ziele verfolgt (also nicht „die bewaffnete Wallfahrt“): Die Militärs wollen Burgen bauen und den Pilgerweg schützen, die Pilger wollen zu den heiligen Stätten, danach aber wieder nach Hause zurückkehren.

[14] Die Liturgie in Bethlehem ist – anders als die der Grabeskirche in Jerusalem – nicht rekonstruiert (157 mit Anm. 229), abgesehen von dem Hinweis darauf, dass sie Krönungskirche der Könige des Königreiches Jerusalem war (Hans Eberhard Mayer: Das Pontikale von Tyrus. In: Dumbarton Oaks Papers 21(1967), 141-232, hier 150f).

 

 

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Wunder der Apostel

Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen.
Band 2: Die Wunder der Apostel.

Hrsg. von Ruben Zimmermann in Zusammenarbeit mit István Czachesz; Bernd Kollmann, Susanne Luther, Annette Merz, Tobias Nicklas.

(Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen 1)
Gütersloh: Gütersloher Verlags-Haus 2017.

[XV, 1157 S., Ill., graph. Darst.]
ISBN 3-978-579-08121-2.

Antike Erzählungen von Wundern, die die Apostel gewirkt hätten

Zusammenfassend: „Die Wunder der Apostel“ setzen den ersten Band über die Wunder Jesu fort. Einige der Neutestamentler betreten erstmals das Gebiet, das nicht nur philologisches Können verlangt, sondern komplexe religionsgeschichtliche Veränderungen durchlaufen hat. Dennoch ein großes Handbuch, das das Interesse auch an der Spätantike und an Wundererzählungen befördern wird.

Im Einzelnen:
Ruben Zimmermann[1] hat gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen zum dritten Mal ein Kompendium organisiert und herausgegeben, als Hand­buch nach dem Kompendium der Gleichnisse Jesu,[2] die Wunder Jesu[3] und nun die Wunder der Apostel. Dabei ist das Corpus der Texte gegenüber dem neutestamentlichen Kanon (dort im Wesent­lichen die Apostelgeschichte, die ungefähr nur ein Fünftel des Handbuchs einnimmt) enorm erweitert um die sog. Apo­kry­phen, und darunter den Acta Apostolorum im Einzelnen die Acta Johan­nis, Acta Petri, Acta Andreae, Acta Pauli et Theclae etc.[4] Die Abgrenzung nach Wundern der Apostel von Wundern von Märtyrer u.a. wäre schwierig zu ziehen. Wunder gehören zu den in Antike und Mittelalter von heiligen Menschen erwarteten Autorisierun­gen ihrer Heilig­keit, enthalten aber als literarische Form der Wundererzählung Elemente des Zweifels, der Kritik, manchmal auch Selbstkritik/Ironie und vor allem Adynata oder Paradoxa.[5] Durch den Heiligsprechungsprozess in der katholischen Kirche müssen für Menschen, die ‚heilig‘ gesprochen werden sollen, mindestens zwei Wunder als Tatsache bewiesen werden, die contra natura geschehen seien, also nach menschlichem Ermessen (untersucht nach medizinischem und naturwissenschaftlichem Wissen) die Naturgesetze außer Kraft setzen.[6] Das ist die eine Ebene, auf der bis in die Gegenwart die Faktizität von Wundern (in diesem sehr einge­schränk­ten Begriff) diskutiert werden – und dafür die erzählten Wunder als historische Grundlage benötigt werden. Eine zweite Ebene betrifft die Wahrnehmung individueller Wundererfah­rung, die die Heilung auch nach einer Operation oder Chemotherapie als ‚Wunder für mich‘ begreift. RZ wendet sich etwas vorschnell der dritten Ebene der Wunder­erzählung zu. Diese kultur­­­wissenschaftliche Begrenzung mit dem linguistic turn[7] ist für ihn wissenschaftlich das Analysierbare. Die vorgestellten Wunder-Erzählungen umfassen Texte aus einem Zeitraum vom 1. bis zum 5. Jahrhun­dert.

Als Einleitungen zu Gesamtband erläutert RZ zunächst eine Hinführung die Themenstel­lung: Von den Jesuswundern zu den Apostelwundern. Besonders die Frage der exousía ἐξουσία, der von Gott her übertragene Kraft zum Wundertun ist im Evangelium noch ganz begrenzt, mit Jesu Tod aber als Beglaubigung der Wahrheit des Evangeliums erforderlich gedacht.[8] Die Wunder der Apostel jetzt aber in den Apostelakten zu untersuchen, ist für viele Beiträger ein weit­gehend neues Terrain (14). In der Einleitung begründet RZ das Unternehmen damit, dass die Behand­lung der Texte nicht nach ihrer Glaubwürdigkeit ausgewählt oder verwor­fen werden können, die Phantastischen Tatsachenberichte seien mehr Phantastik als Tatsachen (32). Ob sie eine eigene literarische Gattung bilden, sei umstritten, dazu klaffen die Texte zu weit auseinander. Aber RZ entscheidet sich, die Wunder des Petrus in den Pseudoklementi­nen nicht aufzunehmen. Dort sind zwar reichlich Wunder und Gegenwunder erzählt, aber in Dialogform. –  Detlev Dormeyer diskutiert das Verhältnis der Apostelgeschichte zum antiken Roman. Er unter­scheidet die Apostelgeschichte im NT von den Apostelakten: Die Apg des Lukas sei ein Werk der Historiographie (der sog. Pathetischen Historie), während die Apostelakten einen neuen Typus fiktionaler Prosaerzählung schufen. „Zur Gattung des antiken Romans wird man ihn freilich nicht mehr zählen“ (Mit dem Alt­philo­logen Niklas Holzberg 1986). – Die Einführung von Richard Pervo zu Humor in den Wundererzählungen (54-65) arbeitet gegen den angeblich humorlosen Dauerernst von Reli­gion, den frühere Autoren behaupteten, indem sie Anweisungen folgten, Humor möglichst zu vermeiden oder gar zu verbieten, in den Handbüchern öffentlicher Rhetorik und christ­lichen Regeln.[9] Doch die gelten allenfalls für diese heiklen Situationen. In erzählenden Texten ist Humor ein wichtiges Mittel, wollen sie doch unterhalten. Da sind doch eindeutig witzige Szenen in der Apostelgeschichte. – Tobias Nicklas erklärt den Unterschied von Wunder und Magie/Zauberei (66-75). Ältere Definitionen kontrastierten Magie mit entweder Religion (so schon die Reformatoren und dann in der protestantischen Tradition) oder Magie und Wis­sen­schaft (Bronislaw Malinowski verstand das differenzierter als sein Lehrer James George Frazer).[10] Eine Definition lässt sich in der Antike nicht finden, die allgemeine Gültigkeit be­anspruchen könnte. Im Grunde muss man aus dem jeweiligen Text die dort gemeinte Bedeu­tung erschließen. In den christlichen Texten ist jedoch meist Magie als eine funktionie­rende Kraft beschrieben, die nur dem Magier Aufmerksamkeit und Prestige bringt, während Wun­der den Betroffenen aus einer Not helfen und Gott oder Christus die Ehre als dem eigent­lichen Retter geben. Dass umgekehrt auch gegen Jesus der Vorwurf geäußert werden konnte, er sei ein Zauberer, sieht man bei Kelsos (überliefert in den Antworten, die Origenes diesem gibt). – Meghan Henning behandelt die gerade für die Apostelwunder wichtige Kat­egorie Strafwunder (76-81). Der Tod des Tyrannen wie Apg 12,33 lässt sich allerdings nicht aus innerbiblischer Tradition erklären, sondern Lukas bezieht sich hier auf ein häufiges Motiv antiker Historiographie. –  Livia Neureiter und Janet Spittler erläutern die Rolle von Tieren in den Apostelakten (82-91). – Susanne Luther stellt bildliche Darstellungen der Wunder der Apostel vor (92-112) mit überraschenden Beispielen auf allen möglichen Stoffen, nicht auf die Antike beschränkt. Gerade die Bilder und andere Medien wie etwa Liturgie und Pilgerzei­chen greifen die apo­kryph überlieferten Erzählungen auf, allerdings, wie SL behauptet, erst seit dem Hoch­mittelalter. Die Beispiele zeigen aber, dass schon in der Antike die Ikonogra­phie sich aus Apokryphen speist.

Je nach einer Einführung in die Gesamtschrift und einer Tabelle aller Wunder in der Schrift, folgen die Auslegung der einzelnen Erzählun­gen in drei Abschnitten unter einer kreativen Überschrift: (1) Eine eigene Übersetzung, (2) die sprach­lich-narratologische Analyse, (3) sozial- und realgeschichtlicher Kontext. (4) Tra­diti­ons- und religionsgeschichtlicher Hinter­grund. (5) Verstehensangebote und Deutungs­horizonte, (6) Aspekte der Parallel­überlie­ferung und Wirkungsgeschichte. (7) Am Ende Literaturangaben. So setzt der Band denn mit der kanonischen Apostelgeschichte des Lukas ein (113-295), eingeführt von Bernd Kollmann. Zu den Wundererzählungen in den Johannesakten (299-) führt Tobias Nicklas hin. Es folgen die Akten des Paulus und der Thekla, die Annette Merz beschreibt (403-506). Es folgen die Wunder aus dem Leben der Heiligen Thekla, wieder von Bernd Kollmann vorgestellt (509-56) Dann die Petrusakten (569-681), in denen der Kampf gegen den aus der Apostelge­schichte (Apg 8,9-25) bekannten Simon Magus/den Magier im Vordergrund steht, wer denn die besseren Wunder vollbringt. Am Ende verspricht Simon in den Himmel aufzufahren „zu seinem Vater“, weil seine anderen Wunder als Zauberstückchen entlarvt werden. (Hier wäre an Lukians Peregri­nus zu erinnern, der so lange seine Apotheose/Gottwerdung verspricht, bis er nicht mehr anders kann als sich ins Feuer zu stürzen. Eine kleine Strecke gelingt ihm auch das Fliegen, aber dann stürzt er ab. Ohne Schadenfreude kümmert sich Petrus dann um den Zerschmet­terten.  Die Thomasakten (685-770) sind wieder eingeleitet von Tobias Nicklas. István Czachesz führt zu den Akten des Andreas ein (773-916) Die Rekonstruktion der sehr unterschiedlichen Texte, die unter dem Namen des Andreas überliefert sind, ist schwierig, u.a. hat sie Gregor von Tours gesammelt in seinem liber de miraculis. Es folgen die Wundererzählungen in den Philppusakten (919-965) und Barnabasakten (969-992) Am Schluss steht die Wundererzählung in der Abgarlegende (995-1006). Es folgen die Liste der Wunder­erzählungen nach Quellenbereichen, ein Verzeichnis der 54 Autorinnen und Autoren, dann die Gesamtbibliographie (72 Seiten), ein Abkürzungsverzeichnis, das Stellenregister (aller­dings ohne die nicht-christliche Literatur) und ein Sachregister.

Die Tendenz der neutestamentlichen Wissenschaft, sich wieder mit apokryphen Texten zu beschäftigen und – begrenzt – auch die nicht-christlichen griechischen und römischen Texte der Kaiserzeit einzubeziehen (das sog. Corpus hellenisticum Novi Testamenti)[11] erhält durch dieses Handbuch eine kräftige Unterstützung. Die Apokryphen sind wieder ein Forschungs­gegenstand.[12] Freilich ist die Kenntnis der nicht-christlichen Texte bei den AutorInnen sehr unterschiedlich.[13]

  1. April 2019
    Christoph Auffarth
    Religionswissenschaft,
    Universität Bremen…………………………………………………………………………………………………………

[1] Im Folgenden meist abgekürzt mit den Initialen RZ (wobei öfter das Team der Herausgeber gemeint ist, das das Konzept erarbeitet hat).

[2] Meine Rezension hier im RPI-Virtuell: Vgl. http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2008/06/29/kompendium-der-gleichnisse-jesu-herausgegeben-von-ruben-zimmermann/.

[3] Wunder sind ein alter Hut? Antike Wunderer­zählungen: Die Wunder Jesu.  Hrsg. von Ruben Zimmermann. 2013. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2014/03/19/die-wunder-jesu/ (19.3.2014). Sehr gründlich auch die Besprechungen von Andreas Lindemann: Theologische Rund­schau 82 (2017), 238-250 [zu Band 1] und 83 (2018), 1-24 [zu Band 2].

[4] Die Sammlung der neutestamentlichen Apokryphen, hrsg. Edgar Hennecke; von Wilhelm Schnee­melcher wird neu und vollständiger hrsg. von Christoph Markschies und Schröter. Davon ist aber erst der erste Teil, die Evangelien erschienen, der dritte (Apokalypsen) und der zweite (Apostelgeschichten und Briefe) stehen noch aus. Meine Rezension auf dieser Seite (6.3.2013): „Der Eisberg, dessen Spitze das Neue Testa­ment darstellt.“ Antike christliche Apokryphen in deutscher Überset­zung. Hrsg. Christoph Mark­schies und Jens Schröter, 2012. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2013/06/06/markschiesantike-christliche-apokryphen/

[5] Adynaton (ἀδύνατον Singular) ‚das Unmögliche‘ und Paradoxon (παράδοξον = παρὰ τὴν δόξαν Singu­lar) ‚wider Erwarten‘, ‚unglaublich‘ sind in der antiken Literatur gern verwendete Motive, um Leser in eine phantastische Welt zu entführen.

[6] Der regelrechte Prozess vor einem Kirchengericht mit Zeugen, Sachverständigen und einem advoca­tus diaboli, einem Rechtsanwalt des Teufels: Marcus Sieger: Die Heiligsprechung. Geschichte und heutige Rechtslage. Würzburg: Echter 1995. Christian Krötzl: Miracles in medieval canonization processes: structures, functions, and methodologies. Turnhout: Brepols 2018. Jacalyn Duffin: Medical miracles: doctors, saints, and healing in the modern world. Oxford: Oxford University Press 2009.

[7] Der linguistic turn in vielen Geistes-Wissenschaften als Kulturwissenschaften hält nur das der Ana­lyse zugänglich, was Menschen auf der sprachlichen Ebene äußern. Im Fall der Wunder also nicht das Wunder als Ereignis, das die Wissenschaftler glauben müssen oder für unglaublich verwerfen [als Voraussetzung (a priori) jeder wissenschaftlichen Beschäftigung, die dann naturwissenschaftlich nachzuweisen wäre – im Einzelfall oder durch ähnliche Analogien]. Arnold Angenendt hat das in seinem Buch Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart. München: Beck 1994; ²1997 als „Aufklärung von der Aufklärung“ gefordert. – Nach der Methode des linguistic turn sind aber nur Erzählungen oder Glaubensbekenntnisse der Analyse zugänglich.

[8] Interessant wäre ein Beitrag zu der in afrikanischen Kirchen aktuellen Kontroverse: Die Heiler spielen in der afrikanischen Religion eine zentrale Rolle und treten in Konkurrenz zu den Priestern als Hauptperson in der Leitung der Gemeinden. Ist ihre Macht von den Ahnen abgeleitet oder verleiht Gott die Kraft zur Heilung?

[9] Dazu Christoph Auffarth: Glaubensstreit und Gelächter: Religion – Kultur – Kunst. Eine Einfüh­rung. In CA; Sonja Kerth (Hrsg.): Glaubensstreit und Gelächter. Reformation und Lachkultur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. (Religionen in der pluralen Welt 6) Münster 2008, 1-18.

[10] Christoph Auffarth: Magie: Ein Schlüsselbegriff der Religionsgeschichte. [anlässlich der Mono­graphie Bernd-Christian Otto: Magie 2011] Zeitschrift für Religionswissenschaft 21 (2013), 114-123.

[11] Nach der herausragenden Dissertation von Hans Dieter Betz zu Lukian und das Neue Testament, 1961 blieb es lange still, bis zum Neuen Wettstein (die ursprüngliche Sammlung von Johann Jakob Wettstein erschien 1751/52) hrsg. von Udo Schnelle u.a. Berlin: De Gruyter 1996-, bislang 4 Bände.

[12] Eine eigene Zeitschrift Apocrypha. Revue internationale des littératures apocryphes, Band 1(1990). Turnhout: Brepols. Textausgaben m gleichen Verlag. Wichtig war die Serie der ungarisch-niederlän­di­schen Konferenzen, die Jan Bremmer tatkräftig voran trieb. Einige seiner Beiträge sind nun im ersten Band seiner Collected Essays wieder gedruckt: Jan Bremmer: Maidens, Magic, and Martyrs. (WUNT 379) Tübingen: Mohr 2018.

[13] Dazu meine Hinweise in der Rezension zum ersten Band.

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Regensburg zur Römerzeit

 

Karlheinz Dietz; Thomas Fischer: Regensburg zur Römerzeit.
Vor Roms nördlichster Garnison an der Donau zur ersten bairischen Hauptstadt.

Regensburg: Pustet 2017.
ISBN: 3791729764

 

Römische Militärs an der nördlichen Donau-Grenze trainieren Krieg und gründen Familien.

Kurz: Regensburg war ein bedeutendes Militärlager mit umfangreicher Siedlung der zugehörigen Familien. Weit über das lokal Überlieferte hinaus stellt der Band Sinn und Leben der Soldaten dar, ein wenig auch über deren Familien. Religion ist unzureichend dargestellt, obwohl es interessante Beispiele gibt.

Ausführlich: Die reiche Geschichte der Stadt Regensburg,[1] am Zusammenfluss von dem Fluss Regen in die Donau, beginnt als großes Militärlager. Damit unterscheidet sie sich von den Städten, die die Römer Colonia nannten, Ansiedlung von Bürgern römischen (oder italischen) Rechts, vielfach Veteranen, die sich den Besitz einer Wohnung in den Kolonien erdient hatten durch den Militärdienst. Das sind die Römerstädte, alle links des Rheins und damit im Schutz einer Wasser-Grenze: Von Xanten (Colonia Ulpia Traiana), Neuss (Novaesi­um), Köln (das den Namen colonia noch trägt),[2] Bonn, Andernach, Koblenz (Confluentes), Mainz (Mogontiacum),[3] Worms (Borbetomagus), Speyer (Noviomagus), Straßburg (Argen­tora­tum), (Kaiser-)Augst bei Basel,[4], sodann  entfernt vom Rhein Trier,[5] Augsburg,[6] Kemp­ten, Chur (auf dem Weg zu dem steilen, aber kurzen Pass über den San Bernardino Richtung Rom). Die spannende Frage, wie sich aus dem Militärlager und seiner umliegenden Siedlung die Stadt entwickelte, die einen ganz anderen Namen trägt (diskutiert 25-28), nämlich Regens­­burg nach einem Radisbona (erstmals im 7. Jahrhundert so genannt),[7] ist in dem Band nicht ausführlich dargestellt. Er endet im Wesentlichen mit der Feststellung „Gegen Ende des 5. Jahrhunderts war das Alpenvorland zumindest faktisch wieder von römischer Herr­schaft frei.“ „Für einen gewaltsamen ‚Untergang‘ der Römerherrschaft in Regensburg gibt es erst recht keinerlei Hinweise, wohl aber dafür, dass auch unter drastisch veränderten politi­schen Rahmenbedingungen das Leben in der Stadt weiterging.“ (254) „Inzwischen kann diese Kontinuität durch entsprechendes Fundmaterial des 4.-7. Jhs. zusätzlich gestützt werden.“ (263). Obwohl im Titel mit ‚erste bairische Hauptstadt‘ angekündigt, begnügen sich die Autoren mit einer Einwanderung von Böhmen (261f), Baiuwaren, die die Reste der römischen Steinmauern in Besitz nahmen. Dazu gibt es die spannende Kontroverse zwischen Carlrichard Brühl und Werner Gauer. Aus dem Lager hatten die Römer eine steinerne Festung gemacht (226-232). Brühl stellte sich vor, dass die neuen Besitzer den Mauerring (eher das auf ein Viertel verkleinerte Binnenkastell, S. 239f) als ihre neue ‚Stadt‘ besiedelten. Aber selbst dieses nicht einmal 200 x 200 große Kastell überstieg wohl die Ein­wohnerzahl, wie überall die römischen Städte erst im 12. Jahrhundert sich in der Zahl der Einwohner so vergrößerten, dass sie die alte Fläche bewohnen konnten, Gärten und Felder eingeschlossen. Gauer meinte, dass im Frühmittelalter das Regensburger Tor (porta praetoria, S. 133-142) wie eine Burg verwendet wurde, um die herum – wie an der Porta nigra in Trier – sich eine Siedlung scharte.[8]

So steht für Regensburg das Militär, sein Training und seine absichtlich – vor allem in den Inschriften – und unabsichtlich in Hausresten oder Gruben hinterlassenen Überreste, die Außengrenzen des römischen Imperium im Vordergrund. Das haben die beiden Autoren, der Althistoriker Karlheinz Dietz und der Provinzarchäologe Thomas Fischer herausragend gut gemacht: Karten,[9] Rekonstruktionen von Gebäuden und Soldaten (eine gute Arbeit des Zeichners R. Röhrl), Umzeichnung von Gegenständen, Ergänzung von Inschriften[10] und sehr gute farbige Abbildungen machen an­schau­lich, was der Text noch genau erklärt. Lokale Details aus Regensburg vergleichen die Autoren mit Befunden aus anderen Orten und ordnen sie ein in die großen Ziele der Erhal­tung römischer Macht an den von ihnen bean­spruchten Gebieten und Grenzen und der da­für notwendigen Militärorganisation. Für dieses Thema ist das Buch nicht nur auf dem neue­sten Forschungsstand, sondern die aktuellste Darstellung der Einzelheiten wie des Ganzen. Angesichts der relativ wenigen nicht auf das Militär bezogenen Befunde, geben sich die Autoren Mühe, auch die Familien, Frauen, Kinder in der das Lager umgebenden Siedlung (canabae) zu berücksichtigen: etwa die bei der Geburt gestorbene Mutter oder Kinder (59).

Als Religionswissenschaftler lese ich die Abschnitte über Religion mit besonderer Aufmerk­samkeit. Ein knappes Kapitel 175-181 ist dem Thema gewidmet, aber es kommt auch sonst mehrfach zur Sprache, etwa der Apis-Stier,[11] viele Gelegenheiten sind aber auch ausgelassen.  Das Kapitel behandelt zwei extra-urbane (außerhalb der Stadt gelegene) Heiligtümer: des Mercur auf dem Ziegetsberg und das Liber-Pater-Heiligtum Der aktuelle handbuchartige Katalog der Karlsruher Ausstellung ist unbeachtet geblieben.[12] Auseinanderzuhalten sind die 1. Römische Religion, 2. die persönliche Religionspraxis, 3. die Magie und die 4. Militär­religion. Der Satz 211, anlässlich einer Mithrasfigur:[13] „Das Vordringen aus dem Osten stammender Religionen“, die „wenig zur Nüchternheit des römischen Götterhimmels passten“, vermischt Religion (1) mit Religion (2). Kaiserkult beim Militär und sonst fehlt ganz,[14] Militärreligion (religio castrensis) wie die Feldzeichen,[15]  Fahneneid, Ex voto (Gelübde) kom­men zwar als Beispiele vor, aber sind nicht ausgewertet. In dieser Fragestellung ist das Buch enttäuschend. Als Buch über das römische Militär ist es ausgezeichnet.

 

 Bremen/Much, 13. April 2019                                                              

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Die einzigartige Forschung zum Regensburger Dom von Achim Hubel und (4 Bände, habe ich vorgestellt „Kathedralen des Mittelalters: Das Ganze und die Details am Regensburger Dom anschaulich gemacht“: Achim Hubel; Manfred Schuller: Der Dom zu Regensburg, Band 5, 2011, (6.3.2011) http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2011/03/06/der-dom-zu-regensburg-von-achim-hubel-und-manfred-schuller/(6.3.2011). – http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2014/03/23/der-dom-zu-regensburg. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2015/02/17/der-dom-zu-regensburg-2/ http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2017/01/09/der-dom-zu-regensburg-3/ (9.1.2017).

[2] Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Zum römischen Köln Werner Eck:  Köln in römischer Zeit: Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum (Geschichte der Stadt Köln 1) Köln : Greven, 2004; als kurzes bebilderter Führer W.E.:  Die Gestaltung der Welt. Augustus und die Anfänge des römi­schen Köln. Köln: Greven, 2014

[3] Das vor wenigen Jahren gefundene Isis-Heiligtum Marion Witteyer: Das Heiligtum für Isis und Mater Magna. Texte und Bilder / Text. Mainz am Rhein: von Zabern, 2004.

[4] Augusta Raurica/Colonia Augusta Rauricorum. 44 v.Chr. gegründet laut einer Inschrift von Cäsars Feldherrn Lucius Munatius Plancus. Ludwig Berger, Führer durch Augst. 2012. Forschungen in Augst. Publikationen zu den weiter laufenden Ausgrabungen. Augst-Basel 1.1977, 2.1975-[50.2016].

[5] Colonia Augusta Treverorum, 16 v.Chr. gegründet. Das Lokale und die welthistorische Bedeutung hat der Katalog der Trierer Ausstellung hervorragend zusammengeführt: Alexander Demandt (Hrsg.): Konstantin der Grosse: Imperator Caesar Flavius Constantinus. Darmstadt: von Zabern; WBG 2007.

[6] Augusta Vindelicum.

[7] Arbeo von Freising zum Jahr 770 nennt den Namen für den Herzogssitz der Agiolfinger.

[8] Werner Gauer, Urbs, Arx, Metropolis. 1981.  Brühl, Palatium und civitas. 1990, 219-255, beide im Literaturverzeichnis genannt. Brühl, der sich nur einen geschlossenen Ring vorstellen konnte, nannte Häuser auf der Außenseite einen ‚fortifikatorischen Wahnsinn‘. Gauers Lösung dürfte aber für das Frühmittelalter eine typische Lösung sein, rund um einen Turm zu siedeln, in den man sich notfalls zurückziehen kann.

[9] Nur die Karte S. 38 ohne Namen ist wenig hilfreich. Für den Überblick sind die Karte S. 78 und die auf dem hinteren Vorsatz der beste Beginn.

[10] Hier ist besonders die Gründerschrift 135-137 aus dem Jahre 179 sehr gut vorgestellt.

[11] Abbildung S. 197 ohne Verweis auf einen erklärenden Text auf S. 211. Serapis als Herme Abb. 129, S. 156. Zu Apis und Serapis Chris­toph Auffarth: Mit dem Getreide kamen die Götter aus dem Osten nach Rom: Das Beispiel des Serapis und eine systematische Modellierung. in: Zeitschrift für Religions­wissenschaft 20(2012), 7-34.

[12] Imperium der Götter. Isis, Mithras, Christus. Kulte und Religionen im Römischen Reich. Hrsg. vom Badi­schen Landesmuseum Karlsruhe. Darmstadt: Theiss 2013. Darin der einleitende Beitrag des Rezensenten Religiöses Denken und sakrales Handeln. Grundlegendes zum Verständnis antiker Religion, 15-19.

[13] S. 181 heißt es „es fehlt Mithras“, während S. 211 die Möglichkeit diskutiert wird. – Die Korrektur einer älteren Forschungsthese [Cumont 1906] – Mithras sei nicht aus Persien. „Tatsächlich entstand der Mithras-Kult in der frühen Kaiserzeit in Rom oder Ostia.“ [das von Maarten J. Vermaseren: Der Kult der Kybele und des Attis im römischen Germanien. Stuttgart, Aalen, 1979 übernommen] – hat sich nicht als zutreffend erwiesen: Richard Gordon hat die neuen Forschungen in dem o.g. Karls­ruher Katalog vorgestellt und im Reallexikon mit den Nachweisen prägnant zusammengefasst im Real­lexikon für Antike und Christentum 24(2012), 964-1009.

[14] Die Beispiele S. 178 sind nicht für den Kaiserkult ausgewertet.

[15] Der einschlägige Aufsatz (beruhend auf der Dissertation) des Regensburger Althistorikers Peter Herz fehlt: Kaiserfeste der Prinzipatszeit. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt II 16,2 (1978), 1135-1200. Ders. Feriale Duranum. Der Neue Pauly 4, 1998, 480-481. Der Verweis im Index s. Legio III Italica, Fahne führt ins Leere; dort findet man etwas unter aquilifer Adlerträger und signifer, signum (Fahne, Feldzeichen). Unter dem Indexeintrag ‚Kastell‘ findet sich ‚Fahnenheiligtum‘, jedoch ohne Diskussion seiner religiösen Funktion.

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Religionsphilosophie und Religionskritik

Religionsphilosophie und Religionskritik.
Ein Handbuch.

Herausgegeben von Michael Kühnlein.

(Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft STW 2140)
Berlin: Suhrkamp 2018. 946 Seiten.
ISBN 978-3-518-29740-7

 

Die Debatte für und Wider die Religion in Europa, in wichtigen Werken vorgestellt.

 

Kurz: Das Handbuch stellt wichtige Werke der Debatte um das Für und Wider von Religion (nur) in Europa vor, hat aber eine Tendenz einseitig das Positive zu betonen. Die Säkularisie­rung wird als Fehlinterpretation prinzipiell verworfen. Es gehe um  die transzendenz-offene ‚Wende‘ (‚Wende‘ ist meine Formulierung).

Ausführlich: Das Handbuch stellt 80 Werke vor, indem die Bearbeiter (1) Kontexte, (2) das Werk, (3) Rezeption und Kritik beschreiben, am Ende (4) eine Zusammenfassung und je die Literaturangaben [leider meist nicht zur Original­ausgabe] zu einer deutschen Ausgabe. Eine – oft nicht sehr hilfreiche – Zuordnung zu einer Schulrichtung charakterisiert den Verfasser in einem Satz. Die (2) Werkbeschreibung haben die 52 beteiligten Autoren für das jeweilige Werk mit aller Sorgfalt gemacht mit ausführlichen Zitaten und einer Zusam­men­fassung der Argumentationslinie. Die (1) Kontexte sind öfter nicht wirk­lich in den damaligen histori­schen Kontext eingebettet, sondern ziehen Linien in geistesge­schichtlichen Bezügen auf andere Werke. Historische Veränderungen sind aber für eine neue Perspektive oft wichtiger als die Antwort auf ein anderes Buch. Als Beispiel nehme ich den Beitrag des Herausgebers zu Charles Taylor, den katholischen Philosophen, mit seinem 2007 erschiene­nen Werk Ein säkulares Zeitalter (931-943; das letzte der vorgestellten Werke und ein Lieb­lings­werk des Herausgebers).[1] Als ‚Kontexte‘ beschreibt MK den internen Denkweg des Philosophen, der erst im Alter sich dem Problem der Säkularisierungsthese (Max Webers) zuwandte. Dabei müsste hier doch beschrieben werden, dass Taylor in Kanada ganz andere Erfahrungen machte, die den europäischen Diagnosen vom Verschwinden der Religion völlig wider­sprechen. Und dass er als Berater der Regierung für die Frage, wie man in Kanada, dem für die Integration von Immigranten vorbildlichen Staat, das symbolische Kapital von Religions­gemeinschaften einsetzen kann als wichtigste Ressource für Teilhabe. In Europa dagegen wird Religion vielfach als Spaltpilz verstanden, die der Integration schade: man müsse sie neutralisieren. Also bringt er seine katholische Perspektive ein, die er den anderen Glaubens­formen entgegenstellt: den Glauben an die Aufklärung, die Wissen­schaft. Unter deren Eindruck habe sich die Religion in der Moderne selbst aufgehoben, selbst säkularisiert. Nur Spiritualität kann sie retten. Eine normative Gegenerzählung (943), die MK auch schon ein „Meister-Narrativ“ nennt (934).

In der Beschreibung sind auch immer wieder Kritik an bestimmten Konzeptionen ange­sprochen. Bei Taylor etwa seine Kritik einerseits am Theismus (Gott als Person), andrerseits an säkularen Weltentwürfen. Die genannten Kritiken charakterisiert MK (940) schräg: Die moderne biete einen „nie zur Gänze eingeholten Glaubensanspruch: wahlweise durch den Glauben an den Menschen selbst (Feuerbach), durch den Glauben an die proletarische Weltrevolution (Marx). Durch den Glauben an die Intellektualisierbarkeit von Kultur (Freud) oder durch den unbeirrbaren Glauben an das nachmetaphysische Denken (Habermas)“.[2] Dazu müsste auch ein Wort die Titelwahl erklären. Denn religionsbejahende Werke bilden bei weitem die Überzahl. Und unter den Bearbeitern ist eine deutliche Mehrzahl katholischer Autoren.[3] Von den vier Werken der Antike       ist keines der für die moderne Religionskritik maßgeblichen und wirkungsmächtigen Werke aufgenommen. Kein Lucretius De rerum natura, kein Epikur, kein Xenophanes oder Demokrit, kein Kelsos (und kein Origenes).[4] So könnte man für das Mittelalter[5] und die Moderne weiterfahren. Eigentlich sind keine Überraschungen dabei.[6] Es fehlt eine Einleitung (die zwei-einviertel Seiten werden dem nicht gerecht). Die differenzierte Themenstellung der DVRW-Tagung in Bayreuth 2005 wäre hilfreich: Ulrich Berner hat hier der fundamentalen Religionskritik von außen, extrem im Atheismus, die religionsinterne Kritik zur Seite gestellt, die, selbst religiös, eine Reform der Religion (bestimmter Formen) einfordert.[7]                

Für Durkheim, Die elementaren Formen des religiösen Lebens 1912 (Andreas Pettenkofer 458-467 kennt auch die französische Forschung; Moebius fehlt)[8] ist unter Kontexten die Schulreform und die Suche nach einer säkularen Moral für den laizistischen französi­schen Staat genannt. Nicht aber, dass die Trennung von Staat und Kirche 1905 Gesetz wurde, nachdem seit 1894 die doch noch katholisch dominierte öffent­liche Meinung gegen den jüdischen angeblichen Landesverräter Dreyfus falsche Zeugnisse für bare Münze nahm.[9] Das zentrale Argument, dass die Trennung von Sakral/Profan (also der französische Laizismus) ein universales Prinzip sei, das man an der ältesten  bekannten Kultur, den Aborigines in Australien (schräg: „australischer Wüstenbewohner“ 459), schon sehe, spielt AP herunter zugunsten der ‚neuen Moralsoziologen‘. AP stellt zwar richtig heraus, dass D sich auf einen religionskritischen Text bezieht, lässt aber der – schlecht begründeten – Uminterpretation breiten Raum. Hier wird D’s Funktionalismus von Religion zurechtgebogen zu einem Religionsbejaher. – Für Rudolf Otto, Das Heilige 1917 (Jean-Pierre Wils, 468-478) fehlt unter den Kontexten der Erste Welt­krieg mit dem Zusammenbruch aller bisheri­gen Werte, u.a. des Kulturprotestantismus, und ist die Rezep­ti­on und die Gründe für den Para­digmenwechsel völlig unzureichend dargestellt.[10]                  . 

Für Hans Jonas, Der Gottesbegriff nach Auschwitz 1987 fehlt sowohl die Originalausgabe 1984, der Hinweis auf die Kritische Gesamtausgabe und dass der Mythos, den HJ S. 15-19 erzählt, bereits 1963 veröffentlicht wurde (Zwischen Nichts und Ewigkeit. Göttingen, S. 55-57), damit in einen anderen Kontext gehört, nämlich der Debatte um den Nihilismus im Nachkriegsdeutschland, als dessen Höhepunkt man im Nationalsozialismus sah – der im Gegenteil religionsproduktiv wirkte.

So könnte ich weitere Artikel vorstellen aus meinen Notizen; doch es mögen die Beispiele genügen. Das Handbuch nehme ich zur Hand, um gediegene Werkinterpretationen zu lesen, um sie mit meinen eigenen Lektüreerfahrungen zu vergleichen, mit der Vorsicht, der Grund­tendenz des Handbuchs nicht folgen zu müssen: „Die säkulare Gegenwart hat an Verbind­lichkeit verloren“ (11). Wissenschaftsgeschichtlich sind die Kontexte un­zureichend darge­stellt. Unter ‚Wirkung‘ finde ich viele gute Hinweise, aber auch wieder oft in eine Richtung gedrängt.

 Bremen/Much, April 2019

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Gerade erscheint in der Reihe Klassiker auslegen 59 eine Aufsatzsammlung, hrsg. von MK zu diesem Werk. Berlin; Boston: De Gruyter 2019. VIII, 245 Seiten. Schon auf S. 11 bezieht sich MK auf Taylor. Schon seine Dissertation galt Taylor: Religion als Quelle des Selbst. Zur Vernunft- und Freiheitskritik von Charles Taylor. (Re­ligion in Philosophy and Theology 33)Tübingen: Mohr Siebeck 2008. – Michael Kühnlein ist Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität in Frankfurt und habilitiert sich gerade.

[2] Feuerbach verwies als Prinzip nicht auf den Menschen, sondern die Menschheit. Marx‘ Weltrevolu­tion ist Teil einer Geschichtsphilosophie der Rückkehr zur guten Schöpfung und dem Urkommu­nis­mus der frühen Christen. Was Freud auszeichne, meint vielleicht die ‚Sublimierung‘, aber ist das die Intellektualisierbarkeit von Kultur? Dass Habermas unbeirrbar geglaubt habe an das nachmetaphysi­sche Denken trifft den Denkweg von Habermas denkbar schlecht. Vielmehr kam er durch Beobach­tung der sog. ‚Rückkehr der Religion‘ induktiv zu seinem Paradigmenwechsel.

[3] Kardinal Karl Lehmann hat den Band mit gesponsert. Mit der Bemerkung einer Affinität zum Katholizismus soll nicht ausgesagt sein, dass bewusste Glaubenssätze die Bewertung färben.

[4] Wie wichtig als Alternative zu Augustinus für die Frühe Neuzeit Origenes Adamantinus wurde, zeigen die Bände der Reihe Adamantina, hrsg. von Alfons Fürst.

[5] Dorothea Weltecke: „Der Narr spricht: Es ist kein Gott“. Atheismus, Unglauben und Glaubenszweifel vom 12. Jahrhundert bis zur Neuzeit. Frankfurt am Main: Campus 2010.

[6] Vielleicht Carl Schmitt, Politische Theologie 1922 im Gespräch mit u.a. Erikson „am rechten Rand eines häretischen Katholizismus“. Ich kenne rechtere Formen offiziellen Katholizismus.

[7] Ulrich Berner: Einführung: Religionswissenschaft und Religionskritik, in: Zeitschrift für Religions­wissenschaft 14/2 (2006), 107–110. Ulrich Berner; Ilinca Tanaseanu-Döbler (Hrsg.): Religion und Kritik in der Antike. (Religionen in der pluralen Welt. Religionswissenschaftliche Studien 7) Berlin: LIT 2009. Ulrich Berner, Johannes Quack (Hrsg.): Religion und Kritik in der Moderne. (Religionen in der pluralen Welt. Religionswissenschaftliche Studien 9) Berlin: LIT 2012. Christoph Auffarth: Theologie als Religi­onskritik in der Europäischen Religionsgeschichte. in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 15 (2007), 5-27. [= Themenheft Theologie als Religionskritik. (Hrsg. von Christoph Auffarth) Einführung S. 1-4].

[8] Siehe meine Rezension „Der große französische Religionswissenschaftler Marcel Mauss auf Deutsch neu entdeckt“. Marcel Mauss:  Schriften zur Religionssoziologie. Hrsg. und eingeleitet von Stephan Moebius; Frithjof Nungesser und Christian Papilloud. Übers. von Eva Moldenhauer. (Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft 2032) Berlin: Suhrkamp 2012 http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/ (5.12.2012).  

[9] Beiläufig dann doch 465 erwähnt. Zu Dreyfus „Ein Offizier wird verurteilt wegen Landesverrat, weil er Jude ist: der Fall Dreyfus, Frankreich 1894-1906“. George R. Whyte: Die Dreyfus-Affäre 2010. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2011/03/01/die-dreyfus-affare-von-george-r-whyte/ (1.3.2011).

[10] Siehe Christoph Auffarth: Sind heilige Stätten transportabel? Axis Mundi und soziales Gedächtnis. In: Axel Michaels; Fritz Stolz (Hgg.): Noch eine Chance für die Religionsphänomenologie? (Jahrbuch Studia Helvetica Religiosa 5, 2000/2001) Bern 2001, 235-257.