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Religionsbuch: alle zusammen

Alle zusammen.
Evangelischer Religionsunterricht
für die Jahrgangsstufen 1,2,3

Herausgegeben für Grundschulen im Bereich der
Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO)

Erarbeitet von Susanne Schroeder [1]
unter Beratung von
Martina Steinkühler und Karlo Meyer

Herausgegeben für Grundschulen im Bereich der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz (EKBO)

„Alle zusammen!“ – so heißt das neue Religionsbuch[2] für den evangelischen Religionsunterricht in Berlin/Brandenburg. Es sticht durch eine Reihe von Besonderheiten aus dem Kanon der üblichen Religionsbücher für die Grundschule hervor. Die Welt, in der Kinder heute leben, ist der Ausgangspunkt der (religions)-pädagogischen Reflexionen[3]. Hier ist es die Großstadt Berlin, die vielfältigste Ansatzpunkte für Fragen und Entdeckungen bietet. Eindrücklich die Wimmelbilder S. 56/57. Die folgenden Doppelseiten – ein grundlegendes Prinzip des Buches – sind in Bilderbuchformat gestaltet und leiten zu vertiefenden Fragen an. Fragen stellen – dazu will das Buch anregen und bei der Suche nach Antworten helfen. „Kann das sein, dass Kinder manchmal mehr wissen als Erwachsene?“ lautet ein Impuls zur biblischen Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (65). „Alle zusammen“ weiß die Kindertheologie zu schätzen und setzt diese um. In entsprechender Weise kommt Sachwissen dosiert ins Spiel, immer verknüpft mit dem entfalteten Fragehorizont.
Dieses Buch ist für die Verwendung in den ersten drei Schuljahren konzipiert. In Berlin und Brandenburg dauert die Grundschule sechs Jahre, es folgt also noch ein Band für die Jahrgänge 4,5 und 6. Die Herausgebenden haben an übergreifende Verwendung gedacht; nicht selten treffen sich ja in Reli-Gruppen Kinder aus verschiedenen Jahrgängen, und manche Schulen arbeiten prinzipiell jahrgangsübergreifend. Und bei der Binnendifferenzierung kann dieser Ansatz auch hilfreich sein. In der Abfolge der Themen ist kein lineares Schema für Jahrgänge erkennbar.

Die Materialien sind motivierend ausgesucht, teilweise auch unkonventionell originell.[4] Im Hinblick auf das gemeinsame Lernen aller Kinder in der Grundschule ist dem Prinzip der Elementarisierung gut Rechnung getragen worden: prägnante Texte, aussagestarke Bilder, herausfordernde Aufgaben auf unterschiedlichen Ebenen. Mit einer durchgängigen Beachtung interreligiöser Aspekte geht „Alle zusammen!“ auf die religiöse und kulturelle Vielfalt in der Schule ein. Die Kinder können sich über jüdische, christliche und islamische Umgangsweisen mit den religiösen Schriften, mit Versammlungsorten und Gebeten informieren. Fragen und Anregungen fördern die Neugier und die Beschäftigung mit anderen Denkweisen. Dass Kinder auch kritische Fragen zu religiösen und philosophischen Themen stellen, wird konstruktiv aufgenommen. Jedes Kapitel hat auch einen biblischen Schwerpunkt. So werden biblische Kerngeschichten in den Horizont gerückt.

Zugänge werden über besondere Erfahrungswege ermöglicht; beispielsweise über eine symboldidaktische Erschließung des Phänonems „Steine“ hin zur Erkundung religiöser Versammlungsorte. Der Einstieg in die 7 Kapitel erfolgt auf ungewöhnliche Weise. In einem Bilderrahmen werden verschiedene Elemente gezeigt, über deren thematischen Zusammanhang keineswegs von vorneherein Einigeit bestehen muss. Das Nachdenken der Kinder gestaltet den Einstieg mit, bis hin zur beachtlichen Aufforderung:  „Suche dir drei wichtige Wörter aus und bilde daraus eine Überschrift für das Kapitel“. Dementsprechend klein gehalten sind die orientierenden Kapitelüberschriften. Hier und an anderen Stellen zeigt sich Raum zur Mitgestaltung des Religionsunterrichts durch die Kinder.  Stark erfahrungsorientiert sind auch die Vorschläge zum Thema „Beten“. Es ist sicher nicht falsch, diese Herangehensweise mit dem Ausdruck „ganzheitlich“ zu beschreiben. Dazu gehört auch eine offene und wertschätzende Haltung gegenüber nicht religiösen Menschen. Denn am konfessionellen Religionsunterricht nehmen häufig Kinder ohne religiöse Verbundenheit teil.

Diesem neuen Grundschulbuch kann man mit frohem Sinn gute Verbreitung und vielfältige Nutzung wünschen. Durchaus auch über die Region Brandenburg und Berlin hinaus! Auf den Folgeband für die Jahrgänge 4,5 und 6 bin ich schon sehr gespannt!

Das Lehrkräftehandbuch  (auf der Downloadseite) gibt Auskunft über die in den einzelnen Kapiteln angestrebten fachbezogenen und inhaltsbezogenen Kompetenzen. Knappe Hinweise werden zum Umgang mit den Doppelseiten gegeben.

In Planung (Stand November 2020) ist ein Digitaler Unterrichtsassistent zu „Alle zusammen!“. Das Konzept klingt verheißungsvoll und kann den Einstieg in neue Unterrichtswelten bedeuten. Erste Hinweise dazu sind schon h i e r  zu finden.

…………………………..

Dr. Manfred Spieß
Oldenburg


[1] Dr. Susanne Schroeder ist tätig im Amt für Katechetische Dienste Berlin, https://akd-ekbo.de/ . „Alle zusammen“ entstand auch unter Mitarbeit von Ines-Kathrin Haesner und den Lehrkräften der Arbeitsstellen für Religionsunterricht.

[2] Dieser Beitrag beruht auf der Lektüre der Internet-Ausgabe, als pdf-Datei hier frei zum Download.

[3] Damit schließt das Schulbuch an das Konzept der „Lebensfragen“ an, die im Rahmenlehrplan Ev. RU Berlin/Brandenburg mit den Kompetenzbereichen in Verbindung stehen.

[4] Die Verwendung der „Friedenspfeife“ bei nordamerikanischen Urbewohnern war mir nicht (mehr) als gebetsähnliches Ritual bekannt, vgl. S. 83.

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Der Fall von Akkon

Roger Crowley: Der Fall von Akkon. Die letzte Schlacht um das Heilige Land.
Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Juraschitz.

Darmstadt: WBG Theiss 2020. 288 Seiten. ISBN 978-3-8062-4177-8
28€, auch als eBook erh.

Die letzte Kreuzfahrerburg wird 1291 erobert

Kurz: Sehr detailliert und sehr gut recherchiert erzählt Crowley die Einkreisung und dann die Belagerung, bis die letzte verbliebene Stadt-Burg der Kreuzfahrer an der Küste des ‚Heiligen Landes‘ erobert wird und die Kreuzfahrer fliehen. Wer an Militärgeschichte seine Freude hat, kommt ganz auf seine Kosten, aber die Aufklärung durch Geschichte fehlt.

Ausführlich: Das Buch steht in einer Tradition englischer Geschichtsschreibung, die für die Kreuzzüge der Historiker Steven Runciman verkörperte. Seine dreibändige Geschichte der Kreuzzüge (übersetzt von dem Sprachkünstler Peter de Mendelssohn) setzte den Maßstab,[1] den in glänzender Weise das neue Buch von Roger Crowley erfüllt: In großer Erzählkunst, spannend, sucht sich der Autor wichtige und zum Erzählen eindrückliche Ereignisse aus, beschreibt die Ausgangssituation, malt die Charaktere der Kontrahenten, lässt sie aufeinan­der los und beschreibt die Folgen. Die Erzählungen folgen den Quellen beider Seiten, die er meist aber aus Übersetzungen kennt.[2] Dazu kommt die Kenntnis der meisten Orte und Landschaften, die RC selbst bereiste. Akkon selbst hat er zusammen mit dem besten Kenner der Architektur der Kreuzfahrerzeit in allen Einzelheiten besichtigt.[3] Die Quellen bestimmen, was er erzählt, geben die Wertungen der Personen vor. Plastisch wird deutlich das Ende der Besie­de­lung Syrien-Palästinas durch die Kreuzfahrerherr­schaf­ten von Edessa im Norden über Antiochien, die Hafenstädte Antiochien, Sidon, Tyrus, Caesarea, Arsuf, Jaffa bis hinun­ter nach Alexandrien/Damiette in Ägypten. Stadt um Stadt erobert Baibars und eignet sich dafür, eigentlich Spezialist für den Bewegungskrieg mit Reitern in Schlachten, Techniken der Belagerung an. Die Mamluken, ehedem als Sklaven zum Militär gezwungen, mit dem sich die in Luxus und hoher Kultur lebenden Aiyubiden nicht selbst der Lebensgefahr aussetzen wollten, erheben sich gegen ihre früheren Herren und bilden – im Augenblick der schlimms­ten Be­dro­hung der bisherigen Herrschaft durch den ebenso massiven wie brutalen Erober­ungs­zug der Mongolen und dem Fall von Bagdad und Damaskus – selbst eine Herrschaft von Ägypten bis Nordsyrien. Was Saladin gelang, dem Kurden als Heerführer und dann als eigentlicher Herrscher, das vollendete der frühere Sklave Baibars und seine Nachfolger Qalawun und Khalil al-Aschraf, die Hauptfiguren des Geschichtsromans.[4] Wer in ihm Erdoğan erkennt, den Dschihad des ‚Islamischen Staates‘, Unmenschlichkeit, gebroche­ne Verträge, Krieg gegen das eigene Volk, die Westler, die blauäugig mit Geld sich freizu­kaufen versuchen, wird dazu eingeladen, ohne das auszu­sprechen.[5]

Wenn ich das Buch bis zur letzten Seite gelesen habe, frage ich mich als Religionswissen­schaft­ler und Historiker: Was habe ich daraus gelernt? Zum einen den Blickwechsel, nicht aus lateinischen Quellen allein,[6] sondern vor allem auch Quellen der Muslime. Die Namen und ihre Schreibweise hat ein Fachmann geprüft;[7] wie oft fallen andere Bücher in diese Falle! Das Buch ist nicht von einem Historiker geschrieben, erst recht nicht von einem Religions­historiker. Es ist Ereignisgeschichte von großen (oder weniger großen) Männern: Baibars „führte Krieg, … griff Jaffa an … und legte die Stadt in Schutt und Asche.“ (85). Er alleine?, wird man mit Bert Brecht fragen. Die Dif­ferenzen und Veränderungen im Verständnis des Dschihad oder die Beziehungen­ zwischen Ritterorden und Ribat, der Religion der neu be­kehr­ten Mamluken,[8] des Kurden Saladin, der Aiyubiden, die Religion der palästinensischen Christen gegenüber den Lateinern aus Frank­reich und den Normannen aus Süditalien[9] bleibt ohne Überlegung. Dafür reichlich Stereotypen, die Vorurteile bedienen. Geschichte als Aufklärung geht anders.

Dennoch: Wer sich für Mililtärgeschichte, Festungsbauten, Wurfmaschinen, spannend erzählte Schlachten interessiert, der findet hier genau recherchierte Details, den tagelang inspizierten Ort Akkon in allen Einzelheiten, gut ausgewählte Zitate und zur Illustration Abbildungen ein Bogen auch in Farbe.[10]

 

 Bremen/Much, November 2020                                             Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Sir Steven Runciman 1903-2000 war englischer Historiker der alten Schule. Sein Blickwinkel war vom Byzantinischen Reich aus, dessen Regionen er aus eigener Anschauung kannte und dessen Sprachen er beherrschte. Eine Zeitlang war er Professor in Istambul, im übrigen war er aber so reich, dass er als Privatgelehr­ter forschte und schrieb. Er erzählte neben der Geschichte der Kreuz­züge 1951-1954 in drei Bänden, 1957-1961 auf Deutsch, die vielen Nachdrucke meist ohne die Quellen­angaben. Die Ge­schichte des bulgarischen Reiches, Der Fall von Konstantinopel, die Sizilianische Vesper, die Griechen unter türki­scher (osmanischer) Herrschaft. Sein Geschichtsbild war britisch, d.h. zwar eurozentrisch aber nicht auf Europa beschränkt, international im Bewusstsein des Empire.

[2] Der Verfasser Roger Crowley (*1951) war Reader für englische Literatur an der Universität Cam­bridge, bereist das Mittelmeer, lebte sowohl auf Malta wie in Istambul, jetzt wieder in England. Be­kannt durch historische Sachbücher über Portugal, Die Eroberung von Konstantinopel 1453, Venedig u.a. Die englische Wikipedia attestiert ihm: „He has a reputation for writing page-turning narrative history based on original sources and eyewitness accounts combined with careful scholarship.”

[3] S. Denys Pringle hat die gültigen Handbücher erarbeitet: Secular buildings in the Crusader Kingdom of Jerusalem. An archaeological gazetteer. 1997. The churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. A corpus. 4 Bände. Cambridge: Cambridge University Press 1993-2009.

 

[4] Klassische Stereotypen für einen Orientalen: listig bis hinterlistig, brutal, immer Terror verbreitend. „Dem Vernehmen nach saß etwas Böses in seinem Auge.“ (66f).

[5] Ausgesprochen ist dieser Gegenwartsbezug im Titel des anderen Buches 1453: The Holy War for Con­stan­ti­nople and the Clash of Islam and the West. New York: Hachette Books, 2005. „Islam and the West” oder “The West against the rest” waren die Lehren aus Samuel Huntingtons Clash of Civilizations 1996.

[6] Immer häufiger werden Quellen nicht richtig zitiert, so auch hier: Autor, Titel, Buch, Kapitel, erst dann die Edition oder Übersetzung (und die Seite). Wenn man nicht genau die Edition greifbar hat, kann man das Zitat und Kontext nicht finden.

[7] Hannes Möhring als Historiker und Orientalist ist dafür ein Fachmann. Die Umschrift der arabischen Namen ist eine Mischung aus Zugeständnissen an deutsche und englische Lautregeln, nicht die offizielle Umschrift mit ihren Diakritika: Dschihad, Aiyubiden etc. Akzeptabel für ein Sachbuch.

[8] Zur Ismailiya der Mamluken Markus Wachowski: Rationale Schiiten: Ismailit­ische Weltsichten nach einer postkolonialen Lektüre von Max Webers Rationalismusbegriff. (RGVV 59) Berlin: de Gruyter, 2012. Heinz Halm: Kalifen und Assassinen. Ägypten und der Vordere Orient zur Zeit der ersten Kreuzzüge 1074-1171. München: Beck 2014. 

[9] Diese Web-Seite: Oliver Becker: Die Architektur der Normannen in Süditalien im 11. Jahrhundert. Affalterbach: Didymos 2018. In: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/07/30/die-architektur-der-normannen/ (30.7.2019).

[10] Was für die Quellen gilt (Anm. 6), muss erst recht kritisch für die Abbildungen angemerkt werden: Es gibt zwar eine Liste der Abbildungen, die Copyright ist hinterlegt, aber von wann und aus welcher Handschrift u.ä. sie stammen, ist nicht nachgewiesen.

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Hans Blumenberg

Rüdiger Zill:
Der absolute Leser. Hans Blumenberg – eine intellektuelle Biographie.

Berlin: Suhrkamp, 2020.
ISBN 978-3-518-58752-2.
816 Seiten. Illustrationen, 38 €

Wie Weltbilder umstürzen. Und die Gottesbilder mit ihnen

Kurz: Philosophie mit Bodenhaftung: Hans Blumenberg (1920-1996) entwickelte in der Bonner Republik neue Fragen, sich mit der Moderne, Naturwissenschaft und Technik zu beschäftigen, aber ohne Fortschrittspathos, aber erst recht nicht mit der Verachtung des Geisteswissenschaftler für die Technik. Und wie Weltbilder sich in Metaphern wider­spiegeln und wie sie umstürzen.

Ausführlich:

Jugend: Erfahrung der Zurückweisung

Der Bruch zwischen der NS-Zeit und der Bonner Bundesrepublik im politi­schen System­bruch und andererseits der biographischen Kontinuität der vor 1930 Gebore­nen[1] stellte eine Generation vor fundamentale Fragen: Ich lebe, meine Kameraden, Schul­freunde sind gefallen – für was? War das, was unter Hitler alle gaben, geben mussten, falsch? Ist die deutsche Geistesgeschichte der „Dichter und Denker“ untergegangen in den Tätern der Euthanasie, des Genozids an Juden, Roma, des Mordes an Homosexuellen, an den Kom­munisten und Sozialis­ten; mehr noch die deutsche Philosophie insgesamt: Kant, Hegel, Heidegger. Heidegger, der sich zum Steigbügelhalter der Wissenschaften im NS anbot?

Hans Blumenberg ist eine Biographie eines Philosophen, der als Jugendlicher den NS erlebte, aber nicht als Gewinner für seine Karriere, im Gegenteil, der mit neuen Themen zu Natur­wissenschaft und Technik der Philosophie neue Wege wies und dennoch etwas zur „be­schwiegenen“ Aufarbeitung des Nationalsozialismus beitrug.[2] 1920, also vor hundert Jahren geboren in der Hansestadt Lübeck, in einem ein Milieu, das der ebenfalls dort geborene Thomas Mann (1875-1955) beschrieb in den Buddenbrooks (1901). Der Vater ein Katholik im fast ausschließlich lutheranischen Lübeck, die Mutter evangelisch getauft aus jüdischem Hause, der Sohn in beider Hinsicht Außenseiter. Als der herausragende Abiturient die Abitursrede halten sollte, intervenierten die intellektuell unterlegenen Nazis der Nachbar­klasse beim NS-Rektor: ein „Halbjude“ dürfe nicht die repräsentative Rede als Primus halten! Blumenbergs Rede trägt sein Freund vor. Wie kann man 1939, auch wenn man ‚nicht dazu gehört‘, Hitler umgehen? Indem man ihn umdeutet: Hitler als Humanist. Beides interpretiert RZ[3] als Lebensthemen Blumenbergs: Kampf gegen das Zurückgesetzt Sein und umdeuten statt zurückweisen. Den Krieg überstand Blumenberg in einer kriegswichtigen Industrie, dennoch wurde er noch zu einem Arbeitslager eingezogen und tauchte anschließend unter. Die Dissertation zum Seinsbegriff in der Scholastik, eigentlich aber eine Auseinandersetzung mit Heidegger, blieb ungedruckt,[4] ebenso die Habilitation, mit der er seinen eigenen Lehrer unter Druck setzte.

Die Dissertation jetzt gedruckt

Siebzig Jahre nach der Fertigstellung ist die Dissertation von 1947 jetzt erstmals gedruckt. Das war durchaus üblich, dass Dissertationen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gedruckt wurden, sondern nur auf der Schreibmaschine mit je einem Kohlepapier dazwischen in drei, maximal vier Exemplaren geschrieben wurden. Mehr Exemplare waren nicht möglich, das Kopieren auf Xerox noch nicht erfunden. Das Titelblatt ist abgebildet S. 9: Es enthält die üblichen um­ständlichen Angaben, nicht zuletzt den akademisch-sperrigen Titel „Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlich-scholastischen Ontologie.“ Auf die 107 eng beschrie­benen Seiten (im Druck 192 Seiten) folgt der obligatorische Lebenslauf. Eigent­lich hätte Blumenberg noch länger studieren müssen, deshalb erwähnt er seine Semester an den katho­li­schen Hochschulen in Paderborn und v.a. an der Jesuiten-Hochschule in St. Geor­gen, bei Frankfurt mit seinem Lehrer Caspar Nink. Für das Thema Ontologie und Scholastik die harte Schule, mittelalterliche Philosophen und ihre lateinischen Begriffe lesen zu müssen (auf Latein natürlich), in der Bibliothek, weil es kaum ältere Bücher zu kaufen gab. Schlägt man aber das Inhaltverzeichnis auf, dann wird einem deutlich: Das ist keine historische Untersu­chung zur Scholastik, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Begriff des Seins und der das Sein verfehlenden Seienden Dinge, wie das Martin Heidegger (1889-1976), Star der Philosophen und Befürworter des Nationalsozialismus, in seiner berühmten Studie Sein und Zeit 1927 getan hatte.[5] Da kann Blumenberg all seine Kenntnis brillieren lassen von Aristoteles über die Scholastiker bis zu den großen Philosophen der vorigen Generation, v.a. Husserl. Da kommen starke Sätze vor wie S. 40 „Hier ist der kritische Punkt erreicht: Soll auch jetzt die Geltung von Offenbarung und natürlichem Wissen je unangetastet bleiben, dann kommt als Konsequenz nur die absolute Trennung von Theologie und Philosophie infrage, die Annahme einer doppelten Wahrheit und damit auch der Wirklichkeit. Das ‚Jenseits‘ verliert damit seine ontologische Valenz, es wird eine ‚Sphäre‘ eigenen ontologisch nicht mehr aufklärbaren Wirklichkeitsranges; wobei die modernen Folgerungen gar nicht mehr fernliegen.“ Und beruft sich dafür auf Thomas von Aquin. Das klingt schon nach der Legitimität der Neuzeit.

Die Legitimität der Neuzeit

Als mit 45 Jahren sein erstes Buch erschien, war Blumenberg schon gefragter Professor. Dann sein erstes dickes Buch 1966, Die Legitimität der Neuzeit. Das Buch will beweisen, dass die Vorwürfe nicht zutreffen, die Neuzeit habe illegitimer Weise die auf Gott bezogenen Werte und das mittelalterliche theonome Weltbild einfach für die immanente Welt der Neuzeit gekapert und den Menschen zum autonomen Gestalter der Geschichte erhoben.[6] Promi­nenter Vertreter waren der katholische Rechtswissenschaftler Carl Schmitt, der in seiner (ersten) Politische(n) Theologie 1922 den Satz aufgestellt hatte: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatstheorie sind säkularisierte theologische Begriffe.“[7] Brisanter noch war aber das Büchlein Meaning in History, das aus dem Perspektivenwechsel seines Exils in Japan und Chicago, in das die Nazis ihn, den protestantisch getauften „Juden“, aus seinem Amt ver­trieben hatten, Karl Löwith, schrieb. Seine Einordnung des Nationalsozialismus nicht gegen die Geistesgeschichte der Neuzeit, sondern als deren Höhepunkt, war maximale Provokation. In der Neuzeit hätten Philosophen das trinitarische Geschichtsbild einfach gestohlen, indem sie Gott entfernten.[8] Aber schon die christliche Anmaßung, der Geschichte eine Bedeutung und ein Ziel zuzuschreiben (meaning in history),[9] sei der Anfang des Übels, an dessen Ende der Nationalsozialismus. Mit Nietzsche plädierte er dafür, dass Geschichte die ewige Wieder­kehr des Gleichen sei.[10] Das Buch war 1953 auf Deutsch erschienen,[11] 1962 nahm es der Philosophenkongress auf unter dem (ver­harmlosenden) Thema „Säkularisierung“ zur Diskussion. Blumenberg machte aus seiner Entgegnung ein Buch, das er dreimal verbesserte. Er setzt nicht beim Nationalsozialismus ein, sondern bei den, sagen wir, Geburtswehen der Neuzeit, bei Nicolaus Cusanus und Giordano Bruno (der Nolaner), bei Copernicus und Galilei. Curiositas „Neugierde“ ist zwar aus hierarchischer Sicht gesehen, eine Sünde, hindert aber Wissbegierige, auch Kleriker, nicht daran, den Dingen auf den Grund zu gehen. Wahrheit ist bezogen auf ein Weltbild. Wenn das Weltbild sich in einem Paradigmenwechsel ändert, dann gibt es neue Wahrheiten, natürlich nicht ohne massive Konflikte. Das Thema hätte man im Blick auf den NS unter Lebenden diskutie­ren könne; es wird aber ersatzweise an anderen Materien besprochen. Die Gegenwart des NS in den Biographien der wissen­schaft­lichen Größen war zu aktuell (und in der Öffentlichkeit noch unbekannt), als dass man Mitte der 1960er Jahre, vor den Auschwitz-Prozessen, so konkret über Täter und Ursachen hätte diskutieren können. Aus dem Buch wurden die drei Überarbeitungen von Blumen­bergs Legitimität daraus,[12] besonders Carl Schmitt hatte reagiert und Blumenberg nahm ihn als Antipoden ernst. – In der heutigen Diskussion geht man nicht mehr von einer Evolution vom Religiösen zum Säkularen aus, sondern mit Talal Assad[13] von einer Selbstän­digkeit des Säkularen von Anfang an neben dem Religiösen (s.o. zur Dissertation).

Begriffe oder Metaphern

Der gefragte Philosoph war auch bei den Planungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein wichtiger Teilnehmer, besonders den Plänen zu Begriffslexika.[14] Nur hatte Blumenberg eine kontroverse Ansicht: Begriffe, wie sie die großen Begriffslexika vorhatten, behinderten eher die Forschung. Statt im Vorhinein einen Begriff zu definieren, seine Bedeutungs-Verän­derung wis­senschaftsgeschichtlich festzulegen, sollte man besser von Metaphern ausgehen. Das, was keine Realität in der objektiven Welt hat, lässt sich nur in einer Metapher ausdrüc­ken: einem Bild der objektiven Welt, das in einem Bild, einem Gleichnis, das ausdrückt, was man damit meint. Das Jenseitige an der „Religion“ etwa lässt sich nur in Metaphern um­schreiben; wenn man sie definiert, ist der Gegenstand schon so begrenzt und mit Vorgaben gefüllt, dass das Ergebnis weitgehend feststeht.[15] Religionswissenschaft hat meist eine Defi­nition von Religion abgelehnt, weil man damit die eigenen Erfahrungen und Sozialisation zum Maßstab macht, den Monotheismus, dass Gott immer gut sei, dass er transzendent der Welt gegen­übersteht usf. Das trifft für viele Religionen nicht zu.

Metaphern, das hatte Blumenberg gezeigt, würden das Untersuchungsfeld öffnen und die Rolle der Rhetorik hervorheben. Das zeigte er in seiner Metaphorologie:[16]Schiffbruch mit Zuschauer 1979, Das Lachen der Thrakerin 1987,[17] Die Lesbarkeit der Welt 1989, Die Vollzähligkeit der Sterne 1997, Die nackte Wahrheit 2019[18] sind Beispiele für diese Methode der Wissenschaft.

RZ macht drei Durchgänge: Erst durch die Biographie, die sehr gut recherchiert ist: neben den Materialien, die im Nachlass Blumenbergs im Literaturarchiv in Marbach zugänglich sind, Gespräche mit der Tochter und früheren Mitarbeitern. Blumenberg selbst hat keine Selbstdarstellung gegeben. Dann stellt er die Arbeitsweise vor: die Leselisten, die Mappen mit Materialien, die Diktate zu Büchern, die er nur teilweise fertigstellte; es können noch einige Bücher ausgearbeitet und veröffentlicht werden. Darunter die wichtige Anthropologie Beschreibung des Menschen.[19] Der dritte Teil stellt vor, wie sich Blumenbergs Denken und Problemstellungen veränderten 1949 – 1961 – 1970 – 1980.

Bis auf den Druckfehler auf der Titelseite ist das Buch so gut wie fehlerfrei. Misslich ist, dass die vorzüglich informierten Anmerkungen hinter dem Text kapitelweise durchgezählt sind, aber nicht im Kolumnentitel die Seiten genannt sind, denen sie zuzuordnen sind. Man braucht also ein weiteres Lesezeichen. Die Klebebindung, Pappumschlag und Schutzum­schlag sind guter Qualität.

Wie Weltbilder umstürzen. Und die Gottesbilder mit ihnen.

Blumenberg hatte mit seiner großen Kenntnis gerade des Mittelalters schon den Mythos von der mittelalterlichen Philosophie differenziert, dass es ihr nur um den Gottesbeweis gegan­gen sei, dass die Philosophie die Magd der Theologie war. Andererseits entlarvte er den Mythos von der Neuzeit in doppelter Weise: Zum einen zeigte er, dass Wissenschaft an die jeweilige Wahrheit eines Weltbildes gebunden ist und erst wenn die Wirklichkeit die sozial geteilte Wahrheit überholt etwa durch gesellschaftliche Veränderungen, durch immer mehr Zweifel an der Richtigkeit, dann kann auch das Weltbild stürzen. Das erarbeitete er am ‚Kopernika­nischen Weltbild‘. Zum andern aber bestritt er die Gegenthese, dass die Neuzeit sich die mittelalterlichen Gottesprädikate angeeignet habe und sie illegitimer Weise auf den Menschen übertragen habe. Man kann da noch einem Schritt weiter gehen. Dass damit nicht das Gottesbild mit aufgegeben werden muss, sondern neben der Konfessionsreligion, auch in doppelter Wahrheit, in der Konfessionsreligion eine Rationalreligion transformiert.[20] 

Rüdiger Zill ist eine hervorragende Biographie gelungen zu einem der wichtigsten Denker der Bonner Republik. Äußerst lesenswert! Und dazu die Bücher von Blumenberg, die mich vom Beginn meines Studiums an begleiteten und begleiten.

 

Bremen/Much, November 2020                                               Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Der Bundeskanzler Helmut Kohl konnte für die gleich ihm 1930 und später Geborenen von der „Gnade der späten Geburt“ sprechen. Bei Kriegsende war er 15 Jahre und wurde nicht, wie die ein Jahr Älteren zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot im Untergang befohlen.

[2] Zum älteren Kollegen Erich Rothacker, der mit Rassentheorie seine Karriere im NS machte, und Blu­menberg das im Nachruf nicht erwähnte, erklärte dieser: „Ich muss nicht das Weltgericht ausüben.“ (249) Grundsätzlich zur „Zweiten Geschichte des NS“, der misslungen und der gelungenen Aufarbei­tung der Zeit des NS und der gerichtlichen Sühnung, s. Auffarth, Drittes Reich. In: Handbuch Religions­geschichte des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, hrsg. von Lucian Hölscher, Volkhard Krech. (Handbuch der Religionsgeschichte im deutschsprachigen Raum, hrsg. von Peter Dinzelbacher, Band 6/1) Paderborn: Schöningh 2015, 113-134; 435-449; Farbtafel I nach S. 320; Literaturverzeichnis 542-553.

[3] Rüdiger Zill, geboren 1958, ist Referent am Einstein Forum in Berlin seit 1997. Er arbeitet u.a. am Nachlass von Blumenberg und gab Die nackte Wahrheit heraus.

[4] Jetzt hat Suhrkamp sie zum hundertsten Geburtstag doch gedruckt. Kurt Flasch hat in seinem Buch Hans Blumenberg: Philosoph in Deutschland: die Jahre 1945 bis 1966. Frankfurt am Main: Vittorio Kloster­mann 2017, ²2019 eindrücklich die Situation geschildert, die auch ihn als Katholiken betraf, der an einer philosophischen Fakultät arbeiten wollte (und nicht Philosophie an einer katholischen Fakultät lehren und forschen wollte). Für die dogmatischen Gebundenheit der katholischen Philosophie des Neu-Thomismus/Neu-Scholastik findet er nur Verachtung. – Die Anekdote, die Blumenberg Flasch über seine Zeit während des Krieges erzählte, ist zu schön, um wahr zu sein. RZ 30 und 90-113 hat die Zeit als Verfolgung und Angst rekonstruiert.

[5] Frühere Titelformulierungen benannten das explizit (219), etwa: Die ontologische Leistung der mittel­alter­lichen Scholastik, im Hinblick auf Heideggers Destruktion der traditionellen Ontologie.

[6] In der Neubearbeitung Säkularisierung und Selbstbehauptung des ersten und zweiten Teils der Legitimität wertet Blumenberg 1974 „Säkularisierung – Kritik einer Kategorie des geschichtlichen Unrechts.

[7] Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. München: Dunker und Humblot [1922] ²1934, 43-55. [Auszug in: Christian Frey (Hrsg.): Säkularisierung. Grundlagentexte zur Theoriegeschichte. Berlin: Suhrkamp 2020, 434-446] Zur Auseinandersetzung Schmitts mit seinem Freund, dem gerade zum Katholizismus konvertierten Erik Peterson, s. Reinhart Koselleck, Carl Schmitt: Der Briefwechsel. Berlin: Suhrkamp 2019, 235-241.

[8] Blumenberg 1974 (wie Anm. 6), A. 268. Löwith habe in der Diskussion geäußert: „die oft mißverstan­dene Absicht [seines Buches] sei gewesen, die Unmöglichkeit einer autonomen Geschichtsphilosophie zu zeigen.“

[9] „Daß wir aber überhaupt die Geschichte im ganzen auf Sinn und Unsinn hin befragen, ist selbst schon geschichtlich bedingt: jüdisches und christliches Denken haben diese maßlose Frage ins Leben gerufen. Nach dem letzten Sinn der Geschichte ernstlich zu fragen, überschreitet alles Wissenkönnen und verschlägt uns den Atem; es versetzt uns in ein Vakuum, das nur Hoffnung und Glaube auszu­füllen vermögen. – Die Griechen waren bescheidener. Sie maßten sich nicht an, den letzten Sinn der Weltgeschichte zu ergründen. Sie waren von der sichtbaren Ordnung und Schönheit des natürlichen Kosmos ergriffen.“ (Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen. = Sämtliche Schriften 2, 14).

[10] Etwa gleichzeitig hat der Religionswissenschaftler Mircea Eliade diese Geschichtsauffassung zum Grundprinzip der Religionen gemacht (Le mythe de l’éternel retour: archétypes et répétition. Paris: Galli­mard 1949. Deutsch: Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr: Düsseldorf: Diederichs 1953. Als Taschenbuch Rowohlts deutsche Enzyklopädie 1966): Regelmäßig und im Neujahrsfest erinnert werde das Alte zerstört und im Chaos entstehe der Zauber des Neuanfangs.

[11] Die deutsche Übersetzung trug den Titel Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Stuttgart: Kohlhammer 1953. Zu benutzen im Band 2 der Gesammelten Schriften von Karl Löwith. Stuttgart; Weimar 1983, 7-239. Löwiths Autobiographie Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht. Stuttgart: Metzler 1986. Fiala. Geschichte einer Versuchung. Berlin VTA 2019. Die Rezension zu Blumenbergs Legitimität in: Philosophische Rundschau 15 (1968), 195-209 (= GS 2[1983], 452-459). Dazu RZ 477: Blumenberg meinte, er sei dort fahrlässig missverstanden (vgl. Blumenberg 1974 (wie Anm. 5), 35-38).

[12] Erste Fassung 1966, Überarbeitung in den drei Taschenbuchbänden Der Prozeß der theoretischen Neu­gierde 1973, Säkularisierung und Selbstbehauptung 1974, Aspekte der Epochenschwelle: Cusaner und Nolaner 1976; erneute Ausgabe 1988.

[13] Talal Assad: Formations of the secular: Christianity, Islam, modernity. Stanford, CA: Stanford UP 2003.

[14] RZ 244-251. Auffarth, Allowed and forbidden words: Canon and Censorship in ‚Grundbegriffe’, ‚Critical Terms’, Encyclopaedias. Confessions of a person involved, in: Ernst van den Hemel; Asja Szafraniec (eds.): Words. Religious Language Matters. New York: Fordham UP 2016, 211-222; 546-550. – Zum Briefwechsel Blumenberg – Taubes s. meine Rezension http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2014/01/09/briefwechsel-blumenberg-taubes/ (9.1.2014).

[15] So erzählt Jesus die „Herrschaft Gottes“ βασιλεία θεοῦ in Gleichnissen aus der Alltagserfahrung. In dem von Auffarth und Hubert Mohr entwickelten Modell von Ebenen der Beschreibung kommt das Jenseitige vor als menschliche Rede von Eschatologie, Tod, Jenseits, Gott.

[16] Der lange Aufsatz „Paradigmen zu einer Metaphorologie“ im Archiv für Begriffsgeschichte 6 (1960), 7-142, als Buch bei Suhrkamp 1989 ist jetzt zu verwenden mit dem Kommentar von Anselm Haver­kamp, Dirk Mende und Mariele Nientied. (Suhrkamp Studienbibliothek 10) Frankfurt am Main 2013.

[17] Ausführlich zu der Genese, Zurückweisung durch die Literaturwissenschaftler in der Gruppe Poetik und Hermeneutik 1976 und das Buch RZ 310-315.

[18] Hrsg. aus dem Nachlass von Rüdiger Zill.

[19] 2014 hrsg. von Manfred Sommer. Umfasst 918 Seiten.

[20] Wolfgang Eßbach: Religionssoziologie. Band 1. Paderborn: Fink 2014.

 

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Greek Myth and Religion

Albert Henrichs: Greek Myth and Religion. Collected Papers II.

Edited by Harvey Yunis.

De Gruyter Berlin; Boston 2019. XXXVII, 606 Seiten.
ISBN 978-3-11-044665-4.
€ 129,95.

Griechische Religion und der ‚Glaube‘ der Philologen

Kurz: Der 2017 verstorbene Klassische Philologe Albert Henrichs hat mit seinen Aufsätzen viele Aspekte der Griechischen Religion untersucht. Jetzt liegen sie thematisch geordnet und im Zusammenhang wieder vor.

Ausführlich: Der bedeutende Philologe Albert Henrichs[1] gehört zu der Generation, die seit den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Themen der griechische Religion zu einem zentralen Bereich für die Religionswissenschaft machten. Fulminanter Auslöser war Walter Burkerts Homo necans 1972. Dort diskutierte er das griechische Opferritual sowohl auf höchstem philologischem Niveau wie auch in der aktuellen kulturwissenschaftlichen Wen­de, vertraut mit Psychoanalyse, Verhaltensforschung, Ritualtheorien, und der boomenden Ethnologie. Die mit ihm wetteifernden Kollegen der Altertumswissenschaften trafen sich auf dem Geburtstagskolloquium zu Burkerts 65. Geburtstag. Die Festschrift versammelt sie, darunter natürlich Albert Henrichs.[2] Schon als Student trat die außerordentliche Kompetenz von AH hervor, mit 23 Jahren war er promoviert an der Universität seiner Heimatstadt Köln, ebenda habilitierte sich der 26-Jährige. Im Jahr darauf lehrte und forschte er an der University Michigan, bis er dann 1973 an die Harvard University berufen wurde, seit 1984 auf einer full professor-Stelle. Sein Können bewies er im Bereich der Papyrologie (in Köln, Michigan, Harvard), die aus den Fetzen von unebenem Papyrus die Buchstaben lesen und das Wort zu vervollständigen versucht. Das erfordert eine Beherrschung der griechischen Sprache, über die nur wenige verfügen. Albert war das Wunderkind. Nur wenige Bücher hat er geschrieben,[3] die Sather lectures, gewissermaßen der Nobel-Preis für Altertumswissen­schaftler, hat er gehalten, sie blieben aber unveröffentlicht bis auf das schmale Büchlein „Warum soll ich denn tanzen?“[4] Alles andere sind Aufsätze, darunter die vielen kleinen textkritischen Nachweise in der von seinem Kölner Lehrer Reinhold Merkelbach heraus­gegebenen Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, seit 1(1967). AHs Werk ist in der Biblio­graphie (xiii – xxi) zusammengestellt. Die vierbändige Ausgabe wird alle Aufsätze in der originalen Sprache, also viele auf Deutsch, einem gepflegten Deutsch, wieder zugänglich machen und so das Gesamtwerk von AH repräsentieren.

Band 2 enthält in vier Teilen 27 Aufsätze, für die Religionswissenschaft wohl die wichtigsten, neben denen weitere Aufsätze kommen, die hier noch nicht enthalten sind zur Wissen­schaftsgeschichte (Band 4, ed. Renaud Gagné, 2021) und zu Nietzsche und dem Dionysi­schen Band 3, (ed. Scott Scullion 2021). Band 1 (für 2023 vorgesehen) soll die Aufsätze zur Papyrologie enthalten. Hier also Band 2:

Teil 1 umfasst die Arbeiten zu Opfer und Ritual. Grundlegend die Überlegungen zum Verhältnis von Mythos und Ritual (Dromena und Legomena [Gehandelt und gelesen] Zum rituellen Selbstverständnis der Griechen, 89-128. Besonderheiten der Opferrituals; Menschen­opfer als Krisenkult, 37-68, Menschenopfer als Vorwurf gegen Christen, 11-36, die Boupho­nien, jenes aufregende Ritual in Athen, in dem der Opfernde vor Gericht gestellt wird als Verbrecher, 85-89.[5] Esoterische Gruppenbildung behandelt Mystika, Orphica, Dionysiaka, 193-216. Die Frage von Opfer als Form von Gewalt ist in den Aufsatz Eumenides 69-84, Blutver­gießen am Altar, 149-176 behandelt, Chthonische Opfer 129-148. Dazu ein Porträt What is a Greek priest? 177-192 und zum Orakel in Hierapolis, 3-10. Teil 2 Götter und Mythen fragt einmal grundsätzlich What is a Greek God? 361-382. Götternamen und Anonymität behandeln Despoina Kybele 221-254, den ‚unbekannten Gott‘ in Paulus‘ Areopagrede (Apg 17), 299-334, sowie Lexikonartikel zu einzelnen Göttern. Das Meisterstück ist die Rede über „Die Götter Griechenlands“, in dem AH die Geistesgeschichte dieser besonders deutschen Vorstellung seit dem Idealismus bis zur paganen Theologie Walter F. Ottos beschreibt, 255-298. Teil 3 zu den göttlichen Epiphanien befasst sich mit diesem wichtigen Element griechischer Religion, wie Götter sich zeigen, 429-450, vor allem Dionysos, der ‚kommende‘ Gott,[6] 451-464. Hier kommt allerdings ein Ver­ständnis von Gottheit zum Vorschein, das sich von der systematischen Religionswissenschaft unterscheidet. AH betont, dass die Götter sich zeigen. Sie sind also handeln­­de Personen, die den Menschen gegenüber treten. Wer das als moderne Wissen­schaft­lerIn tut, setzt also die Existenz, die Person der Göttinnen und Götter voraus, „glaubt“ an die Götter.[7] „Götter sind“ ist die Formel der Philologen, die AH vorstellt. Als Religions­wis­senschaftler kann ich das nicht teilen: Menschen zeigen Götter, es gibt eine Sprache von Metaphern, die das „sich Zeigen“ behauptet, aber in der Regel als einen Mythos der Vergan­genheit, selten als aktuelle „Erfahrung“, die aber auch nur als Erzählung zu greifen ist.[8] Das kann man wissenschaftlich nicht übernehmen, auch nicht dass „die Griechen an ihre Götter glaubten“. Das ist eine Idee des ‚Idealismus‘, etwa Hölderlin, mit einer Spitze gegen den metaphysischen Monotheismus, der sich weniger gegen das Christentum richtet, sondern vor allem gegen ‚Moses‘, den ethischen Monotheismus des Judentums.[9]

Der vierte Abschnitt stellt Manichaica vor (467-606). Ein sensationeller Fund in der Kölner Papyrussammlung war die ‚Autobiographie‘ des persischen Religionsstifters Mani im 3. Jh. Ein winziges Buch beschreibt seine wunderbare Geburt mit einem himmlischen Zwilling. AH beteiligte sich intensiv an der Edition. Eine Frucht des Kontextes ist der Aufsatz Thou shalt not kill a Tree, in der er griechische, manichäische und indianische Erzählungen über den Baum-Mord vergleicht, 503-528.

Aufsätze aus 50 Jahren vom ersten bis zum letzten, thematisch zusammengestellt, sind eine gute Gelegenheit, die Aufsätze im Zusammenhang (in meinem Fall: wieder) zu lesen. Viele haben die Diskussion bereichert und in neue Bahnen gelenkt. Aber sie sind nicht Geschichte, nicht aus nostalgischen oder den Autor ehrenden Gründen wiedergedruckt, auch wenn nur wenige bearbeitet sind. Die meisten behalten ihren Wert auch in der weiter gegangenen Diskussion.

 

 Bremen/Much, Oktober 2020                                                      Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Geboren 29. Dezember 1942 in Köln, starb er 16. April 2017 in Cambridge, MA, 74-Jährig. Im Folgenden kürze ich den Namen mit den Initialen ab.

[2] Fritz Graf (Hrsg.): Ansichten griechischer Rituale. Stuttgart: Teubner 1998. Beteiligt waren: Martin L. West (1937-2015), Jan Bremmer (*1944), Albert Henrichs (1942-2017), Peter Blome, Robin Hägg (1935-2016), Nanno Marinatos (*1952), Erika Simon (1927-2019), Gerhard Baudy (*1950), John Scheid (*1946), Philipp Borgeaud (*1946), Fritz Graf (*1944), Henk Versnel (*1936), Hugh Lloyd-Jones (1922-2009), Claude Calame (*1943), Hans Dieter Betz (*1931), Thomas Szlezák (*1940) und Walter Burkert (1931-2015). Als SchülerIn Eveline Krummen (*1956), Christoph Riedweg (*1957).

[3] Die Diss. zu Didymos der Blinde, Kommentar zu Hiob Bonn 1968 und die Habil. Die Phoinikika des Lollianos Bonn 1972 sind Editionen aus Papyri mit ausführlichen Kommentaren. 1973/74 gab er die Überarbeitung von Karl Preisendanz‘ Die griechischen Zauberpapyri bei Teubner, Stuttgart (erste Auflage 1928, 1931, 1941) heraus.

[4] (Lectio Teubneriana 4) 1996, englisch 1995 als Zeitschriftenaufsatz veröffentlicht. Der für die Alter­tumswissenschaften sagenhafte Teubner Verlag hatte nach der Wende auch wieder neben dem Stuttgarter Sitz in Leipzig sein früheres Stammhaus eröffnet. Die Bibliotheca Teubneriana, führende Textausgaben, ist jetzt beim Verlag de Gruyter. Ebenfalls separat erschien die Rede Die Götter Griechenlands, im vorliegenden Band nachgedruckt 255-298.

[5] Der wichtige Aufsatz (1992) in Auseinandersetzung mit Burkerts Deutung als Ochsen“mord“ folgt wohl im vierten Band der Collected Papers zu wissenschaftsgeschichtlichen Themen: History of Classical Scholarship, hrsg. Renaud Gagné, angekündigt für 2021.

[6] So charakterisierte Walter F. Otto: Dionysos. Frankfurt 1933 die Besonderheit des Dionysos. Otto entwickelte seine pagane Theologie (Die Götter Griechenlands 1929) ausdrücklich gegen das Christen­tum im Anschluss an Nietzsches Antichrist: Walter F. Otto, Der Geist der Antike und die christliche Welt 1923. Dazu die vorzüglichen Arbeiten von Hubert Cancik und Jan Bremmer.

[7] Das zeigt AH auch in seiner Geistesgeschichte „Die Götter Griechenlands“. Das ist gewissermaßen eine emische Betrachtungsweise, die aber für die Griechen nicht einfach vorausgesetzt werden kann. Siehe meine Kritik an der Rede von der „Macht“ des Götterbildes in der Rezension Fernande Hölscher: Die Macht der Gottheit im Bild. Göttingen: Verlag Antike 2018. In: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2020/01/06/die-macht-der-gottheit-im-bild/ (6.1.2020).

[8] In einem Aufsatz, der auf seinen Druck wartet, habe ich das gezeigt: Vom Kultbild zur Epiphanie: Der Gott von Delphi besiegt die angreifenden Kelten 279/78 v.Chr. in: Raban von Haehling, Matthias Steinhart, Meinolf Vielberg (Hrsg.): Prophetie und Parusie. (Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums, N.F. 1) Paderborn: Schöningh 2020, ##. Dort auch zu Henrichs Epiphanie-Vorstellung.

[9] Das hat sehr gut und lesenswert herausgearbeitet Bernd Witte: Moses und Homer. Griechen, Juden, Deutsche: Eine andere Geschichte der deutschen Kultur. Berlin: De Gruyter 2018.

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The fourth Lateran Council

Gert Melville; Johannes Helmrath (Hrsg.):
The fourth Lateran Council: Institutional reform and spiritual renewal.

352 Seiten und 2 Tafeln mit 3 farbigen Abbildungen

Affalterbach: Didymos 2017.
ISBN 978-3-939020-84-4
59 €

Die Anweisungen des Papstes, wie man mit religiösen Bewegungen umzugehen hat, indem man die einzig wahre Religion festlegt: das Konzil von 1215

Kurz: Der Papst lädt die Welt ein zu sich in den Lateran-Palast in Rom, um den Klerikern einen festen Rahmen zu geben, Wildwuchs zu beschneiden, Ketzer zu vernichten, das Heilige Land wieder zu erobern: Das Vierte Laterankonzil war das wichtigste Konzil des Mittelalters vor den Reformkonzilen des 15. Jahrhunderts.

Ausführlich: Das Vierte Laterankonzil ist eines der wichtigsten im Mittelalter. Konzile sind Zusammenkünfte aller Bischöfe, um Weichenstellungen für die Entwicklung der Kirche zu beraten und zu beschließen. So verstanden sich die Konzile des 15. Jahrhunderts (Im ‚Zeit­alter des Konziliarismus‘: die Konzile in Konstanz 1414-1418, in Basel 1431-1445 bzw. in Florenz/Ferrara). Der Bischof von Rom war demnach nur einer unter vielen Bischöfen. Luther berief sich, als er auf dem Reichstag angeklagt wurde, auf ein Konzil; über seine Reformation könne nur ein Konzil entscheiden. Das Konzil aber, das dann über ein Viertel­jahrhundert später über 18 Jahre verteilt endlich in Trient tagte (1545-1563), bestand nur aus dem katholischen Teil der Kirche. Im Reich waren mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 die Protestanten als zweite Konfession anerkannt. – Der emeritierte Präsident der Historischen päpstlichen Kommission, Walter Brandmüller, zeigt, wie intensiv das Tridenti­nische Konzil zurückgriff auf das Lateranum IV (11-14). – Verstanden sich die Konzile als das entscheidungsberech­tigte Gremium der Vollversammlung der Bischöfe, so gibt es noch eine andere Interpretation der Funktion von Konzilen: Der Papst lädt die Bischöfe ein, Ihnen seine Pläne mitzuteilen, damit sie in den Bistümern durchgesetzt werden.[1] So hatten sich die Reform-Päpste der libertas ecclesiae das vorgestellt, als absolute Monarchie, und sich dabei auf die angebliche Einsetzung des Petrus durch Jesus als ‚ersten Papst‘ berufen,[2] während in Mat­thäus 18 nicht nur Petrus einen Schlüssel, sondern alle Apostel einen Schlüssel bekom­men. Als Monarch der Kirche hatte sich v.a. Gregor VII. Mitte des 11. Jahrhunderts verstan­den, war damit aber gescheitert.[3] Urban II. hatte den Kreuzzug ausgerufen, war aber nicht Herr der Bewegung.[4] Die Laien wollten anderes und waren nicht als ‚Heer des Papstes‘ unterwegs. Am weitesten gelang es Innozenz III., die mittelalterliche Kirche wie ein Monarch zu führen. Das in seinem Palast, im Lateran, in Rom zusammengerufene Konzil, das Vierte Laterankonzil, erwies sich zusammen mit der Schlacht von Bouvines ein Jahr zuvor als der Höhepunkt der Papstmacht, Bonifaz VIII. hätte es ihm fast hundert Jahre später gerne gleich­gemacht, aber hatte wieder nicht die Kraft, das durchzusetzen.

Im November 1215 hatte Papst Innozenz III. im 17. Jahr seines Papstamtes die Bischöfe zusammengerufen ‚zu sich nach Hause‘, weil es viel zu regeln gab. Der Papst verkündete die Regeln in drei Wochen, die Bischöfe hatten sie durchzusetzen. Seit dem dritten Laterankonzil 1187 waren entscheidende Dinge geschehen: Der dritte Kreuzzug war gescheitert, Jerusalem war wieder eine islamische Stadt; der vierte Kreuzzug 1204 sollte die Heilige Stadt zurück­erobern, die Venezianer wussten aber die Schiffe umzuleiten und so eroberten sie Konstan­tinopel: ein Kreuzzug gegen die Christen im Osten, nicht gegen ‚Heiden‘. Der Papst setzte den griechischen Patriarchen ab, einen westlichen Patriarchen ein, um die Christen zu bekehren zum lateinischen Christentum: die Perversion des Kreuzzugsgedankens! Und sie ging noch weiter: Kreuzzüge wurden nun ausgerufen gegen andere Christen, so gegen die regionale Kirche in Südfrankreich, die sich als die Reinen (Katharer) verstanden, den Römern aber als Ketzer galten. Im Namen des Papstes durfte gemordet, geraubt, enteignet, die rechtmäßige Herrschaft abgesetzt werden.[5] 16 Jahre s­päter wurde die Inquisition ein­gesetzt. Die selbstbewusste Kirche Südfrankreichs wider­setzte sich dem Anspruch des Papstes, als absoluter Herrscher der Kirche aufzutreten. Die Katharer waren eine Ausprä­gung der vita apostolica-Bewegung, die überall im 12. Jh. neue Formen des christlichen Lebens hatte aufsprießen lassen. Auch diese neuen Gruppen galt es zu regulieren. Innozenz hatte die Fäden gezogen für die Nachfolge der Könige in England, Frankreich, Deutschland in der Schlacht von Bouvines 1214. Ein halbes Jahr nach dem Konzil starb der 55-Jährige.

Zu den Teilnehmern (zusammengefasst S. 38), der Frage, ob die Bezeichnung ‚ökumenisch‘ (also die ganze Welt umfassend) berechtigt sei (25), und den Ablauf der Entscheidungen (nur über das Credo und die Verurteilung von Joachims und Amalrics Schriften gibt es eine Akklamation, sonst wurde alle vom Papst formulierten canones[6] vorgelesen, nicht diskutiert) gibt Johannes Helmrath präzise Auskunft: The Fourth Lateran Council. Its Fundamentals, Its Procedure in Comparative Perspective (17-40). Kenneth Pennington: The Fourth Lateran Council. Its Legislation, and the Development of Legal Procedure (41-50) beschreibt, wie das Konzil das Kirchenrecht prägte durch eine scharfe Scheidung von Klerikern und Laien.

Auf dem Konzil[7] musste (1) der Katholische Glaube präzise formuliert werden gegen die Griechen von Konstantinopel und die Franzosen in der Languedoc.[8] Schon gleich zu Beginn seines Pontifikats hatte Innozenz als Ziel ausgegeben ad extirpandas hereses universas „die sich überall verbreitenden Ketzereien auszurotten“ (61).[9] Werner Maleczek: Firmiter credimus – Die erste dogmatische Konstitution des IV. Lateranum. Bemerkungen zu Genese und Inhalt 57-78 weist auf die außergewöhnliche Neufassung des Glaubensbekenntnisses hin. Wichtig auch die Transsubstantiationslehre (72-75) – Thomas Prügl: The Fourth Lateran Council – A Turning Point in Medieval Ecclesiology? (79-98) bejaht die Frage: “the model introduced by Innocent III at the Fourth Lateran council […] included that the pope can make infallible dogmatic decisions also without cooperation of a council.” (97). – Josep-Ignasi Saranyana: II male. Un dibattito con ripercussioni metafisiche, nel Lateranense IV (99-109) diskutiert den Satz des Glaubensbekenntnisses in c. 1, dass „der Teufel und die Dämonen ursprünglich von Gott gut geschaffen wurden, sich aber von alleine zum bösen entwickelten. Der Mensch sündigte durch Einflüsterung des Teufels“. – Stefan Burkhardt: Ut sit unum ovile et unus pastor. The Fourth Lateran Council and the Variety of Eastern Christianity (111-122) diskutiert den Leitsatz una religio in varietate rituum, “ein und dieselbe Religion trotz unterschiedlicher Liturgien”. Wie bekommt man nach der Eroberung Konstantinopels die griechischen Priester dazu, der lateinischen Dogmatik und dem Patriarchen zu gehorchen?

(2) Dann war ein Streitpunkt das Verhältnis der normalen Christen zu den Geistlichen, eigentlich vor allem um die Weltgeistlichen gegenüber den Perfekten, wie man die Mönche anerkennend nannte. Ja, weiter noch: Urban II. hatte zum Kreuzzug Laien aufgerufen: Nicht ich, sondern Christus ruft euch auf: Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach! Also alle Christen sind Jünger bzw. Apostel Christi! Die vita apostolica-Bewegungen des 12. Jahrhunderts nivellierten den Unterscheid von Klerikern und Laien. Julia Barrow: Clergy and the IV Lateran (125-136) begrenzt sich ausschließlich auf den Klerus und die Fragen von Ausbildung, Zölibat und das priesterliche Leben. – Die Eheschließung als Sakrament, nach dem Skandal um Philipp August II.[10] spielt keine Rolle in der Behand­lung von c. 50f bei David L. D‘Avray: Lateran IV and Marriage. What Lateran IV did not do about Marriage? (137 142) – Die Einführung der Einzelbeichte (Ohrenbeichte) mindestens einmal im Jahr (c. 21) behandelt im Zusammenhang mit c. 60/62) Catherine Vincent: La pas­torale de la pénitence du IVe concile du Latran: Relecture des canons 21, 60 et 62 (143-162), die besonders auch auf die symbolische Darstellung eingeht. – Nicole Bériou: Lateran IV and Preaching (163-174) begrenzt ihr Thema weitgehend auf ‚Predigten auf dem Konzil‘ und Innozenz als Prediger. Die anderen Fragen wie Laienpredigten, Predigen für den Kreuzzug bleiben unbehandelt.[11] – John Sabapathy: Some Difficulties in Forming Persecuting Societies before Lateran IV Canon 8. Robert of Courson thinks about Communities & Inquisitions (175-200). Das ist eine sehr sorgfältige Diskussion ausgehend von dem Begriff der Formation of persecuting Societies, den Robert I Moore konzipiert hat (Zur Kritik 178, A. 16): im Gefolge des Vierten Laterankonzils sei aus der Pluralität die Verfolgung von religiösen Bewegungen geworden, die sich nicht dem Gehorsam gegenüber dem Papst fügen, als Prozedur die Inquisition, die allerdings erst ab 1231 auf Laien angewendet wurde (Feuchter, s.u.).

(3) Wie mit Andersgläubigen umzugehen sei, diktierte der Papst dem Konzil: Der Spezialist zu Joachim von Fiore schreibt über die Verdammung des Trinitätsbüchleins auf dem Konzil, c.2, 13 Jahre nach dessen Tod: Gian Luca Potestà: La condanna del libellus trinitario di Gioacchino da Fiore: oggetto, ragioni, esiti (203-224).[12] – Zum Kreuzzug gegen die Katharer Jörg Feuchter: The Albigensian Crusade, the Dominicans and the Antiheretical Dispositions of the Council (225-242) erklärt, dass man die großen Probleme und Ungerechtigkeiten des Albigenser-Kreuzzugs auf dem Konzil nicht entschied, also das Unrecht akzeptierte. – Das Zusammenleben mit Juden wurde durch das Tragen des gelben Aufnähers grell distanziert, dazu Joseph Goering: Lateran Council IV and the cura Judaeorum (243-254) zu c. 67-70 mit einem Ausblick auf die Verbrennung des Talmud in Paris 1240. Nikolas Jaspert: Crusade, Reconquest and the Muslims: The Islamic World at the Fourth Lateran Council (255-274) konstatiert anhand des umsichtig vorgestellten Materials, dass nicht nur die islamische Welt differenziert war, sondern auch die Sicht des Papstes; vorrangig aber war ihm die Freilas­sung von Muslimen gefangener Kreuzfahrer.

Das Verbot, neue Orden zu gründen oder vorhandene neu bestätigen (approbieren) zu lassen, war das Thema (5) des c. 13 des Konzils. Die Franziskaner hatte ihre liebe Mühe damit, den Dominikanern gelang es relativ einfach. Gert Melville: regulam et institutionem accipiat de religionibus approbatis. Kritische Bemerkungen zur Begrifflichkeit im Kanon 13 des 4. Laterankonzils.(275-288). Der canon war zu strikt formuliert, als dass er praktisch umge­setzt werden konnte, wie auch die folgenden Aufsätze zeigen: Maria Pia Alberzoni: II concilio dopo il concilio. Gli interventi normativi nella vita religiosa fino al pontificato di Gregorio IX (289-318). – Pierantonio Piatti: Cronaca di un «sisma». Le religiones novae al vaglio del II Con­cilio di Lione 1274 (319-347). Der Namensindex 348-352 hat etwas Probleme mit den Namens­formen in den 3 deutschen, einem französischen, 5 italienischen und 12 englischen Beiträgen, hat das aber sehr sorgfältig gelöst.

Der Band ist keine Monographie, dafür eine ziemlich umfassende Sammlung von zentralen Aspekten, die das Konzil betreffen, vorgestellt von Spezialisten des jeweiligen Themas, die mit allem Können die Forschung (in meist umfangreichen Fußnoten – erfreulicherweise Fuß­noten!) aufgreifen und weiter führen. Die Beiträge sind zumeist durchaus kritisch, also nicht nur das Kirchenmodell eines Papstes bejahend, der als vicarius Christi den Bischöfen Anweisungen gibt. Ein hervorragendes Handbuch, das zu Recht auch den Verleger des Kleinverlages rühmt!

Bremen/Wellerscheid, November 2020                                            Christoph Auffarth,

Religionswissenschaft
Universität Bremen

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[1] Den Höhepunkt dieser Interpretation erreichte das Erste Vatikanische Konzil 1870 mit der selbst zugesprochenen Unfehlbarkeit des Papstes, hier Pius‘ IX. Scharfzüngig, aber genau belegt und erklärt von Hubert Wolf: Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. Biogra­phie. München: Beck 2020, 257-304. Positiv bewertet das jedoch John Sabapaty, dieser Band S. 176.

[2] Matthäus 16,18f „Du bist Petrus und auf diesen Fels (griechisch petra „Fels“) werde ich meine Kirche bauen. Ich werde Dir die Schlüssel der Herrschaft der Himmel geben. …“ – Matthäus 18,18 ist das aber allen Jüngern/Aposteln aufgetragen.

[3] Der dictatus papae von 1059 formuliert scharf den Anspruch, er wurde aber nie veröffentlicht und war weit von der Realität entfernt. Der Text Erich Caspar (Hrsg.): Das Register Gregors VII. (Monumenta Germaniae Historica. Epistolae 4, Epistolae selectae 2, 1) Berlin: Weidmann 1920, II,55a, Bd 2, S. 201–208.

[4] Christoph Auffarth: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Göttingen 2002, 123-150. Ders.: Nonnen auf den Kreuzzügen: ein drittes Geschlecht? In: Das Mittelalter. Zeitschrift des deutschen Mediävistenverban­des Band 21, Themenheft 1: Kreuzzüge und Gender, hrsg. von Ingrid Baumgärtner und Melanie Panse. Berlin: de Gruyter 2016, 159-176. Tim Weitzel: Kreuzzug als charismatische Bewegung. Päpste, Priester und Propheten 1095-1149. (Mittealterforschungen 62) Ostfildern: Thorbecke 2019.

[5] Christoph Auffarth: Die Ketzer. Katharer, Waldenser, religiöse Bewegungen. München: Beck ³2016.

[6] Die Beschlüsse eines Konzils werden canones Regeln (Singular canon), auch caput Kapitel genannt und mit c. abgekürzt.

[7] Die Beschlüsse des Konzils sind (lateinisch) zu finden Constitutiones Concilii quarti lateranensis – Costituzioni del quarto Concilio lateranense. Herausgegeben von M. Albertazzi.  La Finestra editrice, Lavis 2016. Antonio García y García (ed.): Constitutiones Concilii quarti Lateranensis una cum com­mentariis glossatorum. Città des Vaticano 1981. Im Internet die ältere Ausgabe ohne Übersetzung und Kommentar http://www.internetsv.info/Archive/CLateranense4.pdf  (31. 10 2020). Kleine Auswahl lateinisch und deutsch in: Enchridion symbolarum, definitionum et declarationum de rebus fidei et morum. Hrsg. von Heinrich Denzinger; Peter Hünermann. Freiburg: Herder 371991, § 800-820.

[8] Frankreich war eigentlich nur der mittlere Landesteil, Franzien, mit dem König von Paris, der gerade seine Herrschaft nach Osten ausdehnte. Der Süden und Westen sprach eine andere Sprache, die langue d’Oc und hatte eine andere Kultur. Der Kreuzzug gegen die Katharer hatte zum Ziel, dem König von Paris, Philipp II. August, das Land der mächtigen Grafen von Toulouse zu unterwerfen.

[9] Register der Briefe Innozenz‘ III. I 81 (ed. Otmar Hageneder. Graz: Böhlau 1964).

[10]  In einem Klassiker der französischen Geschichtsschreibung hat den Fall hat anschaulich beschrieben Georges Duby: Le chévalier, la femme et le prêtre. Le mariage dans la France mediéval. Paris: Hachette 1981 (Ritter, Frau und Priester. Frankfurt am Main 1985).

[11] Dazu die umfangreiche Wiener Dissertation Alexander Marx: Die Predigt des Dritten Kreuzzugs. 2019.

[12] Zur Wirkung der Theologie des Joachim s. Christoph Auffarth: Ein Paradigmenwechsel in der Europäischen Religionsgeschichte: Joachim von Fiores Drittes Reich. Mit drei Teilen (1) zu Joachim von Fiore und der Edition seiner Werke, (2) Rez. Nelly Ficzel, Der Papst als Antichrist 2019 und (3) der Rezeption des ‚Dritten Reiches‘ in der Wissenschaft der NS-Zeit. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/09/30/der-papst-als-antichrist/ (30. September 2019).

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Expedition Bibel

Peter Kuhlmann

Band I:

Expedition Bibel – In 20 Schritten durch das Alte Testament

128 S. A4, Softcover,
ISBN 978-3-921744-598
Eigenverlag, Celle 2016,
28,- €

 

Band II:

Expedition Bibel – In 20 Schritten durch das Neue Testament

128 S. A4, Softcover
ISBN 978-3-921744-60-4
Eigenverlag Celle 2020,
28.-€

 

Bestellung über: www.bibelseminar.net

 

Die äußere und innere Welt der Bibel ist in unserer Zeit immer weniger bekannt. Um interessierten Menschen einen sach- und zeitgemäßen Zugang zu ermöglichen, hat der Theologe Peter Kuhlmann (Celle) ein zweibändiges Kursbuch erarbeitet. Die „Expedition Bibel“ zum Alten Testament ist schon 2016 erschienen, der Band zum Neuen Testament im Jahr 2020. In jeweils 20 Schritten werden historische und theologische Fragen in direktem Bezug zum biblischen Text erörtert. In guten Übersichten wird Bibelkunde anschaulich gemacht, und geschichtliche Tabellen und Sachhinweise sind didaktisch gut aufbereitet. Alle Kapitel sind mit passendem Bildmaterial ausgestattet. Das ist nicht nur „Schmuck“, sondern dient auch der eigenen Reflektion.

Dem Kurscharakter entsprechend sind eingangs Zieltexte genannt, die hauptsächlich erarbeitet werden, und es finden sich Fragen, die der fachlichen und persönlichen Vertiefung und der Diskussion im Seminar dienen. Alle ausgewählten Bibeltexte werden mit den zentralen Fragestellungen konfrontiert:

  • „Welche Erfahrungen haben Menschen mit Gott gemacht- in ihren jeweiligen persönlichen, sozialen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen?
  • Was sagt mir diese Rede von Gott?“

Leserinnen und Leser lernen das so genannte Alte Testament in der Reihenfolge kennen, wie es im jüdischen Gebrauch üblich ist. Nach der Urgeschichte, den Erzelternerzählungen, Moses und den Propheten werden die weisheitlichen Bücher und Psalmen bearbeitet.  Dieses Seminarbuch ist durchaus anspruchsvoll gestaltet, jedoch erhält man viel fachliche Unterstützung durch Erläuterungen und weitere Verweise, auch ins Internet. Die Verwendung von Bibelclouds an einigen Stellen (107-109) eröffnet weitere didaktische Arbeitsmöglichkeiten (mehr zu Bibelclouds)

Das Neue Testament kann ohne das Alte Testament nicht verstanden werden. Die allmählich neu entstehende Religion “Christentum” baut auch darauf auf, liest es als Heilige Schrift und interpretiert es neu. Der Bibelkurs stellt die Bücher des NT in der Reihenfolge der geschichtlichen Entstehung vor. Nach einer kompakten Einleitung werden die Paulus-Briefe vorgestellt und in den Entstehungsprozess der Gemeinden eingeordnet. Es folgen die lukanischen Schriften und die weiteren Evangelien. Auch die in kirchlichen Kreisen sonst seltener gelesenen Schriften wie Jakobus, Hebräer und die Offenbarung des Johannes werden aufgeschlossen. Sehr hilfreich ist auch hier wiederum die Fülle der kompakt und anschaulich angelegten Informationen. Auch das Bildmaterial ist vielseitig und anregend. Das Schlusskapitel geht auf das Verhältnis vom Neuen zum Alten Testament ein und stellt die damit verbundenen Religionsfragen. Das NT markiert zwar schon deutlich trennende Fragen und Prozesse zwischen Juden und den neuen Messiasgläubigen, jedoch vollzieht sich die Trennung massiv erst ab dem 3. Jahrhundert. Die Folgen prägen das Verhältnis von Juden und Christen bis heute nachhaltig!
Ein kurzer Blick wird auch auf den Koran geworfen: „Die beiden Religionen Judentum und Christentum werden im Koran kritisch in den Blick genommen…Der Islam versteht sich zusammen mit Judentum und Christentum als Buchreligion, jedoch mit dem Koran als der letztgültigen Offenbarung Gottes“ (124).

„Expedition Bibel“ ist in beiden Ausgaben (AT und NT) ein niveauvolles Werk zur Erkundung der Bibel. Die Informationen sind fachlich aktuell und didaktisch klug angelegt. So gelingt eine hervorragende Anschaulichkeit. Ich nenne hier beispielhaft zwei „Klassiker“:  die Zeichnung des Weltbildes im Alten Orient bei der Urgeschichte (20), die Skizze zur Zweiquellentheorie bei den Evangelien (48). Mit diesen Büchern gelingt ein planvolles Durchdringen der Bibel mit anderen im Kurs, aber auch das bereichernde Selbststudium zur Bibel. Wissenschaftliche Erkenntnisse und theologische Fragen finden hier fruchtbar zusammen und werden keineswegs als Gegensatz gesehen. Über den gemeindlichen Kontext hinaus können die beiden Bände „Expedition Bibel“ auch hilfreiche Dienste im Studium der Theologie und im Lehramt Religion bieten. Auch die Lehrerfortbildung kann von diesen Inhalten bestens profitieren, denn sie sind auch ein Beispiel gelungener Didaktik zur Bibel.

Blick ins Buch:

AT:

http://www.bibelseminar.net/pdfdoc/ExpeditionBibel_InfoEinzels.pdf

NT:

http://www.bibelseminar.net/pdfdoc/NT_Inhalt-neu_CE.pdf

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Dr. Manfred Spieß, Oldenburg

12.10.2020

 

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Religionsunterricht für alle

Jochen Bauer:

Religionsunterricht für alle

Eine multitheologische Fachdidaktik

Stuttgart: Kohlhammer 2019

ISBN 978-3-17-037460-7

 

Eine Rezension von Dennis Breitenwischer

In kaum einer passenderen Reihe als „Religionspädagogik innovativ“ hätte die Studie von Jochen Bauer, des Fachreferenten für Religionsunterricht in Hamburg, erscheinen können, und zwar aus zwei Gründen: Zunächst reflektiert Bauer in seiner Dissertation „Religionsunterricht für alle. Eine multitheologische Fachdidaktik“ das wohl innovativste Modell des Religionsunterrichts (RU) in Deutschland, nämlich den Hamburger Religionsunterricht für alle (RUfa), in seiner Genese und Weiterentwicklung. Des Weiteren versammelt die bei Kohlhammer erscheinende Reihe neben Studien- auch Lehr- und Arbeitsbücher und wagt somit den wichtigen und in der wissenschaftlichen Religionspädagogik nicht immer anzutreffenden Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis. Genau in diesem Geist ist Bauers beinahe 500 Seiten umfassendes Werk verfasst, das nicht nur eine Fachdidaktik für den RUfa entwirft, sondern in seiner ganzen Anlage einen didaktischen Anspruch verfolgt. Dieser wird durch die vom Autor entwickelten, die komplexen Textinhalte illustrierenden und aufschlüsselnden Grafiken genauso dokumentiert wie durch die zahlreichen, den Lesegang strukturierenden Zwischenfazite, die helfen, in dieser umfangreichen Studie den Überblick zu behalten.

Bauer kommt aus der (schulischen) Praxis und nutzt diesen Vorteil, um die Entwicklung eines Modells des RU auf induktive Weise in der gegenwärtigen religionspädagogischen Forschung zu situieren, beide Perspektiven auf den RU ins Gespräch zu bringen und so das Werden des RUfa 2.0 auf einer höheren bzw. theoretischen Ebene zu reflektieren. Dass hier ein fortlaufender, noch nicht abgeschlossener Prozess zum Gegenstand von Forschung wird, die in dieser Studie zudem noch multiperspektivisch herangezogen wird, führt notwendig zu einer Tast- und Suchbewegung des Autors auf dem Weg zu einer für den RUfa 2.0 passenden Didaktik. Durch die klare Strukturierung der Promotionsschrift in fünf größere Abschnitte verlieren die Leser*innen jedoch nicht die Orientierung. Das vierzigseitige Literaturverzeichnis bezeugt die Breite der Reflektion über das thematisierte didaktische Modell und bietet den Rezipienten einen Fundus für die weitere Beschäftigung mit der entfalteten multitheologischen Fachdidaktik.

Abb.: Bauer, Jochen (2019), a.a.O. S.8.

Das von Bauer gezeichnete „Didaktische Strukturmodell des Religionsunterrichts für alle“ bildet in einem Quader den RU als didaktischen Raum ab, wobei die „raumbezogene Metaphorik impliziert, dass Lehr- und Lernprozesse […] immer in allen Dimensionen gleichzeitig erfolgen und deshalb auch nur dreidimensional erfasst und gestaltet werden können“ (a.a.O., S. 83). Um der Gleichzeitigkeit des unterrichtlichen Vorgehens in der Ungleichzeitigkeit einer Studie Herr werden zu können, kümmert sich der Autor zuerst um die Wände des Raums, die Rahmenbedingungen des RU, also die rechtliche, die politische und die Seite der Schüler, nachdem er sich in einem diesen Überlegungen gleichsam vorgeschalteten Kapitel der didaktischen Aufgabe vergewissert, vor der die Entwicklung einer Fachdidaktik des RUfa stehe.Für alle Leser*innen, die nicht dabei gewesen sein können oder dabei gewesen sind, erscheint hier der Überblick über die Geschichte des RU in Hamburg besonders informativ.

Das Kapitel über den Entwicklungsrahmen der im Verlauf der Dissertation entworfenen multitheologischen Fachdidaktik, die den sich im RU zeigenden „Religionen im Plural und Differenz“ (a.a.O., S. 70) gerecht zu werden sucht, präsentiert den Leser*innen die Bezugswissenschaften dieser Didaktik: eben mehrere gleichberechtigte Theologien und ihre Fachdidaktiken sowie die Kultur-, Religions- und Sozialwissenschaften. Dabei kommt es Bauer darauf an, keinen „supra-religiöse[n] Weg“ (a.a.O., S. 77) einzuschlagen, der die Differenzen unsachgemäß glättete, sondern der Vielfalt der Religionen und Konfessionen“ (a.a.O., S. 77) im RU durch differenzbewussten Dialog zu begegnen. Im Sinne der multitheologischen Didaktik begleiten und formen Differenzbewusstsein, Dialogfähigkeit und das dialektische In-Beziehung-Setzen fortan als zentrale Denkfiguren die gesamte Studie.

In der Beschreibung des RU als didaktischen Raum beschäftigt sich Bauer im zweiten Kapitel ausführlich mit der rechtlichen Seite des RUfa und beleuchtet seine Stellung im Hinblick auf die Erfordernisse des Art. 7,3 GG. Er reflektiert die Konzeption des RUfa im Vergleich zu anderen Modellen des konfessionellen RU, der ja auch ein Religionsunterricht für alle letztlich bleibt, wie im dritten und vierten Kapitel deutlich wird, wenn Bauer Wahrheitsfrage und Wahrheitsanspruch im RU bedenkt. Wenn schon aus rechtlicher Sicht der RU auf die „Identitätsbildung in der eigenen Religion“ (a.a.O., S. 114) abziele, dann gerät unweigerlich die politische, vor allem aber die Schüler-Seite des didaktischen Raums in den Blick. Politisch wird gefragt, welche Rolle der RU in einer pluralistischen Gesellschaft spiele. Seine politische Aufgabe sieht der Autor darin, eine „Dialogstrategie“ (a.a.O., S. 145) zu realisieren, die auf die „Ambivalenz des Religiösen“ (S. 145) antworte. Die Pluralität der Gesellschaft erweist sich selbstverständlich auch auf der Seite der Schüler*innen, die von Formen des Traditionsabbruchs, der Individualisierung und Säkularisierung unmittelbar betroffen sind. Die dadurch entstehende Vielfalt in den Lerngruppen müsse ein „pluralismusfähiger“ (a.a.O., S. 165) RU aufgreifen und unterschiedliche religiöse Erfahrungen reflexiv in einen Dialog bringen. Dabei dürfe er „weder Klassenrat noch religiöse Plauderstunde“ (a.a.O., S. 170) werden, sondern orientiere sich selbstverständlich an den klassisch gewordenen, von Klafki und Meyer formulierten didaktischen Prinzipien.

Den Kern der Studie wie auch des didaktischen Strukturmodells bilden die didaktischen Dimensionen des RUfa, die Inhalts-, Identitäts- und Wahrheitsdimension, die der Autor im dritten Kapitel entfaltet. Sie entwickelt Bauer auf Basis von Pollaks den funktionalen und subtanziellen diskursiv verbindenden Religionsbegriff, den er um die Überlegung von Hervieu-Léger ergänzt:

„Religion gibt Menschen rückversichernde Orientierung bei ihrer Kontingenzbewältigung, indem sie durch religiöse Sinnformen in kollektive Erinnerungen einbindet und so zwischen Immanenz und Transzendenz vermittelt.“ (a.a.O., S. 177)

Bestimmend für alle drei Dimensionen ist eine „Subjekt-Objekt-Struktur“ (ebd.), die an den dialektischen Polen aller drei Dimensionen augenfällig wird. Exemplarisch soll diese dialektische Struktur an der Identitätsdimension aufgezeigt werden, weil hier das dialogische In-Beziehung-Setzen als zentrale didaktische Orientierung RUfa firmiert. Der Subjekt-Objekt-Struktur verpflichtet wird zunächst die personale Identität der Schüler fokussiert. Ebenso wie in allen anderen Kapiteln gewährt der Autor einen facettenreichen Überblick über die verschiedenen Perspektiven auf ein Phänomen. Hier erklärt er zuerst am Beispiel von Erikson die Zugangsweisen der Entwicklungspsychologie auf den Identitätsbegriff, hernach die Auffassungen von „Patchwork-Identität“ (a.a.O., S. 211) und fragmentarischer Identität, bevor er zum die weiteren Überlegungen leitenden Gedanken der „narrativen Identität“ kommt, die er auf Basis von Schäfer und Ricœur vorstellt. Die Überlegungen, dass Menschen ihre Identität immer auch in sozialen Kontexten gewinnen, führen die Leser*innen von der Subjektseite des Identitätsbegriffs auf dessen Objektseite, die kulturelle Identität. Hier erscheint Bauer Assmanns Forschung zum kulturellen Gedächtnis entscheidend für das Ziel des RU, nämlich der „Enkulturation in den religiösen Diskurs einer spezifischen Tradition“, wobei „Schülerinnen und Schüler zur eigenständigen Teilnahme am religiösen Diskurs in einer religiös-kulturellen Tradition zu befähigen“ (a.a.O., S. 220) seien. In einem RU für alle könne dies nur in einem „religionsrelational verankerte[n] Dialog“ (a.a.O., S. 238) gelingen, der „eigene Religiosität“ (Belief), die eigene „Hintergrundreligion“ (Belonging) (a.a.O., S. 232) auf Seiten der Lehrer*in und die entsprechenden Religionen der anderen Schüler*innen in ein Gespräch bringe.

Die klare Orientierung auf „dialogisches Lernen im Unterricht“ als „eine weitere Form des interreligiösen Dialogs“ (a.a.O., S. 244) vermeide eben, die „Dichotomie von Eigen und Fremd“ (S. 226) zu verfestigen. Immer vorausgesetzt, die „Religionszugehörigkeit der Lehrkraft“ werde nicht als „Norm und Normalität inszeniert“ (a.a.O., S. 227) und Schüler*innen nicht als „Vertreter ihrer Religion“ (a.a.O., S. 228) begriffen bzw. letztlich missbraucht. An dieser Stelle erkennt man, wie eng Inhalts- Wahrheits- und Identitätsdimension miteinander verknüpft sind und dass alle Dimensionen didaktisch durchdachte Lernarrangements geradezu herausfordern. Sie fasst Bauer unter dem Begriff der „didaktischen Orientierung“ (a.a.O., S. 287) zusammen. Im Rekurs auf Klafkis Vorstellung der doppelseitigen Erschließung und den von Nipkow/ Schweitzer in die Religionspädagogik eingeführten Gedanken der Elementarisierung etabliert der Autor auch hier wieder einen dialektischen Zugriff, der am Beispiel der Identitätsdimension auf Dialogorientierung einerseits und auf religionsspezifische Orientierung andererseits zielt. Bauer entwickelt angelehnt an Ricœurs mimetisch-hermeneutisches Modell seine didaktischen Prinzipien und die daraus folgenden Phasen des Unterrichts in drei (Verstehens-) Stufen: (1) Involvierung (Vorverständnis der Schüler*innen), (2) Erkundung in religionsspezifischen Modulen, (3) Transformation (des Vorverständnisses) (vgl. a.a.O., S. 338 ff.). Die didaktische Unterrichtsgestaltung legt Bauer dabei in modularen Dialogzyklen an, die jeweils alle drei Phasen des Verstehens beinhalten. Methodisch wird u. a. auf das eingeführte Theologisieren mit Kindern und Jugendlichen abgestellt, das dem Anspruch an dialogisches Lernen sui generis entspreche.

Neben dieser Schülerorientierung betrachtet Bauer ausführlich die anderen didaktischen Akteure des Unterrichts. Ihnen, den Lehrer*innen und nachgeordnet dem Material, widmet er das fünfte und letzte Kapitel seines Buches, das er beinahe spielerisch mit zehn pointierten Leitbildern für Lehrer*innen abschließt. Als Leser ist man sofort geneigt, sich einem Typus zuordnen zu wollen, womit der didaktische Anspruch dieses Lehrbuchs an die Leser*innen explizit spürbar wird.

So stellt Bauers Studie nicht nur eine Reflektion der religionsunterrichtlichen Entwicklungen in Hamburg dar, sondern gibt auch Hinweise für eine gelingende Praxis des anspruchsvollen Modells eines Religionsunterrichts für alle. Dabei tappt Bauer in seiner Doppelfunktion als Autor und Fachreferent nicht in die Falle, durch normierende Aussagen Unterrichtspraxis bestimmen zu wollen. Vielmehr macht er die gegenwärtige Weiterentwicklung des RU transparent und zeigt in groben und feinen Linien auf, wie der RU der Pluralität und Differenz von Religionen in einer (großstädtischen) modernen Gesellschaft gerecht werden könne. Mit einer interessierten Fragehaltung lädt der Autor die Leser*innen zum Mit-, Nach- und Weiterdenken ein.

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Dieser Beitrag wurde vom Vorstand der Vereinigung Hamburger Religionslehrerinnen und Religionslehrer e.V. im August 2020 zugesandt.

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Koselleck Schmitt Briefwechsel

Reinhart Koselleck – Carl Schmitt:
Der Briefwechsel 1953-1983 und weitere Materialien.

Herausgegeben von Jan Eike Dunkhase
Berlin: Suhrkamp 2019.
ISBN 978-3-518-58741-6

 

Anregung und Widerspruch: der Geschichtswissenschaftler Reinhart Koselleck und der rechte Jurist Carl Schmitt im Gespräch

Kurz: Der bedeutende Historiker Reinhart Koselleck schrieb sich Briefe mit dem „Kronjuris­ten des Nationalsozialismus“ Carl Schmitt. Der endlich veröffentlichte Briefwechsel macht deutlich, dass Koselleck keineswegs ein ‚Schüler‘ war, wohl aber an den Konzepten eines Querdenkers interessiert war.

Ausführlich: Reinhart Koselleck (1923-2006) war einer der großen Historiker, die die Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik tief geprägt haben. Die von ihm angestoßene Begriffsgeschichte der politisch-historischen Begriffe hat er mit Kollegen und Schülern in dem 8-bändigen Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe erarbeitet.[1] Das Lexikon bleibt ein Werkzeug für jeden Historiker. Dabei entwickelte er in vielen Aufsätzen die These,[2] dass in der Zeit zwischen 1750 und 1850 sich in der Sprache eine grundlegende Veränderung zeigt, die den Absolutismus überwindet und sich öffnet für die Öffentlichkeit von Debatten und die Forderung nach Mitbestimmung an politischen Ent­schei­dungen: die sog. Sattelzeit vor einem Epochenwechsel.[3] Die Sprache als Motor der Geschichte, nicht als nachträglicher Indikator einer Entwicklung. Kosellecks Meisterstück (Habili­tation 1965) war die Darstellung der Preußischen Reformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts,[4] unter anderem die Universitäts­re­form, die unter dem Namen Wilhelm von Humboldt den Weg vom Auswendiglernen in Vorlesungen zum forschenden Lernen in Seminaren eröff­nete. An die Reformuniversität Bielefeld wechselte er 1973. Gemeinsam mit Hans-Ulrich Wehler, dem Meister der Sozial­geschichte, bildete er die „Bielefelder Schule“.[5]

Aber da raunt ein fragwürdiger biographischer Faden zur Dissertation ein Problem des jungen Historikers. Koselleck bezieht sich auf einen, der aufhorchen lässt: Carl Schmit (1888 – 1985), der 35 Jahre ältere, hatte Kontakt mit dem Heidelberger Promovenden, als der an seiner Dissertation Kritik und Krise. Zur Patho­genese der bürgerlichen Welt arbeitete.[6] Im Vorwort dankt Koselleck neben seinem Doktorvater Johan­nes Kühn: „Darüber hinaus möchte ich meinen Dank aussprechen Herrn Professor Dr. Carl Schmitt, der mir in Gesprä­chen Fragen stellen und Antworten suchen half.“ Carl Schmitt war der Jurist, der Hitler die Entscheidung in dem dauerhaften „Ausnahmezustand“ des Nationalsozialismus übertrug, der ‚Hüter des Gesetzes‘ zu sein, also gegen Verfassung und Gesetz entscheiden zu können.[7] Allerdings ab etwa 1936 entzogen die NS ihm die Gunst, nach 1945 verweigerte er die Ent­nazi­fizierung, verzichtete auf eine Professur, zog in seine Heimatstadt im Sauerland, blieb aber eine graue Eminenz, die viele Politiker der Bonner Republik um Rat fragten.[8]  Die Verwaltungsschule in Speyer vermittelte seine Ideen an führende (CDU-) Politiker, etwa im Umkreis von Helmut Kohl der prominen­teste Heiner Geißler.[9] Die Notstandsgesetze 1969 fassten den „Ernstfall“ in Ausnahmegesetze der Aussetzung der Demokratie. Einer der wichtigen Juristen hatte immer wieder Kontakt zu Schmitt: Ernst Wolfgang Böckenförde.[10]

Nun also ist der Briefwechsel veröffentlicht und der gesamte Nachlass Kosellecks liegt zur Forschung bereit im Deutsche Literaturarchiv in Marbach.[11] Der Briefwechsel beginnt Januar 1953, als Koselleck von seinem Elternhaus kommend auf dem Weg nach Heidelberg einen Zwischenstopp im Sauerland bei Schmitt einlegte und sich anschließend bedankt. Er endet mit dem 119. Brief 1983. Schmitt starb, 96-jährig 1988. Koselleck hatte Geist und Körper prägende Kriegserfahrungen gesammelt, studierte und promovierte in Heidelberg, wo er Schmitt seit 1950 mit Kommilitonen häufiger zu angeregten Gesprächen traf. Der Brief­wechsel macht deutlich, dass Koselleck kein Schüler Schmitts war. Aber in dem allgemeinen Versuch der meisten in der frühen Bundesrepublik, zu einer alten Ordnung zuückzukehren, die ein Unfall von wenigen Verbrechern unterbrochen hatte, zurück in ein Schneckenhaus, suchte Koselleck Konzepte, die den Nationalsozialismus in die Geschichte einordnete und die die die Zukunft bestimmen würden: Globalisierung und die aktuellen Konflikte als Bürger­kriege, Schmitts Weltbürgerkrieg.[12] Mit dem Thema der Dissertation suchte Koselleck den Anfang dieser Entwicklung zu begreifen, aber nicht als Erfolg, sondern als Anfang einer Krankheit, Pathogenese des Bürgertums, das mit dem Krieg an sein Ende gekommen sei.[13] Trotz Eng­lands­aufenthalt wird Koselleck nicht zum angloamerikanischen Westler, er wäre eher der „skeptischen Generati­on“ zuzurechnen (420). „Allen Ergebenheitsbekundungen zum Trotz erweist sich der junge Koselleck stets als eigenständiger Denker.“ (422) Dazu liest man etwa den Brief [78] als Ant­wort auf die Zusendung des Schmittschen Büchleins Politi­sche Theologie II. Die Legende von der Erledigung jeder Politischen Theologie:[14] Bei aller Freund­lich­keit entschie­dener Widerspruch. Bemerkenswert an Kosellecks Geschichtstheorie scheint mir: Während sich die deutsche Geschichtswissenschaft auf die Strukturgeschichte stürzt, Wirtschafts- und Sozialgeschichte mit Statistiken als treibende Kraft der Geschichte und die handelnden Personen Marionetten (keine Täter im Lande der Täter!), bekommen Menschen bei Koselleck wieder Handlungsoptionen aus ihrem Erfahrungsraum heraus in einen Erwartungshorizont.

In den Materialien 367-407 findet sich neben Abbildungen auch ein Interview, in dem 1994 Koselleck seine Sicht auf Schmitt aus der Rückschau erläutert 373-391. Das Nachwort des Herausgebers Jan Eike Dunkhase (409-425) führt in die „asymmetrische Korrespondenz“ ein, die zum Verständnis mit Hinweisen versehen sind, auf was jeweils angespielt wird, und die dank einer großen Vertrautheit mit dem Werk beider Briefpartner die Lektüre bereichert. Ein spannender Briefwechsel (die Antworten dauerten oft lange, gehen ausführlich ein auf die Fragen oder Thesen, nicht e-mails nach einer halben Stunde) zwischen einem rechten Intel­lektuellen (so etwa gibt es – selten), der die Bundesrepublik kritisierte, und einem distanzier­ten, aber interessierten Gestalter der Theorie in der Geschichtswissenschaft.

 Bremen/Much, Juli 2020                                                                         Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,

Universität Bremen

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[1] Otto Brunner; Werner Conze; Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. 8 (in 9) Bände. Stuttgart: Klett 1972-1997. Das ausführliche Register (Band 8), nach Epochen geordnet, umfasst zwei Bände. Ausgezeichnete Würdigung Christof Dipper: Die ‘Geschicht­liche Grundbegriffe‘: Von der Begriffsgeschichte zur Theorie der historischen Zeiten,” Historische Zeitschrift 270 (1999), 281-308. Zum Kontext der Begriffsgeschichte und den verschiedenen Lexika von etwa 1960 bis 2000 Christoph Auffarth: Allowed and forbidden words: Canon and Censorship in ‚Grund­begriffe’, ‚Critical Terms’, Encyclopaedias. Confessions of a person involved. In: Ernst van den Hemel; Asja Szafraniec (eds.): Words. Religious Language Matters. New York: Fordham UP 2016, 211-222; 546-550. Zur Vorgeschichte vgl. Otto Gerhard Oexle: „Begriffsgeschichte“ – eine noch nicht begriffene Ge­schichte, in: Philosoph­isches Jahrbuch 116 (2009), 381–400. Peter Tietze: „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Richard Koebners und Reinhart Kosellecks historische Semantikforschungen zwischen Historismus und Posthistoire, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 5/2 (2016), S. 6–22, http://www.zfl-berlin.org/tl_files/zfl/downloads/publikationen/forum_begriffsgeschichte/ZfL_FIB_5_2016_2_Tietze.pdf (13.07.2020). Ernst Müller; Falko Schmieder: Begriffsgeschichte und historische Semantik. Ein kritisches Kompendium. stw2117. Berlin: Suhrkamp 2016, zu Koselleck 278-337. – Es fehlt dort das Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, 5 Bände 1988-2001, dazu (neben dem o.g. Auffarth) Hildegard Cancik-Lindemaier; Hubert Cancik in: Christoph Auffarth; Alexandra Grieser, Anne Koch (Hrsg.): Religion in der Kultur, Kultur in der Religion. B. Gladigows Beitrag zum Paradigmenwechsel in der Religionswissenschaft. Tübingen: Tuebingen University Press 2020, i.Dr.

[2] Gesammelt in den Bänden: Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft 1979. Zeitschichten 2000. Begriffs­geschichten: Studien zur Semantik und Pragmatik der politische und sozialen Sprache 2006. Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. 2010. Alle bei Suhr­kamp Frankfurt am Main.

[3] Sattelzeit im Vorwort zum Lexikon GGB 1 (1972), xv „Der heuristische Vorgriff führt sozusagen eine ‚Sattelzeit‘ ein, in der sich die Herkunft zu unserer Präsenz wandelt. Entsprechende Begriffe tragen ein Janusgesicht: rückwärtsgewandt meinen sie soziale und politische Sachverhalte, die uns ohne kritischen Kommentar nicht mehr verständlich sind, vorwärts und uns zugewandt haben sie Bedeu­tungen gewonnen, die zwar erläutert werden können, de aber auch unmittelbar verständlich zu sein scheinen. Begrifflichkeit und Begreifbarkeit fallen seitdem zusammen.“ – neben Sattelzeit wird auch der Begriff Schwellenzeit genannt.

[4] Reinhart Koselleck: Preußen zwischen Reform und Revolution. Allgemeines Landrecht, Verwaltung und soziale Bewegung von 1791 bis 1848. Stuttgart: Klett 1967.

[5] Bielefeld war eine neugegründete Reform-Universität (wie Bochum und Konstanz), die nach Grund­sätzen der SPD-Regierung zu einer ‚Gesamthochschule‘ ausgebaut werden sollte: Kosellecks Klage über seinen Entschluss, dorthin zu wechseln [80], bes. S. 249. Den Anspruch, auch die Kulturgeschich­te (nach dem sie um 1900 schon einmal eine Blüte hatte, Max Weber und Ernst Toeltsch zählt man dazu) für die Bielefelder zu reklamieren, widersprach Otto Gerhard Oexle zu recht: Geschichte als Historische Kulturwissenschaft in: Wolfgang Hardtwig/Wehler (Hrsg.): Kulturgeschichte heute. Göttingen: Vandenhoeck &Ruprecht 1996, 14-40.

[6] Diss. Heidelberg 1954. Gedruckt Freiburg: Alber 1959. Als Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 36 in Frankfurt am Main 1973 nachgedruckt und seither viele Male (112010). Übersetzungen in viele Sprachen, aber erst 1988 englisch. Materialreich, aber in Vielem durch den Briefwechsel zu korrigieren https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_und_Krise (14.7.2020).

[7] Koselleck rezipierte Schmitt ohne die den NS rechtfertigenden Schriften und ohne den Antisemitis­mus, wie er später in dem abgedruckten Interview 373-391 erklärt.

[8] Eine Untersuchung dieses Netzwerkes hat Dirk van Laak durchgeführt: Gespräche in der Sicherheit des Schweigens. Carl Schmitt in der politischen Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik. Berlin: Akademie 1993 (=²2000). Zu Koselleck 224-226. Reinhard Mehring: Carl Schmitt. Aufstieg und Fall. Eine Biographie. München: Beck 2009, zu Koselleck 512f; 525f., im Register „vertrauter Schüler“.

[9] Der wichtigste Übermittler von Carl Schmitts Konzepten war Helmut Quaritsch. Ein Brief K’s an ihn ist S. 370-372 gedruckt.

[10] Lesenswert Horst Dreier: Das Böckenförde Diktum. In: H.D.: Staat ohne Gott. Religion in der säkularen Moderne. München: Beck ²2018, 189-214. Das berühmte Zitat. „Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

[11] Nachlass: https://www.dla-marbach.de/bibliothek/spezialsammlungen/bestandsliste/bibliothek-reinhart-koselleck-provenienz-und-sammlungserschliessung/(13.7.2020“).

[12] Schmitt ließ sich zu einer Rezension überreden (zwei Fassungen S. 367-369). Die Rezension erregte Jürgen Habermas zu seinem Verriss (der nicht abgedruckt ist): Verrufener Fortschritt – verkanntes Jahrhundert. Zur Kritik der Geschichtsphilosophie. in: Merkur 14, Nr. 147 (1960), 468-477. Kosellecks Reaktion 34 Jahre später im Interview mit Claus Peppel S. 385.

[13] Zu den Entstehungsbedingungen der Dissertation in Heidelberg s. Sebastian Huhnholz: Von Carl Schmitt zu Hannah Arendt? Heidelberger Entstehungsspuren und bundesrepublikanische Liberali­sierungsschichten von Reinhart Kosellecks “Kritik und Krise”. Berlin: Duncker & Humblot 2019. Mit der Rezension von Peter Tietze in H-Soz-Kult 3.9.2019. Die Arbeit beruht auf Archivstudien im Koselleck-Nachlass (oben Anm. 8). – Schmitts erste Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität erschien 1922.

[14] Erik Peterson hatte seinem Freund Carl Schmitt die Erledigung jeder politischen Theologie vorge­halten, die Schmitt in Politische Theologie II. Berlin: Dunker&Humblot 1970 zurückweist. Schmitt hielt sich an die Politische Theologie des Eusebius, der in Konstantin Gottes Eingreifen in die Geschichte interpretierte, vgl. 308/311. Seit 1930 hatte die beiden Freunde in Aufsätzen diskutiert, ob es ein solches Eingreifen Gottes in die Geschichte geben kann: Schmitt bejahte es mit Eusebius (und es ging in dem historischen Disput um die Gegenwart, um Hitler), Peterson widersprach mit Augustinus. Koselleck schließt sich dem Augustinus an.

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Auffarth: Nie wieder Auschwitz

Christoph Auffarth,
em. Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bremen,
analysiert mehrere Publikationen zu diesem Themenbereich.
Seine Zusammenfassung ist erschreckend und aufrüttelnd zugleich:

„Nie wieder Auschwitz!
Um es aktuell anzuwenden: Ein Krieg in Syrien seit bald neun Jahren, Lager auf den griechischen Inseln, die nicht entwickelt, sondern, in katastrophalem Zustand gehalten, neue Flüchtlinge abhalten sollen, Grenzpolizisten, die Flüchtlinge abwehren. Appeasement-Politik wie 1938, wissentlich zusehen, wie Diktatoren ihr eigenes Volk zerbomben unter dem Namen „Terro­risten“ und Europas Regierungen „das Boot ist voll“ schreien und Lager zu Slums verkommen lassen. Aus „Auschwitz“ war ein Erwartungshorizont erwachsen, der Menschenrechte, offene Gesellschaft, Teilhabe an sozialen Rechten und wirtschaftlichem Fortschritt sich vornahm:
„Nie wieder Auschwitz!“.
Das geben wir gerade verloren“.

Ist „Auschwitz“ einzigartig?

Steffen Klävers: Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holo-caustforschung. Berlin: De Gruyter Oldenbourg 2018    >>>Link<<<

Das Terror-System der Nationalsozialisten und die evangelische Kirche

Rebecca Scherf: Evangelische Kirche und Konzentrationslager 1933-1945. (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte B 71) Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2019   >>>Link<<<

„Täter mit gutem Gewissen“:
Hatten die Nationalsozialisten eine Moral?

Lothar Fritze: Die Moral der Nationalsozialisten. Reinbek: Lau 2019.

Wolfgang Bialas;  Lothar Fritze (Hrsg.):  Nationalsozialistische Ideologie und Ethik. Dokumentation einer Debatte. (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung: 65) Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2019   >>>Link<<<

Gewalt in Witzen. Kontinuitäten vom Ersten Weltkrieg bis zum Nationalsozialismus

Martina Kessel: Gewalt und Gelächter. ‚Deutschsein‘ 1914-1945. Stuttgart: Steiner 2019
>>>Link<<<


In diesem Blog werden Buchempfehlungen veröffentlicht.
  Prof. Dr. Dr. Christoph Auffarth rezensiert die Themenfelder: Religionsgeschichte und -politik

  Dr. Manfred Spieß rezensiert Religionspädagogik

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Gewalt und Gelächter

Martina Kessel: Gewalt und Gelächter.
‚Deutschsein‘ 1914-1945

Stuttgart: Steiner 2019
296 S.
ISBN 978-3-515-12382-2

Gewalt in Witzen.
Kontinuitäten vom Ersten Weltkrieg bis zum Nationalsozialismus

Eine Rezension von Christoph Auffarth

Kurz: Witze scheinen ein harmloses Genre oder ermöglichen sogar ein befreiendes Lachen. Martina Kessel zeigt, wie Karikaturen und Witze Vorurteile und Stereotypen (Einordnen von individuellen Menschen in Schubladen: ‚der‘ Jude) zementieren und so Rassismus einüben.

Ausführlich unter„Kann man „Auschwitz“ begreifen? S.11-12

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Alle 5 Rezensionen zu Auschwitz gesamt als pdf-Datei:  H i e r