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Mulsow: Radikale Frühaufklärung

Martin Mulsow: Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680-1720

 

Band 1: Moderne aus dem Untergrund. 502 Seiten. Band 2: Clandestine Vernunft. 624 Seiten. Göttingen: Wallstein Verlag [2018].

 

Die Aufklärung war viel bunter, keineswegs nur Religionskritik

 

Kurz: In einer verbreiteten Lesart hatte ‚die‘ Aufklärung die Kritik und Abschaffung der Religion zum Ziel. Martin Mulsow zeigt eine sehr vielfältige frühe (d.h. um 1700 disku­tierende) Aufklärung, die zwar überkommene religiöse Traditionen verwirft, aber durchaus in der kulturellen Überlieferung der Religionen Schätze findet und aufpoliert. In den spannend erzählten Fällen wird die Aufklärung um viele Namen und Themen bereichert.

Ausführlich:

Der erste Band ist die Neuauflage des 2002 erschienenen Buches, der Habilitation des Autors.[1] Martin Mulsow entwickelte dort die These, dass es die Aufklärung gab, aber die hat eigentlich nicht die Moderne hervorgebracht. Dazu brauchte es die ‚radikale‘ Aufklärung. Eine ähnliche These vertrat Jonathan Israel.[2] Spinoza, auf den sich die Radikalen fast immer berufen, ist allerdings nicht der einzige Ideengeber. Das frühere Buch hat nun der für seine sorgfältige Buchherstellung zu rühmende Wallstein-Verlag in Göttingen wieder verlegt (leicht überabeitet die Kapitel I – VIII; die Bibliographie und Register nun zusammengefasst im Zweiten Band) zusammen mit dem schon in der Fassung von 2002 angekündigten zwei­ten Band mit den Kapiteln 9-15. Clandestine Vernunft soll nicht heißen, wie MM etwas iro­nisch meint, die Vernunft habe sich clam[3] heimlich durchgesetzt in der Aufklärung, sondern dass es viele Bücher, Broschüren, Dissertationen gab, die vernünftige und riskante Ideen vortrugen, aber in den erdrückenden Institutionen der Welt nach dem Kampf auf Leben und Tod im Dreißigjährigen Krieg nicht zur Kenntnis genommen und/oder unterdrückt wurden. „Diese Impulse waren fast immer prekär: [4] sie entbehrten der Stabilität, wie sie Institutionali­sierungen bieten; sie waren fragil, leicht zu unterdrücken und widerrufbar.“ (9)

Kapitel IX (11-96) handelt von der Unsterblichkeit der Seele, die jetzt unter dem Einfluss der Naturwissenschaft zur sterblichen Seele wird. Schon in England ein halbes Jahrhundert dis­kutiert, kommt das Thema durch einen ‚akademischen Unfall‘ (18, eher die in der Universität gewollte Provokation bei der Verteidigung einer Dissertation 1704) auch in Deutschland auf, ausgerechnet in Wittenberg, Hort des Luthertums. Wenn Tiere leben, aber keine unsterbliche Seele haben (sollen), wie ist dann das Leben der Menschen zu erklären, fragt der Mediziner Urban Bucher. – Kapitel X Natur und Idolatrie (97-138) beschreibt die Ambivalenz von Natur als Materie und als göttliches Gegenüber. Hinter dem Bilderdiskurs der Ethnographie und des Alten Ägypten verknüpft zu einem Heidentum steht die Kritik der konservativen Auf­klärer an den zeitgenössischen Radikalen. Die Entschleierung der Isis wird ein Bild für die Erkenntnisse der Naturwissenschaftler (Abb. S. 101).[5] Kapitel XI (139-174) erklärt den Diskurs, wie die antike Temperamentenlehre auf einmal als atheistische Lehre gehandelt wurde, aber auch grundlegt, die einzelnen Nationen (die Deutschen, die Franzosen) mit bestimmten Eigenschaften (heißblütig, träge) zu stereotypisieren. – Das umfangreiche Kapitel XII (175-251) legt das wichtige Thema dar „Naturrecht und Skeptizismus im Widerstreit zu Religion und Moral“. Hugo Grotius schrieb 1625 sein Werk De iure belli ac pacis. Wenn jede Konfession seit der Reformation ihren Rechtsanspruch von Gott herleitete: Wessen Gott hatte Recht? Der französisch-katholische, der niederländisch-calvinistische? Und außerhalb der Hoheitsgewässer auf den Weltmeeren? Man musste tiefer ansetzen, bei dem natürlichen Recht. Vor Moses mit den zehn Geboten und der Aufteilung der Mensch­heit beim Turmbau zu Babel, was für ein Recht gab es da? Die Aufklärer suchten nach einem Menschheitsrecht, das ebenso für die Eingeborenen wie für Christen, welcher Konfession auch immer, galt. – Kapitel XIII (252-312) behandelt den Versuch der Sozinianer, Glaube und Vernunft zu versöhnen. Ein wichtiges Beispiel für den Kulturtransfer (statt „Einfluss“: 261f). Die Vereinbarung des Humanismus mit dem Protestantismus in Italien und emigriert nach Polen findet eine Synthese in Friedrich Wilhelm Stosch: Condordia rationis et fidei, anonym 1692 veröffentlicht. – Das lange Kapitel XIV (313-422) bespricht einen Knäuel an aufeinander bezogene Schriften, ausgelöst durch den Hamburger Pietismus-Streit und den Bezug auf Jakob Böhme in der neuen Gesamtausgabe 1682, die Kabbala denudata des Christian Knorr von Rosenroth 1677-1684. Überhaupt ist Judentum und jüdische Schriften gut repräsentiert.[6] Dabei stößt man auf das Paar radikaler Pietisten, Wilhelm und Eleonora Petersen. – Kapitel XV (423-487): Die Menschlichkeit der Religionsstifter Moses und Jesus zwischen Erhöhung und Erniedrigung. Interessant etwa die Deutung der Sündenfallgeschichte 441f. Auch Mohammed im Aufklärungsdiskurs wird 456-458 behandelt.[7] Mose wird zum Schüler der Ägypter, Jesus wird seiner Jungfrauengeburt und damit Gottessohnschaft entkleidet. – Das Buch endet mit der Zusammenfassung (488-492). Dann beginnt der Nachweis der hand­schriftlichen Quellen, der zeitgenössischen Literatur auf 36 Seiten und 75 Seiten Forschungs­literatur. Bildnachweis und ein sehr gutes Register. Eine Wundertüte wie die Bibliothek im Schloss Friedenstein birgt viele der clandestinen Schriften des 17. und 18. Jahrhunderts. Aber die äußerst seltenen Schriften aufzutreiben bedarf es eines Netzwerks von Forschern und des Austausches in Form von Forschungsbeiträgen, die sie untereinander austauschen. Zumal die clandestinen Autoren auch gerne falsche Fährten legten. Oder: „Allein aus dem Bemühen, selbst nicht heidnisch oder atheistisch zu sein, wird für den Gegner eine Position konstruiert, die ihn geradezu künstlich zu einem Radikalen macht.“ (239). Das Verzeichnis enthält beeindruckende 93 Aufsätze und Bücher des Autors MM. Der weiß aus den müh­samen Recherchen eine spannende Geschichte des Falls zu erzählen, die Einzelheiten sind sorgfältig notiert und – welche ein Glück für dieses Buch! – in Fußnoten auf der Seite direkt zu sehen; aber das Argument bleibt straff. Die lateinischen Zitate in der Fußnote übersetzt MM im Haupttext in ein modern-elegantes Deutsch. Die Aufklärung ist so viel bunter und verschiedener, als die Handbücher das bisher als eine ziemlich einheitliche Bewegung der Vernunft gegen die religiöse Tradition darstellten.

 

Bremen/Wellerscheid, 14. September 2019                          Christoph Auffarth

Religionswissenschaft
Universität Bremen

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[1] Hamburg: Meiner, 2002. Das Buch wurde 2015 auch ins Englische übersetzt: Enlightenment under­ground. Radical Germany 1680-1720. Charlottesville: University of Virginia Press. Der Autor ist Professor an der Forschungsbibliothek Gotha/Erfurt. Den Namen kürze ich im Folgenden mit den Initialen MM ab.

[2] Zu Jonathan Israel und Martin Mulsow (Hrsg.): Radikale Aufklärung. 2014 (s.u. Anm. 4). Spinoza u.a hier in Band 2, 130-136

[3] Lateinisch clam „heimlich“, Adjektiv dazu clandestinus.

[4] Das erklärt Martin Mulsow in seinem Buch Prekäres Wissen. Eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit. Berlin: Suhrkamp 2010. Rezension Auffarth: Gegen das scheinbar sichere Wissen: Gefährliche Erkenntnisse in der Frühen Neuzeit. Martin Mulsow: Prekäres Wissen. 2012. – Jonathan I. Israel; Martin Mulsow (Hrsg.): Radikalaufklärung 2014. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2014/06/01/martin-mulsow-prekaeres-wissen/ (1.Juni 2014).

[5] Berühmt die Ballade von Friedrich Schiller 1795.

[6] 459, Anm.109 muss es sicher Liber Toldot Jeschu, nicht Toldos heißen.

[7] Gleichzeitig erschien Daniel Cyranka: Mahomet. Repräsentationen des Propheten in deutschsprachigen Texten des 18. Jahrhunderts. (Beiträge zu Europäischen Religionsgeschichte) Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht [2018].

 

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Der Papst als Antichrist

Unter anderem eine Rezension zu

Nelly Ficzel: Der Papst als Antichrist. Kirchenkritik und Apokalyptik im 13. und frühen 14. Jahrhundert.

(Studies in Medieval and Reformation Traditions 214)
Leiden: Brill 2019. IX, 446 Seiten.
ISBN 978-90-04-38323-4

 

Ein Paradigmenwechsel in der Europäischen Religionsgeschichte: Joachim von Fiores Drittes Reich.

Kurz: Joachim von Fiore (gestorben 1202) hat ein epochemachendes Werk hinterlassen, das bekämpft oder begierig aufgesogen wurde. Eine zentrale Metapher darin ist die Rede vom „Dritten Reich“. Die lang erwartete kritische Ausgabe nähert sich der Vollendung, eine Dissertation diskutiert kompetent die Rezeption der ersten hundert Jahre, eine knappe Bemerkung gilt der Bewertung einer Linie der Geschichtsphilosophie, die Karl Löwith 1949 von Joachim bis zur Katastrophe der Selbstzerstörung des Nationalsozialismus führte.

Ausführlich: Joachim von Fiore ist eine zentrale Gestalt in der Europäischen Religionsge­schichte, insofern er die Logik der zwei Epochen, des Alten und des Neuen Testaments ersetzt durch eine trinitarische Geschichtstheologie mit einem Dritten Reich: wie das Neue Testament das Judentum auflöst in das Christentum, die Synagoge ersetzt durch die Kirche, so wird bei ihm weiter die Kirche durch eine neue, dritte Epoche aufgehoben. Das Reich des Vaters (Judentum, Moses‘ Gesetz, repräsentiert durch Abraham und Moses, aber prophetisch übertroffen durch Propheten wie Jesaja/ Jeremia/ Ezechiel) wird ersetzt durch das Reich des Sohnes, Jesus und die Stiftung der Kirche mit der Gründung auf Petrus und/oder alternativ auf die Jünger insgesamt. Mit Johannes gibt es eine weitere Prophetie, die über das Evangeli­um und Neue Testament hinausweist: Der Islam sah sich dadurch vorausgesagt und bestä­tigt.[1] Enorm wirksam in der Europäischen Religionsgeschichte war die Apokalypse des Jo­hannes, die ‚Offenbarung‘, die Apokalypse als letztes prophetisches Buch des Kanons ‚Neues Testament‘, das durchaus im Konflikt mit dem Evangelium steht, weil es gegen das univer­salistische Prinzip des Evangeliums eine dualistische Spaltung in Gut und Böse aufstellt. Joachim von Fiore (gestorben 1202) hingegen verwendet das trinitarische Prinzip: Über das dualistische Prinzip hinaus verlangt die Prophetie ein Drittes Reich.  Das bedeutet (1) eine fundamentale Kritik als Ende, Niedergang, Katastrophe der bestehenden ‚römischen‘ Kirche mit ihren (Welt-)Klerikern – und (2) die Prophetie einer dritten Epoche der Heilsgeschichte des ‚Heiligen Geistes‘. Die Weltgeschichte wird trinitarisch: Vater, Sohn muss ergänzt werden durch eine Dritte, letzte und erfüllende Epoche, die des Heiligen Geistes. Träger sind die Mönche, nicht die Kleriker. Das stellt die Interpretation der Apokalypse auf den Kopf. Bisher war sie fast durchgängig so verstanden worden, dass die Weltgeschichte abgeschlos­sen wird in einem erschreckenden Weltende, danach beginnt in einer anderen Welt Gottes ewiges Friedensreich. Nach dem Tod im Jenseits. Joachim aber sieht in Kürze ein inner­weltliches Reich: Die Amtskirche hat abgewirtschaftet, der Antichrist sitzt auf dem Papst­thron. Aber noch in der Geschichte wird er besiegt und ein Tausendjähriges Reich der Heiligen und Erwählten wird folgen: Diese innerweltliche Auslegung der Apokalypse nennt man Chiliasmus (oder millenniaristisch). Der erfüllt sich aber nicht, wie das die quietistische Interpretation gerne will, irgendwie esoterisch, sondern revolutionär, aktionistisch. Dahinter stehen die enormen Konflikte des 13. Jahrhunderts, in der die Prophezeiungen Joachims auf das Tagesgeschehen angewendet und unter seinem Namen (Pseudepigraphie) weiterge­schrieben werden.

In diesem Beitrag berichte ich über dreierlei: Einmal über die Kritische Ausgabe der Werke des Joachim, die jetzt erfreulicherweise nahezu vollständig vorliegt. Zum andern über die Rezeptionsgeschichte in den hundert Jahren nach Joachims Tod, die Nelly Ficzel in einer beeindruckenden Dissertation erforscht hat. Sodann fragmentarisch zur Rezeption im 20. Jahrhundert in der Auseinandersetzung um den Nationalsozialismus.

Die kritische Ausgabe der Werke Joachims nähert sich der Vollendung

Die Werke Joachims von Fiore waren lange nur in frühen Drucken zu greifen: Das zeigt einerseits das auch noch im frühen 16. Jahrhundert, also dreihundert Jahre nach dem Tod des Propheten das anhaltende Interesse und die Rezeption der Papstkritik in der Reformati­on, andrerseits die Verengung der breiten Handschriftenüberlieferung auf die eine Druck­vorlage. Nach ersten Vereinbarungen 1929 zwischen Herbert Grundmann[2] und Ernesto Buonaiuti zu  einer kritischen Edition gründeten die historischen Institute Italiens und Deutschlands 1990 eine internationale Kommission (Kurt-Victor Selge, Robert E. Lerner, Alexander Patschovsky, Gian Luca Podestà, Roberto Rusconi). Es dauerte lange, weil erst die Handschriften in allen möglichen Bibliotheken zusammengestellt werden mussten, mit wichtigen Entdeckungen, daraus wurden ediert die Opera omnia.

Von den Abteilungen liegen mittlerweile vor: Die Hauptwerke (Band 1-2), die kleineren Werke (4, 1-6) und der Evangelien-Kommentar (5). Noch fehlt der wichtige Apokalypsen-Kommentar (3). Die Werke sind mit umfangreichen Einleitungen sorgfältig inhaltlich vorgestellt, in den Kontext gestellt, datiert, und in Kenntnis aller Handschriften ediert. Dabei ist von Bedeutung, dass Joachim den Text diktiert hat und bei der Korrektur Notizen gemacht hat, die unterschiedlich eingearbeitet wurden. Für die Concordia etwa kann man keinen Autorentext (Archetyp) rekonstruieren, sondern drei Hyp-Archtypen, die sich auf einen Text beziehen, „der sich über einen längeren Zeitraum hinweg in Bewegung befand.“[3] „Es ist in der Joachimforschung über lange Zeit hin und durchaus bis zur Gegenwart viel zu viel und auf schwacher editorischer Grundlage behauptet und gedeutet worden.“[4] Dazu gibt es jetzt eine neue Grundlage.

Joachim <de Flore>: Ioachim abbas Florensis: Opera omnia.

1 Psalterium decem cordarum. A cura di Kurt-Victor Selge. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 32) Roma 2009. = (Monumenta Germaniae historica. Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 28) Hannover: Hahn 2009. [ND 2014] CCXCVII, 467 S. Ill.

2 Concordia Novi ac Veteris Testamenti.  Ed. Alexander Patschovsky. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 32) Roma 2017. = (Monumenta Germaniae historica. Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 28) 4 Bände. Wiesbaden: Harrassowitz 2017. CDXXIX, 1497 Seiten.

3 [Expositio in Apocalypsim. Die Praefatio ed. Selge in: Deutsches Archiv 46(1990),85-131.]

4 Opera minora.

  1. Dialogi de prescientia dei et predestinatione electorum. ed. Gian Luca Potestà. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 4) Roma: Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 1995. XIV, 158 S.
  2. Sermones. Ed. Valeria de (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 18) Roma: Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 2004. CI, 131 S.
  3. Exhortatorium Iudeorum. Alexander Patschovsky. Appendix: Versio abbreviata exhortatorii iudeorum auctore incerto confecta ed. Brigitte Hotz. Roma: Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 2006. XII, 439 S., Illustrationen.
  4. Tractatus in expositionem vite et regule beati Benedicti: cum appendice fragmenti (I) De duobus prophetis in novissimis diebus praedicaturis. Patschovsky, Alexander; Lerner, Robert Earl. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 29) Roma 2008. XII, 482 S. Ill., graph. Darst.
  5. De articulis fidei ad fratrem Iohannem: confessio fidei. Valeria de Fraja; Robert E. Lerner. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 37) Roma 2012. XCV, 139 S. Ill., graph. Darst.
  6. Scripta breviora. Ed. Alexander Patschovsky; Gian Luca Podestà. Genealogia sanctorum antiquorum patrum, De prophetia ignota Soliloquium, Intelligentia super Calathis, Quaestio de Maria. Magdalena et Maria sorore Lazari, De ultimis tribulationibus, Epistolae, Poemata duo. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 40) Roma: Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 2014. [xi,] 609 Seiten.

5 Tractatus super quatuor evangelia. ed. Francesco Santi (Fonti per la storia dell’Italia medi­evale. Antiquitates 17) Roma: Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 2002. LXXXII, 390 S.

Alexander Patschovsky: Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore. Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Ostfildern: Thorbecke, 2003.

Liber figurarum. Marjoree Reeves; Beatrice Hirsch-Reich (ed.): The figurae of Joachim of Fiore. (Oxford-Warburg Studies 8) Oxford 1972.

Die Rezeption von Joachims Prophetie in den hundert Jahren nach seinem Tod: Der jetzige Papst ist in Wirklichkeit der Antichrist

Galt Joachim zu Lebzeiten vor allem als Prophet, so entwickelte sich die Brisanz seiner Kritik an der Amtskirche und die Vorhersage, dass 1260 das dritte Zeitalter anbrechen werde, getragen von einer Gemeinschaft von Erwählten im Geiste, eine ecclesia spiritualis, erst nach seinem Tode. Denn zwei Mönchsgemeinschaften verabscheuten das luxuriöse höfische Leben der Päpste und lebten ausdrücklich in Armut: die Bettelorden der Franziskaner und der Dominikaner. Sie bewegten sich auf Messers Schneide, wenn sie die Amtskirche kritisier­ten, konnte ihnen doch jederzeit die Rechtgläubigkeit abgesprochen werden und sie so zu Ketzern erklärt werden.[5] Ein Teil der Franziskaner, die Franziskaner-Spiritualen, die eben für sich in Anspruch nahmen, die Träger der neuen Kirche zu sein, erfuhren diese Verfolgung. Ihr Verfolger, so war es in der Apokalypse vorausgesagt, war der Antichrist, also der Papst und die Papstkirche. Eine Strategie, sich vor der Verfolgung zu schützen, war einmal die nach außen betonte Orthodoxie (vor allem Bonaventura), zum andern aber, indem sich die Dominikaner und Franziskaner als Arbeiter der Papstkirche anboten, indem sie die Durch­führung der Inquisition übernahmen, die ab 1230 eingerichtet wurde.

Mit der Rezeption der neuen Heilsgeschichte Joachims beschäftigt sich die Monographie von Nelly Ficzel. In eingehenden Interpretationen der Schriften der etwa hundert Jahre nach Joachims Tod 1202, die sich mehr oder weniger explizit auf diesen berufen oder gar ihn als Autor reklamieren, arbeitet sie die Forschung auf und kommt zu neuen Ergebnissen. Wer wie sie das Mittellateinische gut beherrscht, vermag ihrer Argumentation gut zu folgen; wer nicht, bekommt keine Übersetzung, allenfalls Paraphrasen.[6] Zunächst stellt sie die Schriften Joachims von Fiore vor. „Er [Joachim] wandte sich an die wahre Kirche in der falschen, als welche ihm die von Christus gestiftete Heils- und Erlösungsgemeinschaft in seiner Gegen­wart vorkam.“ (33) Nach der detaillierten Interpretation der beiden Kommentare, die unter dem Namen Joachims die Klage-Propheten Jeremia und Jesaja auf die Gegenwart hin aus­legen, wendet sie sich weiteren Schriften zu. Zwei Knotenpunkte bespricht sie besonders: Da sind die Schriften, die im Konflikt zwischen Papst und dem deutschen Kaiser und süditali­enisch-sizilischen König Friedrich II. wechselseitig die andere Seite zum Antichrist erklären. Und glänzend das andere, fast die Hälfte des Buches ausmachende Kapitel um den Engels­papst. Das Jahr 1260 war vergangen, aber es war kein Führer aufgetreten, der das neue Reich des Geistes errichtete. In der Enttäuschung und in der Erwartung begann eine Bewegung ganz Europa zu ergreifen: die Geißler. In der Nachfolge Christi, aber ohne den vorausgesag­ten Messias (der am ehesten Franzskus, der zweite Christus/alter Christus mit den Wund­malen,[7] gewesen wäre, oder Friedrich II., der aber 1250 starb – oder in den Berg entrückt wurde, um eines Tages plötzlich den Umschwung herbeizuführen)[8] verstanden die Geißler so, dass sie wie Christus leiden sollten. Endlich 1294 schien die Prophezeiung in Erfüllung zu gehen: Der neu gewählte Papst war ein Armer, ein bescheidener frommer Mensch: Coelestin V. Als er aber feststellen musste, dass er den Intrigen der Papst-Curie nicht gewachsen war, gab er das Amt zurück. Nachfolger wurde der Oberintrigant Bonifaz VIII. Auf das Lamm folgte die listige Schlange. Die Rechtmäßigkeit sowohl des Rücktritts als auch die Tricks, mit denen der Nachfolger das Amt erhielt, waren heftig umstritten. Mit der internationalen Forschung (italienisch, französisch, angelsächsisch, deutsch) bestens vertraut,[9] schärft sie die Interpretationen, etwa bei den Visionen des Robert von Uzès.[10] So weit ausgezeichnet die Erstlingsschrift. Demgegenüber fällt die Einleitung (1-40) ab. Für eine Historikerin unge­wöhnlich Theorie-affin experimentiert sie mit Begriffen wie Komplexitätsreduktion[11] und Kontingenzbewältigung, Öffentlichkeit, Propaganda. Die These, dass die ganze Joachim-Rezeption Sache einer kleinen Bildungselite sei (18) , müsste sie eigentlich revidieren angesichts der breiten apokalyptischen Bewegungen wie die der Geißler, der sehr populären Franziskaner als Träger der joachimischen Prophezeiungen, mit denen sie sich identifizieren. Die joachimische Bewegung sozialgeschichtlich einzuordnen, lehnt sie ab, obwohl das in Teilen durchaus weiterführt.[12] Es fehlt fast vollständig die Operationalisierung der Unter­scheidung, was im Einzelfall ‚orthodox‘ sei, durch die Inquisition. Immer wieder aufgenom­men hat sie hingegen die religionswissenschaftliche Apokalypse-Interpretation von Alex­ander-Kenneth Nagel. Dabei kommt sie aber nicht auf den Punkt, (1) die kalte Apokalyptik eines essentiellen Dualismus mit einem Himmelreich im Jenseits zu unterscheiden (2) von der heißen Apokalyptik mit einer chiliastischen Phase in dieser Welt, vor der allerdings in der Gegenwart das Wüten des Antichrist (der Teufels potenziert durch die Endzeit) zu ertragen ist. Antichrist und Tausendjährige Herrschaft Christi mit seinen Heiligen sind fundamental verschiedene Perspektiven auf die Apokalyptik. (3) Mit dem Buch der Apoka­lypse ist für die Theologen der Auftrag verbunden, dieses Buch zu kommentieren und zu verstehen, was aber fast immer zu einer kalten Interpretation führt.[13] Die fehlende Differen­zierung, obwohl NF Ansätze dazu erkennen lässt, aber diesen fundamentalen Punkt nicht realisiert, führt zu Fehleinschätzungen.[14]

Der Nationalsozialismus als ‚Drittes Reich‘

Goebbels und Adolf Hitler verkündeten und nutzten als religiöse Akzeptanz der ‚Bewegung‘ des Nationalsozialismus die Metapher des „Dritten Reiches“. Die Bedeutung der chiliasti­schen Utopie des Dritten Reiches in der Europäischen Religionsgeschichte (ERG) hat unmit­telbar nach der Katastrophe der Dritten Reiches der ins Exil vertriebene Karl Löwith 1949 in folgenden Zusammenhang gestellt: Was Joachim von Fiore verkündet, hätten andere aufgegriffen als Erfüllung der Prophezeiung und in diesseitigen, immanenten statt jenseiti­gen Konzepten des ‚Himmel’reiches in säkulare Modelle der Utopie umgewandelt: Hegel, Marx, Hitler. Diese Deutung des Nationalsozialismus hat eine lange Debatte hervorgerufen, aus der ich nur wenige Stationen hervorhebe: Die Kontroverse zwischen den befreundeten Carl Schmitt und Erik Peterson (im Zusammenhang mit der Konversion des evangelischen Professors Peterson zum Katholizismus Weihnachten 1930, die Kontroverse zog sich weit in die NS-Zeit hinein), über Schmitts ‚politische Theologie‘ und seine These, alle politischen Begriffe seien säkularisierte Begriffe der Heilsgeschichte.[15] Nicht grundsätzlich wider­sprechend stellte Peterson sie unter den ‚eschatologischen Vorbehalt‘. Sie diskutierten das u.a. an der Frage, ob ein weltlicher Herrscher von Gott zum Akteur der Heilsgeschichte erwählt werden könnte. Nicht direkt an Hitler, sondern in historischer Verkleidung: War Augustus (indem er „erließ ein Edikt, dass alle Welt geschätztet würde“ und damit die Geburt des Heilands in Bethlehem herbeiführte) eine Person der Heilsgeschichte.[16] Später, in der Verarbeitung des Nationalsozialismus hat dem Satz Schmitts Hans Blumenberg wider­sprochen: Die Neuzeit hat nicht theologische Begriffe enteignet und säkularisiert, ist also illegitimes Kind des Christentums, sondern hat eine eigene Legitimität der Neuzeit.[17]

Neben der „Springflut an wissenschaftlichen Arbeiten zur Apokalyptik zur Jahrtausend­wende“ (die Ficzel hervorhebt) sind wissenschaftsgeschichtlich bedeutsam die Arbeiten zur Apokalyptik, die in den Anfangsjahren des ‚Dritten Reiches‘ geschrieben wurden, das sich selbst als apokalyptische, genauer als chiliastische Bewegung verstand:[18] Dass das von Zeitgenossen auch so verstanden wurde, belegen u.a. die Arbeiten zur mittelalterlichen Prophetie und Chiliasmus, die in diesen Jahren veröffentlicht wurden. Da sind zu nennen neben Herbert Grundmann[19]  (*1902) Ernst Benz (*1907),[20] Wilhelm Kamlah (*1905)[21]– im weiteren Umkreis gehören zu dem Diskurs die Kritiker des NS Alois Dempf (*1891),[22] Carl Erdmann (*1898),[23] Gerd Tellenbach (*1903),[24] Ernst Hartwig Kantorowicz (*1895).[25]

Diese genannten Wissenschaftler diskutierten angesichts der Erfahrung ihrer Zeitgeschichte die religionsgeschichtliche Bedeutung des Anspruchs der Nationalsozialisten, das Dritte Reich als Tausendjähriges Endreich zu erkämpfen, in der die Herrschaft Christi mit seinen Auserwählten ein Leben ermöglicht, das ‚rein‘ ist von Gegnern und befreit vom Teufel.[26] Die ‚Endlösung‘ (die Ermordung aller Juden in Europa) wurde zum zentralen Ziel, mehr noch als der Weltanschauungskrieg gegen die gottlosen Kommunisten. Der religiöse Hintergrund einer großen Erzählung vom eschatologischen Dritten Reich aus der vielfältigen religiösen Tradition war ein starkes Movens für das konkrete Handeln, nicht das einzige natürlich. Nach der Katastrophe und der Zäsur 1945 verstanden im Rückblick viele, darunter Karl Löwith, den Nationalsozialismus als Gipfel des Nihilismus.[27] Auch Ernst Benz verwendet die Figur, hält Nietzsches Kritik des Christentums aber für die notwendige Grundlage seines theologischen Denkens.[28] Für viele Zeitgenossen aber ermöglichte der Nationalsozialismus die Wiedergewinnung des Glaubens und des Christentums.[29]

 

 Bremen/Much,  19. September 2019                                            Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,

Universität Bremen

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[1] Im Johannes-Evangelium kündigt Jesus seinen Jüngern an, er werde ihnen, wenn er die Welt verlas­sen hat (bei Johannes: seinen Auftrag erfüllt hat), einen Parakleten schicken (Johannes 14,16). Darauf beruft sich Mo­hammed, er sei dieser Paraklet. – In der Johannes-Offenbarung (im Folgenden immer Apokalypse) dagegen wird das ganze Leidens-Szenario des Weltendes als Vision geschildert. Am Ende steht die Vision vom ‚Himmlischen‘ Jerusalem, das aber auf die Erde niederschwebt. Zur mittelalter­lichen Eschatologie Christoph Auffarth: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem und Fegefeuer in religionswissenschaftlicher Perspektive. (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 144) Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2002. Die Arbeiten des Rezensenten sind in der unten zu besprechenden Monographie von Ficzel bis auf einen kurzen Aufsatz nicht bekannt.

[2] Die Aufsätze sind gesammelt in HG: Joachim von Fiore 1977. Den Plan der Edition der drei großen Schriften konnte er nicht verwirklichen. Eine gute, kritische Darstellung seiner Wissenschafts-Biographie bietet der Wikipedia-Artikel auf der Grundlage von Anne Christine Nagels Forschungen (unten Anm. 18).

[3] Patschovsky in der Edition der Concordia (2017), cccxviiif mit Anm. 1547.

[4] Selge, Psalterium 2009, viii.

[5] Diesen Tanz auf Messers Schneide habe ich skizziert in Christoph Auffarth: Die Ketzer. Katharer, Waldenser und religiöse Bewegungen. München: Beck-Wissen 2005. ³2016. Die Bedrohung durch die neue Institution der Inquisition spielt bei NF praktisch keine Rolle.

[6] Die Besonderheiten des Mittellateinischen sind sorgfältig beachtet, fast keine Fehler in den lateini­schen Zitaten. Seltsamerweise werden Bibelstellen in deutscher Übersetzung (welcher?) wiederge­geben, die dem hebräischen Urtext folgen, statt dem Vulgata-Text. Für diesen gibt es jetzt die deutsche Übersetzung in der zweisprachigen Ausgabe, allerdings zu spät für diese Untersuchung, vgl. Auffarth, [Rez] Die lateinische Bibel auf Deutsch übersetzt: Vulgata 5. Berlin: de Gruyter 2018. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/03/12/the-eucharist-its-origins-and-contexts/ (12.3.2019).

[7] Die genauen Untersuchungen von Paul Bösch: Zwischen Orthodoxie und Häresie. Die Deutung der Stigmata des Franz von Assisi. in der ZfR 17(2009), 121-147 hat NF aufgenommen.

[8] Christoph Auffarth: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem, Fegefeuer. (VMPIG 142) Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2002, 210-252.

[9] Zu spät für ihre Untersuchung von Petrus Johannes Olivi (S. 239-274) kam die Edition und Über­setzung der Lectura super Apocalypsim, auf die man 40 Jahre warten musste (NF 252: „ungreifbares Phantom“), denn der Herausgeber Warren Lewis hatte bereits in seiner Dissertation (Tübingen 1975) eine maschinenschriftliche Fassung vorgelegt. 2015 ist sie erschienen: Saint Bonaventure, NY: Franciscan Institute Publications 2015 [ISBN Edition 978-1-5765-9363-9 (LXXII, 899 S.); englische Übersetzung 2017: 9781576592359 (714 Seiten). Sie ist (außer in meiner Bibliothek) nur in den Staats-Bibliotheken von Berlin und München nachgewiesen.

[10] S. 219-238. Bisher stützte sich die Forschung auf die Vision des Petrus, der heruntergekommen, verwirrt, mit einem hölzernen Kopf erscheint, aber in der Hand doch noch die Schlüsselgewalt behält. Die Lösung von NF, non tamen amisit […] clavium potestatem [ohne jedoch die Schlüsselgewalt zu ver­lieren] das Wort amisit mit „nicht aufzugeben“ zu erklären (230), ist fragwürdig. Es müsste eher demisit „loslassen“ heißen. Aber NF hat Recht: daraus lässt sich keine Rechtfertigung der Amtskirche ableiten.

[11] Die Schablone Apokalyptik macht die Interpretation eher komplexer, als dass sie sie reduziert.

[12] Die frühe Schrift des DDR-Historikers Bernhard Töpfer: Das kommende Reich des Friedens 1964 zitiert sie an vielen Stellen zu“stimmend, wertet sie aber in der Einleitung (18) brüsk ab als „materialistisches Missverständnis“.

[13] Grundlegend religionswissenschaftlich der Artikel von Hans G. Kippenberg: Apokalyptik/Messia­nismus/Chilasmus. im Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Hrsg. von Hubert Cancik; Burkhard Gladigow; Matthias Laubscher. Band 2. Stuttgart: Kohlhammer 1990, 9-26.

[14] So S. 271 „Joachims Einfluss zeigt sich v.a. in der unbedingten Entschlossenheit, den Franziskaner­orden, die Kirche und den eigenen Standpunkt im dualistischen System der Apokalypse zu verorten.“ Oder wieder S. 266.

[15] Karl Löwith: Meaning in history Chicago: UP 1949. Dt. Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Stuttgart: Kohlhammer 1953. Mit thematisch verwandten Schriften wieder K.L.: Sämtliche Schriften. Band 2. Stuttgart: Metzler 1983, 7-239. Dazu Lorenz Trein in: Theologische Zeitschrift [Basel] 2019 im Druck. Weit zurück, bis in die Aufklärungszeit, verfolgt die Debatte um politische Theologie Martin Mulsow: Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680-1720. Göttingen: Wallstein 2018, Band 1, 195-307.

[16] Die Kontroverse ist dargestellt bei Barbara Nichtweiss: Erik Peterson. Neue Sicht auf Leben und Werk. Freiburg: Herder 1992, 727-830.

[17] Das Buch erschien bei Suhrkamp in Frankfurt am Main 1966. In den folgenden Jahren 1973-1976 hat Blumenberg es überarbeitet (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), dann wieder in einem Band 1988.

[18] Zur ‚Nationalen Eschatologie‘ Christoph Auffarth: Drittes Reich. in: Religionsgeschichte des deutsch­sprachigen Raums, Band 6: 20. Jahrhundert. Hrsg. von Lucian Hölscher; Volkhard Krech. Paderborn: Schoeningh 2015, 113-134; 435-449; Farbtafel I nach S. 320; Literaturverzeichnis 542-553. Zur Verände­rung seit dem Reichsparteitag 1938 s. Auffarth 2020.

[19] Der Historiker (1902-1970) interessierte sich für die religiösen Bewegungen, die gegen Ende des 12. und dann im 13. und 14. Jahrhundert massiv verfolgt wurden; sein Grundlagenwerk erschien 1935. Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Untersuchungen über die geschichtlichen Zusammenhänge zwischen der Ketzerei, den Bettelorden und der religiösen Frauenbewegung im 12. und 13. Jahrhundert und über die ge­schichtlichen Grundlagen der deutschen Mystik. (Historische Studien 267) Berlin: Ebering 1935. Er gehörte zur `Kriegsjugend-Generation‘, die in der NS-Zeit ganz jung Karriere machte. Grundmann trat aus der Kirche aus und ließ sich als ‚gottgläubig‘ eintragen. Nach der NS-Zeit stieg er auf bis zum Präsidenten der Monumenta Germaniae Historica, der wichtigsten Institution der deutschen Geschichtswissenschaft des Mittelalters. Seine Arbeiten zu Joachim von Fiore, die Diss. Studien zu Joachim von Floris. Leipzig: Teubner 1927; weitere daran anschließende Aufsätze seit 1928/29 sind gesammelt in H.H.: Ausgewähl­te Aufsätze, Teil 2: Joachim von Fiore. Stuttgart: Hiersemann 1977. Am deutlichsten auf das Dritte Reich (1934) zugespitzt S. 219: „Mag man es als das Verhängnis des deutschen Volkes beklagen oder als seine Größe bewundern – jedenfalls ist es sein Schicksal, daß es zum Träger dieser (germanisch-christlichen) Reichsidee geworden ist, als andere Völker noch nicht die Kraft fanden zu einer politi­schen Gesamtordnung.“ – Zu Grundmann Anna Christine Nagel: Anne Christine Nagel: Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1970. (Formen der Erinnerung 24) Göttingen 2005; meine Rezension, in: Jb der Gesellschaft für niedersächsische Kirchen­geschichte 104(2006 [2007]), 391-394. Wolfgang G. Schöpf in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 17 (2000), Sp. 528–546.

[20] Ecclesia spiritualis. Kirchenidee und Geschichtstheologie der franziskanischen Reformation. Stuttgart: Kohlhammer 1934. Zu Benz Auffarth: Marburg 1933-45. In: Olaf Blaschke; (Hrsg.): Was glaubten die Deutschen 1933-1945? Frankfurt: Campus 2020.

[21] Apokalypse und Geschichtstheologie. Die mittelalterliche Auslegung der Apokalypse vor Joachim von Fiore. [Göttingen, Diss.phil. 1931 bei Percy Ernst Schramm] (Historische Studien; Heft 285) Berlin: Ebering 1935. Kamlah wurde als Assistent 1934 mit Berufsverbot belegt ‚wegen jüdischer Versippung‘.

[22] Sacrum Imperium. Geschichtsschreibung und Staatsphilosophie des Mittelalters und der politischen Renais­sance. München: Oldenbourg 1929 und folgend weitere katholische Gegenschriften gegen den NS.

[23] Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens. (Forschungen zur Kirchen- und Geistesgeschichte 6) Stuttgart: Kohlhammer 1935. CE hielt mit seiner Kritik am NS nicht zurück; er verlor seine Lehrberechtigung an der Universität Frankfurt, blieb aber als Forscher bei den MGH.

[24] Libertas Ecclesiae. Kirche und Weltordnung im Zeitalter des Investiturstreites. (Forschungen zur Kirchen- und Geistesgeschichte 7). Stuttgart: Kohlhammer 1936. Seine Erinnerungen an die Auseinandersetzungen der Mediävistik im NS GT: Aus erinnerter Zeitgeschichte. Freiburg i.Br.: Wagner 1981, dort eingehend auch zu Erdmann.

[25] Zu Kantorowicz gibt es gute wissenschaftsgeschichtliche Einordnungen, v.a.: Johannes Fried: Einlei­tung zu E.H.K.: Götter in Uniform. Studien zur Entwicklung des abendländischen Königtums. Stuttgart: Klett-Cotta 1998, 7-45. Robert E. Lerner: Ernst Kantorowicz: A Life. Princeton University Press, 2016.

[26] Apokalypse 19,11-21: Dem Tausendjährigen Reich geht die ‚erste eschatologische Schlacht‘ voraus, in der ein Reitern angetan mit einem blutgetränkten Gewand mit Namen „Wort Gottes“ das Strafgericht vollzieht an denen, die dem Tier und dem falschen Propheten sich angeschlossen hatten. Sie werden alle in einen Feuersee geworfen oder mit dem Schwert getötet.  – Vergleiche auch Matthäus 24.

[27] Karl Löwith versteht den Fortschrittsglauben als Säkularisat des Joachimischen Dritten Reiches, hält aber den “christlichen Glauben [für] unvereinbar mit einem Glauben an die Welt der Geschichte“. (GS 2(1983), 438), damit verwirft er also die Grundlage des Nationalprotestantismus. In seiner Schrift Der Europäische Nihilismus. Betrachtungen zur geistigen Vorgeschichte des europäischen Krieges, geschrieben und auf Japanisch veröffentlicht 1940 im japanischen Exil, ein Kapitel Deutschland das protestierende Reich. (GS 2, 473-540). Und seinen Aufsatz Vom Sinn der Geschichte beschließt er mit dem Vergleich „Der Zeitgenosse Napoleons (= Hegel) dachte seine Vollendung der europäischen Geschichte des Geistes als die erreichte Fülle eines unentwickelten Anfangs; der Zeitgenosse Hitlers (= Heideg­ger) denkt dieselbe Geschichte als einen sich vollendenden Hervorgang des Nihilismus.“

[28] Ernst Benz: Nietzsches Ideen zur Geschichte des Christentums. Stuttgart: Kohlhammer 1938 (149 Seiten; 2. Auflage … und der Kirche. (Beiheft 3 zur ZRGG) [180 S.] Leiden: Brill 1956. Ders.: Westlicher und östlicher Nihilismus in christlicher Sicht. Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk 1948 [46 Seiten].

[29] Manfred Gailus; Armin Nolzen (Hrsg.): Zerstrittene „Volksgemeinschaft“. Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2011. Vgl. Auffarth (wie Anm. 17).

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Leppin: Die frühen Christen

Hartmut Leppin: Die frühen Christen.
Von den Anfängen bis Konstantin.


(Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung)

München: Beck 2018. 511 Seiten, Abb.; Karte.
ISBN 978-3-406-72510-4,
29,95 €

Was Menschen der Antike veranlasste, Christen zu werden

Kurz: Ein erfrischend anderes Buch über die frühen Christen in der Zeit von Paulus (fünf­ziger Jahre des ersten Jahrhunderts) bis Konstantin, erstes Drittel 4. Jahrhundert). Der nüch­terne Historiker hebt vor allem die Verschiedenheiten hervor, die unter dem gleichen Namen von einer Gemeinde von Christianae/ Christiani sehr unterschiedlich gelebt wurden.

Ausführlich: Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam (Du bist Petrus und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen) prangt in goldenen Lettern an der Kuppel des Petersdoms in Rom. Mit der ‚Wahl des ersten Papstes‘ durch Jesus beginnt die Geschich­te der ‚Kirche‘ und in ununterbrochener Reihe folgt ein Papst dem anderen, der wiederum die Bischöfe einsetzt, die die Priester berufen: die sog. Apostolische Sukzession in der Hier­archie der Amtskirche. Kirchengeschichte kann man schreiben als die Linie, die schnur­stracks zur heutigen Kirchenstruktur führt und sie historisch legitimiert. Alle Seitenlinien, Alternativen Krisen, Schismata (Spaltungen) werden bei dieser Art der Geschichtsschreibung delegitimiert zu Häresien, Gegenpäpsten, Nicht-Christen. Protestanten haben ihre Mühe da­mit,[1] und stellten die egalitäre ‚evangelische‘ Kirche dagegen, die den Evangelien entspreche. Aber sie erliegen oft dem ‚Wurzel, Stamm, Zweige‘-Schema. Was ist dann der ‚Stamm‘? Be­liebt ist der Begriff der „Mehrheitskirche“, selbst wenn etwa Augustinus in Africa eine Min­derheit als Bischof anführt, er sich aber auf die angeblich ‚weltumspannende‘[2] Kirche cat­holica ecclesia beruft, die das Recht und den Kaiser auf ihrer Seite gegen die Mehrheit der ‚Donatisten‘ habe. Solch einer einlinigen Entwicklung widerspricht Hartmut Leppin in seinem Meisterwerk:

Die Entscheidung Konstantins (sc. sich mit den auf Amtsautorität der Bischöfe beru­henden Strukturen zusammenzutun) bedeutete, dass eine Form des Christentums herausgehoben wurde und andere allmählich zurückgedrängt oder auch integriert wurden – doch wäre es erneut zu kurz gegriffen, in Linearitäten zu denken. Denn die Vielfalt, die aus den Zerwürfnissen erwuchs, erhöhte die Adaptabilität [Anpassbarkeit] der christlichen Lehren, aber auch die Widerstandkraft gegen kaiserliche und bischöf­liche Machtansprüche.“ (441).

Das bedeutet, dass der Frankfurter Alt-Historiker Hartmut Leppin[3] keine Geschichte im Sinne einer Entwicklung denkt (also von der Jesusbewegung als innerjüdischer Reform­bewegung zur ‚Trennung der Wege‘ von Judentum und Christentum,[4] den Aufstieg des monarchischen Mon-Episkopats, den Christenverfolgungen, dem Katakomben-Christentum bis hin zur ‚Konstantinischen Wende‘),[5] sondern streng nach Themenbereichen grundlegen­der Probleme gliedert, in denen HL sich dann zeitlich mal im zweiten, mal im vierten Jahr­hundert bewegt. Großartig sind die ausführlichen Zitate aus unterschiedlichsten Quellen, neben den Klassikern, Kirchenväter und Apologeten genannt, Eusebius als dem ersten Kirchenhistoriker, der Gemeindeordnung der Didachè und immer wieder Tertullian, auch Inschriften und Papyri, Münzen. So kommen die Vielfalt und Polyphonie des antiken Christentums zur Sprache.[6] Jedes der relativ kurzen und gehaltvollen Kapitel schließt HL ab mit einem systematischen Resumé in kulturwissenschaftlicher Zuspitzung. Die Besonderheit der christlichen Haltungen und Verhaltensweisen arbeitet HL heraus, indem er eine Norma­lität der griechischen und römischen Antike der Kaiserzeit skizziert. Das gelingt ihm etwa für die grundlegende Institution der Sklaverei hervorragend (293-302), um zu erklären, warum es bei Christen ein eher geschwisterliches und kein ausbeuterisches Verhältnis geben sollte, aber die Sklaverei als solche nicht in Frage gestellt wird. Oder die Rolle der Frauen, die anfangs auch noch Führungsrollen übernahmen und charismatische Beiträge zum Gemeindeleben einbrachten (sehr guter Abschnitt 145-157). Das könnte für andere Problem­bereiche auch ausführlicher geschehen, etwa bei der Frage der Bestattung. Die Bestattung, von der die meisten antiken Texte Auskunft geben, sind Oberschichten-Diskurse (was HL viele Male auch betont).[7] Da es keine Möglichkeit gab, sich als ‚Kirche‘ institutionell korpora­tiv aufzustellen,[8] organisierten sich gerade die römischen Christen als Begräbnisvereine. Die eingesammelten Beiträge für eine spätere Bestattung (also eine Begräbnis-Versicherung) mussten einer Person anvertraut werden, da es keine Institution Kirche gab. Das ist der Hintergrund für die Geschichte des späteren Bischofs Callistus und seines Widersachers Hippolytus.[9] Diesen spannenden und wichtigen Fall erwähnt HL an mehreren Stellen, aber erzählt ihn nur einmal ausführlicher, ziemlich weit hinten im Buch.[10]

Da es für die Polyphonie wichtig ist, fragt sich HL nicht, ob etwas zum Christentum dazu zu rechnen ist oder nicht. Das gnostische Spektrum bezieht er ohne weiteres ein. Das sah aber der Bischof Irenäus von Lyon anders, der in fünf Büchern die Gnosis vorstellt und als Irrweg abweist. Die Geschichte der frühen Christen ist geprägt von solchen Abgrenzungen und Dogmen. Das ‚häresiologische Ethos‘ muss man beschreiben, auch wenn die Polyphonie das Thema des Buches ist.[11]

Die Frage, „was Menschen veranlasst, zu Christen zu werden“, unterscheidet sich grund­sätzlich von dem Christ-Sein, also dem Hineingeboren-Werden in eine Religion, wie das seit der Spätantike typisch, aber durch die Reformation/Konfessionalisierung regional wieder differenziert wird.[12] Hartmut Leppins Meisterwerk widmet sich der Poly-phonie des antiken Christentums: Das Projekt, das aus den Mitteln des Leibnizpreises finanziert wird und in der Ruhe der Freistellung dank der Koselleck-Preises, möchte die Vielfalt des spätantiken Chris­tentums erforschen.[13] Angesichts der vielen theologisch-kirchengeschichtlichen ‚Meister­erzählungen‘,[14] ist das eine Herausforderung: Warum eine historische gegenüber einer kirchenhistorischen Darstellung? Kirchengeschichte beschäftigt sich mit Kirche. Demgegen­über hat die Geschichts- wie die Religionswissenschaft zum Gegenstand die Religion(en), hier der Antike, also die Pluralität der Religionen unter den Bedingungen des Reiches/Impe­rium Romanum.[15] Pluralität der Christentümer, Polyphonie, das ist HL bewusst, bedeutet meist nicht, dass innerhalb der lokalen und regionalen Gemeinden Vielfalt respektiert wurde. Es sind die regionalen Eigentümlichkeiten, die nebeneinander stehen bleiben. Das sollte aber eigens thematisiert werden. Tertullian (der Jurist) und Cyprian (der Bischof) werden spät, nachdem sie schon mehrfach zitiert wurden, (relativ knapp) vorgestellt.[16] Das afrikanische Christentum aber, in dem die beiden Rigoristen wirken, wird nicht eigens beschrieben. HL zeigt die Gegenbewegung der Skripturalisierung plus Sazerdotalisierung gegen die Prophetie, also dass Gott auch in der Gegenwart spricht. Aber der Montanismus ist eine anatolische/nordafrikanische Besonderheit, die der überall anderswo gültigen Unterdrückung der Prophetie nur regional zuwiderläuft.

Das heißt, in der Antike sind durch die Religionen bestimmte Vorstellungen und Erwartun­gen entwickelt, in denen sich eine innerjüdische Reformbewegung allmählich zu einer eigenen Religion entwickelt, bevor sie dann zur herrschenden und, politisch gewollt, zu einzigen Religion durchgesetzt wird.[17] Eine wichtige Frage ist unter dem Stichwort ‚Demut‘ andiskutiert, aber nicht so bündig beantwortet wie bei anderen Fragen: In seinem Klassiker The Greeks and the Irrational hatte Eric Robertson Dodds 1951 (dt. 1971) die These aufgestellt, das Christentum habe die antike Schamkultur (gegenüber Anderen sein Gesicht wahren) ersetzt durch die (intrinsische) Schuldkultur.[18] HL beschreibt das gut, aber die Antwort auf die These von Dodds bleibt offen. Die wird man sicher differenziert beantworten müssen.

Ich brauche nicht zu sagen, dass dieses Buch sehr reichhaltig die Verschiedenheiten der antiken Christentümer plastisch vor Augen führt, auch für Mitforscher interessant zu lesen. Die Sicht der Römer steht im Vordergrund, aber nicht, wie oft üblich, nur die Feindschaft. Für mich war etwa neu die Beanspruchung der Regenwunders, durch das Kaiser Mark Aurel gerade so einer Katastrophe entging, von verschiedenen Seiten; gerade so konnten die Christen als angeblichen Reichsfeinde beweisen, dass sie das Reich vor dem Untergang bewahrten (81-83). Das Buch ersetzt keine Religionsgeschichte. Einigermaßen blass bleiben die Juden in der Diaspora und ihre Halacha, doch gute Bemerkungen zum Problem der Trennung der Wege von Christentum und Judentum (Tag von Antiochien, Synode von Javne, die Entstehung eines ethnischen Judentums durch den fiscus Iudaicus, geringe Bedeutung der Rabbinen).

Wie es einem Meisterwerk gebührt, ist das Buch qualitativ herausragend vom Verlag gewürdigt durch ein eingehendes Lektorat, weiter durch Fadenbindung in Leinen, was eine intensive und vielfache Verwendung ermöglicht.[19] Statt eines systematischen Index hat der Verfasser ein anderes Verweissystem durchgeführt: In Marginalien wird verwiesen auf ein dazu umfassendes (Unter-) Kapitel. Brauchbar, aber nicht genau. Ein erfrischend anderer Zugang zu den frühen Christen und der Vielfalt der Stimmen ihrer Gemeinden! Kein Ersatz für eine Theologie- noch weniger für eine Religionsgeschichte. Aber unbedingt lesenswert.

 

 Bremen/Much, 19. August 2019                                                              Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,

Universität Bremen

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Aus meinen Notizen folgen hier weitere Bemerkungen:

„Ein Leichnam kommt der Welt abhanden.“ Gemeint ist Jesu Leichnam. Der Historiker HL formuliert schön provokant. Er stellt darauf fest, dass das Abhandekommen nicht einfach aufgeht in dem, was dann Christen aus dem Fehlen machten: Auferstehung und Auffahrt in den Himmel. Auch unter den ersten Christen war das offenbar umstritten und moderne Menschen müssen das nicht glauben – oder können es nicht. Aber „der schlichte Historiker kann gar nicht anders als beide ernst zu nehmen, da sie [sc. Auferstehung und Himmelfahrt] wirkmächtig waren.“ (26) Das muss besser beschrieben werden: „wirkmächtig“ ist nach der Debatte (selbsttätige) ‚Wirkung‘ einer Vergangenheit vs. aktive Rezeption (und Nicht-Rezeption) deutlicher zu unterscheiden.

An dem Beispiel des Lebens Jesu nach dem Tod (ich spiele hier nicht auf Johannes Fried an): Da widerstreiten sich zwei Deutungen (Rezeptionen): Die eine (beide in Paulus 1Kor 15) spricht von „Jesus wurde gesehen“ (ὄφθη), die Formel für die Epiphanie eines Gottes. Die andere versteht Jesu Auferstehung als die ἀπαρχή (Prototyp) der Auferstehung aller Menschen: einer neuen Schöpfung. Dahinter steht die umfassende Debatte innerhalb der jüdisch (-christlichen) Kultur des ersten Jahrhunderts, ob es ein Leben nach dem Tod gebe.[20] Die Sadduzäer verneinen das in der Konsequenz der Hebräischen Bibel; die Scheol ist kein ‚Leben‘, sondern homerisches Schattendasein im Hades. Die anderen, Pharisäer und Essener, auch die Christen, diskutieren über den ‚Auferstehungsleib‘ mit unterschiedlichem Ergebnis. Paulus (Mitte fünfziger Jahre) und die Evangelisten (nach 70 n.Chr.) sind sich da nicht einig: Paulus betont in 1Kor 15, dass das ‚Korn‘, das in die Erde gelegt wird vollständig sterben; und ‚auferweckt‘ wird ein anderer psychischer/ pneumatischer Leib.[21] Also keine Kontinui­tät (des Leibes oder der Seele). Die Evangelisten entscheiden sich entweder für einen im­materiellen Auferstehungsleib: Der angebliche Gärtner am Grab, in Wirklichkeit Jesus, warnt seine Mutter: Noli me tangere! „Fass mich nicht an!“ Eine Umarmung würde nichts Materiel­les umarmen, sondern in die Luft greifen. Ganz das Gegenteil der Leib des Auferstandenen in der Erzählung des Thomas. Er soll in die Narben des gefolterten und gestorbenen Jesus fassen. Ein sehr materiell Auferstandener. Der das Haus betritt, obwohl alle Türen verram­melt sind. Hier lässt sich gut erklären der Unterschied zwischen literarischer Darstellung, ‚sozialen Fakten‘ und Streit um die Rezeption. Die nicht nur jüdisch-christliche Konzeption, sondern das Modell der ‚Lebens nach dem Tod‘ in der Antike von den Pythagoreern des 5. Jh. bis zur Gegenwart hat Jan Bremmer 2002 herausragend dargestellt.[22]

Die Taufe als ungeheurer Schritt: Aufregend die Selbsttaufe der Thekla. Aber hier, wie über­all ist der Hinweis nötig: Erst in sozial höheren Kreisen bedeutet die Taufe einen Schnitt mit den bisherigen sozialen Beziehungen; also erst wenn man zur feineren Gesellschaft gehört, kann das zum Problem werden. Jan Bremmer, mit seinem Gespür für die Rolle der Frauen, hat Belege gesammelt, dass das Christentum für Frauen der höheren Schichten attraktiv war, während Männer den Schritt zur Taufe vermieden, um ihre öffentlichen Ämter weiter aus­üben zu können. Eindrücklich das Beispiel der Marcia, Geliebte des Kaisers Commmodus (409), die ChristInnen freizulassen anordnet. Witwen sind besonders prädestiniert in doppel­ter Hinsicht (das wird bei HL erst beim weiteren Lesen klar), einmal als Bedürftige, die von der Gemeinde mit versorgt werden. Dann aber, wenn sie aus einer wohlhabenden Familie stammt, als Spendengeberin und Euergetes/Euergetis[23] – neben dem zu Recht hervorgeho­benen crowd-funding: Der Verein/die Gemeinde der Christen erweist sich eher als Subkultur, aber schon in Korinth gibt es die Starken, die zur Stadt-Gesellschaft dazu gehören und bei Partys  am Fleischessen teilnehmen wollen, und die ‚Schwachen‘, die nie zu Partys einge­laden werden und die ‚Kontamination‘ mit den Nicht-Christen als Fehlverhalten kritisieren.

Weiter müsste ein anderes Problem deutlicher herausgestellt werden, das ebenfalls die sozialen Beziehungen betrifft: Mobilität und Migration im Römischen Reich.[24] Die Soldaten, die Sklaven, die Händler, die Pilger, die hohen Beamten. Meist bilden sie Diaspora-Sub­kulturen, in denen abweichendes Verhalten zu den anderen Subkulturen oder zu der Auf­nahmekultur nicht auffällt. Dass darin sich auch religiöse Präferenzen bilden als portatives Vaterland oder eben neue Regeln von charismatischen Leitern vorgetragen werden, ist dabei häufig zu beobachten.

Die Darstellung der Abkürzungen in Kapitälchen ist etwas verwirrend und weder konsistent noch typographisch schön. ZThK  

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[1] Wie das Papstkirchen-Modell auch bei Protestanten immer wieder als ‚normal‘ aufscheint, s. meine Rezension Friedrich Wilhelm Graf; Klaus Wiegandt (Hrsg.): Die Anfänge des Christentums. 2009 http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2010/02/21/die-anfange-des-christentums-herausgegeben-von-friedrich-wilhelm-graf-und-klaus-wiegandt/ 21.2.2010

[2] Catholica latinisiert das griechische καθ‘ ὅλην τὴν γῆν kath‘ hólen ten gên ‚über die ganze Erde hinweg‘.

[3] Hartmut Leppin ist Professor für Alte Geschichte in Frankfurt am Main. Näheres zum Autor, seine nationale und internationale Anerkennung als Herausgeber bedeutender Lexika und Zeitschriften s. die Homepage http://www.geschichte.uni-frankfurt.de/43209170/02_Inhalt_Leppin . Im Folgenden verwende ich der Kürze halber die Initialen HL. Der Leibnizpreis, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ist die bedeutendste Anerkennung, die deutsche Wissenschaftler in der Mitte ihrer Karriere erhalten können und ist bestimmt für wissenschaftliche Großprojekte https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz-Preis.

[4] Dazu meine Rezensionen zu Daniel Boyarin und Peter Schäfer: Geburten und Geschwister: Peter Schäfer: Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums 2010. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2010/08/19/die-geburt-des-judentums-aus-dem-geist-des-christentums-von-peter-schafer/#comment-79 (19.8.2010). – Antike Juden und Christen streiten in Hörweite: Daniel Boyarins Borderlines auf Deutsch:  Abgrenzungen. Die Aufspaltung des Judäo-Christentums 2009. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2010/10/20/abgrenzungen-die-aufspaltung-des-judao-christentums-von-daniel-boyarin/ (20.10.2010). – Gottes Sohn – auch in einer jüdischen Tradition. Daniel Boyarin: Die jüdischen Evangelien. Die Geschichte des jüdischen Christus. 2015 – Peter Schäfer: Zwei Götter im Himmel: Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike 2017. In: rpi-virtuell http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2017/09/19/boyarin-juedische-evangelien/ (19.9.2017).

[5] Statt hier Beispiele zu nennen, sei verwiesen auf meine Rezensionen: Kirchengeschichte: Hauschilds Lehrbuch erneuert. Wolf-Dieter Hauschild: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 1: Alte Kirche und Mittelalter. 5., vollständig überarbeitete Neuausgabe von Volker Henning Drecoll. – Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2016. In: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2017/04/06/alte-kirche-und-mittelalter/ (6.4.2017).

[6] Die Zitate sind in Deutsch wiedergegeben, öfter einzelne Begriffe der Originalsprache genauer vorgestellt. Die Zitate beruhen zwar auf vorhandenen Übersetzungen, sind aber jeweils, wo nötig, präzisiert. Manches Wort, wie ‚Schmausereien‘ mag man, wie HL das bei ‚Putzsucht‘ tut, goutieren als altmodisch treffend, kommen aber nur noch in Übersetzungsdeutsch vor, in der ‚Sprache Kanaans‘.

[7] Zu Bestattung und Öffentlichkeit mein Aufsatz „Imago Mortis – Imago Vitae – Lebensbild: Ästhetik, Theatralität, Performance bei der Wiederaufführung des Mythos vom Tod des Sokrates durch Seneca.“ In: Antike Mythen. Medien, Transformationen, Konstruktionen. Festschrift für Fritz Graf. Hrsg. von Christine Walde und Ueli Dill. Berlin: De Gruyter 2009, 532-562.

[8] Zur Metapher des ‚Leibes‘ hat HL einen eingehenden Abschnitt formuliert, der auch den anti-autori­tären Charakter der Metapher bei Paulus hervorhebt. Das hätte noch verstärkt werden können durch die Leibesmetapher, wie sie Menenius Agrippa erzählt gegenüber den Aufständischen, nämlich autoritär (Livius 2,32): Wenn es den Bauch (Senat, der scheinbar nichts arbeitet) nicht gäbe, würden die Glieder nicht wissen, was zu tun. Und weiter die wichtige juristische Semantik des corpus als Institution/Korporation, die die Christen gerade nicht für sich beanspruchen konnten.

[9] Auf den Fall machte aufmerksam Henneke Gülzow: Kallist von Rom. [1967] in: H.G.: Kirchen­geschichte und Gegenwart. Münster: LIT 1999, 117-136.

[10] S. 328-330.

[11] Ausgezeichnet beschrieben von Michel-Yve Perrin: Civitas confusionis. De la participation des fidèles aux controverses doctrinales dans l’Antiquité tardive, début IIIe s.-c. 430. Paris: Nuvis 2017.

[12] Helmut Zander (Berlin: De Gruyter 2016) macht ‚Entscheidung‘ zum Hauptkriterium, s. meine Re­zension: Helmut Zander: ‚Europäische‘ Religionsgeschichte. Religiöse Zughörigkeit durch Entschei­dung – Konsequenzen im interkulturellen Vergleich. In: Religious Studies Review 44.1 (2018), 101f. Demgegenüber hatte Burkhard Gladigow 1995 das Modell der Europäischen Religionsgeschichte gerade damit begründet, dass es unter mehreren mitlaufenden Alternativen ‚spätestens seit der Renaissance‘ gerade keine Notwendigkeit einer Entscheidung gibt. Dazu Christoph Auffarth: Wie schreibt man eine Europäische Religionsgeschichte? In: CA, Alexandra Grieser, Anne Koch (Hrsg.): Religion in der Kultur – Kultur in der Religion. Der Beitrag Gladigows zum Paradigmenwechsel in der Religionswissenschaft. Tübingen: TUP 2019, im Druck.

[13] Homepage HL (19.8.2019).

[14] Gute Kenntnisse der klassischen Kultur findet man bei Christoph Markschies: Das antike Christen­tum. Frömmigkeit, Lebensformen, Institutionen. München: Beck ³2016. [Der Band hieß ursprünglich 1997 Zwischen den Welten wandern]. Auch die handbuchartige Einführung (mit meiner Rezension): Das Christentum – eine antike Stadt-Religion. Rezension zur Martin Ebner:  Die Stadt als Lebensraum der ersten Christen, 2012. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2013/11/28/die-stadt-als-lebensraum-der-ersten-christen/ (28.11.2013). Nicht besonders gut gelungen ist der Band in den Religionen der Menschheit von Dieter Zeller (Hrsg.) 2001.

[15] Jörg Rüpke: Reichsreligion? Überlegungen zur Religionsgeschichte des antiken Mittelmeerraums in römischer Zeit. In: Historische Zeitschrift 292 (2011), 297-322. Christoph Auffarth: Reichsreligion und Weltreligion. In: Hubert Cancik; Jörg Rüpke (Hrsg.): Die Religion des Imperium Romanum. Koine und Konfrontation. Tübingen: Mohr Siebeck 2009, 37-54.

[16] Cyprian bes. 196-205, Tertullian erst 178f charakterisiert als Rigorist.

[17] Zum spätantiken Christentum als Teil der Staatsgewalt, also in der Epoche, die der in diesem Buch beschriebenen folgt, hat HL wichtige Forschungen erarbeitet: Theodosius der Große. Darmstadt: WBG 2003. Justinian. Das christliche Experiment. Stuttgart: Klett-Cotta 2011.

[18] E.R. Dodds: Die Griechen und das Irrationale. Darmstadt: WBG 1971, 17-37. Dahinter steht Nietzsche, zugespitzt in der Krise der Werte nach dem Ersten Weltkrieg von Walter F. Otto: Der Geist der Antike und die christliche Welt. Bonn: Cohen 1923.

[19] Gerade weil ich ein anderes Buch des Beck-Verlages vorliegen hatte, kann ich die Fadenheftung nur als die beste Wahl empfehlen. Für Quelleneditionen muss sie sein.

[20] Günter Stembergers Dissertation hat das umfassend aufgearbeitet.

[21] Christoph Auffarth: Das Korn der Sterblichkeit. Was Paulus von seinen Korinthern im Demeter- und Kore-Heiligtum gelernt hat. In: Jörg Rüpke; John Scheid (Hrsg.): Bestattungsrituale und Totenkult in der römischen Kaiserzeit – Rites funéraires et culte des morts aux temps impériales. (Potsdamer Altertums­wissenschaftliche Beiträge 27) Stuttgart: Steiner 2009, 113-133.

[22] Jan Bremmer: The Rise and Fall of the Afterlife. London Routledge 2002. Die Aussage von HL “Christus-Anhänger glaubten prinzipiell an die Auferstehung der Seele“ (27) ist falsch. Die Rezeption der Unsterblichkeit der Seele beginnt mit Tertullian, de anima um 200.

[23] Jan Bremmer: Why Did Early Christianity Attracted Upper-Class Women? [1989] In: J.B.: Maidens, Magic and Martyrs in Early Christianity. Tübingen: Mohr Siebeck 2017, 33-42.

[24] Systematisch: Christoph Auffarth: Religio migrans. Die ‚Orientalischen Religionen’ im Kontext antiker Religion. Ein theoretisches Modell. In: Corinne Bonnet, Sergio Ribichini; Jörg Rüpke (hrsg.): Religioni in Contatto nel mondo antico. Modalità di diffusione e processi di interferenza. (Mediterranea 4) Rom 2008, 333-363. [auch französische Übersetzung (von Anne-Laura Vignaux) »Religio migrans: Les religions orientales dans le contexte religieux antique. Un modèle théorique«. in der Online-Zeitschrift Trivium Nr. 4(2009): »Die orientalischen Religionen in der griechischen und römischen Welt«, koordi­niert von Corinne Bonnet und Jörg Rüpke) http://trivium.revues.org/index3300.html.] Auch ders.: Menschen reisen zu den Göttern, Götter reisen zu den Menschen: Religio migrans in Abonu Teichos und am Schwarzen Meer, in: Phasis 18 (Staatliche Universität Tbilisi/Georgien, peer reviewed) 2016, 25-47.

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Schöpfung

Schöpfung. Jahrbuch der Religionspädagogik (JRP)

 

Band 34 (2018)

Herausgegeben von Stefan Altmeyer, Rudolf Englert, Helga Kohler-Spiegel, Elisabeth Naurath, Bernd Schröder, Friedrich Schweitzer
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2018
ISBN: 978-3-525-70259-8
263 S. ; ab 29,99 Euro

 

Die Bibel gibt keine Weltenstehungslehre her!

 

Eines steht fest: SCHÖPFUNG  ist  d a s  religionspädagogische ‚Spitzenthema‘. Das belegen Einblicke in Schulmaterialien, Bildungspläne sowie die Schlagwort-Hitliste bei RPI-Virtuell. Noch viel stärker drängt sich das Thema durch die gesellschaftliche Aktualität auf. Immer größerer Betroffenheit durch die drohende Klimakatastrophe kann kaum jemand ausweichen. Junge Menschen werden aktiv für den Klimaschutz und protestieren gegen politische Versäumnisse. Eine junge Lehrerin charakterisiert die heutigen unterrichtlichen Erfordernisse mit dem Kennzeichen: „Religionsunterricht nach Greta“.[1]

Das Jahrbuch der Religionspädagogik 2018 hat diese Dringlichkeit erkannt und bietet ein breites Spektrum thematischer Auseinandersetzung. Mit mehreren SCHLAGLICHTERN beginnt das Buch. Sie verdeutlichen, dass das Thema Schöpfung im wahrsten Sinne des Wortes ‚Ansichtssache‘ ist. So vertritt die Grundschülerin Theresa (4. Klasse) die Auffassung, dass Gott das Bestehende wachsen lässt und fördert; einen Schöpfer als Urgrund von allem kann sie sich nicht vorstellen (8-10). Die nächste Ansicht kommt von ‚oben‘, aus 10 Kilometer Höhe. Es ist die Perspektive des Piloten Klaus Froese (11-12), dem sich im Cockpit staunende Fragen stellen. Aus den Medien ist der Forscher Harald Lesch bekannt (13-14). Sein knappes Statement spricht vom Respekt des Naturforschers gegenüber dem Universum und der Natur. Seine Mahnung: Geht achtsam damit um, denn: “Das gibt es nur einmal, das kommt nicht wieder“! Zwei weitere Schlaglichter führen uns in den Wald [2] beziehungswiese an unseren ersten Anfang zurück: die Geburt [3]. Brutale Fakten des Klimawandels werden von Andreas Lienkamp komprimiert vorgestellt (24-27).

Derartige Schlaglichter – die Auswahl lässt sich erweitern – sind ein guter Weg, Einstiege und spezielle Vertiefungen für die unterrichtliche Arbeit zu bahnen.

Die folgenden Artikel gehen fachlich und umfänglich mehr in die Breite, hier genannt INTERDISZIPLINÄRE PERSPEKTIVEN. Beim Forschungsüberblick von Christian Höger „Schachmatt für die Schöpfung“ (30-34) besteht eine gewisse Gefahr, dass einem ober der Fülle der Erkenntnisse und Frage-Schwerpunkte leicht schwindelig wird. Doch ist es gut zu wissen, dass dem Schöpfungsthema in der religionspädagogischen Forschung mit viel Energie nachgegangen wird. Relevante Stichworte: Kindertheologie, Artifizialismus, Naturwissenschaftsglaube, Weltbilder. Hoffentlich prägen diese Erkenntnisse zukünftig stärker die Qualität religionspädagogischer Materialien! [4] Höger resümiert: „Zweifellos bleibt ‚Schöpfung‘ an sämtlichen religionspädagogischen Lernorten ein lebenslang relevantes Thema“ (42).
Georg Steins (45-59) kritisiert die oft ‚matten‘ Aussagen zur theologischen Bedeutung biblischer Schöpfungsrede. Kirchliche Erklärungen werden der Vielfalt und der Tiefe nicht gerecht, welche in der Bibel anzutreffen sind. Die Bibel gibt keine ‚Weltenstehungslehre‘ her! Steins regt an, weitere Aspekte in den Vordergrund zu holen: die Statthalterschaft des Menschen, die Unabgeschlossenheit der Schöpfung und die dynamisch nach vorn weisende Funktion des Lobes an den Schöpfer. Das sollte religionsdidaktisch aufgegriffen werden! Dem Verhältnis von Mann und Frau in den uralten biblischen Texten widmet sich Desmond Bell (60-70). Er macht auf Fehlinterpretationen aufmerksam; so werde bei Gen 3 auch heute zumeist noch von ‚Sündenfall‘ gesprochen, obgleich im Text überhaupt nicht von Sünde die Rede ist. Die Auslegung der 2. Schöpfungserzählung (Gen 2, 4b ff) habe die „absonderlichsten Theorien über das Miteinander von Mann und Frau“ hervorgebracht (65). Die Vielstimmigkeit der Texte lasse es kaum zu, ein ‚stimmiges Gesamtbild‘ zu erstellen (64). Eine berechtigte Warnung vor schlichten Verallgemeinerungen und Engführungen aufgrund dogmatischer Vorverständnisse!

Was glauben eigentlich Muslime bezüglich der Schöpfung? Was findet man im Koran? Fahima Ulfat [5] fragt nach Verbindungen zwischen Bibel und Koran (71-84). Fast bedauernd hebt sie hervor, dass der Koran über „keinen chronologischen Schöpfungstext“ verfüge. Jedoch spricht der Koran an sehr vielen Stellen von der Schöpfung Gottes und dem Auftrag des Menschen. Die Funktion „Statthalter“ auf Erden zu sein, wird besonders betont (76f. 84). Leider fehlen in ihren Ausführungen jegliche Bezüge zur Religionspädagogik.[6] Im Jahrbuch finden sich auch keine weiteren Beiträge aus islamischer Perspektive! Angesichts der sehr virulenten Lage des islamischen Religionsunterrichts in Deutschland ist dies ein schmerzliche Lücke!

„Mitgeschöpflichkeit“ ist ein wichtiges Stichwort der Diskussion um das Verhältnis zu den Tieren. Peter Riede (85-94) stellt die Probleme und die Chancen der gegenwärtigen Situation vor: Artenschutz, Nutz- und Haustiere, Versuchsobjekte. Der Erkenntnisstand ist ernüchternd: „Dass das ‚Verbrauchsmaterial‘ Tier kaum seiner Bestimmung als Mitgeschöpf entspricht, steht außer Frage“ (94).

Interessante neue Aspekte bieten die Artikel „Schöpfungsglaube im Anthropozän“ [7] und die „Verantwortung des Menschen in Zeiten der Künstlichen Intelligenz“ [8]. Mit der Kernfrage „Quo vadis Menschheit“ wird der Blick auf die großen Erdzeitalter gerichtet. Aber auch bezüglich der KI stellen sich fundamentale Orientierungsfragen. Ein spannender Stoff, der auch schulisch aufgegriffen werden sollte.

‚Das musste einfach mal gesagt werden!‘ Andreas Benk (229-248) knöpft sich die zahllosen Religionsmaterialien zum Thema Schöpfung vor und untersucht diese auf fachliche und didaktische Substanz. Sein Urteil ist größtenteils vernichtend! Er stellt eine gewisse Themenkonzentrierung in den Schulstufen fest: Zu Beginn der Grundschule: Staunen, Lob und Dank; gegen Ende der Grundschulzeit kommt die „Verantwortung für die Schöpfung“ hinzu (231). In den Sekundarstufen erweitert sich das Spektrum um das Verhältnis zu Naturwissenschaften – Evolution. Er vermisst schmerzlich eine umfassende Gesamtschau, die theologisch verantwortbar ist. Benk stört sich an vielfach vorhandenen Appellen zum Umweltschutz, die direkt aus den biblischen Texten abgeleitet werden, an krassen Umdeutungen wie etwa dem Entdecken einer „Evolutionstheorie“ in Gen 1 und einer verklärenden Sicht von Natur, welche die Realität ausblendet: „Zwischen Natur und Schöpfung wird nicht differenziert, beide Begriffe werden austauschbar verwendet“ (241). Die Beispiele ließen sich noch vermehren! Auch für Oberstufenmaterialien gilt die Erkenntnis: “Gen 1 will keine philosophische Antwort geben auf die metaphysische Frage nach dem Ursprung der Welt …“ (242). Für zahlreiche Materialien auf dem Büchermarkt kann Benk sich nur einen guten Ort vorstellen: „Ich wünsche mit derartige Materialien in die Giftschränke der Bibliotheken verbannt!“ (234).

Die DIDAKTISCHEN KONKRETIONEN des Jahrbuchs „Schöpfung“ enthalten folgende weitere Artikel, auf die ich aus Zeit- und Raumgründen jetzt nicht detaillierter eingehen kann:

Martin Rothgangel: Schöpfung und Evolution – eine Beziehung voller Missverständnisse, 123-134 [9]

Peter Kliemann, Friedrich Schweitzer: Schöpfung aus curricularer Sicht: Was lernen Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht laut Bildungsplan und was sollten sie lernen?, 136,147

Veit-Jakobus Dieterich: Jugendliches Denken über Schöpfung und Evolution. Empirische Forschungen – religionspädagogische Herausforderungen, 148-160

Guido Hunze: »Ich widerspreche alles, weil eigentlich überall Gott drin steht.« Theologische Herausforderungen und schöpfungsdidaktische Stolpersteine (nicht nur für den Religionsunterricht), 161-170

Stefan Altmeyer, Daniel Dreesmann: Grenzgänge zwischen Natur und Schöpfung – Grundlagen und Vorschläge für fächerverbindendes Lernen in Biologie- und Religionsunterricht. 171-183

Heike Lindner: »Im Anfang war der Klang …« Schöpfung fächerverbindend mit Musik unterrichten – didaktische Entfaltungen und Konkretionen. 184-194

Matthias Wörther: Die Axt am Baum des Lebens – Überlegungen zu schöpfungstheologischen Aspekten in Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen. 195-206

Elisabeth Naurath: Werte-Bildung auf dem Erlebnisort Bauernhof. 207-217

Thomas Weiß: Theologisch argumentieren üben am Beispiel Schöpfung. 218-228

 

Generelle Problemstellungen beim Thema Schöpfung

Im Beitrag von Guido Hunze bin ich auf markante Problemstellungen gestoßen, die immer wieder in religionspädagogischen Schöpfungsmaterialien zu finden sind.

  1. „Die Welt um uns herum ist nicht aus sich heraus Schöpfung, sondern Schöpfung ist eine Kategorie der (Glaubens-) Erfahrung und (Glaubens-) Deutung von Welt“ (164).
    Wird dies als Basiserkenntnis umgesetzt, dann beugt man Fehlschlüssen und Kurzschlüssen weitgehend vor!
  2. „Es ist erstaunlich, wie oft die beiden Texte am Anfang der Bibel noch immer als ‚Schöpfungsberichte‘ bezeichnet werden“ (165). Das ist nicht nur ‚erstaunlich‘, sondern sogar skandalös fehlerhaft. Sollte auch so benannt werden! [10]
  3. Eine „Entschärfung geschieht, wenn beim Thema ‚Schöpfung‘ zunächst an ‚Natur‘ gedacht wird … Natur erfahren, Schöpfung erleben“ (166). Angesichts des inflationären Vorkommens dieses Unterrichtsansatzes ist der kritische Begriff ‚Entschärfung‘ eine viel zu wohlwollende Untertreibung!

 

Bilanzierendes …?

 Dafür hat Rudolf Englert schon im Band gesorgt (250-263). In seinen Einschätzungen spürt man eine deutliche Sorge, dass unser Thema künftig nicht mehr einen großen Stellenwert habe. Seine Hoffnungen auf große theologische Entwürfe teile ich so nicht; dazu gibt beispielsweise die Systematische Theologie keinen Anlass. Aber ich kann mit ihm die unaufgebbare Zuversicht teilen, dass Freude, Dankbarkeit und staunendes Innehalten vor den Wundern des Lebens zu den Schlüsselelementen des Religionsunterrichts angesichts der Schöpfung zählen! [11]

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[1] https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/religionsunterricht-nach-greta-weniger-rechtfertigen-mehr-machen

[2] Bodo Marschall: Am Beispiel des Waldes die Welt erklären (15-16)

[3] Hanna Strack, Theologie der Geburtlichkeit (17-29)

[4] Mit der oft fehlenden Qualität religionspädagogischer Schöpfungsmaterialien setzt sich im Jahrbuch besonders Andreas Benk auseinander:229-248. Mehr dazu unten.

[5] Juniorprofessorin für Islamische Religionspädagogik an der Universität Tübingen.

[6] Ulfat geht intensiv auf verschiedene Positionen islamischer Gelehrten ein, ein wirklicher Vergleich zur Bibel findet jedoch nicht statt. Die Titelfrage „Verbindet oder trennt die Schöpfungstheologie?“ ist wohl eher rhetorisch zu verstehen. – Zu dieser Thematik ist besonders zu empfehlen: Karl Josef Kuschel: Die Bibel im Koran. Grundlagen für das interreligiöse Gespräch, Düsseldorf 2017!

[7] Alexander Loichinger, 96-108

[8] Thomas Christaller, 109-122

[9] Anders als im Buch eingeordnet, rechne ich diesen Artikel zu den Didaktischen Konkretionen. Mein Didaktik-Verständnis lässt das zu.

[10] Das geschieht erfreulich deutlich in Martin Rothgangels Beitrag „Schöpfung und Evolution – eine Beziehung voller Missverständnisse“ (123-134).

[11] vgl. 261

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Dr. Manfred Spieß, Oldenburg
27.08.2019

 

 

 

 

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Ikonographie Palästinas

Die Ikonographie Palästinas/Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern.
Band 4: Die Eisenzeit bis zum Beginn der achämenidischen Herrschaft.

Von Silvia Schroer unter Mitarbeit von Barbara Hufft, Philipp Frei, Florian Lippke, Patrick Wyssmann.

Basel: Schwabe 2018.

961 Seiten. ISBN 978-3-7965-3878-0.
148 €

 

Bilder im Alten Israel laden ein, die bunte Religion zu entdecken

 

Kurz: Das sorgfältige Handbuch, hier der vierte und letzte Band über die Zeit von 1200-500 v.Chr., ist auch ein Buch zum Entdecken der Religionsvielfalt im Alten Israel vor der Exilszeit und dem strengen Monotheismus Jhwhs der Exils-Propheten.

Ausführlich: Ein Langzeitprojekt wird mit diesem Band abgeschlossen: Die Ikonographie der Zeichen, die in der südlichen Levante dargestellt wurden. War die Erforschung Israels ein fast ausschließlich protestantisches Unternehmen, so schuf die tatkräftige Arbeit von Othmar Keel (*1937) ein ganz neues Projekt und mit diesem Band ist es so gut wie vollendet. Die Protestantische Worttheologie berief sich auf das erste/zweite Gebot des Dekalogs: Du sollst Dir kein Bildnis machen! Also waren Bilder kein Ausdruck der Theologie Israels, sondern das ‚kanaanäische‘ Gegenteil. Die joschianische Kultreform (622 v.Chr)[1] zeigte den Umgang Israels mit den Bildern: Ausreißen, zerhacken, säkularisieren. Mit seinem Buch über die Bilderwelt der Psalmen setzte Keel einen Paukenschlag: die Metaphern der Psalmen (Gott als Fels, als Burg, als Hirte …) fanden sich in den Bildern.[2] Die Nachzeichnungen seiner Frau Hildi erwiesen (und erweisen sich auch in dem vorzustellenden Band) als viel besser als jede Photographie. Es folgten Bücher über die Bilder/Metaphern bei Hiob, im Hohen Lied usf.[3] Ein Buch zur Schöpfung ist für den Unterricht ein vorzüglicher Lehrerband.[4] Die Kritik allerdings fragte zu Recht: Da hat ein Jäger und Sammler in seiner Entdeckerfreu­de Bilder zusammengestellt assoziativ zu den Psalmen, die irgendwie aus dem antiken Nahen Osten stammen.[5] Da muss eine Ordnung her! Denn die Bilderwelt ist offenbar eine Gold­grube, die für die Forschung viel Potential ergibt. Der Aufbau eines Museums in Fribourg in der Schweiz,[6] der Katalog der Siegel,[7] der vorliegende Katalog der Ikonographie. Unter seiner Anleitung entstanden zahlreiche Dissertationen.[8] Seine Mitarbeiterin und Kollegin, Professorin in Bern, Silvia Schroer hat die mühsame Arbeit der Ordnung übernommen, aber auch mehr populäre Bücher veröffentlicht, beispielsweise die Körpersymbolik.[9] Beim ersten Band war Keel noch Mitverfasser. Dann allerdings fesselte ihn das Thema der Religions­geschichte Jerusalems.[10]

Nun also zum Handbuch Ikonographie als eine Religionsgeschichte Palästinas/Israels. Die vier Bände umfassen Band 1 Vom ausgehenden Mesolithikum bis zur Frühbronzezeit.  (Fribourg: Academic Press, 2005. 392 S.); Band 2 Die Mittelbronzezeit. 2008.  339 S.; Band 3 Die Spätbronze­zeit. (Fribourg: Academic Press, 2011. 457 S. Der vierte Band umfasst die Zeit vom Ende der Bronzezeit um 1200[11] bis zum Beginn der Perserherrschaft, also bis zur Exilszeit Israels (‚Babylonische Gefangenschaft‘, 597-520 v.Chr.).[12]  Mit Band 4 ist der Katalog abgeschlossen. Für die Zeit nach dem Exil ist ein Nachfolgeprojekt in Aussicht BIPOW Die Bildwelt Israels/ Palästinas zwischen Ost und West, das die Perserzeit und hellenistische Zeit behandeln wird. Der Band 4 also umfasst die Nummern 994-1974, d.h. die Hälfte des gesamten Katalogs und umfangmäßig 80% des Gesamtwerkes. Die Katalogeinträge sind sehr präzise knappe Beschreibungen des Bildthemas, der Fundort und eine Datierung, das Museum, in der das Objekt aufbewahrt und zu finden ist, die Größe, die Literatur, wo das Objekt schon erforscht wurde, Parallelen. Viele Objekte sind allerdings nicht in einer Grabung gefunden worden, die einen Kontext und damit eine präzise Datierung erlaubt, sondern irgendwie ins Museum gekommen, so dass die Datierung oft aus der Stilistik und Vergleich mit ähnlichen Stücken erschlossen wird.[13] Der Katalog ist chronologisch in drei Epochen untergliedert, dort dann nach Ikono­graphischen Themen sortiert, also etwa ‚Der Stier‘, ‚Herr der Tiere‘, ‚Göttin, Schlange, Taube und Granatapfel‘, ‚die nackte Göttin‘, ‚Sterne, Wächter und Mischwesen‘, ‚Wettergott‘, ‚Herrscher erschlägt Feinde‘. Diese Themen sind auch chronologisch in der Entwicklung und thematisch kontextualisiert in der Einleitung S. 60-88 behandelt, das Kapitel v. ergänzt die biblischen Bezüge aus Band 3, v.a. um Frauen und Göttinnen, die astralen Gottheiten und den Einfluss der brutalen assyrischen Herrschaftsideologie. Die knappe, aber umfassende Beschreibung des jeweiligen ikonologischen Themas benennt Orte und Zeiten, in denen das Motiv (in der ‚Umwelt‘) besonders gepflegt wurde und wie die Könige, die Propheten, wie die Psalmen und poetisch-liturgischen Texte das Motiv ver­arbeiten oder kritisieren im Bezug auf den Jhwh-Kult. Es ist auch möglich, anhand der ausführlichen Indices (für das Gesamt­werk S. 926-961 in kleiner Schriftgröße) zu finden, beispielsweise eine Bibelstelle, einen Fundort (mit kurzer geographischer Einordnung; dazu auch die Karten S. 13f), die gesuchten Motive (leider nicht immer unter­gliedert; etwa zu ‚Bovine, s.a. Kuh, Kalb, Rind, Stier‘ sind es an die hundert Katalog­num­mern. Differenzierter sind aber viele der großen Einträge wie ‚Feinde‘: unter Füßen, gefesselt, geköpft, gefesselt mit Nasenring usf., so auch unter Capride [Ziege, Antilope …], Frau, Gott, Göttin, Löwe, MusikantInnen. Die Joschijanische Kultreform kann ich nicht unter dem Namen des Königs finden, muss also über die Bibelstelle 2.Könige 22-23 suchen und das religionsgeschichtlich so interessante Kapitel 8 bei Ezechiel zum sog. Synkretismus[14] in Jerusalem, also viele Kulte neben dem Jhwh-Kult. S. 18 finde ich so nicht, S. 79 und 84 behandeln nur Details. Zu Recht hat Silvia Schroer die mangelnde Berücksichtigung der weiblichen Gottheit oder weiblichen Seite Gottes kritisiert (21) und in diesem Band einen besonderen Schwerpunkt: gesetzt 96-107. Israel/Palästina ist ein Land zwischen den Großmächten in Mesopotamien und Ägyp­ten, die S. 25-60 vorgestellt werden, dazu die Philister und Phönizier, Zypern und Griechen­land, Urartu und Hethiter.  Kapitel IV, 61-88, beschreibt die Themen der Bildkunst und wie sie sich in den drei Epochen der frühen Eisenzeit verändern: nächst den ägyptischen die auto­chthonen (‚einheimischen‘) Traditionen, unterschieden noch einmal von den nord­syrisch-anatolischen Motiven, wie Stier und Wettergott.

Der vierbändige Katalog findet in diesem Abschlussband eine glänzende Vollendung. Ob das schon eine ‚Religionsgeschichte‘ ist, sollte noch reflektiert und eingeschränkt werden. Die Bilder und Zeichen sind nur eine Dimension,[15] die eher der Elite zuzuweisen sind. Der Band ist ebenso ein Handbuch zum genauen Studium, wie die Zeichnungen der Objekte zum genaueren Nachschauen der Erklärung locken, zu den vergleichbaren Objekten, zum Motiv, zum Kontext. Und sie leiten die Leser dazu, die Bibel aufzuschlagen, um die ange­gebenen Stellen nachzulesen. Ein ausgezeichneter, sorgfältiger Band und ein Entdeckerbuch.

 

Bremen/Much, 16. Juli 2019
Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Michael Pietsch: Die Kultreform Josias. Tübingen: Mohr 2013. Meine Rezension: Israels Religions­geschichte am Wendepunkt: Die joschianische Kultreform. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/. Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart: Kohlhammer 2016, 267-269.

[2] Othmar Keel: Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1972, 51996.

[3] Eine Zusammenstellung seiner Bücher findet man am einfachsten im Wikipedia-Artikel zu Keel.

[4] Keel/Schroer: Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht; Fribourg: Academic Press 2002; ²2008.

[5] Zur Kritik und Diskussion etwa die Beiträge in Bernd Janowski; Nino Zchomelidse (Hrsg.): Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 2003.

[6] BIBEL+ORIENT Museum in Fribourg.

[7] Vier Bände Studien 1985, 1989, 1990, 1994, dann das Corpus der Stempelsiegel-Amulette aus Palästina/ Israel. Von den Anfängen bis zur Perserzeit. Einleitung. Göttingen 1995, ISBN 3-525-53890-1. (Orbis Biblicus et Orientalis. Series Archaeologica 10), Band 1(1997)-5(2017). Noch nicht abgeschlossen.

[8] Um nur einige zu nennen: Thomas Staubli zum Image der Nomaden, Urs Winter zu Baum und Göttin, Christoph Uehlinger zum Turmbau zu Babel. Die von OK gegründete Reihe Orbis Biblicus et Orientalis umfasst 285 Bände, die neutestamentliche Reihe Orbis Biblicus et Orbis Antiquus NTOA ist bei Band 120 angelangt, dazu je eine Reihe series archaeologica.

[9] Silvia Schroer; Thomas Staubli: Menschenbilder der Bibel. Ostfildern 2014. Schroer: Die Körpersymbolik der Bibel. Darmstadt: WBG 1998, ²2005.

[10] 2 Bände, die in dem Handbuch und Reisebuch Orte und Landschaften der Bibel als Band 4,1 erschienen. Band 4,2 ist der unschätzbare Studienreiseführer von Max Küchler über Jerusalem von den Anfängen bis zur Neuzeit. 2007. Die zweite Auflage 2014 ist gekürzt (von 1266 auf 816 Seiten, also um ein Drit­tel), gestrafft, aber viele Alter­na­tiven in den Deutungen sind gestrichen. Ich ziehe die erste Auflage vor.

[11] Zu der Bewertung der Zerstörung durch die Seevölker, das ist die Sicht der Ägypter, und anderen Faktoren des Niedergangs und der Kontinuität Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt. München: Beck 2018, 577-662. Siehe meine Rez. auf dieser Internet-Seite: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/07/18/die-geburt-der-mediterranen-welt/

[12] Die Zeitangaben nennen nicht die ‚christliche‘ Ära, sondern nur a [wie ante Christum natum vor Christi Geburt], beziehen sich also auf die übliche Zeitrechnung, wie im Englischen sich eingebürgert hat, in wissenschaftlichen Texten nicht mehr BC (Before Christ), sondern BCE zu schreiben (Before Common Era).

[13] „Viele Katalogstücke sind nicht auf hundert Jahre genau, manche nicht einmal auf zweihundert Jahre genau datierbar.“ S. 7.

[14] Schroer 21: „Die Religion Israels und Judas vor dem Exil beschreibt man am zutreffendsten als polytheistisch.“ Der wichtige weitergehende Aspekt des Synkretismus ist damit nicht getroffen.

[15] Christoph Auffarth und Hubert Mohr: Religion. in: Metzler Lexikon Religion. Hrsg. von denselben und Jutta Bernard. Band 3. Stuttgart: Metzler 2000, 160-172.

 

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Die Architektur der Normannen

Oliver Becker: Die Architektur der Normannen in Süditalien im 11. Jahrhundert: Kontinuität und Innovation als visuelle Strategien der Legitimation von Herrschaft.

(Studien zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit 17) Affalterbach: Didymos-Verlag [2018].

436 Seiten, 96 nicht gezählte Seiten mit Illustrationen, Karten, Pläne.
ISBN 978-3-939020-17-2.


Die wilden Männer werden Christen

 

Kurz: Das Buch macht die süditalienische Kirchenarchitektur aus jahrelanger Forschung zugänglich, Grundlagenarbeit und spannende Thesen.

Ausführlich: Nachdem die wilden ‚Männer aus dem Norden‘ als Wikinger Jahrhunderte lang die Menschen im Westen Europas in Angst und Schrecken gesetzt hatten, indem sie in jedem Frühjahr mit ihren Schiffen die Flüsse hinaufgefahren waren und alles plünderten, nicht zuletzt die unbewaffneten Klöster, ändert sich das nach der Jahrtausendwende: Vor allem in der Normandie, in Großbritannien (Schlacht von Hastings 1066) und in Süditalien/ Sizilien gründen sie nun Königreiche, nehmen das Christentum an, erobern mit dem Fähn­lein Petri, also im Namen des Papstes, das Land, das teils von Muslimen beherrscht war. Das gehört in die Vorgeschi­ch­te der Kreuzzüge, an denen sich die Normannen dann tatkräftig beteiligten (Bohemund von Tarent, Tancred, Robert Kurzhose).[1] Zur Gründung eines Reiches gehört der Bau von Burgen und in den Städten neuer Kirchen.[2] Dieser Architektur der gerade erst chris­ti­a­nisierten Normannen ist der Verfasser der Dissertation Oliver Becker seit vielen Jahren nachgegangen.[3] Dabei hat er so gut wie jede Kirchen besucht, fotografiert, vermessen, unter­sucht. Viele der Abbildungen im Tafelteil stammen von ihm. Er will aber kein ‚positivisti­sches‘ Inventar aller Kirchen vor­legen, was dann eine kurze, eher technische Beschreibung verlangt hätte. Viel­mehr wählt er vier bzw. fünf „Schlüsselbauten“ aus, an denen er je ein Problem diskutieren will und dabei ausführlich diese Kirche beschreiben kann (1. S. 84-130) den Dom von Salerno wegen der Spolienverwendung, d.h. in dem Bau sind viele ‚geklaute‘ Bauteile verarbeitet, die aus anderen Gebäuden stammen, mit Vorliebe aus antiken Bauten. (2. S. 131-183) Den Dom von Otranto wählt er als Typus einer Hallen­krypta aus, d.h. unter dem oberen Dom mit seinem berühmten Mosaik befindet sich eine große zweite Kirche. (3. S. 184-235) Am Dom von Tarent will er beschreiben, wie in der Forschung sich die Bewertungen änder­ten. Waren das alle (Erz-) Bischofskirchen, so wählt OB (4.) die Kirche von Reggio di Calabria (S. 236-270, ein durch zwei Erdbeben verlorenes Dokument, das sich aus alten Ansichten aber wieder rekonstruieren lässt. Gegen die bisheri­ge Forschung erweist sich der Grundriss nicht als beeinflusst von der berühmten Kloster­kirche von Cluny, sondern bildet einen eigenen Typus mit anderen normannischen Bauten, etwa dem Dom von Tarent. Weiter untersucht OB (5., S. 271-322) die Kirchen von Aversa und Capua als „Bau und Gegenbau“ wegen ihrer neuen Bauformen, also das typisch Andere an der normannischen Kirchenarchitektur, zu dem es keine Vorbilder gibt, aber Konkurrenz zu den Kirchen im nördlich anschließenden Campanien.

Die These, dass die Normannen „mit der schrittweisen Festigung der Herrschaft Kirchen als Monumentalarchitektur, mit der sie weniger ihre frommen Aspirationen als vielmehr ihre weltlichen Herrschaftsansprüche visuell propagieren wollen“ (10) spricht einen Gegensatz aus, den man im Mittelalter kaum auseinanderhalten kann. Kirchen oder Kapellen in Burgen stellen sowohl Prestigearchitektur dar, viel zu groß für den normalen Gottesdienst, als auch ein Zeichen, dass Gott den Reichtum und die Macht zu solcher Architektur gibt, und als Geschenk an Gott, dass er das auch künftig geben möge. Dies war gerade für Eroberer und neu getaufte Könige wichtig.

Die hervorragende Dokumentation in den Bildern und Grundrissen, der Beweis von späte­ren Planänderungen anhand von Baufugen, Rekonstruktion untergegangener Bauten, das riesige Literaturverzeichnis, die Fülle der detaillierten Fußnoten, die Beherrschung der lateinischen Inschriften und Passagen aus den Historikern, erschlossen durch einen Index der Personen und Orte, zeigen, dass hier eine jahre­lange, beharrliche Forschung einen meister­haften Abschluss gefunden hat.

 Bremen/Much, Juli 2019

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Den Zusammenhang hat schon Carl Erdmann herausgearbeitet: Die Entstehung des Kreuzzugs­gedankens. Stuttgart: Kohlhammer 1936. Die neueste Monographie zu den Normannen: Rudolf Simek: Die Geschichte der Normannen. Von Wikingerhäuptlingen zu Königen Siziliens. Ditzingen: Reclam 2018.

[2] Pointiert sagt Oliver Becker, sei es in den rund 70 Jahren der Landnahme zur „Liquidation des süditalienischen Frühmittelalters“ gekommen (14).

[3] Dissertation 2015 an der Freien Universität Berlin bei Prof. Christian Freigang. Bereits 2007 ist ein erster Aufsatz erschienen. Oliver Becker – im Folgenden mit den Initialen OB abgekürzt – hat immer wieder die Bauten aufgesucht, oft genug vergeblich, weil die Kirche ‚in restauro‘ jahrelang geschlos­sen war, was er witzig formuliert: die Kirche sei dem heiligen Restauro geweiht.

 

 

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Ägyptische Religion-2-Götterliteratur

Jan Assmann; Andrea Kucharek: Ägyptische Religion. [2] Götterliteratur.

Aus dem Altägyptischen übersetzt und herausgegeben von Jan Assmann und Andrea Kucharek. Mit zahlreichen, teils farbigen Abbildungen Berlin: Verlag der Weltreligionen 2018.
1099 Seiten, 25 Ab­bildungen. [ISBN 978-3-458-70056-2 ]
78.-

 

Ägyptische Religion in Texten und genauen Erklärungen

 

Der umfangreiche Band mit Texten zu Göttern Ägyptens folgt dem Band über die Toten- und Unterwelt-Texte.[1] Die Texte (S. 11-560). Kommentar 563-1056. Bibliographie 1057-1084. Bilderläuterungen 1085-1091. Die Texte umfassen: (1) die Kultbildrituale (9-148), (2) Abwehr, Schutz, Heilung (149-298). (3) Kosmographie und Theologie (299-420). (4) Hymnen und Klagen (421-508). (5) Lebensführung und Persönliche Frömmigkeit (509-560).

Jan Assmann hat als einer der international führenden Ägyptologen und sprachmächtigen Kulturwisssenschaftler[2] gemeinsam mit Andrea Kucharek[3] eine substantielle Auswahl von Texten aus der gesamten ägyptischen Zeit, die von der frühdynastischen Zeit (etwa 3000-2650 v.Chr.), dem Alten Reich, dem Mittleren und dem Neuen Reich reicht mit den sog. Zwischenzeiten. Aber auch Hellenismus (332-30 v.Chr.) und Römerzeit sind nicht ausge­schlossen (Zeittafel 587f). Die Texte sind guten Teils neu übersetzt in einer Sprache, die im Deutschen als Zielsprache mutig Wörter und Begriffe wählt, statt veraltete und bedeutungs­arme Wörter zu verwenden, die ein früherer Übersetzer verwendete, wenn er sich der Bedeutung nicht sicher war. Die Kommentare sind ebenso stark. Ein Beispiel zu nennen: Die in Europa in der Renaissance als älteste Religion wahrgenommenen Texte unter dem Namen des Hermes, die Hermetik, leitet sich her von dem griechischen Namen (Hermes trismegistos)[4] des Gottes Thot. Für diese Symbolfigur der modernen Esoterik findet JA die folgende Charak­­terisierung: „Er ist der paradigmatische Verwaltungsbeamte unter den Göttern, der Weisungen erteilt, plant, Gesetze erlässt, ‚die Schrift reden lässt‘, d.h. aus Geschriebenem vorliest, und die Opfer an Götter und Totengeister verteilt. Er hat das Sonnenauge heimge­holt, das sich im Zorn entfernt hatte, er hat Horus mit Seth versöhnt und dadurch die Einheit des Staates begründet, er verfügt über die Zaubersprüche, den Wütenden abzuwehren und die Rebellen zu vernichten, und er hat verhindert, dass das Wunder des restituierten Osiris dem Seth sichtbar wurde.“ (719, vgl. 698f). Vielleicht sollte aber der Hinweis auf die Schrift als gehütete Expertenwissenschaft seine Bedeutung doch etwas heben. Ein weiteres Beispiel die knappe Charak­teri­sierung des Seth, heute ein Symbol für das personifizierte Böse (zB in der Church of Seth der Satanisten), S. 696-700 und die folgenden Stellenkommentare 701-728 Seth ist meist ein komplementäres Gegenstück zu Osiris, nur beide zusammen machen die Weltord­nung aus, Wüste und Nil gehören zusammen. Hier aber finden sich Tendenzen zur Verteufe­lung. Der Kommentar (561-586) gibt eine Einführung in die hier versammelten Texte.[5] JA schöpft aus und fasst hier zusammen, was er in zahlreichen Büchern so exzellent erklärt hat: Was er den kosmogonische Monotheismus nennt mit seiner sich täglich erneu­ernden Welt­ordnung und ihre wechselseitige Rechtfertigung mit der Monarchie der Phara­onen.[6] Dann erklären sie, was man unter Götterliteratur, ihre Entstehung, Umfang und Wachstum, ver­steht: Texte zu den Ritualen, in deren Mittelpunkt die Götterstatuen stehen, darunter das berühmte Mundöffnungsritual (Texte 100-148, kommentiert 653-687). Sie müssen gegen Feinde geschützt werden. Kosmotheistische Texte binden die Statuen ein in die Erhaltung der Weltordnung. Hymnen verehren die Götter in den Statuen. Schließlich gibt es auch Texte der Theologie außerhalb des Tempelrituals (die sog. Persönliche Frömmigkeit). Der christ­liche Theologe Clemens aus Alexandria hat in seinen Stromateis („Teppichen“) auf Griechisch eine Bibliothek eines ägyptischen Tempels und das Personal für den Kult beschrieben (570-573). Großartig auch die Beschreibung der ‚Hierosphäre‘ als eine begrenzte Transzendenz der dem Kosmos immanenten Götter, die zwar Flüsse, Winde, Bäume, aber auch Kultur­techniken wie die Schrift repräsentieren, aber den Menschen in einer geschlossenen Sphäre trans­zendent gegenübertreten; gleichzeitig kann ganz Ägypten vom ersten Katarakt bis ins Nildelta als ein einziger Tempel verstanden werden (574). Über den Tempelkult hinaus­greifend ist die Vorstellung der Ma’at als Kult und Recht umgreifende Idee (579-583). Sie manifestiert sich in den Gesetzen und der Rechtsprechung, erhält ihre Bestätigung im Toten­gericht. Die Rezeption des Konzeptes außerhalb Ägyptens in Israel bei den Propheten oder im frühen Griechenland, bildet eine wichtige Transformation oder eine mitlaufende Ent­wicklung in den Religionen, die aus den monotheistischen Konzepten her­vor­gegangen sind: unter den polytheistischen Oberflächen des Kultes findet man mono­theistische Unter­strö­mun­gen.[7]

Ein Bogen auf Kunstdruckpapier (zwischen S. 640 und 641) stellt einige Abbildungen vor, die auf Seite 1085-1090 bzw. im Stellenkommentar erklärt sind. – Etwas betrübt bin ich, dass die in allen bisherigen Textaus­gaben exzellente Arbeit, die Claus-Jürgen Thornton in die Indices der Personen, Orte, Sachen gesteckt hat, hier fehlt. Ein erhebliches Manko.

Der Verlag der Weltreligionen beruhte auf der Zusammenarbeit mit der Udo Keller Stiftung  Forum Humanum. Die Zusammenarbeit ist leider aufgekündigt. Aber es werden noch begonnene Projekte weiter und hoffentlich zu Ende geführt. Dieses Buch ist eines davon. Der Koran-Kommentar das andere. Immerhin. Auch wenn das Gesamtprogramm nicht weiter voran kommt,[8] so hat es bedeutende Bücher hervorgebracht. Dazu gehört dieses Buch von Assmann/ Kucharek über die ägyptische Religion.

Der Band ist eine Summe des Lebenswerkes von Jan Assmann auf dem Gebiet der Ägypto­logie, eine Einsicht in die aktuelle Forschung, wichtige Texte in einer genauen, gut lesbaren Über­setzung und umsichtige Kommentare, nicht in Details sich verlierend, sondern die großen Zusammenhänge am Detail erklärt. Großartig!

  1. Juni 2019
    Christoph Auffarth
    Religionswissenschaft
    Universität Bremen
    ……………………………………………..

[1] Jan Assmann: Ägyptische Religion. [1] Totenliteratur. Frankfurt am Main: Verlag der Weltreligionen 2008.

[2] Die Wertschätzung zeigt sich in der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahre 2018 an den 80-Jährigen gemeinsam mit seiner Frau, der Anglistin Aleida Assmann. Die Qualität seiner Sprache würdigt der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa 2016, die welterklärende Weitsicht der Karl-Jaspers-Preis 2017. – Wenn ich im Folgenden JA oder Assmann nenne, so ist der Anteil von Andrea Kucharek mit gemeint.

[3] Andrea Kucharek arbeitet am Institut für Ägyptologie der Universität Heidelberg. Der Nachfolger Assmanns, Joachim Quack, arbeitet an der Edition von aufregenden, bisher unveröffentlichten ‚spä­ten‘ Osiris-Texten, die die römerzeitliche Götterliteratur erforscht.

[4] Florian Ebeling: Das Geheimnis des Hermes Trismegistos. Geschichte des Hermetismus. München: Beck 2005. Christoph Auffarth: Hermetik. Enzyklopädie der Neuzeit, Band 5(2007), 391-395. Vgl. Assmann 564 zu Iamblichos als Vermittler in die Religions- und Geistesgeschichte des Abendlandes.

[5] Begründung der Auswahl 573.

[6] Vgl. Christoph Auffarth: Der drohende Untergang. ”Schöpfung” in Mythos und Ritual im Alten Orient und in Griechenland am Beispiel der Odyssee und des Ezchielbuches. (RGVV 39) Berlin; New York 1991: der latente Dualismus, den die Theologien zwischen Chaos und Kosmos behaupten, trifft nicht „dieses dramatische und latent apokalyptische Weltbild“ (Assmann 564).

[7] Kenntnis solcher Königsideologie und Übertragung auf eine völlig andere Gesellschaftsordnung: Auffarth, Der drohende Untergang 1991, 524-558. Auffarth: Justice, the King and the Gods: Polytheism and Emerging Monotheism in the Ancient World. In: Reinhard G. Kratz / Hermann Spieckermann in collaboration with Björn Corzilius and Tanja Pilger (eds.): One God – One Cult – One Nation. Archaeo­logical and Biblical Perspectives. (BZAW 405) Berlin; New York 2010, 421-453.

[8] Das war in dem Almanach zur Eröffnung des Verlags der Weltreligionen, hrsg. von Hans-Joachim Simm. Frankfurt: VdWR 2007 auf 415 Seiten angekündigt worden. Vgl. Christoph Auffarth: Habermas trifft Papst Benedikt, Suhrkamp verlegt Religion. Die ersten Programme 2009 des Verlags der Weltreligi­onen. In: Zeitschrift für Religionswissenschaft 17(2009), 213-220.

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Ernst Bloch: Geist der Utopie

Ernst Bloch: Geist der Utopie.

Berlin: Suhrkamp 2018
437 Seiten
ISBN: 978-3-518-58722-5

20.-

 

Die Utopie wird kein Traum mehr sein, sondern Praxis

Kurz: Das Buch im Zorn gegen den Ersten Weltkrieg, gegen die kriegsbetrunkenen Deutschen geschrieben und 1918 veröffentlicht: Es verweist auf die not-wendige Utopie.

Ausführlich: Das Buch Geist der Utopie schrieb der Feuergeist Ernst Bloch während des Ersten Weltkriegs vom Bayerischen Voralpenland aus. Nach dem Erscheinen reist er ins Schweizer Exil. Den jüdischen Kommunisten hatte seine Zeitung zu seiner eigenen Sicherheit aus dem kriegsbegeisterten und kritikfeindlichen Deutschland weggeschickt, freilich ohne materielle Absicherung. Schweizer Freunde halfen dem Fremden und seiner kranken Frau mit monatlichen Beiträgen, die die Existenz knapp absicherten. Schreiben brachte etwas ein, aber das Leben war prekär.[1] Zornig wendet sich der Autor gegen den Militarismus der Preußen, gegen Kapitalismus gegen Industrialisierung, die aus den Arbeitenden Handlanger der Maschine macht, sie zur Nachtarbeit zwingt und die Befriedigung eines vollendeten Werkstücks vorenthält. Er weiß, dass man die Industrialisierung nicht zurückdrehen kann. Er ist nicht romantisch. Aber doch ist er überzeugt von der „heraufkommenden Welt vom neuen bäuerlicher, frommer, ritterlicher Menschen. Es ist ein „Zeitalter der Gottesferne“.

Das Buch aus sehr diversen Kapiteln hat etwas von dem expressionistischen Stil, den Blochs Ästhetik (Die Erzeugung des Ornaments 19-54) als den angesagten Stil lobt, der der Zeit angemessen sei, und der dann auch den Impressionismus der Jahrhundertwende ablöste, den empfindsamen Farbregen durch die fast brutalen Pinselstriche mit brutalen Farben, Provokation. Im Jahr des Bauhausjubiläums 1919-2019 kann man verstehen, warum Bloch mit einer Ästhetik beginnt, erst der bildenden Kunst, dann einer Philosophie der Musik (Mit einem eigenen Inhaltsverzeichnis 81-233) mit ihrem „Transzendentalen Kontrapunkt“ 221-226 und endend mit „Das Geheimnis“. Eine Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Philosophen (Bergson, Husserl, Hartmann, dann Nietzsche) unternimmt er im Kapitel Über die Gedankenatmosphäre dieser Zeit 235-338. Darin auch ein „Symbol: Die Juden“.[2] „Wenigs­tens bei den Jüngeren scheint die ausgeprägt händlerische und zugleich formalistische Neigung keinen Boden mehr anzutreffen. Man sieht hier ein Warten vor sich, das schon einmal bei diesem Volk Früchte getragen hat.“ (316) Aber „Warum haben wir uns abgewen­det?“ 319: von Jesus. Anspielung auf den ‚Gottesknecht‘ beim Jüdischen Propheten Jesaja 53. Nein, das Christentum ist nicht die Erfüllung: „Die Neuzeit ist letzthin nicht jesuanisch durchtränkt.“ 327 (vgl. den Abschnitt „Jesus“ 369-377). Und Jesus ist Prophet, nicht Vollen­dung. Die kommt vom ‚Geist‘ als dritte Person Gottes. Proklamation „für den praktischen Messianismus“ 333. Doch da stellt sich für den Kommunismus-affinen Philosophen die Frage nach Marx: Ist sein Programm der praktische Messianismus? 385-437. Das Kapitel eröffnet Bloch mit der Frage „Wie aber. Ist das nicht alles schon viel zu viel? Denn ich muß sterben. Aber vorher will ich essen und trinken, denn morgen bin ich tot.“ Weiß jede Leserin und Leser, dass das eine Antwort auf Paulus ist, der 1. Korinther 15, 32 den Gottlosen eben das vorwirft? Gegen die Selbstüberhebung des Krieges wettert Bloch zunächst. Marx wirft er vor, nur die Industriefrage behandelt zu haben, die Bauern aber und die Lebensmittel vergessen zu haben. Die Utopie ist nicht nur theoretisch möglich, sondern notwendig 434. „Aus der Natur der Sache a priori [habe ich] postuliert und demnach auch wirklich, das heißt [die Utopie ist] von utopischer, intensiver Neigung genau gegebener, essentieller Realität. Der Gedanke kann so zum Stichwort werden, mit dem sich die gottesträgerische Seele ihren Traum, den Traum der Ahnung aufschließt als welcher zuletzt die Wahrheit der ganzen Welt sein wird.“ 436.

Soweit ein paar Leitlinien des Werks. Aber: Dieses Buch in seiner Ersten Fassung wieder zu drucken ohne jede Leseanleitung, geht nicht. Bloch schrieb voraussetzungsreich, war auch für die Leser damals anstrengend. Und auch dies müsste angemerkt sein (nicht nur „Erst­fassung“ auf dem Titelblatt): Das Buch wurde erneut verlegt im Paul Cassirer Verlag, Berlin 1923. Es enthält auf der der Titelseite folgenden leeren Seite exklusiv diese Vorbemerkung:

Dieses Buch liegt hier zum zweiten Mal vor. Es wurde begonnen April 1915, beendet 1917, er­schienen 1918. Die damalige Ausgabe ist jedoch lediglich als vor­läufige Fixierung, als gedrucktes Konzept zu betrachten. Mit der hier vorliegenden neuen Ausgabe erst erscheint der „Geist der Utopie“ in endgültiger, systematischer Form. (v)

Suhrkamp hat also zum hundertsten Jahrestag die ‚vorläufige Fixierung‘ gedruckt. Ohne weitere Erklärung. Ohne die vorausgehende Diskussion mit Georg Lukacs, ohne die zeit­genössische Rezeption, ohne die Weiterarbeit zur zweiten Auflage, ohne den Zwillingsband Durch die Wüste (gewissermaßen die Anti-Utopie), ohne den weiteren Weg Blochs, ohne das Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung (3 Bände, 1954-1959), das Bloch 1938 bis 1947 im amerikani­schen Exil schrieb und das mit dem Geist der Utopie begann. Der Streit um den Messias, den Bloch mit Gerhard/Gershom Scholem austrägt. Und die praktische Utopie der Deutschen Demokratischen Republik, die Bloch verbot, so dass er ausreisen durfte.

Bei aller Suhrkamp Purizität: Das geht nicht.

 

 Bremen/Much, 1. Juni 2019

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen
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[1] Ich habe mir besorgt und fand informativ Peter Zudeick: Der Hintern des Teufels. Ernst Bloch – Leben und Werk. Moos; Baden-Baden: Elster 1985, zum Geist der Utopie 39-98.

[2] Man müsste den Abschnitt lesen im Zusammenhang mit der jüdischen Selbstkritik bei Walter Rathenau Von kommenden Dingen 1917 und dem Stern der Erlösung von Franz Rosenzweig 1921. In der zweiten Auflage gibt es diesen Abschnitt nicht mehr.

 

 

 

 

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Die Geburt der mediterranen Welt

Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt. Von den Anfängen bis zum klassischen Zeitalter.


München: Beck 2018. Aus dem Englischen von Klaus Binder und Bernd Leineweber.
951 Seiten, 32 nicht gezählte Seiten: Illustrationen, Karten.

ISBN 978-3-406-71369-9.  € 44.00

Die Entstehung der Mittelmeerwelt

 

Kurz: Von Eiszeiten, Warmzeiten, bis vom Meer nur noch Pfützen übrig blieben, von Menschen, die in dieser riskanten Landschaft rings ums Meer ihr Leben meisterten, als Nomaden („Vorratshaltung auf vier Beinen“), als Bauern Getreide züchteten, in Städte zusammenzogen, das Risiko wagten, übers Meer zu segeln, Handel zu treiben, Paläste bauten: aus der Tiefe der Zeit bis zu den Großreichen Ägypten und Meso­pota­mien und den „tausend Blumen“ der Entwicklungsmöglichkeiten, „aus der Tiefe der Zeit“, bis zu der dichten, dynamischen und herausfordernden, hier kargen, dort üppigen Diversität der Mittelmeerwelt der klassischen Zeit. Ein Archäologe malt ein überaus detail­reiches, spannendes Gemälde der Vor- und Frühgeschichte bis etwa 500 v.Chr.

Ausführlich: Die Mittelmeerwelt ist ein außerordentlich vielfältiger und reicher Kosmos. Das Meer ist keine Grenze oder unüberwindliche Trennung, sondern die Menschen haben es gelernt, dieses Meer als ihr Verbindungsmittel zu nutzen. Die Flüchtlinge vor Kriegen, Klimaveränderung, Ausbeutung ihrer besten Ressourcen wagen sich auf diesen ‚flüssigen Kontinent‘ und erleben seine schnellen Wetterwechsel.[1] Aber die Besonderheit des Mittel­meeres ist nicht immer so gewesen, sondern geworden und mensch­liches Handeln (the making of) [2] spielt dabei eine wichtige Rolle.[3] Das ist das Thema dieses Buches von Cyprian Broodbank.[4] Also nicht nur die Besonder­heit der klimati­schen Verhältnisse und die Umwelt, sondern vor allem, wie Menschen sich in dieser ebenso chancenreichen wie riskanten Umge­bung ihre Lebenswelt aufbauten und welche Rolle das Meer, die Meisterung des Meeres durch Fischfang und Suche nach neuen Lebensmöglich­keiten spielte. Oder warum es an seiner Südküste in Nordafrika so wenig Bäume und Vegetation gibt, während an seiner Nordküste reiche Vegetation wächst.

Die beiden älteren Klassiker begrenzten ihre Fragestellung: (1) Fernand Braudel (1902-1985) rekon­stru­ierte von Philipps II. Regierung im 16.Jh. ausgehend (dem Kaiser der beiden Spani­en, auf der iberi­schen Halbinsel und Neuspaniens in Lateinamerika und Kaiser des Deut­schen Reiches), die Vergangenheiten in drei Ebenen: Ereignisse an der Oberfläche wie Schlachten, Heiraten und Verträge, Konjunkturen auf der mitt­leren Ebene wie Mittelmeer­handel und sehr lang­same und tiefgreifende Veränderungen (longue durée), etwa wie Flüsse und Bergpässe Handelsrou­ten leiten.[5] (2) Die ‚romantische“ Idee von der „Einheit der  Mittel­meerwelt“,[6] die Braudel etwa an der Grenze definierte, wo Ölbäume wachsen, wohl auch die koloniale Idee vom Frankreich, das das Meer übergreift und weit nach Afrika aus­greift.[7] Diese ‚Einheit‘ stellen Horden & Purcell in Frage und beschreiben als das Besondere die drei Kriterien: Frag­mentierung – Risiko/Chance – Kon­nek­tivi­tät. Ihrer Beschrei­bung des Mittelmeeres fehle jedoch die genaue Tiefe, so CB, lobt aber ihre Charakterisierung der Frag­mente und wie die Menschen damit umgehen, das Risiko suchen und so wieder Verbindun­gen schaffen. Ihre Darstellung geht bis zur Moderne; das islamische Mittelmeer ist ein Teil ihrer Beschreibung. Die ist bei CB nicht mehr berück­sich­tigt. So bleibt dieser zweite Klassiker ein Meisterwerk, das man neben diesem neuen Klassiker von Broodbank lesen muss. Das Mittelmeer, das Horden & Purcell beschreiben, gibt es seit etwa 5000 Jahren. Broodbank beginnt hingegen tief in der Erd­geschichte und zeichnet ein Panorama der Klimage­schich­te von den Urmeeren (Thetys) bis vor die Klassische Zeit Griechen­land, die Seeschlacht von Salamis 480 vChr. Das ist außerordentlich interes­sant, wenn wir vom Klimawandel sprechen, mit CB weit in die Klimageschichte hinabzu­steigen. Welche massiven Verän­de­rungen von den Eiszeiten bis in die Antike haben diese ‚Mitt­lere See‘ und ihre Küsten durch­gemacht! Karten der Küsten­linien, die sensationelle Karte vom Mittelmeer als Salzwüste mit ein paar Wasserpfützen in der ‚Messinischen Salini­tätskrise‘ (S. 105: vor etwa 5,9 Mio Jahren) und die Rückkehr des Wasserschwalls allein aus der Enge von Gibral­tar, viel später dann entstand das Schwarze Meer. Die Eiskerne der Arktis und die Bohrkerne in die Erdschichten bilden das Archiv und Gerüst für die Rekonstrukti­on der eiskalten wie der war­men Zeiten der Großregion, in die dann die Surveys,[8] Ausgra­bungen und Unter­wasser-Sondierungen eingeordnet werden können.[9]

Nach dem einleitenden Kapitel zu Vorgängern und Methoden der Forschung (17-65) begibt sich CB zu den Anregenden Orten (67-104), wo sich aus dem Urmeer Tethys das Mittlere Meer bildete, indem sich die afrikanische Platte unter die eurasische schiebt: an den Rändern ständig Erdbeben und Vulkane. Die Inseln als Gipfel von aufgefalteten Hochgebirgen von 4500 m Tiefe hinauf zu bald 3000 m der kretischen Berge übertreffen an Höhe die Alpen­gipfel. Für die Südküste ‚Nordafrika‘ gibt es eine auffällige Überlieferunglücke (45). Aber Nordafrika entwickelt sich völlig anders als der Osten (die ‚Levante‘) und die vielen Land­schafen der Nordküste. Dort gibt es nie ein höher gewachsenes Pflanzenkleid von Bäumen. Der Rückzug des Monsuns (‚Regenzeit‘) nach Süden macht aus der lebensreichen Sahara eine Wüste und die Sahelzone südlich davon folgt gerade. Felsbilder dokumentieren noch den Lebensreichtum. Kapitel 3 Das Meer, das zwei Menschenarten schuf (143-185) beginnt mit der Trennung der Menschenarten: Längere Zeit leben Homo sapiens und Neandertaler neben­einander. – Kapitel 5 Schöne neue Welten (187-259: für die Zeit 10 000 – 5 500) beginnt mit der Insel Zypern, die zuvor unbesiedelt war: Für die mindestens 70 km Entfernung vom türki­schen Festland braucht es Schiffe. Das Meer wird zum Meer der Mitte, bildet nicht mehr eine Barriere. Da geschieht die ‚Kernexplosion‘, die Hotspots für den ersten Ackerbau und die Domestizierung von Tieren: Man ist nicht mehr auf den zufälligen Überschuss angewiesen, den die wenigen kleinen Körner des Getreides vielleicht für das nächste Jahr abwerfen. Man kann Vorräte anlegen, sicher das Saatgut für das nächste Jahr, dann auch für Handwer­ker und Jäger das Getreide, die nicht selbst für ihre Lebensmittel sorgen können.

Das Buch schenkt einem einen langen Leseweg mit vielen anschaulichen Abbildungen. Lang muss er sein, um die vielen besonderen Entwicklungen und Nicht-Entwicklungen nebenein­ander skizzieren zu können. Nie hält sich CB an einem Ort länger auf, aber die Skizzen sind kenntnisreich und bieten immer das Beispiel für die Unterstützung oder Differenz zum Argument einer bestimmten Entwicklung.

Das ‚lange‘[10] dritte Jahrtausend bildet einen zentralen Entwicklungsschub (Kapitel 7, 327-446): Zwischen Teufel und blauem Meer. Meisterhaft erzählt, stellt CB den Anfang mit zwei Männern: Den bei der Alpenüberquerung erschöpft gestorbenen Ötzi und den ersten ägyp­tischen Pharaonen: Die ersten Großreiche entstehen entlang den Flussoasen im regenarmen Ägypten und Mesopotamien mit ihren Zentral­admini­strationen und wechselseitigen Über­höhungen von Herrschaft und Götterwelt. Und gleichzeitig, aber nicht abhängig davon, die Entwicklung mediterraner Gemeinschaften um maritime Handelsfamilien herum. Wieder verwirft CB die Vorstellung einer Entwicklung, die auf geradem Wege auf die (beispiels­weise) minoische Kultur auf Kreta zusteuert, sondern betont die Vielfalt der Entwicklungen und sein Horizont ist nicht begrenzt auf einen vorgeblichen ‚Sonderfall Ägäis‘ (414). Gerade in den iberischen und italienischen Ausgrabungen lese ich vieles, was ich aus anderen Dar­stellungen nicht kannte (wie ich überhaupt beim Studium des Buches ein ganzes Heft an Notizen sammelte). Der Abschnitt ‚Zivilisierende Prozesse‘ beschreibt, wie sich allmäh­lich Regeln des Ineinandergreifens von individuellen Handlungen zum Vorteil für das ge­mein­schaftliche Leben in Großgesellschaften herausbilden und zu Gewohnheiten werden.

Kapitel 8 (447-575) Prunk und Pomp 2200 – 1300 v.Chr. Das Jahrtausend der Bronzezeit gilt als der Höhepunkt der mittelmeerischen Kulturen mit Ägyptens Mittlerem Reich, den Palast­kulturen von Avaris im Nildelta (501-512), Ebla (ebenso knapp wie informativ hervorgeho­ben und die aussagekräftige Luftaufnahme Tafel xxv), Ugarit, Hattuša, den kretischen Paläs­ten, San­to­rin (mit dem Stand der Diskussion zum Ausbruch des Vulkans und dessen Aus­wir­kun­gen 483f), Mykene, das Schiff, das mit seiner vielfältigen 15 000-teiligen Fracht vor Uluburun gesunken ist (523-528). Palast definiert CB nicht als Königspalast, sondern auch die Möglichkeit, dass eine Elite ein gemeinschaftliches Zentrum für ihre religiösen und öko­nomische Aktivitäten bündelte in einer Prestigearchitektur und Spezialisten für Luxus­produkte (palast-städtisches Wirtschaften 461f). Mit der Bemerkung von Braudel sich ausein­andersetzend, das könnte nur das allerdünnste Blattgold sein, verweist er auf die ländlichen  Gemeinschaften, die nicht primitiv und unterentwickelt erscheinen (besonders in Israel inten­siv erforscht).

Kapitel 9 wird das sein, an dem sich die meiste Kritik entzünden wird: der Untergang der Palast­kulturen der Bronzezeit und das, was lange als die Dark Ages oder ‚dunklen Jahrhun­derte‘ genannt wurde, weil zwischen 1200 und 800 wenig archäologische Zeugnisse und keine Schrift vorlag. Das hat sich ganz erheblich verändert, aber das Bild ist nicht einfach zu deuten. Schon in der Wahl der Epoche von 1300 – 800 macht CB deutlich, dass er schon im letzten Jahrhundert der Palastzeit die Veränderungen erkennt, die die Zeit nach den Palästen bestimmen wird: Die Vorteile des Eisens gegenüber der Bronze, der ‚weniger risikoscheue Handel‘, die von viel mehr Verbrauchern nachgefragte Handelsware unterhalb des modi­­schen Luxussegments. Die Vogelperspektive ist wertvoll, wird aber nicht immer dem Detail gerecht. Die Darstellung eines Pharaos, der mit Pfeilen auf einen Kupferbarren schießt, hat eine ganz andere Bedeutung, als einen frustrierten Monarchen, der so vermeint­liche Feinde erledigt (613). Vielmehr erweist der alternde Monarch seinem Volk zum dreißig­jähri­gen Thronjubiläum, dass er noch über seine Stärke verfügt; das Motiv ist in der Odyssee auf­genommen mit dem Schuss des Odysseus durch 12 Beile, als er nach zwanzig Jahren in sein Haus zurückkehrt.[11] Unscharf ist auch, was CB über den Aufstieg Jhwhs in Israel behaup­tet.[12]

Fazit: Ein phantastisches Buch, das die Geschichte einer ganz besonderen Region plastisch vor Augen führt durch gut aufbereitete Photos und Zeichnungen, vor allem aber einem glänzend argumentierenden Text: Wie hat der auch von Menschen gemachte Klimawandel die Region verändert und wie antworten wieder die Menschen und Tiere darauf? An vielen Stellen verschieden, aber auch voneinander lernend, vor allem seit das Meer nicht mehr Barriere, sondern mutige Seefahrer – allen Tücken der Stürme zum Trotz – Verbindungen übers Meer möglich machten. Die Übersetzung wagt mutig die Zielsprache Deutsch[13] und trifft sicher die Schreibweisen der vielen Namen. Das Buch ist einerseits ein Handbuch und Führer durch all die vielen lokalen Ausgrabungen und CB führt sie zusammen zu einer Global-Geschichte ‚aus der Tiefe der Zeit‘ bis in die Klassische Zeit. Dabei sind die Ausgra­bungen auf der Iberi­schen Halbinsel, die sehr kargen Befunde aus Nordafrika die Vervoll­ständigung des Bildes, das vielfach durch die Forschungen über Ägypten, Mesopotamien, Israel und die Ägäis geprägt ist: Einerseits Ein­zig­artigkeit, andererseits Gegensätzlichkeit, jedenfalls Vielfalt. Erst durch ein vollständiges Bild kann man den Sonderfall erkennen und bewerten. im letzten (10.) Kapitel beschreibt CB, wie das Mittelmeer interaktiv zusammen­wuchs, so dass man von da an von einem kulturellen Ganzen sprechen kann (776). Die lange Reise durch den Raum rund um das und mitten im Mittelmeer ist lohnend, überraschend oft, wunderbare Plätze, in brütender Hitze und erfrischendem Sprung ins Wasser. Geführt wird man von einem, der sich in der ganzen Region auskennt, in den Bibliotheken mit den Ausgrabungsberichten und offenbar auch die Orte besucht und die Ausgräber gesprochen hat. Kauf Dir das Buch und reise an die schönsten Orte!

  1. Juni 2019Christoph Auffarth

    Religionswissenschaft
    Universität Bremen………………………………………………………………………………………………………………………….

[1] Unter diesem Titel (the liquid continent) ist angekündigt die Fortsetzung des grandiosen Buches von Peregrine Horden; Nicholas Purcell: The corrupting sea. Oxford: Blackwells 2000. Siehe meine Forsch­ungs­berichte (1) [Mittelmeerforschung in der] Religionswissenschaft, in: Mahram Dabag; Dieter Haller; Nikolas Jaspert; Achim Lichtenberger (Hrsg.): Handbuch der Mediterranistik. Systematische Mittelmeer­forschung und diszi­plinäre Zugänge. (Mittelmeerstudien 8) München: Fink 2015, 417-430.
(2) Das Mittel­meer als handelnde Person der Geschichte: Wie die klimatisch-geographische Lebens­welt Menschen und Religionen prägt. [Rezensionsaufsatz zu] Richard Faber; Achim Lichtenberger (Hrsg.): Ein pluri­verses Universum. Zivili­sationen und Religionen im antiken Mittelmeerraum. (Mittelmeer­studien 7) München: Fink; Paderborn: Schöningh 2015, in Zeitschrift für Religionswissenschaft 24 (2016), 213-220.

[2] Der Originaltitel von Cyprian Broodbank lautet The making of the Middle Sea. A history of the Medi­terranean from the beginning to the emergence of the classical world. London: Thames & Hudson = Oxford: Oxford University Press 2013. Die englische Ausgabe ist noch opulenter ausgestattet, so enthält Kapitel 10 beispielsweise 30 Abbildungen, währen die Originalausgabe 48 hat.

[3] Zur Metapher „Geburt“, die im deutschen Titel verwendet wird, s. Auffarth, Geburten und Geschwi­s­ter: Peter Schäfer: Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums 2010. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2010/08/19/die-geburt-des-judentums-aus-dem-geist-des-christentums-von-peter-schafer/#comment-79 (19.8.2010).

[4] Im Folgenden abgekürzt mit den Initialen CB. CB, geboren 1964, ist seit 2014 Professor für Archäo­logie in Cambridge, vorher in London. Hochgelobt und ausgezeichnet sein erstes Buch An island archaeology of the early Cyclades. Cambridge: Cambridge University Press 2000.

[5] Braudel: La mediterranée et le monde méditeranéen à l’epoque de Philippe II. Paris 1949 (Nachdem Braudel in Algerien gelebt hatte, schrieb er, so heißt es, das Buch in Kriegsgefangenschaft in Lübeck. Die drei Bände erschienen 1949, eine deutsche Übersetzung erst bei Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990. 

[6] „Romantisch“ CB 21.

[7] Manuel Borutta: Braudel in Algier. Die kolonialen Wurzeln der „Méditerranée“ und der „spatial turn“. In: Historische Zeitschrift 303 (2016), 1-38.

[8] Surveys sind eine Methode der Untersuchung, bei der im Abstand von einigen Metern Archäologen mit geübtem Auge mehrere Quadrat-Kilometer durchstreifen und Scherben, Spuren von Siedlungen suchen, die dann genauer untersucht werden. Unbebaute Regionen werden aber immer seltener (S. 40). 

[9] Vernichtende Kritik an dem (auch unter Archäologen umstrittenen) Colin Renfrew, der anhand zu weniger Kriterien umfassende Annahmen über Emergence of civilization behauptete (S. 28). CB forscht an der gleichen Region, den Kykladen. Sonst im Buch hält sich CB eher mit Kritik zurück.

[10] Die Zeit von 4500-2500 v.Chr., also eigentlich zwei Jahrtausende. In der Geschichtswissenschaft ist es üblich geworden, Epochen in Jahrhunderte zu untergliedern, die aber nicht mit den hundert Jahren genau enden. So beginnt das ‚lange‘ 19. Jahrhundert mit der Französischen Revolution 1789 und endet mit dem Ersten Weltkrieg 1914/18. Das ‚kurze‘ 20. Jahrhundert 1914 bis zum Ende des Kommunismus 1989.

[11] Christoph Auffarth: Der drohende Untergang. (RGVV 39) Berlin: De Gruyter 1991, 502-523, einen Aufsatz von Walter Burkert weiterführend.

[12] Zur Joschianischen Kultreform Ende des 7. Jahrhunderts s. Michael Pietsch 2013. Das babylonische Exil, ein grundlegendes Datum für Israels Geschichte, fehlt. Die deutsch­sprachige Forschung ist unterrepräsentiert.

[13] Beispiel: The later nickname tubs (514) – übersetzt: mit ihrem Spitznamen ‚Pötte‘ genannt (674). In dem umfangreichen Buch fand ich kaum einen Fehler, keinen nennenswerten. In der Bibliographie folgt man dem amerikanischen System, van Dommelen (u.a.) unter V, statt europäisch unter D einzu­ordnen. Ein hervorragendes Lektorat und Übersetzerteam Klaus Binder und Bernd Leineweber. Zur Bindung: Stabiler Festeinband, keine Fadenheftung. Das ist nicht zu ersetzen. Aber: Das Buch ist auch nach dem gründlichen Durcharbeiten nicht zerlesen. Also gute Qualität.

 

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Die Geburtskirche in Bethlehem

Bianca Kühnel und Gustav Kühnel:
Die Geburtskirche in Bethlehem. Die kreuzfahrerzeitliche Auskleidung einer frühchristlichen Basilika.

Mit einer neuen Edition der Mosaikinschriften von Erich Lamberz.
Deutsch von Andreas Fliedner.

Regensburg: Schnell + Steiner, 2019.
39,95 €. ISBN 978-3-7954-3332-1

Die Geburtskirche in Bethlehem als Ziel der Kreuzfahrer

 

Kurz: Wunderbar ausgestattet mit farbigen Bildern erklärt Gustav Kühnel, wie die Kreuz­fahrer Mitte des 12. Jahrhunderts die alte Kirche der Geburt Christi neu ausstatteten.

Ausführlich: Die beiden Kunsthistoriker Bianca Kühnel[1] und der 2009 verstorbene Gustav Kühnel[2] haben ihr Leben lang die Kunstgeschichte Palästinas in der Kreuzfahrerzeit (also 1099-1292) erforscht und die grundlegenden Handbücher dazu geschrieben. Die Geburts­kirche in Bethlehem war – neben der Grabeskirche in Jerusalem – der wichtigste ‚Heilige Ort‘, deretwegen die Pilger die lebensgefährliche Reise ins ‚Heilige Land‘ unternahmen.[3] Seit Mitte des 11. Jahrhunderts betrieben die Päpste, um sich von der Abhängigkeit vom Deut­schen Kaiser zu befreien, eigene Pläne, das ‚Heilige Land‘ „zurück“ zu erobern, das die Muslime sich zu Unrecht angeeignet hätten: die Kreuzzüge. Die lateinischen Christen trafen in Konstantinopel auf eine hoch entwickelte Kultur und in Syrien-Palästina auf Orthodoxe Christen, auf Muslime, auf Juden und erlebten zunächst einen Kulturschock. Schon der Kaplan des Königs von Jerusalem, Fulcher von Chartres kann aber nach einer Generation schreiben (3,37):

“Denn wir, die wir Abendländer waren, sind nun Orientalen geworden. Einer, der Römer oder ein Franke war, wurde in diesem Land zu einem Galiläer oder Palästi­nenser. Einer, der aus Reims oder Chartres stammte, ist nun ein Bürger von Tyrus oder Antiochien geworden. Wir haben unseren Geburtsort bereits vergessen; schon kennen ihn viele von uns nicht mehr oder er wird nicht mehr erwähnt.”

Sie seien also nun selbst Orientalen geworden und kennen das neue Land besser als das, welches sie verlassen hatten. Die Kreuzfahrer sind nun heimisch geworden. Dazu gehört auch, dass sie neue Kirche bauen, vor allem aber vorhandene Kirchen in Besitz nehmen, indem sie sie bemalen, neu ausstatten lassen.[4] Die Grabeskirche in Jerusalem und die Geburtskirche in Bethlehem sind Bauprojekte von Konstantin dem Großen, Anfang des 4. Jahrhunderts, nachdem seine Mutter Helena dorthin gepilgert war. Die Geburtskirche ließ Kaiser Konstantin über einer Grotte errichten, in die die Hirten bei Nacht die Schafe trieben (der ‚Stall‘ von Bethlehem). Den Altarabschluss in drei Konchen[5] fügte Iustinian hinzu. Die Geburts­kirche ist auch des­halb bemerkenswert, weil sie auch von den Muslimen als Gebetsort ver­wen­det wurde.[6] Sie wählten die Süd-Konche der Apsis als Gebetsrichtung (Mihrab) gen Mekka. Die Muslime verehren ja den Propheten Jesus (Isa) und seine Mutter Maria (Mery­am), die ihn ohne Zutun eines Mannes zur Welt brachte.[7] Als gemeinsames Heiligtum von Muslimen und Christen überlebte es die Zerstörungswut des radikalen Kalifen El-Hakim:[8] “Thus the church is the only pre-Muslim church building to have survived intact in Palestine up to the present day.”[9]

GK hat Jahrzehnte sich um die Geburtskirche gekümmert, unter schwierigsten Bedingungen, bevor sie zu Weltkulturerbe erhoben und dann Gelder flossen zur Restauration. Einen Ver­gleich vor und nach der Restaurierung zeigt Abb. 57 (S. 143).  Davon zeugen nun die hervor­ragenden Aufnahmen der Mosaiken. Und die Forschungen GKs krönt nun dieser Band als ein Schlussstein, der ein Gelehrtenleben vollendet. Die Inschriften, die die regierenden Könige und Bischöfe sowie den Künstler nennen, hat GK von befreundeten Spezialisten bearbeiten lassen (19-29. Erich Lamberz im Anhang 159-180; für die verlorenen Teile hilft eine detaillierte Beschreibung von Francisco Quaresmius 1639). Die Ausstattung wurde demnach in einer Zeit vorgenommen, als die Könige von Jerusalem ein gutes Auskommen mit den Kaisern von Konstantinopel pflegten, 1168/69 ist als Datum angegeben. Der Künst­ler arbeitete in enger Anlehnung an die lokale byzantinische Formensprache und Ikono­graphie. Die mittlere Konche, die beim Eintreten sofort die Blicke auf sich zieht, zeigt Maria als Platytera, zwischen Abraham und David, dargestellt. Die Südkonche stellt die Geburt Christi dar, die Nordkonche vielleicht, da sie nicht erhalten ist, die Auferstehung. Über der Ein­gangs­tür ist die Wurzel Jesse dargestellt. Wie GK erkannt hat, wird in den Herkunfts­ländern der Kreuzfahrer um diese Zeit gerade die Herkunft eines Adelsgeschlechts in Form eines agnatischen Baumes dargestellt. Hier also die Herkunft Jesu aus den Patriarchen des Heili­gen Landes. Sie kann mit Jesse/Isai, dem Vater König Davids einsetzen, hier aber mit Abraham. Das Grab der Patriarchen und Matriarchen Abraham und Sarah, Isaak und Rebek­ka, Jakob und Rahel befinden sich in einem ebenfalls spätantiken burgartigen Gebäude im rund 30 km entfernten Hebron. Die Darstellung zieht sich an der linken Seite bis zu Maria und Jesus. Sie entspricht etwa dem Stammbaum im Matthäusevangelium, der die jüdische Herkunft Jesu betont, während Lukas sie sogar bis Adam führt, also einen uni­versellen Anspruch vertritt, während hier die Verwurzelung im Heiligen Land hervorgeho­ben ist. Die Ahnen Jesu und, auf den Säulen dargestellt, 29 Heilige der Kirche wenden sich den Eintre­ten­den zu, während die Engel auf der anderen Seite sich ihrem Herrn am Altar zuwenden. Unter den Heiligen (144-152) sind spezifische westliche, wie die skandinavischen Knut und Olav oder der Hl. Leonhard. Jakobus, der Jünger Jesu und Ziel der spanischen Sant­­iago [Sant‘ Iago]-Pilgerfahrt, die Hl. Fusca aus Venedig. Cataldus ist ein typischer Heili­ger der süditalienischen Normannen, deren König Boemund und Tankred Führer im ersten Kreuzzug war. Daneben sind auch viele Mönchsheilige darge­stellt, die als Gruppen oder Einsiedler in der Gegend von Bethlehem lebten, der berühmteste unter ihnen ist Hierony­mus, der Übersetzer der Bibel ins Lateinische.[10] In der Bildzone darüber sind Konzilien dargestellt, die ökumenischen und die regionalen, je in einer Archi­tektur als Rahmen rund um einen Altar oder Lektionar mit aufgeschlagenem Buch, das Gemmenkreuz – ein seltenes Motiv.[11] – Die Ausstattung des Buches durch den Verlag[12] macht es zu einem Abglanz des Heiligen, das auf die Pilger der Kreuzfahrerzeit wirkte:[13] Feierlicher Einzug, die Liturgie,[14] in der die Heiligen und die Patriarchen des Landes mit beten und knien vor dem Baby, das die Gottesmutter gerade zur Welt gebracht hat und dessen Lehre die universale, in den Konzilien verkörper­ten Kirche begründet hat. Das alles wird in den herrlichen Fotos, den Grund- und Aufrissen gezeigt, aber vor allem durch den (Aufmerk­sam­keit erfordernden) wissenschaftlichen Text gründlich erklärt und von dem besten Kenner der Kunstgeschichte der Zeit in den historischen und lokalen Kontext eingebettet.

Bremen/Much 19. Mai 2019                                                                       Christoph Auffarth

 Religionswissenschaft, Universität Bremen

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[1] Bianca Kühnel, die 2019 75 Jahre alt wird, ist Professorin für Kunstgeschichte an der Hebrew University in Jerusalem. Unter ihren Publikationen: (Hrsg.) gemeinsam mit Galit Noga-Banai and Hanna Vorholt:  Visual constructs of Jerusalem. (Cultural encounters in Late Antiquity and the Middle Ages 18) Turnhout: Brepols 2014. Ihre Hauptwerke: Crusader art of the twelfth century: A geographical, an historical, or an art historical notion? Berlin: Mann 1994. – The end of time in the order of things. Science and eschatology in early Medieval art. Regensburg: Schnell+Steiner 2003. From the earthly to the heavenly Jerusalem. Representations of the Holy City in Christian art of the first millennium. (Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte: Supplementheft 42) Rom: Herder 1987.

[2] Gustav Kühnel war am Institut für Kunstgeschichte in Tel Aviv tätig. Er ist 2009 gestorben. Eine Bibliographie seiner Aufsätze (teils auch im Netz zugänglich) findet sich http://opac.regesta-imperii.de/lang_en/autoren.php?name=K%C3%BChnel%2C+Gustav Sein Hauptwerk ist Wall painting in the Latin kingdom of Jerusalem. Berlin: Mann 1988. Im Folgenden verwende ich der Kürze halber seine Initialen GK.

[3] Dazu etwa Christoph Auffarth: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem, Fegefeuer aus religionswissenschaftlicher Sicht. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2002. Pilgerziele 117-119.

[4] Der vollständige Katalog von Denys Pringle: The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. A corpus. Band 1 (1993): A-K; Band 2 (1998): L-Z; Band 3: Jerusalem 2007. Band 4: The cities of Acre and Tyre. Cambridge: CUP 2009. Zur Geburtskirche in Bethlehem: Band 1(1993), 137-157.

[5] Als Konche Griechisch κόγχη  ‚Muschel‘ bezeichnen die Kunsthistoriker die Apsis ἀψίς, das ‚Halb­rund‘ hinter dem Altar, das oben viertel-kugelförmig abschließt.

[6] Zu gemeinsamen Gebetsorten von Christen und Muslimen in Ägypten, Palästina, Syrien: Carsten Colpe: Das samaritanische Pinehas-Grab in Awerta und die Beziehungen zwischen Hadir- und Georgs-Legende.  in: C.C.: Das Siegel der Propheten. Berlin: Institut Kirche und Judentum 1989, 182-226. Christiane M. Thomsen: Burchards Bericht über den Orient. Reise­erfahrungen eines staufischen Gesandten im Reich Saladins 1175/1176. Berlin: De Gruyter 2018, 168-193. Meine Rezension in: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/08/03/burchard-ueber-den-orient/ (3.8.2018). – Die Tempel­ritter erlaubten Muslimen, auf dem Tempelberg in einem Raum der ehemaligen Al-aksa-Moschee zu beten, wie Usama ibn Munqid erinnert. Zur zeitweiligen, aber seltenen Toleranz auch christlicher Herrscher, v.a. die Jerusalemer Königin Melisende und ihre Unterstützung aller in Jerusalem vertretenen christlichen Konfessionen, besonders auch der Flüchtlinge, die nach dem Fall von Edessa nach Jerusalem flüchteten, s. Katalog Museum New York Metropolitan 2016/17: Barbara Drake Boehm; Melanie Holcomb (eds.): Jerusalem 1000-1400. Every People Under Heaven.  New York 2016, 230f.

[7] Koran, Sure 3, 45-47 und 4, 171.

[8] 1009 ließ El-Hakim die Grabeskirche zerstören. Dazu Thomas Pratsch (Hrsg.): Konflikt und Bewälti­gung. Die Zerstörung der Grabeskirche zu Jerusalem im Jahre 1009. (Millennium Studien 32) Berlin: de Gruyter 2011. Josef van Ess: Chiliastische Erwartungen und die Versuchung der Göttlichkeit: Der Kalif al-Ḥākim 386 – 411 H. Heidelberg: Winter 1977.

[9] Pringle, Churches 1(1993), 138.

[10] Die lateinische Bibel auf Deutsch übersetzt: Vulgata 5. Berlin: de Gruyter 2018. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/03/12/the-eucharist-its-origins-and-contexts/ (12.3.2019)

[11] Die Bezeichnung ‚anikonisch‘ für diese Darstellung folgt nicht dem üblichen Begriff.

[12] Fester Einband, Fadenheftung, farbige Abbildungen, übersichtliches lay-out, Index. Deutsche und englische Parallel-Ausgabe. Noble Ausstattung!

[13] Wiederholt habe ich das Element der Pilgerfahrt hervorgehoben, das parallel und geschützt von den Militärs auf dem Weg ist, aber unterschiedliche Ziele verfolgt (also nicht „die bewaffnete Wallfahrt“): Die Militärs wollen Burgen bauen und den Pilgerweg schützen, die Pilger wollen zu den heiligen Stätten, danach aber wieder nach Hause zurückkehren.

[14] Die Liturgie in Bethlehem ist – anders als die der Grabeskirche in Jerusalem – nicht rekonstruiert (157 mit Anm. 229), abgesehen von dem Hinweis darauf, dass sie Krönungskirche der Könige des Königreiches Jerusalem war (Hans Eberhard Mayer: Das Pontikale von Tyrus. In: Dumbarton Oaks Papers 21(1967), 141-232, hier 150f).