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Lannoy Alfred Loisy

Annelies Lannoy

Alfred Loisy and the making of history of religions.
A study of the development of comparative religion in the early 20th century.

(Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten 74)
Berlin: De Gruyter 2020. XIV, 366 Seiten.

ISBN 978-3-11-058377-9

Ein neuer Zweig der Geschichte der Religionswissenschaft durch die Erforschung des katholischen Wissenschaftlers Alfred Loisy

Kurz: Aus den ungedruckten Quellen und in umfassender Kenntnis der zeitgenössischen Literatur in drei Wissenschaftskulturen erforscht Annelies Lannoy das Werk von Alfred Loisy (1857-1940) als Pionier der vergleichenden und der historischen Methode der Religi­ons­wissenschaft. Sie bereichert mit ihrem wertvollen Beitrag aus dem frankophonen katholischen Bereich die Geschichte des Faches.

Ausführlich: Die Eigentümlichkeit der Institutionalisierung der Religionswissenschaft als Universitätsdisziplin[1] in Deutschland ist geprägt durch zwei Abgrenzungen: (1) Die Über­macht der evangelischen liberalen Theologie, die sich als die Religionswissenschaft verstand,[2] machte sich angesichts der Globalisierung im Imperialismus auch die Kenntnis und Erfor­schung ‚fremder‘ Religionen zur Aufgabe. Dies nannte man vergleichende Religionswissen­schaft mit dem Ziel, den Vorrang des Christentums gegenüber den anderen Religionen zu erweisen. Zum Vergleich eigneten sich die Östlichen Religionen, die man Erlösungsreligio­nen nannte, aber mit dem Unterschied zum Christentum eben ohne den Heiland, ohne Christologie, sondern in der Form der ‚Selbsterlösung‘.[3] (2) Das Christentum selbst ist dabei aus dem Vergleich ausgenommen; Judentum und Islam gehören kaum zu den Untersu­chungsgegenständen des neuen Faches.[4] Erst das Programm von Burkhard Gladigow 1995 hat die Erforschung der europäischen Entwicklung von Religionskulturen unter dem Gesichtspunkt der Pluralität von Religionen aus der Perspektive der Religionswissenschaft entworfen, nicht als Kirchen- oder Christentumsgeschichte.[5]

Die Entstehung der Religionswissenschaft als Universitätsfach war ideologisch aufgeladen und ein Spiegel der Religionsgeschichte der Jahrhundertwende. Im Fall der deutschen Entwicklung der liberalen protestantischen Theologie, die die Weiterentwicklung der Religion in der Moderne betrieb mit antikatholischen und antijüdischen Spitzen.[6]

Eine andere Seite der Entstehung der Wissenschaftsdisziplin Religionswissenschaft im Kontext der Religionsgeschichte der Jahrhundertwende erforscht Annelies Lannoy in ihrer Mono­graphie zum katholischen Gegenstück im frankophonen Bereich. Hier ist die Haupt­frage die Entstehung des Christen­tums im Kontext der Religionen im Römischen Reich. Der berühmte Satz von Loisy „Jesus predigte das Evangelium, was aber dabei herauskam, war die Kirche“ lässt sich aber nicht (wie er meist gelesen wird) als Wahrnehmung eines Verfalls verstehen. In den deutschen evangelischen Fakultäten war das das Thema der neutestament­lichen Wissen­schaft. Dort sprach man vom „Frühkatholizis­mus“ in dem Bewusstsein,[7] dass die evangeli­sche Reformation den (Spät-) Katholizismus widerlegt hatte. ‚Katholisch‘ bedeu­tete im Jahr­hundert der Wissenschaft aus der Sicht der evangelischen Wissenschaftler, dass man nicht nach der Wahrheit forschen kann, sondern das Ergebnis vom Lehramt vorgegeben sei, letzt­lich vom Papst, dem 1870 das Erste Vatika­nische Konzil die „Unfehlbarkeit“ zuer­kannt hatte. Der ‚Unfehlbare‘ Pius IX. erfand neu, was als ‚Orthodoxie‘ zu gelten hatte.[8] Da­gegen gab es heftigen innerkatholi­schen Widerstand, aber der Ultramontanismus setzte sich durch mit Zensur, Schreib- und Redeverboten, Amtsenthebung, Exkommunikation. Der Katholizismus habe keine Vorgeschichte, keine Geschichte, sondern sei von Gott gesetzte Offenbarung. Die Gegner wurden als ‚Modernisten‘ diffamiert.[9] Mutig nahm Alfred Loisy den Kampf für die Freiheit der Wissenschaft auf gegen die Amtskirche und wurde mit all den Sanktionen belegt bis hin zum Berufsverbot und im März 1908 der Exkommunikation. Für den 51-Jährigen war das das Ende eines Forscherlebens, von seiner Kirche mundtot gemacht. Sein Freund, der Belgier Franz Cumont (1868-1947),[10] vermied sorgfältig jede Aussage über das Christentum, obwohl es sich bei seinen Forschungen zu den Orientalischen Religionen aufge­drängt hätte, auch das Christentum und das Judentum einzubeziehen.[11]  Belgien galt als Musterschüler des Ultra­montanismus und hatte gleichzeitig eine der liberal­sten Verfassun­gen Europas.[12]

Loisy gilt immer als Modernist im Rahmen der katholischen Theologie. Annelies Lannoy stellt ihn aber in den Rahmen der vergleichenden Religionswissenschaft der Zeit. Sie konzen­triert sich aber nicht nur auf die (schon viel behandelte) biblisch-exegetische und historische Rekonstruktion des ‚Urchristentum‘ bei Loisy, sondern nimmt besonders die Phase von der Wahl auf den Lehrstuhl am Collège des France 1908/1909 bis etwa 1920 in den Blick, bevor Loisy wieder zu seinen Studien zum Urchristentum zurückkehrte. In dieser formativen Phase der Religionswissenschaft setzte sich Loisy mit den Thesen der British Anthropo­lo­gy (Marrett, Lang, Taylor, Frazer) auseinander, die mit der Evolutionslehre eine scharfe Religi­ons­kritik verband, in der französisch-sprachigen Wissenschaft von Salomon Reinach vertre­ten. Im Zentrum standen die Frage der Magie und die Studie zum Opfer (Essai historique sur le sacrifice. Paris: Nourry 1920).

Das erste Kapitel Comparative Religion and/as Modernist Theology: L’Évangile et l’Église [1902][13] (16-74) beschreibt die Rezeption der deutschen evangelischen historisch-kritischen Methode. Adolf Harnack (der Adelstitel wurde erst 1912 verliehen) zeichnete in seiner Vorlesungsreihe Das Wesen des Christentums 1899/1900[14] die von Jesus gegründete neue, aus dem Widerspruch zum Judentum erwachsene Religion des ‚apostolischen Zeitalters‘ als individualistische und spirituelle evangelische, auf ‚Charisma‘[15] beruhende Religion analog zur protestantischen Religion seiner Zeit, während im nachapostolischen Zeitalter, etwa seit dem 2. Jahrhundert, der Früh­katholizismus mit Priestern, Bischöfen und mit Zeremonien das Urchristentum entstellt und pagane Rituale Einzug gehalten hätten. Loisy widersprach im Jahr darauf mit L’évangile et l’église 1902. Er stellte das Neue Testament in die historische Genese aus dem Judentum, das Loisy exzellent kannte dank seiner Forschungen zur Bibel im Kontext der Assyriologie, die damals in ihren Anfängen boomte. Da wäre auch eine Ausein­an­dersetzung mit Franz Delitzsch nötig, dem Assyrio­logen, der im Bibel-Babel-Streit den heili­gen Schriften des Judentums unterstellte, sie seien nur abgeschrie­ben aus der mesopota­mi­schen Kultur. Und der später die Auferstehung Jesu als Abklatsch der sterbenden und aufer­ste­­henden Gottheiten, etwa des Adonis, behauptete. Das ist auch die Vorlage für Arthur Drews‘ Christusmythe 1910, die AL in Kapitel 4 im Zusammenhang mit der Mythos-Ritus-Debatte diskutiert. Aber wichtiger noch ist die Erkenntnis, dass Religionen kein indivi­dualistischer Glaube, sondern in der Gemeinschaft eingeübte Institution darstelle, also religionssozio­logisch zu bearbeiten sei.

Kapitel 2 behandelt die Auseinandersetzungen um die Besetzungen des Lehrstuhls für histoire des religions am Collège de France 1908-1909, bei der Loisy den Vorzug erhielt gegen beispielsweise Marcel Mauss, den Jungstar der Durkheim-Schule (75-140). – Kapitel 3 zeigt, wie sich Loisy einen Stand erkämpfte in der jetzt science laïque genannten Wissenschaft nach der konvulsiven Trennung von Staat und Kirche in Frankreich 1905, in deren Vorfeld Loisy seine katholische Lehrerlaubnis verloren hatte. Gegen die Religionskritik bei Frazer[16] und Reinach[17] versteht Loisy Religion als „une coutume traditionelle, autorisée par l’usage, et qui semble vouloir satisfaire encore plus aux exigences du sentiment et de la vie qu’à la curiosité de l’ésprit.“[18] Mythologie und Theologie seien nicht selbst die Religion, sondern Produkte der Reli­gi­on. Zentral ist die heilige Handlung (ein Begriff von Herman Usener aufgegriffen?) So schließt er sich methodisch eher an Mauss und Hubert an. Mit antiprote­stanti­scher Spitze erklärt er die Kirche als die notwendige Sozialform der Religion, ebenso den Vorrang des Rituals vor dem Mythos.[19] (141-194) Zwar hält er Unparteilichkeit für ein wesentliches Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens, kann aber doch seine Vorurteile nicht abstreifen (238), genauso wenig wie der erste laikale Professor  für Religionswissenschaft 1860-1892, Ernest Renan, auf den er sich beruft.[20] – Kapitel 4 schildert die Formulierung wissenschaftlicher Standards gegen die Tendenz, Geschichte zum Mythos zu erklären, etwa die Auferstehung Jesu oder gleich den ‚historischen Jesus‘ über­haupt, wie Reinach, Frazer oder die Religions­ge­schichtliche Schule in Bousset’s Kyrios Christos und populär Drews Christusmythe das ver­standen (195-258). Sorgfältig unterschied er die paganen (1913) und christliche Mysterien (1914): „the same but not the same“ (228-236). Loisy schließt an der communio-Theorie von W. Robertson Smith an (Gott essen). Lannoy diskutiert das in bester Kenntnis der neueren leb­haften Forschungen. – Kapitel 5 behandelt, wie Loisy die vergleichende Methode in der Geschichte des Opfers entwickelte,[21] das für viele das Ritual schlechthin bedeutet(e).[22] So gesteht auch Loisy (26): „Une histoire complète du sacrifice serait presque une histoire du culte religieux dans l’humanité.“ Zugleich aber entstand das Werk, während draußen der Erste Weltkrieg tobte (wie Lannoy gut beobachtet). Etwas anders als die Mana-Theorie stellt er die vertu des Opferhandelns in den Mittelpunkt. Dass das Abendmahl/Eucharistie ein survival eines primitiven Menschenopfers sei, lehnt er vehement ab. Letztlich war es ihm aber um die Höherentwicklung zur Humanitätsreligion zu tun.[23] Ein Fazit 324-330 beschließt das Buch. Die umfangreichen Verzeichnisse der Archivalien und Bibliographie, ein Index mit den Namen der Gelehrten und ein wertvoller Sachindex erschließen die Forschung noch einmal.

Die Monographie von Annelies Lannoy hat einen wertvollen Beitrag zu einem bisher kaum beachteten Zweig der Wissenschaftsgeschichte der Universitätsdisziplin Religionswissen­schaft (Histoire des religions)[24] und der Entwicklung der vergleichenden Methode erarbeitet, bevor die Religi­onsphänomenologie ihre unhistorische Erfassung der Religion als Gegen­stand sui generis entwickelte, die bei den Forschern ein eigenes Erlebnis eigentümlich religi­öser Erregung voraussetzt und vor der eigentlichen  Unter­suchung die Unterscheidung vor­nimmt, was ‚heilig‘ und was ‚profan‘ sei. Religions­wis­sen­schaftler war, wer einen heiligen Text überset­zen und kommentieren konnte: eine philologisch-ahistorische Methode. Alfred Loisy setzte Maßstäbe der historischen Kontextua­lisierung, die im Folgen­den nicht weiter­geführt wurden – zum Schaden der Wissenschaft. Vor allem der Erste Weltkrieg zerschlug die lebendige Wahrnehmung und das Gespräch der Gelehrtenrepublik, die vorher keine nationalen und sprachlichen (Französisch und Deutsch als die Sprachen der Wissenschaft, noch nicht das Englische) Grenzen gekannt hatte.[25]

 

Bremen/Wellerscheid, Januar 2021                                    Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Der erste Lehrstuhl für histoire des religions 1873 in Genf/Schweiz, dann in den Niederlanden, Leiden und Amsterdam 1877, Frankreich, Paris 1880 bzw. 1886. Belgien, Brüssel 1884 bzw. 1896. Der erste Lehrstuhl in Deutsch­land 1908 in Berlin, dann in Leipzig. Die Daten knapp und präzise Michael Stausberg: Religions­wissenschaft. Profil einer Universitätsfachs in Deutschland. in: M.S. (Hrsg.): Religionswissenschaft. Berlin; Boston 2012, 1-30.

[2] In der Rede, die Adolf Harnack 1901 bei Antritt der Leitung der Berliner Universität hielt, ging er auf die Forderung ein, die theologischen Fakultäten zu religionswissenschaftlichen Fakultäten umzuge­stalten. (Die Aufgabe der theologischen Fakultäten und die allgemeine Religionsgeschichte. Nebst einem Nachwort [als Antwort auf die Einwände von Martin Rade. in: A.H.: Reden und Aufsätze 2. Gießen: Ricker 1904, 159-188). Dann müsste man, so der Wissenschaftsorganisator, doch für jede Weltreligion mehrere Lehrstühle einrichten. Das lasse sich nicht organisieren (179). Dagegen gebe es aber in der Erforschung des Christentums alles Material: „Wer diese Religion nicht kennt, kennt keine, und wer sie samt ihrer Geschichte kennt, kennt alle.“ (168) Denn im Christentum gebe es alle Typen von Religion, aber „gerade die höchsten haben dort keine Parallelen, während mir das Umgekehrte nicht bekannt ist.“ (172) Das widerspricht dem Grundsatz des in England forschenden Begrün­ders der science of religion, Friedrich Max Müller, der sagte: „Wer nur eine kennt, kennt keine.“ – Harnacks Position nimmt wieder ein Friedrich Wilhelm Graf: Die Wiederkehr der Götter. München: Beck 2004.

[3] In der Kirchengeschichte abgelehnt die Position des Pelagianismus (und Semi-Pelagianismus) durch Augustins Lehre von der göttlichen Gnade, die dann Luther wieder aufgriff. – Carsten Colpe: Erlösungs­religion. Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Hrsg. von Hubert Cancik; Burk­hard Gladigow; Matthias Laubscher. Band 2. Stuttgart: Kohlhammer 1990, 323-329.

[4] Harnack 1901, 172 „Das Christentum in seiner reinen Gestalt (ist) nicht eine Religion neben anderen, sondern die Religion.“ Entsprechend trug das protestantische Lexikon den bestimmten Artikel Die Religion in Geschichte und Gegenwart, erst die vierte Auflage entfernte den bestimmten Artikel und behandelt in vielen Artikeln auch die (beispielsweise) ‚Mystik‘ in anderen Religionen.

[5] Programm und Umsetzung erläutert Christoph Auffarth: Europäische Religionsgeschichte. In: Richard Faber; Susanne Lanwerd (Hrsg.): Aspekte der Religionswissenschaft. Würzburg 2009, 29-48. Zu dem ambitionierten Gegenentwurf von Helmut Zander s. Auffarth: Wie kann man Europäische Religionsgeschichte schreiben? In: Christoph Auffarth; Alexandra Grieser; Anne Koch (Hrsg.): Religion in der Kultur – Kultur in der Religion. Burkhard Gladigows Beitrag zum Paradigmenwechsel. Tübingen: Tübingen University Press 2021, (im Druck) und die Kurzrezension in der Zeitschrift für Religionswis­sen­schaft 2020, 28 (2020), 351-354.

[6] Aus dem Berliner Lehrstuhl für Dogmatik von Otto Pfleiderer entstand der religionswissenschaft­liche. Sein liberales Programm der „Weiterentwicklung des Christentums“ (Beiträge zur WdC. München: Lehmann 1905) erzürnte den erzkonservativen Kaiser Wilhelm I., der ‚den Häretiker‘ am liebsten entlassen hätte.

[7] Ferdinand Hahn: Exegetische Beiträge zum ökumenischen Gespräch. Gesammelte Aufsätze 1. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 1986, bes. 39-75.

[8] Die Neuerfindung der Tradition (Invention of Tradition) in dem langen Pontifikat Papst Pius IX. mit dem Höhepunkt des Ersten Vatikanischen Konzils 1870 arbeitet glänzend heraus Hubert Wolf: Der Unfehlbare. München: Beck 2019.

[9] Erst mit dem Syllabus Lamentabili sane exitu 1903, dann der Enzyklika Pascendi domini gregis 1907. Die Dritte Französische Republik hat – nach der Niederlage gegen Preußen und der Gründung des Deutschen Reiches – 1879 einen Lehrstuhl für Religionsgeschichte am Collège des France eingerichtet, und 1885/86 nach der Schließung der katholisch-theologischen Fakultät an der École pratique eine fünfte section eingerichtet des sciences religieuses. An der école lehrten die liberal-protestantischen Pro­fes­soren Auguste Sabatier und Vater und Sohn Albert und Jean Réville.

[10] Der Briefwechsel ist jetzt mustergültig ediert und kommentiert: »Mon cher Mithra…«: la correspon­dance entre Franz Cumont et Alfred Loisy. Édition, introduction et notes par Annelies Lannoy, Corinne Bonnet, Danny Praet. 2 Bände. Paris: Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 2019. lix, 448; 654 Seiten. 2007 erschien der Briefwechsel mit dem Althistoriker Mongolus Syrio salutem optimam dat: la correspon­dance entre Mikhaïl Rostovtzeff et Franz Cumont. Èd. Grégory Bongard-Levine (gleiche Reihe).

[11] Zum hundertsten Jahrestag des ersten Erscheinens des Buches Les religions orientales dans le paga­nisme romain (Die Erstausgabe erschien 1906; dt. Übersetzung Leipzig: Teubner 1909, ³1931) gab es eine sorgsam v.a. von Corinne Bonnet vorbereitete Konferenz in der Belgischen Akademie in Rom. Darin meine Beiträge Religio migrans. Die ‚Orientalischen Religionen’ im Kontext antiker Religion. Ein theoretisches Modell. In: Corinne Bonnet, Sergio Ribichini; Jörg Rüpke (Hrsg.): Religioni in Contatto nel mondo antico. Modalità di diffusione e processi di interferenza. (Mediterranea 4) Rom 2008, 333-363. – Die Centenar-Ausgabe ed. Corinne Bonnet und Françoise van Haeperen im Rahmen der Gesamtausgabe der Schriften von Franz Valery Marie Cumont. Torino: Aragno 2006 (nach der 4. Auflage Paris 1929).

[12] Wie der Ultramontanismus weltweit durchgesetzt wurde, zeigen die Beiträge in: Olaf Blaschke; Francisco Javier Ramón Solans (Hrsg): Weltreligion im Umbruch. Transnationale Perspektiven auf das Christentum in der Globalisierung. (Religion und Moderne 12) Frankfurt am Main; New York: Campus 2019. Meine Rezension https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2020/05/25/weltreligion-im-umbruch/ (25.5.2020).

[13] Eine deutsche Übersetzung mit einer Einleitung Carl-Friedrich Geyer: Wahrheit und Absolutheit des Christentums. Geschichte und Utopie: ‚L`Évangile et L`Église‘ von Alfred F. Loisy in Text und Kontext. Text und Kontext. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2010.

[14] Harnack erhielt erst 1912 den Adelstitel. Sein scharfer Kritiker war Basler Theologe und Nietzsche-Freund Franz Overbeck, der mit seiner Schrift Ueber die Christlichkeit unserer heutigen Theologie. 1873, ²1903 das misslungene Jesusbild der liberalen Theologie herausarbeitete, wenn die Theologen versuch­ten, Jesus zu einem Propheten und Vertreter der kantischen Reduktion von Religion auf Moral mit der Erforschung des historischen Jesus in Übereinstimmung zu bringen (Overbeck, Werke und Nachlaß. Band 1(1994) 155-318). Overbeck legte ein Harnack-Lexikon an Werke 4(1995), 436-585, teilweise pos­tum in Overbeck, Christentum und Kultur. Basel 1919. Zu Loisy, Werke 4. 480f. 528f. 5.117-119. 613-615.

[15] Im Unterschied zur ‚katholischen‘ Amtskirche sei das Christentum ursprünglich, ‚evangelisch‘ auf Charisma gegründet, behauptete der Kirchenrechtler Rudolph Sohm 1892. Von ihm nahm das Max Weber auf. Vgl. Christoph Auffarth: Die frühen Christentümer als Lokale Religion. Zeitschrift für Antikes Christentum 7(2003), 14-26.

[16] Christoph Auffarth: Königtum, sakrales. HrwG 3(1993), 386-389: Magie sei zwar die primitivste Form der Weltbilder, arbeite aber immerhin schon mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung (science mis­anderstood), während Religion auf der Illusion von außernatürlichen Kräften beruhe, die durch die Naturwissenschaft widerlegt seien. Dazu Lannoy 2020, 169-187 mit der instruktiven Grafik 180.

[17] Salomon Reinach verstand Religion in seinem Orpheus. Histoire générale des religions. Paris: Picard 1909, 3 als „un ensemble des scrupules qui font obstacle au libre exercise de nos facultés“. Lannoy 141, A. 3. Im gleichen Jahr erschien schon die 7. durchgesehene Auflage. Zur Auseinandersetzung Loisys mit dem fast gleichaltrigen Reinach s. Lannoy 2020, 151-169.

[18] Loisy, Antrittsvorlesung am Collège Leçon d’ouverture. Paris 1909, 30. Lannoy 2020, 149.

[19] Jan Bremmer hat das Aufkommen des Konzepts „Ritual“ gerade zur Jahrhundertwende 1900 unter­sucht in seinem Beitrag ‚Religion‘, ‚ritual‘ and the opposition ‚sacred‘ versus ‚profane‘ zur Festschrift Walter Burkert. Fritz Graf (Hrsg.): Ansichten griechischer Rituale. Leipzig: Teubner 1998., 9-32. Lannoy diskutiert sehr detailliert die Stellung Loisys in der Debatte.

[20] Zu Ernest Renan Lannoy 44, 64, u.ö. Loisy als successeur du divin Renan 104. Doch vgl. Birgit Schäbler: Moderne Muslime. Ernest Renan und die Geschichte der ersten Islamdebatte 1883. Paderborn, Schöningh 2016, 21-66.

[21] Alfred Loisy: Essai historique sur le sacrifice. 1920, 552 Seiten. Loisy strukturiert nach Funktionen bzw. Intentionen der Opfer-Anlässe, nicht aus einem einzigen Typ von Ritualen.

[22] Die wichtige Studie von Ivan Strenski: Theology and the First Theory of Sacrifice. Leiden: Brill 2003 (Lannoy 263-266) ist hier für Loisy genauer ausbuchstabiert.

[23] Wie die Humanitätsreligion im Ersten Weltkrieg zerbricht, behandelt an einem Beispiel Christoph Auffarth: Religion in Bremen im Ersten Weltkrieg: Zuspruch und Widerspruch. In: Lars U. Scholl (Hrsg.): Bremen und der Erste Weltkrieg. Kriegsalltag in der Hansestadt. = Jahrbuch der Wittheit 2012/13. Bremen: Falkenberg 2014, 146-160.

[24] Den aktuellen heftigen Streit um den Namen der IAHR schildert aus seiner Sicht Don Wiebe: A Report on the Special Executive Committee Meeting of the International Association for the History of Religions in Delphi. in: Method & Theory in the Study of Religion 32(2020). Im gleichen Heft 2 antworten  Satoko Fujiwara and Tim Jensen: What’s in a (Change of) Name? Much—but Not That Much—and Not What Wiebe Claims

[25] Auch Loisy beteiligte sich mit nationalistischen Bemerkungen in seinem Büchlein La religion 1917. AL kennt auch die Ausnahme Adolf Deissmann, der – nach dem anfänglichen Schwertsegen – das Gespräch auf der Ebene der internationalen Ökumene gegen den Nationalismus wieder in Gang brachte. – Zu den Änderungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg s. Christoph Auffarth: Henri Irénée Marrous »Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum«. – Der Klassiker kontrastiert mit Werner Jaegers »Paideia«. In: Peter Gemeinhardt (Hrsg.): Was ist Bildung in der Vormoderne? (Seraphim 4) Tübingen: Mohr Siebeck 2019, 39-65.

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Bultmann – Jonas – Briefwechsel

Rudolf Bultmann – Hans Jonas: Briefwechsel 1928-1976

Mit einem Anhang anderer Zeugnisse.

Hrsg. Andreas Großmann.

Tübingen: Mohr Siebeck 2020. XXV, 161 Seiten. Leineneinband.
ISBN 978-3-16-159284-3
69.-

Die Freundschaft des christlichen Theologen mit dem jüdischen Philosophen

Kurz: Die Freundschaft zwischen dem Marburger Professor für Neues Testament, Rudolf Bultmann, und dem 17 Jahre jüngeren Philosophen Hans Jonas war geprägt durch genaues Zuhören und sorgfältig erwogene Einwände. Sie bestand über die Shoa (‚Holocaust‘) hin­weg; Bultmann teilte nicht die antijüdischen Gemeinheiten und Hetze mancher seiner neu­testamentlichen Kollegen und besonders des anderen Lehrers von Jonas, Martin Heidegger.

Ausführlich: Zwei sehr unterschiedliche Biographien und doch eine lebenslange Freund­schaft. Rudolf Bultmann, am 20. August 1884 im Oldenburger Wiefelstede als Pfarrerssohn geboren und am 30. Juli 1976 in Marburg gestorben, blieb als Doktorand und als Professor für Neues Testament nahezu sein ganzes Leben in Marburg (nach der üblichen Wander­schaft als Student und einer kurzen Zeit als Professor in Breslau und Gießen), wagte aber nach der Emeritierung sich englischem und amerikanischem Publikum zu stellen.[1] Hans Jonas hingegen hatte ein sehr bewegtes Leben, vor allem auch wegen der Verfolgung und dem Kampf gegen den Nationalsozialismus.  In Mönchengladbach 10. Mai 1903 geboren starb er als berühmter Philosoph am 5. Februar 1993 in New Rochelle nahe New York. Als Jude verließ er NS-Deutschland schon im September 1933 nach London, dann nach Israel, meldete sich als Soldat im Untergrundkampf für den erhofften Staat Israel, dann in der britischen Armee und siedelte sich mit der Familie 1949 erst in Kanada,[2] ab 1955 in der Nähe New Yorks an, wo er Philosophieprofessor wurde, aber immer wieder auch Gastprofessuren annahm. Hans Jonas[3] schrieb sich in Bultmanns Seminar ein (zu dem man sich persönlich anmelden musste, zusammen mit seiner engen Studienfreundin Hanna Arendt)[4] und Bultmann betreute die Dissertation über Der Begriff der Gnosis.[5] Aber ein Jude konnte nicht zum Dr.theol. in einer evangelisch-theologischen Fakultät promoviert werden. Nominell Erstgut­achter war Martin Heideg­ger (1889-1976), der in Marburg mit RB gut befreundet, dann nach Freiburg berufen, dort der nationalsozialistische Rektor der Universität wurde und sich am 27. Mai in seiner Rektorats­rede ausdrücklich zum Nationalsozialismus und Führerprinzip bekannte. HaJo folgte ihm nach Freiburg, aber verließ schon im September Deutschland. Bultmann lehnte den Nationalsozialismus ab und engagierte sich in der Bekennenden Kirche, forderte aber eine moderne Interpretation der Bibel. Das Programm der Entmytho­logisierung entsprach auch HaJo, der den Begriff schon vorher verwendet hatte.[6] Als HaJo Jahre später den Ruf auf die Professur für Philosophie nach Marburg erhielt, konnte er im Jahre 1960 nicht annehmen (46): „… aber über den Schatten (der Vergangen­heit) springen […] konnte ich am Ende doch nicht“. Seine Mutter war in Auschwitz ermordet worden.

Der Briefwechsel[7] enthält 59 Briefe und Postkarten, fünf davon zwischen 1928 bis 1938, dann beginnt HaJo ihn wieder 1952 mit „Ich weiß, dass dieser Brief um Jahre zu spät kommt“ (14). RB war auch praktisch behilflich, als es um Anerkennung der Pensionsansprüche HaJos ging (116f; ebenso 119-123 Heidegger – nicht im Sachregister). Bultmann besuchte auf seinen USA-Reisen HaJo und Familie, umgekehrt auch HaJo mehrfach in Marburg (34; 126). Interes­sant ist der Austausch über Eric Voegelin 31-34 zu dessen Aufsatz „Religionsersatz“. Dass HaJo selbst sich einen Mythos aus­dach­te, als er zu einem Vortrag über Unsterblichkeit gebeten wurde, nach dem Gott sich aus seiner Allmacht zurückzieht,[8] bedenkt RB ausführ­­lich BW 58-61 und HaJo antwortet ebenso ausführlich 64-68, ein Höhepunkt der Buches! Und natürlich ist der Vortrag HaJos auf der Gedächtnisfeier für RB eine Rede der Freundschaft, die dennoch nicht nur lobt, sondern ein differenziertes Bild eines souverän-dialogischen Gelehrten und seiner Ideen zeichnet.

Der Band enthält Texte, die schon andern Orts gedruckt sind. Besonders die Kritische Gesamt­ausgabe der Werke von Hans Jonas versammelt im Band III/1 Texte, die das Leben lang dauernde Beziehung des theologischen Lehrers mit dem Philosophen bezeugen.[9] Das be­ginnt mit dem Brief vom 13. Juli 1929, in dem HaJo von Freiburg aus, wohin er Heidegger aus Marburg gefolgt war, auf 8 handschriftlichen und 7 auf der Maschine geschriebenen Seiten auf einen Aufsatz von RB zu Paulus antwortet,[10]  gewissermaßen ein Aufriss zu einem ein Jahr später erschienenen Buch.[11] Dann die beiden Briefe zu dem Aufsatz HaJos über Un­sterb­lichkeit.[12] Die Rede HaJos zur akademischen Trauerfeier in Marburg „Im Kampf um die Möglichkeit des Glaubens. Erinnerungen an Rudolf Bultmann und Betrachtungen zum philo­­sophischen Aspekt seines Werkes“, die auf Erich Dinklers Würdigung des theologischen Aspekts folgte.[13] RBs Brief zur Festschrift für HaJos 75. Geburtstag 1978.[14] Und die kurze englische Würdigung zum 100. Geburtstag 1984.[15] Fehler gibt es so gut wie keine.[16] Der Band ist erschlossen mit Orts-, Personen-, Sachregister. Der Verlag hat seine bei ihm gewohnte Qualität erfreulicher Weise erfüllt: Gut lesbarer Druck, fadengeheftet, blauer Leineneinband, in Papier eingeschlagen. Gut so, auch wenn das kostet! Die Briefe ohne Kürzungen zu lesen ist wertvoll und manches Detail über das Kommunizieren über Briefe, Telephon, Flugzeug haben ihren eigenen Reiz und Wert.

 

Die Einleitung des Herausgebers Andreas Großmann[17]  (xi-xxv) hebt hervor, was ihm in der Korrespondenz positiv aufgefallen ist. Er geht kaum darüber hinaus. Es bleibt für mich ein Problem: RB hat in seiner Religionsgeschichte,[18] die er kurz nach dem Kollaps der NS-Herr­schaft veröffentlichte, einerseits das Werk drei jüdischen Freunden gewidmet,[19] andrerseits das antike Judentum als schwärzeste Religion dargestellt, aus der die Predigt des Juden Jesus etwas herausragt, doch auch die bleibe jüdisch. RB verneint die jüdische Wurzel des Chris­ten­tums. Vielmehr sei die neue Religion mit seinem Kultheros Kyrios Christos eine helleni­stische, also aus dem Griechischen hervorgegangene Religion. Das antike Judentum dient als Negativfolie für das strahlende Christentum.[20] Der ‚historische‘, also jüdische Mensch Jesus ist für das Christentum unbedeutend. Auferstanden ist der Kyrios Christus in den Glauben. Man kann sehr viel Positives sagen zu Bult­manns Haltung zu den zeitgenössischen Juden und seinen Freundschaften wie der zu Hans Jonas. Das hat aber nicht dazu geführt, dass er sein (und seiner neutestamentlichen Kollegen) Geschichtsbild revidiert hätte. Die zweite Verste­hensbarriere ist die ‚Theologie nach Ausch­witz‘. Für Jonas war schon das christliche Gottes­bild, wie es Augustinus glaubte, aus Paulus entnommen zu haben,[21] ein Problem, das er in seiner kleinen Mono­graphie 1930 diskutier­te.[22] Nach der historischen Erfahrung von ‚Ausch­witz‘ aber muss das Gottesverständnis neu gedacht werden. Wo war Gott, als sein Volk er­mordet wurde? Die eine Antwort ist: Es gibt keinen Gott. Die andere legt die Gottesverant­wortung in die Verant­wortung der Menschen, sich unbedingt für das Leben einzusetzen. Das hat HaJo dann angesichts der Atomkraft und der Möglichkeit, die Menschheit zu ver­nichten, in seinem Buch Prinzip Verantwortung 1977 aus­geführt. Für Bultmann war Ausch­witz nicht dieser existenzi­elle Aufschrei, der ein Um­den­ken der Theologie notwendig macht. Jürgen Molt­mann hat in Der gekreuzigte Gott (1972) ein solches Umdenken auch in der christ­lichen Theologie realisiert: Wenn Gott Auschwitz zulässt, dann kann er nicht allmächtig sein. Der leidende Gott macht sich solidarisch mit den Menschen, wird selbst Mensch und erleidet den Tod. Nur wird hier ein christlicher Gott gezeichnet für die jüdische Shoa. Das birgt in sich die Gefahr, dass die Täter sich zu Opfern machen.[23]

 

 Bremen/Much, November 2020                                                      Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen
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[1] Eine bedeutende Biographie des Wissenschaftlers hat Konrad Hammann: Rudolf Bultmann. Eine Biographie. Tübingen: Mohr Siebeck 2009, ²2009, ³2012 verfasst, dazu Rudolf Bultmann und seine Zeit. Biographische und theologische Konstellationen. Tübingen: Mohr Siebeck 2016. Hammann ist vor wenigen Wochen im Oktober 2020 überraschend gestorben; seine Forschungen zu Bultmann sind sehr sorg­fältig. Bultmanns Namen kürze ich im Folgenden mit den Initialen RB ab.

[2] Im Brief vom 11.12.1952 berichtet: BW 16f. Die neue Lebenswelt in Kanada und den USA stellte ganz andere Themen, zum Organischen und den Lebensstufen. – RB antwortet vier Wochen später.

[3] Die sehr interessanten und lesenswerten Erinnerungen nach Gesprächen mit Rachel Sala­mander. Hrsg. und Nachwort Christian Wiese. Frankfurt am Main: Insel 2003 erschienen zum 10. Todesjahr. Im Folgenden kürze ich den Namen mit HaJo ab.

[4] Erinnerungen 2003, 108-128, Arendt 111. BW 15, Anm. 18 zum WiSe 1925/26. Nicht bei Hammann. Von Arendts Anmeldung ist überliefert, dass sie unter der Bedingung am neutestamentlichen Seminar teilnehmen wolle, dass dort keine antijüdischen Urteile ausgesprochen würden – eine berechtigte Befürchtung bei vielen Neutestamentlern der Zeit, wie etwa gerade zu Gerhard Kittel geforscht wird. Vgl. [Rez] “Entjudung” – Kirche im Abgrund. Von Oliver Arnhold http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2011/08/04/entjudung-kirche-im-abgrund-von-oliver-arnhold/ (4.August 2011). – Seine Gedenkrede auf Arendt schickt HaJo Bultmann zu BW 106-108.

[5] Die Gutachten sind abgedruckt BW 111-115.

[6] Hammann, Bultmann und seine Zeit 2016 (wie Anm. 1), 85. Zu dem „kleinen Sturm“, den die Entmytho­logisierung in Deutschland „heraufbeschworen“ habe und das „Ketzer-Richten“ (Bultmann, BW 21f) die knappe Anm. 44. Jonas BW 126-128.

[7] Während auf dem Außentitel beide als Autoren genannt werden, nennt die Titelseite nur Bultmann als Autor des Briefwechsel[s] mit Hans Jonas, obwohl der Band Briefe und Texte von beiden enthält. Im Folgenden abgekürzt mit BW.

[8] 1961, später wieder in Gottesbegriff nach Auschwitz 1961. Gut bibliographiert BW 51 A. 114.

[9] Hans Jonas: Metaphysische und religionsphilosophische Studien. Hrsg. von Michael Bongardt, Udo Lenzig, Wolfgang Erich Müller. (Kritische Gesamtausgabe von Hans Jonas, hrsg. Dietrich Böhler, Michael Bongardt, Holger Burckhart, Christian Wiese, Walther Ch. Zimmerli, Band III/1. Freiburg: Rombach 2014 (im Folgenden HaJo, KGA III/1). Der Herausgeber des BW bezieht sich nirgendwo auf diese Ausgabe. Im Folgenden abgekürzt mit KGA.

[10] Das „Briefmonstrum“ gibt BW 2-12 in der Reinschrift = HaJo, KGA III/1, 23-33 gibt den hand­schriftlichen Entwurf (Abb. s. v) wieder. Dort sind auch die unterstrichenen und die durchgestriche­nen Wörter und Sätze angegeben, was im BW nicht geschehen ist. In HaJo, KGA III/1, 467-473 ist ein „Protokoll der Seminarsitzung vom 21.1.1928: Das Freiheitsproblem bei Augustin“. Die Herausgeber nehmen an (534), dass es sich um das Referat handelt, das HaJo im Seminar von Heidegger vortrug.

[11] Hans Jonas: Augustin und das paulinische Freiheitsproblem. Ein philosophischer Beitrag zur Genesis der christlich-abendländischen Freiheitsidee. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 1930; erweitert ²1965. Der Band erschien in der von RB herausgegebenen Reihe Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments. Für das ebenfalls in dieser Reihe erschienene Hauptwerk von HaJo, die als Dissertation bei Martin Heidegger 1930 begonnene Gnosis und spätantiker Geist. Teil 1: Die mytholo­gische Gnosis. 1934, ²1954 [xvi, 456 Seiten]; Teil 2,1: Von der Mythologie zur mystischen Philosophie. 1954 (xv, 223 Seiten), Teil 2,2, hrsg. von Kurt Rudolph (Seiten 225-410) 1993. schrieb RB ein Vorwort, wieder in BW 117f.

[12] HaJo, KGA III/1, 367-371 RB und 371-376 HaJo. Der Briefwechsel wird aber in der Form abgedruckt, wie der Verlag Vandenhoeck&Ruprecht ihn gekürzt druckte am Ende des Taschenbuchs HaJo: Zwischen Nichts und Ewigkeit. Göttingen 1963, 63-72. Vollständig in BW 57-62; 63-68

[13] Auf der Feier am 16.11.1976 etwas gekürzt vorgetragen: BW 123- HaJo, KGA III/1, 377-405 mit der Angabe der Varianten in den englischen Fassungen. Vgl. Einleitender Kommentar zur KGA lix-lxiii.

[14] BW 143 = HaJo, KGA III/1,

[15] BW 143-146 = HaJo, KGA III/1,

[16] Falsche Trennung 65 Schuldigs-einkönnen.

[17] Leiter des Forum interdisziplinäre Forschung (FiF) der Technischen Universität Darmstadt und Dozent für Philosophie.

[18] RB: Das Urchristentum im Rahmen der antiken Religionen. Zürich: Artemis 1949 (und viele Nach­drucke). Dazu Andreas Lindemann: Religionsgeschichtliches Umfeld des Neuen Testaments. In: Christof Landmesser (Hrsg.): Bultmann Handbuch. Tübingen: Mohr Siebeck 2017, 240-248.

[19] Vgl. Hammann, Bultmann und seine Zeit (wie Anm. 1) 2016, 58. Zur Darstellung des Juden Jesus, der nicht innerhalb einer Theologie des Neuen Testaments zu behandeln sei, S. 61 „Dabei ist das Bild des nachexilischen Judentums, in das Bultmann die Botschaft Jesu hineinzeichnet und von dem er sie zugleich abhebt, zweifellos auch von etlichen historischen und sachlichen Fehlurteilen mitbestimmt, die er weitgehend unkritisch aus den einschlägigen Darstellungen Wilhelm Boussets und Emil Schürers übernommen hat. Bultmann stützt sich auf die Darstellungen von Wilhelm Bousset, Kyrios Christos 1913, ²1916. RB, Geleitwort zu 51965. Ders.: Die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter. Berlin: Reuther u Reichert 1903, ²1906 [stark gekürzt als Göschen-Heft 1912]. Dazu jetzt Sascha Gebauer: Hugo Greßmann und sein Pro­gramm der Religionsgeschichte (BZAW 523) Berlin: De Gruyter 2020. Jan Höffker: Das Chris­tentumsve­rständnis Wilhelm Boussets. Evangelische Theologie im Spannungsfeld von Historismus und Ratio­nalismus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020.

[20] (Unbewusst) antijüdische Einstellung Bultmanns haben mehrere Wissenschaftler konstatiert, v.a. Wolfgang Stegemann in: Kirche und Israel 5(1990), 19-33. Das lehnt Konrad Hammann rundweg ab: RBs Begegnung mit dem Judentum. ZThK 102(2005), 35-72. ND in: Ders., Bultmann und seine Zeit 2016, 41-76. Ders.: Bultmann und das Judentum. In: Landmesser, Handbuch (wie Anm. 18), 161-167.

[21] Aus einer falschen Übersetzung von Römer 5,12 konstruierte Augustinus die „Erbsünde“: der Mensch kommt als Sünder auf die Welt. Und die Gnade Gottes/Begnadigung des eigentlich zum Tode verurteilten Sünders trifft nur Auserwählte. Die Welt ist heillos, das Heil gibt es erst nach dem Tod.

[22] Wie oben Anm. 11.

[23] Christoph Auffarth: Auschwitz: Der Gott, der schwieg, und vorlaute Sinndeuter. Eine Europäische Religionsge­schichte fokussiert auf einen Erinnerungsort. In: Adrian Hermann; Jürgen Mohn (Hrsg.): Erinnerungsorte der Europäischen Religionsgeschichte. Würzburg: Ergon 2015, 463-501, zu Moltmann 485-487.

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Gerhoch von Reichersberg

Gerhoch von Reichersberg: Opusculum de aedificio Dei.
Die Apostel als Ideal.

Edition, Übersetzung, Kommentar: Julia Becker.

(Klöster als Innovationslabore 8) Regensburg: Schnell + Steiner 2020. 936 (557, 375) Seiten,
ISBN 978-3-7954-3574-5
66 €

Die Kirche als Bau Gottes bedarf dringend der Renovierung:
ein mittelalterlicher Reformer zeigt die Fehler auf

Kurz: Der Traktat des Gerhoch von Reichersberg in einer mustergültigen Edition und Übersetzung zeigt einen radikalen Reformwillen, der noch über das hinausgeht, was die Reform des Papstes, Gregor VII., im sog. Investiturstreit forderte.

Ausführlich: Gerhoch von Reichersberg (1092/93 – 1169) ist im lang anhaltenden Streit um die ‚Freiheit der Kirche‘ ein wichtiger Vertreter der römischen Seite auf deutschem Boden.[1]  Berühmter ist Otto von Freising, der 20 Jahre jüngere Zeitgenosse, der auf der kai­ser­lichen Seite die Kirche als Bischof vertrat. In der – auch Investiturstreit genannten – Aus­ein­andersetzung ging es nicht vordergründig um das Recht, wer die Bischöfe einsetzen darf. Die Bischöfe aber waren die Konstante der Verwaltungsstruktur, weil sie bis in jede Pfarrei hinein Macht und Einfluss hatten. Die Könige bzw. der Kaiser hatten keine andere, weltliche Struktur, um das riesige Herrschaftsgebiet, das sie beanspruchten, zu regieren. Sie waren selbst ständig auf Reisen, um die Anarchie zu bändigen. Bischöfe waren die regiona­len Vertreter des Kaisers, die er auswählte als – hoffentlich – loyale Vertraute aus dem Adel, oft aus der eigenen Familie. Wenn nun der Bischof von Rom beanspruchte, die Bischöfe ein­zusetzen (Investitur Einkleidung mit dem Bischofsmantel), stellte er die Regierungs­fähigkeit des Kaisers in Frage. Die „Freiheit der Kirche“ (libertas ecclesiae) verweigerte der weltlichen Macht das Recht, Bischöfe einzusetzen; die Legitimität der amtierenden Bischöfe wurde ab­ge­spro­chen: sie hätten ihr Amt gekauft, wie in der Apostelgeschichte der Bibel ein ‚Simon‘  von Paulus die Fähigkeit zu Wundertaten abkaufen wollte (Apg. 8,9-25). Sie seien Häretiker.

Die Streit­schriften fanden die Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit dem „Kulturkampf“, den Repressionen des preußischen Staates gegen seine römisch-katholischen Untertanen nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871. Berühmt ist der Satz des Reichskanzlers Otto von Bismarcks vor dem Reichstag am 14. Mai 1872 „Nach Canossa gehen wir nicht“. Damals eröffnete die Quellenedition der Mo­nu­menta Germaniae Historica[2] eine eigene Reihe Libelli de lite „Büchlein zum Streit“, in dessen drittem Band 1897 Ernst Sackur Schriften von Gerhoch herausgab, freilich gekürzt und nur die einschlägigen Traktate. Sein umfangreiches Werk ist noch nicht vollständig veröffent­licht.[3] Sackurs Ausgabe lässt das aus, „was allenfalls Theolo­gen interessieren würde“.[4] Mit dem vorliegenden zweibändigen Werk hat Julia Becker das Opusculum de aedificio Dei ediert. Die Übersetzung hat Thomas Insley erstellt. Sie bleibt recht nahe am lateinischen Text, weiß aber Begriffe genau wiederzugeben.[5] Die umfangreiche und sorg­fäl­tige Edition ist im Rahmen des Projektes „Klöster im Hochmittelalter. Innovations­la­bore europäischer Lebensentwürfe und Ordnungsmodelle“ entstanden, das die Heidelberger Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit der Sächsischen Akademie unternimmt.[6] Das Werk hat der Verlag nach den Regeln der Buchkunst ausgestattet: Fadenheftung, dass man das Buch vollkommen aufschlagen kann für die sorgfältige Lektüre, mit einem ebenso klaren wie großzügigen Satzspiegel des Textes, die Beispielseiten der Manuskripte in vierfarbigen Abbil­dungen, auch auf dem Einband, Vorsätze aus Büttenpapier. Fast 190 Seiten Anhang erschließen das Werk: eine Kapitelübersicht verzeichnet noch einmal knapp den Inhalt der 188 Kapitel. Die Bibelstellen des Alten Testaments (vor allem Psalmen und der Prophet Jesaja, dazu überraschender Weise sehr oft 2. Esra[7]) werden weit übertroffen durch Begrün­dungen aus dem NT. Es folgen Personenregister (leider ohne nähere Unterteilung: Papst Gregor I. wird 250 mal herangezogen; neben Augustin, Ambrosius und Hieronymus die zeitgenössischen Autoritäten des Kirchenrechts Anselm von Lucca, Deusdedit, Ivo von Chartres, Urban II.), Ortsregister. Ein Wortregister zeigt die wichtigsten Begriffe, hier gut unterteilt, ein wertvoller Schlüssel zum Schatz, allein dafür 140 Seiten. Schließlich ein Index Initiorum, wie die ersten zwei, drei Worte, mit denen ein Text eingeleitet wird, gewisser­maßen die Überschrift, auch heute noch in päpstlichen Schreiben verwendet werden (Huma­nae vitae, flagranti cura). Die Bibliographie ist in Band 1, 100-120 verzeichnet.

De aedificio Dei beschreibt das Erbauen der Kirche, also nicht so sehr das fertige Kirchenge­bäude, sondern hebt den Prozess des Handelns, weniger das Ergebnis her­vor. Wie einst die Juden aus dem Exil heimkehrten und den zerstörten Tempel wieder aufbauten, so sei jetzt am Bau Gottes vieles zu renovieren. Als Beispiel für solch eine ‚Baustelle‘ nenne ich: Eine Nonne dürfte nicht ein edleres Kleid tragen, das sie von einer Verwandten geschenkt bekommt – oder gar von einem Liebhaber, unterstellt Gerhoch. Sie müsste es sofort der gemeinsamen Kleiderkammer zur Verfügung stellen. Eigentum also ist strikt verboten, für Bischöfe gelte das auch. Das sei so offensichtlich und die Bischöfe steckten das Schwert des Gerichtes in die Scheide des Ver­schweigens (in vagina silentii 38017). Darüber müssten sie im Jüngsten Gericht Rechenschaft ablegen (c. 96; S. 372-380). Ein sehr umstrit­tenes Thema im Investiturstreit ist die Konstantinische Schenkung, die die römische Seite gerne behauptete: c. 18 (20413 – 20610) und c. 21 (2147 – 21810). Nach der Legende war der Papst der Lehnsgeber der weltlichen Herrschaft und sei rechtmäßig derjenige, der den Zehnten erhalte. Papst Silvester habe kein Geld für Soldaten reserviert.[8] Der Zehnte gehöre allein der Kirche; die weltlichen Dinge werden durch Regalien finanziert. Die guten Kaiser imperatores christianissimi, er nennt Konstantin, Theodosius, usw., Karl (den Großen) und Ludwig (den Frommen), hätten die Trennung von Welt und Kirche beachtet, gleichzeitig die Kirche beschenkt. Dagegen hätten die Ottonen und Heinriche die Bischöfe in Knechtschaft gezwungen. „Jene früheren haben die Kirche beschenkt (dotaverunt), diese sie beraubt (spoliaverunt).“ (20611). Weit hat sich Gerhoch aus dem Fenster gelehnt, als er be­haup­te­te, Sakramente seien nicht gültig, wenn sie von einem Priester gespendet wurden, der von einem Laien eigesetzt wurde, also einem Simonisten. Was für ein Chaos hätte diese radikale Position ausgelöst? Die Römer einigten sich darauf, dass Sakramente Wirkung zeigten, gleich von welchem noch so verkehrt lebendem Priester gespendet (knappe, sehr gute Diskussion JB 62).  Große Bedeutung hingegen hatte Gerhoch mit seiner Forderung, dass Priester und Mönche dem Leben der Apostel nacheifern sollten; im 12. Jh. entstanden vielfältige Lebensformen der vita apostolica. Doch Gerhochs Vorstellungen waren radikal und sein scharfer Angriff wider­sprach den Realitäten des Lebens der Geist­lichen und vieler Bischöfe, an die der lateinische Traktat sich in erster Linie richtete. Sie sollten die Besitztümer, über die sie verfügten, ab­geben und in Armut leben in vita communis[9] entspre­chend den Regeln des Augustinus. Wie konnte er es wagen, solche Forderungen aufzustellen und gegenteiliges Verhalten mit der dem Verlust des Seelenheils zu bewehren? Das wagt er, indem er das ganze Werk durchge­hend mit einer ‚Wolke von Zeugen‘ umstellt. Der Text ist am Rande mit Texten von Päpsten, Kirchenvätern, Kirchenrechtsgelehrten bewaffnet, die teilweise den eigenen Text überwu­chern, wie die Abbildungen der Handschriften eindrucks­voll vor Augen stellen (92-99). In der Edition hat sich JB entschieden, sie im zweiten Band zu drucken, so dass man sie neben den Haupttext legen kann und anhand der folio-Nummer parallel lesen kann (220 Seiten eigener Text [10]stehen 88 Seiten lateinischem Text der Autoritäten gegenüber).

Den Text hat Julia Becker mustergültig ediert, über eine Übersetzung leicht zugänglich gemacht, mit ausführlichen Indices erschlossen. Nicht nur für Mediävisten, ob Theologen, Historiker, Religionswissenschaftler oder Mittellateiner, interessant, sondern auch von einer gewissen Aktualität in der gegenwärtigen Vertuschung und Verschweigen der Verfehlungen von Geistlichen durch ihre Bischöfe.

 

Bremen/Much, November 2020                                                    Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen
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[1] Die immer noch wichtigste Forschung unternahm Peter Classen: Gerhoch von Reichersberg. Eine Biographie. Wiesbaden 1960 und in den folgenden Jahren weitere wichtige Aufsätze (verzeichnet S. 22 Anm. 74. Siehe auch https://konstanzer-arbeitskreis.de/wp-content/uploads/classen_festschrift.pdf [19.10.2020]), zum Teil in Ausgewählte Aufsätze 1983. (Mein Heidelberger Lehrer) Peter Classen 1924-1980 wurde nur 56 Jahre alt.  – Erich Meuthen, Gerho(c)h v. Reichersberg. LexMA 4(1989), 1320-1322.

[2] Die Monumenta Germaniae Historica sind eine Institution, die es bis heute gibt. Sie wurde gegründet 1819, als es noch keinen deutschen Nationalstaat gab und das Reich 1806 durch Napoleon aufgelöst war. Die Denkmäler monumenta sollten ein Fundament des neu zu bauenden Staates sein. In der Geschichte habe sich die deutsche Nation schon im Mittelalter aufgebaut, wie die lateinischen Quellen bewiesen, die die MGH edierte. Als Logo wählten die Gründer Sanctus amor patriae dat animum „die heilige Liebe zum Vaterland gibt den Mut“. Vgl. den Kölner Dom als mittelalterlich-moderndes Denkmal des deutschen Nationalstaates: Christoph Auffarth: Kölner Dom und Kölner Bahnhof. Ankunft und Zukunft: technische Machbarkeit und uner­füllte Heilserwartung. Zeitschrift für Religionswis­senschaft 28 (2020), 39-66.

[3] Das gesamte Werk, die Briefe. Urkunden und die Streitschriften und der Kommentar zu den Psal­men, an dem Gerhoch 1144-1167, also 23 Jahre arbeitete, stellt vor Damien van den Eynde: L’œuvre littéraire de Géroch de Reichersberg. Rom 1957. Ders./Angelini Rijmersdael haben 1955/56 in zwei Bänden Teile des Psalmenkommentars ediert.

[4] Ernst Sackur in: Libelli de lite imperatorum et pontificum saeculis XI. et XII. conscripta. (MGH Ldl 3) Tomus III. Hannover: Hahn 1897, 136-202, hier 136: Opus haud exiguum totum hic edere non placuit. Immo quae theologorum tantum interesse possunt omisimus. „Das nicht sehr umfangreiche Werk in seiner Gesamtheit zu edieren, war nicht erwünscht. Vielmehr haben wir weggelassen, was nur Theologen interessieren könnte.“ Der Text beruht auf den beiden Codices in der Bayerischen Staatsbiblio­thek clm 5129 und clm 4556. Die Edition Sackurs enthält etwa 45% des Gesamttextes, v.a. die zahlreichen Auto­ri­täten (bei Becker im zweiten Band 88 lateinische Seiten) sind nur sehr verkürzt wiedergegeben. Die Bibelstellen und die zitierten Autoritäten hat Sackur meist erkannt.

[5] Beispiele: Hec de villis … 212,21 „Das Folgende über die Landgüter [so korrekt statt etwa: Häuser, Dörfer]“. Muri tabulati übersetzt Insley ‚getäfelte Mauern‘ I 130,4. Das kann ich mir nicht recht vor­stellen. Ich finde die Bedeutung ‚mehrstöckig‘ oder ‚mit Türmen versehen‘.

[6] Siehe https://www.hadw-bw.de/forschung/forschungsstelle/kloester-im-hochmittelalter/ (7.11.2020). Zur (etwas veralteten) Personalseite von Frau Becker: https://www.uni-heidelberg.de/fakultaeten/philosophie/zegk/histsem/mitglieder/becker.html (7.11.2020)   Die Dissertation handelte von Graf Roger I. von Sizilien. Wegbereiter des normannischen Königreichs. (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 117) Tübingen 2008. Sie war dann Mitarbeiterin in dem Heidelberger SFB Materiale Textkulturen beteiligt.

[7] Das Programm für den Wiederaufbau der (jüdischen) Kultus-Gemeinde nach der Katastrophe des babylonischen Exils im Buch Nehemia (in der Vulgata als 2. Esra gezählt, also Fortsetzung des Buches Esra) ist für Gerhoch Vorbild für seine aedificatio.

[8] Die Fälschung dieser angeblichen Schenkung erzählt, dass Konstantin schwer erkrankte und sich an Papst Silvester um Hilfe wandte.  Geheilt schenkte Konstantin daher sein Kaisertum dem Papst und dieser belehnte ihn daraufhin mit dem Kaiseramt, d.h. der Papst besitzt es und überträgt es nur leih­weise an den Kaiser. Äußeres Zeichen ist die Krönung des Kaisers durch den Papst in Rom. Horst Fuhrmann: Konstantinische Schenkung. Lexikon des Mittealters 5(1991), 1385-1387. Kaiser Otto III. lehnte diese Unterwerfung ab. Im Investiturstreit bildet sie ein zentrales Argument. Im Kloster Quattro Coronati in Rom gibt es hervorragende Fresken, die die Legende bildlich darstellen. Abbil­dungen https://de.wikipedia.org/wiki/Santi_Quattro_Coronati (8.11.2020).

[9] Gemeinschaftsleben (griech. κοινὸς βίος koinos bios) als ein Hauptmotiv des mönchischen Lebens, noch über der Askese s. Otto Gerhard Oexle: Koinos bios: Die Entstehung des Mönchtums. in: OGO: Die Wirklichkeit und das Wissen. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2011, 470-495.

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Religionsbuch: alle zusammen

Alle zusammen.
Evangelischer Religionsunterricht
für die Jahrgangsstufen 1,2,3

Herausgegeben für Grundschulen im Bereich der
Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO)

Erarbeitet von Susanne Schroeder [1]
unter Beratung von
Martina Steinkühler und Karlo Meyer

Herausgegeben für Grundschulen im Bereich der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz (EKBO)

„Alle zusammen!“ – so heißt das neue Religionsbuch[2] für den evangelischen Religionsunterricht in Berlin/Brandenburg. Es sticht durch eine Reihe von Besonderheiten aus dem Kanon der üblichen Religionsbücher für die Grundschule hervor. Die Welt, in der Kinder heute leben, ist der Ausgangspunkt der (religions)-pädagogischen Reflexionen[3]. Hier ist es die Großstadt Berlin, die vielfältigste Ansatzpunkte für Fragen und Entdeckungen bietet. Eindrücklich die Wimmelbilder S. 56/57. Die folgenden Doppelseiten – ein grundlegendes Prinzip des Buches – sind in Bilderbuchformat gestaltet und leiten zu vertiefenden Fragen an. Fragen stellen – dazu will das Buch anregen und bei der Suche nach Antworten helfen. „Kann das sein, dass Kinder manchmal mehr wissen als Erwachsene?“ lautet ein Impuls zur biblischen Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (65). „Alle zusammen“ weiß die Kindertheologie zu schätzen und setzt diese um. In entsprechender Weise kommt Sachwissen dosiert ins Spiel, immer verknüpft mit dem entfalteten Fragehorizont.
Dieses Buch ist für die Verwendung in den ersten drei Schuljahren konzipiert. In Berlin und Brandenburg dauert die Grundschule sechs Jahre, es folgt also noch ein Band für die Jahrgänge 4,5 und 6. Die Herausgebenden haben an übergreifende Verwendung gedacht; nicht selten treffen sich ja in Reli-Gruppen Kinder aus verschiedenen Jahrgängen, und manche Schulen arbeiten prinzipiell jahrgangsübergreifend. Und bei der Binnendifferenzierung kann dieser Ansatz auch hilfreich sein. In der Abfolge der Themen ist kein lineares Schema für Jahrgänge erkennbar.

Die Materialien sind motivierend ausgesucht, teilweise auch unkonventionell originell.[4] Im Hinblick auf das gemeinsame Lernen aller Kinder in der Grundschule ist dem Prinzip der Elementarisierung gut Rechnung getragen worden: prägnante Texte, aussagestarke Bilder, herausfordernde Aufgaben auf unterschiedlichen Ebenen. Mit einer durchgängigen Beachtung interreligiöser Aspekte geht „Alle zusammen!“ auf die religiöse und kulturelle Vielfalt in der Schule ein. Die Kinder können sich über jüdische, christliche und islamische Umgangsweisen mit den religiösen Schriften, mit Versammlungsorten und Gebeten informieren. Fragen und Anregungen fördern die Neugier und die Beschäftigung mit anderen Denkweisen. Dass Kinder auch kritische Fragen zu religiösen und philosophischen Themen stellen, wird konstruktiv aufgenommen. Jedes Kapitel hat auch einen biblischen Schwerpunkt. So werden biblische Kerngeschichten in den Horizont gerückt.

Zugänge werden über besondere Erfahrungswege ermöglicht; beispielsweise über eine symboldidaktische Erschließung des Phänonems „Steine“ hin zur Erkundung religiöser Versammlungsorte. Der Einstieg in die 7 Kapitel erfolgt auf ungewöhnliche Weise. In einem Bilderrahmen werden verschiedene Elemente gezeigt, über deren thematischen Zusammanhang keineswegs von vorneherein Einigeit bestehen muss. Das Nachdenken der Kinder gestaltet den Einstieg mit, bis hin zur beachtlichen Aufforderung:  „Suche dir drei wichtige Wörter aus und bilde daraus eine Überschrift für das Kapitel“. Dementsprechend klein gehalten sind die orientierenden Kapitelüberschriften. Hier und an anderen Stellen zeigt sich Raum zur Mitgestaltung des Religionsunterrichts durch die Kinder.  Stark erfahrungsorientiert sind auch die Vorschläge zum Thema „Beten“. Es ist sicher nicht falsch, diese Herangehensweise mit dem Ausdruck „ganzheitlich“ zu beschreiben. Dazu gehört auch eine offene und wertschätzende Haltung gegenüber nicht religiösen Menschen. Denn am konfessionellen Religionsunterricht nehmen häufig Kinder ohne religiöse Verbundenheit teil.

Diesem neuen Grundschulbuch kann man mit frohem Sinn gute Verbreitung und vielfältige Nutzung wünschen. Durchaus auch über die Region Brandenburg und Berlin hinaus! Auf den Folgeband für die Jahrgänge 4,5 und 6 bin ich schon sehr gespannt!

Das Lehrkräftehandbuch  (auf der Downloadseite) gibt Auskunft über die in den einzelnen Kapiteln angestrebten fachbezogenen und inhaltsbezogenen Kompetenzen. Knappe Hinweise werden zum Umgang mit den Doppelseiten gegeben.

In Planung (Stand November 2020) ist ein Digitaler Unterrichtsassistent zu „Alle zusammen!“. Das Konzept klingt verheißungsvoll und kann den Einstieg in neue Unterrichtswelten bedeuten. Erste Hinweise dazu sind schon h i e r  zu finden.

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Dr. Manfred Spieß
Oldenburg


[1] Dr. Susanne Schroeder ist tätig im Amt für Katechetische Dienste Berlin, https://akd-ekbo.de/ . „Alle zusammen“ entstand auch unter Mitarbeit von Ines-Kathrin Haesner und den Lehrkräften der Arbeitsstellen für Religionsunterricht.

[2] Dieser Beitrag beruht auf der Lektüre der Internet-Ausgabe, als pdf-Datei hier frei zum Download.

[3] Damit schließt das Schulbuch an das Konzept der „Lebensfragen“ an, die im Rahmenlehrplan Ev. RU Berlin/Brandenburg mit den Kompetenzbereichen in Verbindung stehen.

[4] Die Verwendung der „Friedenspfeife“ bei nordamerikanischen Urbewohnern war mir nicht (mehr) als gebetsähnliches Ritual bekannt, vgl. S. 83.

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Der Fall von Akkon

Roger Crowley: Der Fall von Akkon. Die letzte Schlacht um das Heilige Land.
Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Juraschitz.

Darmstadt: WBG Theiss 2020. 288 Seiten. ISBN 978-3-8062-4177-8
28€, auch als eBook erh.

Die letzte Kreuzfahrerburg wird 1291 erobert

Kurz: Sehr detailliert und sehr gut recherchiert erzählt Crowley die Einkreisung und dann die Belagerung, bis die letzte verbliebene Stadt-Burg der Kreuzfahrer an der Küste des ‚Heiligen Landes‘ erobert wird und die Kreuzfahrer fliehen. Wer an Militärgeschichte seine Freude hat, kommt ganz auf seine Kosten, aber die Aufklärung durch Geschichte fehlt.

Ausführlich: Das Buch steht in einer Tradition englischer Geschichtsschreibung, die für die Kreuzzüge der Historiker Steven Runciman verkörperte. Seine dreibändige Geschichte der Kreuzzüge (übersetzt von dem Sprachkünstler Peter de Mendelssohn) setzte den Maßstab,[1] den in glänzender Weise das neue Buch von Roger Crowley erfüllt: In großer Erzählkunst, spannend, sucht sich der Autor wichtige und zum Erzählen eindrückliche Ereignisse aus, beschreibt die Ausgangssituation, malt die Charaktere der Kontrahenten, lässt sie aufeinan­der los und beschreibt die Folgen. Die Erzählungen folgen den Quellen beider Seiten, die er meist aber aus Übersetzungen kennt.[2] Dazu kommt die Kenntnis der meisten Orte und Landschaften, die RC selbst bereiste. Akkon selbst hat er zusammen mit dem besten Kenner der Architektur der Kreuzfahrerzeit in allen Einzelheiten besichtigt.[3] Die Quellen bestimmen, was er erzählt, geben die Wertungen der Personen vor. Plastisch wird deutlich das Ende der Besie­de­lung Syrien-Palästinas durch die Kreuzfahrerherr­schaf­ten von Edessa im Norden über Antiochien, die Hafenstädte Antiochien, Sidon, Tyrus, Caesarea, Arsuf, Jaffa bis hinun­ter nach Alexandrien/Damiette in Ägypten. Stadt um Stadt erobert Baibars und eignet sich dafür, eigentlich Spezialist für den Bewegungskrieg mit Reitern in Schlachten, Techniken der Belagerung an. Die Mamluken, ehedem als Sklaven zum Militär gezwungen, mit dem sich die in Luxus und hoher Kultur lebenden Aiyubiden nicht selbst der Lebensgefahr aussetzen wollten, erheben sich gegen ihre früheren Herren und bilden – im Augenblick der schlimms­ten Be­dro­hung der bisherigen Herrschaft durch den ebenso massiven wie brutalen Erober­ungs­zug der Mongolen und dem Fall von Bagdad und Damaskus – selbst eine Herrschaft von Ägypten bis Nordsyrien. Was Saladin gelang, dem Kurden als Heerführer und dann als eigentlicher Herrscher, das vollendete der frühere Sklave Baibars und seine Nachfolger Qalawun und Khalil al-Aschraf, die Hauptfiguren des Geschichtsromans.[4] Wer in ihm Erdoğan erkennt, den Dschihad des ‚Islamischen Staates‘, Unmenschlichkeit, gebroche­ne Verträge, Krieg gegen das eigene Volk, die Westler, die blauäugig mit Geld sich freizu­kaufen versuchen, wird dazu eingeladen, ohne das auszu­sprechen.[5]

Wenn ich das Buch bis zur letzten Seite gelesen habe, frage ich mich als Religionswissen­schaft­ler und Historiker: Was habe ich daraus gelernt? Zum einen den Blickwechsel, nicht aus lateinischen Quellen allein,[6] sondern vor allem auch Quellen der Muslime. Die Namen und ihre Schreibweise hat ein Fachmann geprüft;[7] wie oft fallen andere Bücher in diese Falle! Das Buch ist nicht von einem Historiker geschrieben, erst recht nicht von einem Religions­historiker. Es ist Ereignisgeschichte von großen (oder weniger großen) Männern: Baibars „führte Krieg, … griff Jaffa an … und legte die Stadt in Schutt und Asche.“ (85). Er alleine?, wird man mit Bert Brecht fragen. Die Dif­ferenzen und Veränderungen im Verständnis des Dschihad oder die Beziehungen­ zwischen Ritterorden und Ribat, der Religion der neu be­kehr­ten Mamluken,[8] des Kurden Saladin, der Aiyubiden, die Religion der palästinensischen Christen gegenüber den Lateinern aus Frank­reich und den Normannen aus Süditalien[9] bleibt ohne Überlegung. Dafür reichlich Stereotypen, die Vorurteile bedienen. Geschichte als Aufklärung geht anders.

Dennoch: Wer sich für Mililtärgeschichte, Festungsbauten, Wurfmaschinen, spannend erzählte Schlachten interessiert, der findet hier genau recherchierte Details, den tagelang inspizierten Ort Akkon in allen Einzelheiten, gut ausgewählte Zitate und zur Illustration Abbildungen ein Bogen auch in Farbe.[10]

 

 Bremen/Much, November 2020                                             Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Sir Steven Runciman 1903-2000 war englischer Historiker der alten Schule. Sein Blickwinkel war vom Byzantinischen Reich aus, dessen Regionen er aus eigener Anschauung kannte und dessen Sprachen er beherrschte. Eine Zeitlang war er Professor in Istambul, im übrigen war er aber so reich, dass er als Privatgelehr­ter forschte und schrieb. Er erzählte neben der Geschichte der Kreuz­züge 1951-1954 in drei Bänden, 1957-1961 auf Deutsch, die vielen Nachdrucke meist ohne die Quellen­angaben. Die Ge­schichte des bulgarischen Reiches, Der Fall von Konstantinopel, die Sizilianische Vesper, die Griechen unter türki­scher (osmanischer) Herrschaft. Sein Geschichtsbild war britisch, d.h. zwar eurozentrisch aber nicht auf Europa beschränkt, international im Bewusstsein des Empire.

[2] Der Verfasser Roger Crowley (*1951) war Reader für englische Literatur an der Universität Cam­bridge, bereist das Mittelmeer, lebte sowohl auf Malta wie in Istambul, jetzt wieder in England. Be­kannt durch historische Sachbücher über Portugal, Die Eroberung von Konstantinopel 1453, Venedig u.a. Die englische Wikipedia attestiert ihm: „He has a reputation for writing page-turning narrative history based on original sources and eyewitness accounts combined with careful scholarship.”

[3] S. Denys Pringle hat die gültigen Handbücher erarbeitet: Secular buildings in the Crusader Kingdom of Jerusalem. An archaeological gazetteer. 1997. The churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. A corpus. 4 Bände. Cambridge: Cambridge University Press 1993-2009.

 

[4] Klassische Stereotypen für einen Orientalen: listig bis hinterlistig, brutal, immer Terror verbreitend. „Dem Vernehmen nach saß etwas Böses in seinem Auge.“ (66f).

[5] Ausgesprochen ist dieser Gegenwartsbezug im Titel des anderen Buches 1453: The Holy War for Con­stan­ti­nople and the Clash of Islam and the West. New York: Hachette Books, 2005. „Islam and the West” oder “The West against the rest” waren die Lehren aus Samuel Huntingtons Clash of Civilizations 1996.

[6] Immer häufiger werden Quellen nicht richtig zitiert, so auch hier: Autor, Titel, Buch, Kapitel, erst dann die Edition oder Übersetzung (und die Seite). Wenn man nicht genau die Edition greifbar hat, kann man das Zitat und Kontext nicht finden.

[7] Hannes Möhring als Historiker und Orientalist ist dafür ein Fachmann. Die Umschrift der arabischen Namen ist eine Mischung aus Zugeständnissen an deutsche und englische Lautregeln, nicht die offizielle Umschrift mit ihren Diakritika: Dschihad, Aiyubiden etc. Akzeptabel für ein Sachbuch.

[8] Zur Ismailiya der Mamluken Markus Wachowski: Rationale Schiiten: Ismailit­ische Weltsichten nach einer postkolonialen Lektüre von Max Webers Rationalismusbegriff. (RGVV 59) Berlin: de Gruyter, 2012. Heinz Halm: Kalifen und Assassinen. Ägypten und der Vordere Orient zur Zeit der ersten Kreuzzüge 1074-1171. München: Beck 2014. 

[9] Diese Web-Seite: Oliver Becker: Die Architektur der Normannen in Süditalien im 11. Jahrhundert. Affalterbach: Didymos 2018. In: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/07/30/die-architektur-der-normannen/ (30.7.2019).

[10] Was für die Quellen gilt (Anm. 6), muss erst recht kritisch für die Abbildungen angemerkt werden: Es gibt zwar eine Liste der Abbildungen, die Copyright ist hinterlegt, aber von wann und aus welcher Handschrift u.ä. sie stammen, ist nicht nachgewiesen.

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Hans Blumenberg

Rüdiger Zill:
Der absolute Leser. Hans Blumenberg – eine intellektuelle Biographie.

Berlin: Suhrkamp, 2020.
ISBN 978-3-518-58752-2.
816 Seiten. Illustrationen, 38 €

Wie Weltbilder umstürzen. Und die Gottesbilder mit ihnen

Kurz: Philosophie mit Bodenhaftung: Hans Blumenberg (1920-1996) entwickelte in der Bonner Republik neue Fragen, sich mit der Moderne, Naturwissenschaft und Technik zu beschäftigen, aber ohne Fortschrittspathos, aber erst recht nicht mit der Verachtung des Geisteswissenschaftler für die Technik. Und wie Weltbilder sich in Metaphern wider­spiegeln und wie sie umstürzen.

Ausführlich:

Jugend: Erfahrung der Zurückweisung

Der Bruch zwischen der NS-Zeit und der Bonner Bundesrepublik im politi­schen System­bruch und andererseits der biographischen Kontinuität der vor 1930 Gebore­nen[1] stellte eine Generation vor fundamentale Fragen: Ich lebe, meine Kameraden, Schul­freunde sind gefallen – für was? War das, was unter Hitler alle gaben, geben mussten, falsch? Ist die deutsche Geistesgeschichte der „Dichter und Denker“ untergegangen in den Tätern der Euthanasie, des Genozids an Juden, Roma, des Mordes an Homosexuellen, an den Kom­munisten und Sozialis­ten; mehr noch die deutsche Philosophie insgesamt: Kant, Hegel, Heidegger. Heidegger, der sich zum Steigbügelhalter der Wissenschaften im NS anbot?

Hans Blumenberg ist eine Biographie eines Philosophen, der als Jugendlicher den NS erlebte, aber nicht als Gewinner für seine Karriere, im Gegenteil, der mit neuen Themen zu Natur­wissenschaft und Technik der Philosophie neue Wege wies und dennoch etwas zur „be­schwiegenen“ Aufarbeitung des Nationalsozialismus beitrug.[2] 1920, also vor hundert Jahren geboren in der Hansestadt Lübeck, in einem ein Milieu, das der ebenfalls dort geborene Thomas Mann (1875-1955) beschrieb in den Buddenbrooks (1901). Der Vater ein Katholik im fast ausschließlich lutheranischen Lübeck, die Mutter evangelisch getauft aus jüdischem Hause, der Sohn in beider Hinsicht Außenseiter. Als der herausragende Abiturient die Abitursrede halten sollte, intervenierten die intellektuell unterlegenen Nazis der Nachbar­klasse beim NS-Rektor: ein „Halbjude“ dürfe nicht die repräsentative Rede als Primus halten! Blumenbergs Rede trägt sein Freund vor. Wie kann man 1939, auch wenn man ‚nicht dazu gehört‘, Hitler umgehen? Indem man ihn umdeutet: Hitler als Humanist. Beides interpretiert RZ[3] als Lebensthemen Blumenbergs: Kampf gegen das Zurückgesetzt Sein und umdeuten statt zurückweisen. Den Krieg überstand Blumenberg in einer kriegswichtigen Industrie, dennoch wurde er noch zu einem Arbeitslager eingezogen und tauchte anschließend unter. Die Dissertation zum Seinsbegriff in der Scholastik, eigentlich aber eine Auseinandersetzung mit Heidegger, blieb ungedruckt,[4] ebenso die Habilitation, mit der er seinen eigenen Lehrer unter Druck setzte.

Die Dissertation jetzt gedruckt

Siebzig Jahre nach der Fertigstellung ist die Dissertation von 1947 jetzt erstmals gedruckt. Das war durchaus üblich, dass Dissertationen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gedruckt wurden, sondern nur auf der Schreibmaschine mit je einem Kohlepapier dazwischen in drei, maximal vier Exemplaren geschrieben wurden. Mehr Exemplare waren nicht möglich, das Kopieren auf Xerox noch nicht erfunden. Das Titelblatt ist abgebildet S. 9: Es enthält die üblichen um­ständlichen Angaben, nicht zuletzt den akademisch-sperrigen Titel „Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlich-scholastischen Ontologie.“ Auf die 107 eng beschrie­benen Seiten (im Druck 192 Seiten) folgt der obligatorische Lebenslauf. Eigent­lich hätte Blumenberg noch länger studieren müssen, deshalb erwähnt er seine Semester an den katho­li­schen Hochschulen in Paderborn und v.a. an der Jesuiten-Hochschule in St. Geor­gen, bei Frankfurt mit seinem Lehrer Caspar Nink. Für das Thema Ontologie und Scholastik die harte Schule, mittelalterliche Philosophen und ihre lateinischen Begriffe lesen zu müssen (auf Latein natürlich), in der Bibliothek, weil es kaum ältere Bücher zu kaufen gab. Schlägt man aber das Inhaltverzeichnis auf, dann wird einem deutlich: Das ist keine historische Untersu­chung zur Scholastik, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Begriff des Seins und der das Sein verfehlenden Seienden Dinge, wie das Martin Heidegger (1889-1976), Star der Philosophen und Befürworter des Nationalsozialismus, in seiner berühmten Studie Sein und Zeit 1927 getan hatte.[5] Da kann Blumenberg all seine Kenntnis brillieren lassen von Aristoteles über die Scholastiker bis zu den großen Philosophen der vorigen Generation, v.a. Husserl. Da kommen starke Sätze vor wie S. 40 „Hier ist der kritische Punkt erreicht: Soll auch jetzt die Geltung von Offenbarung und natürlichem Wissen je unangetastet bleiben, dann kommt als Konsequenz nur die absolute Trennung von Theologie und Philosophie infrage, die Annahme einer doppelten Wahrheit und damit auch der Wirklichkeit. Das ‚Jenseits‘ verliert damit seine ontologische Valenz, es wird eine ‚Sphäre‘ eigenen ontologisch nicht mehr aufklärbaren Wirklichkeitsranges; wobei die modernen Folgerungen gar nicht mehr fernliegen.“ Und beruft sich dafür auf Thomas von Aquin. Das klingt schon nach der Legitimität der Neuzeit.

Die Legitimität der Neuzeit

Als mit 45 Jahren sein erstes Buch erschien, war Blumenberg schon gefragter Professor. Dann sein erstes dickes Buch 1966, Die Legitimität der Neuzeit. Das Buch will beweisen, dass die Vorwürfe nicht zutreffen, die Neuzeit habe illegitimer Weise die auf Gott bezogenen Werte und das mittelalterliche theonome Weltbild einfach für die immanente Welt der Neuzeit gekapert und den Menschen zum autonomen Gestalter der Geschichte erhoben.[6] Promi­nenter Vertreter waren der katholische Rechtswissenschaftler Carl Schmitt, der in seiner (ersten) Politische(n) Theologie 1922 den Satz aufgestellt hatte: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatstheorie sind säkularisierte theologische Begriffe.“[7] Brisanter noch war aber das Büchlein Meaning in History, das aus dem Perspektivenwechsel seines Exils in Japan und Chicago, in das die Nazis ihn, den protestantisch getauften „Juden“, aus seinem Amt ver­trieben hatten, Karl Löwith, schrieb. Seine Einordnung des Nationalsozialismus nicht gegen die Geistesgeschichte der Neuzeit, sondern als deren Höhepunkt, war maximale Provokation. In der Neuzeit hätten Philosophen das trinitarische Geschichtsbild einfach gestohlen, indem sie Gott entfernten.[8] Aber schon die christliche Anmaßung, der Geschichte eine Bedeutung und ein Ziel zuzuschreiben (meaning in history),[9] sei der Anfang des Übels, an dessen Ende der Nationalsozialismus. Mit Nietzsche plädierte er dafür, dass Geschichte die ewige Wieder­kehr des Gleichen sei.[10] Das Buch war 1953 auf Deutsch erschienen,[11] 1962 nahm es der Philosophenkongress auf unter dem (ver­harmlosenden) Thema „Säkularisierung“ zur Diskussion. Blumenberg machte aus seiner Entgegnung ein Buch, das er dreimal verbesserte. Er setzt nicht beim Nationalsozialismus ein, sondern bei den, sagen wir, Geburtswehen der Neuzeit, bei Nicolaus Cusanus und Giordano Bruno (der Nolaner), bei Copernicus und Galilei. Curiositas „Neugierde“ ist zwar aus hierarchischer Sicht gesehen, eine Sünde, hindert aber Wissbegierige, auch Kleriker, nicht daran, den Dingen auf den Grund zu gehen. Wahrheit ist bezogen auf ein Weltbild. Wenn das Weltbild sich in einem Paradigmenwechsel ändert, dann gibt es neue Wahrheiten, natürlich nicht ohne massive Konflikte. Das Thema hätte man im Blick auf den NS unter Lebenden diskutie­ren könne; es wird aber ersatzweise an anderen Materien besprochen. Die Gegenwart des NS in den Biographien der wissen­schaft­lichen Größen war zu aktuell (und in der Öffentlichkeit noch unbekannt), als dass man Mitte der 1960er Jahre, vor den Auschwitz-Prozessen, so konkret über Täter und Ursachen hätte diskutieren können. Aus dem Buch wurden die drei Überarbeitungen von Blumen­bergs Legitimität daraus,[12] besonders Carl Schmitt hatte reagiert und Blumenberg nahm ihn als Antipoden ernst. – In der heutigen Diskussion geht man nicht mehr von einer Evolution vom Religiösen zum Säkularen aus, sondern mit Talal Assad[13] von einer Selbstän­digkeit des Säkularen von Anfang an neben dem Religiösen (s.o. zur Dissertation).

Begriffe oder Metaphern

Der gefragte Philosoph war auch bei den Planungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein wichtiger Teilnehmer, besonders den Plänen zu Begriffslexika.[14] Nur hatte Blumenberg eine kontroverse Ansicht: Begriffe, wie sie die großen Begriffslexika vorhatten, behinderten eher die Forschung. Statt im Vorhinein einen Begriff zu definieren, seine Bedeutungs-Verän­derung wis­senschaftsgeschichtlich festzulegen, sollte man besser von Metaphern ausgehen. Das, was keine Realität in der objektiven Welt hat, lässt sich nur in einer Metapher ausdrüc­ken: einem Bild der objektiven Welt, das in einem Bild, einem Gleichnis, das ausdrückt, was man damit meint. Das Jenseitige an der „Religion“ etwa lässt sich nur in Metaphern um­schreiben; wenn man sie definiert, ist der Gegenstand schon so begrenzt und mit Vorgaben gefüllt, dass das Ergebnis weitgehend feststeht.[15] Religionswissenschaft hat meist eine Defi­nition von Religion abgelehnt, weil man damit die eigenen Erfahrungen und Sozialisation zum Maßstab macht, den Monotheismus, dass Gott immer gut sei, dass er transzendent der Welt gegen­übersteht usf. Das trifft für viele Religionen nicht zu.

Metaphern, das hatte Blumenberg gezeigt, würden das Untersuchungsfeld öffnen und die Rolle der Rhetorik hervorheben. Das zeigte er in seiner Metaphorologie:[16]Schiffbruch mit Zuschauer 1979, Das Lachen der Thrakerin 1987,[17] Die Lesbarkeit der Welt 1989, Die Vollzähligkeit der Sterne 1997, Die nackte Wahrheit 2019[18] sind Beispiele für diese Methode der Wissenschaft.

RZ macht drei Durchgänge: Erst durch die Biographie, die sehr gut recherchiert ist: neben den Materialien, die im Nachlass Blumenbergs im Literaturarchiv in Marbach zugänglich sind, Gespräche mit der Tochter und früheren Mitarbeitern. Blumenberg selbst hat keine Selbstdarstellung gegeben. Dann stellt er die Arbeitsweise vor: die Leselisten, die Mappen mit Materialien, die Diktate zu Büchern, die er nur teilweise fertigstellte; es können noch einige Bücher ausgearbeitet und veröffentlicht werden. Darunter die wichtige Anthropologie Beschreibung des Menschen.[19] Der dritte Teil stellt vor, wie sich Blumenbergs Denken und Problemstellungen veränderten 1949 – 1961 – 1970 – 1980.

Bis auf den Druckfehler auf der Titelseite ist das Buch so gut wie fehlerfrei. Misslich ist, dass die vorzüglich informierten Anmerkungen hinter dem Text kapitelweise durchgezählt sind, aber nicht im Kolumnentitel die Seiten genannt sind, denen sie zuzuordnen sind. Man braucht also ein weiteres Lesezeichen. Die Klebebindung, Pappumschlag und Schutzum­schlag sind guter Qualität.

Wie Weltbilder umstürzen. Und die Gottesbilder mit ihnen.

Blumenberg hatte mit seiner großen Kenntnis gerade des Mittelalters schon den Mythos von der mittelalterlichen Philosophie differenziert, dass es ihr nur um den Gottesbeweis gegan­gen sei, dass die Philosophie die Magd der Theologie war. Andererseits entlarvte er den Mythos von der Neuzeit in doppelter Weise: Zum einen zeigte er, dass Wissenschaft an die jeweilige Wahrheit eines Weltbildes gebunden ist und erst wenn die Wirklichkeit die sozial geteilte Wahrheit überholt etwa durch gesellschaftliche Veränderungen, durch immer mehr Zweifel an der Richtigkeit, dann kann auch das Weltbild stürzen. Das erarbeitete er am ‚Kopernika­nischen Weltbild‘. Zum andern aber bestritt er die Gegenthese, dass die Neuzeit sich die mittelalterlichen Gottesprädikate angeeignet habe und sie illegitimer Weise auf den Menschen übertragen habe. Man kann da noch einem Schritt weiter gehen. Dass damit nicht das Gottesbild mit aufgegeben werden muss, sondern neben der Konfessionsreligion, auch in doppelter Wahrheit, in der Konfessionsreligion eine Rationalreligion transformiert.[20] 

Rüdiger Zill ist eine hervorragende Biographie gelungen zu einem der wichtigsten Denker der Bonner Republik. Äußerst lesenswert! Und dazu die Bücher von Blumenberg, die mich vom Beginn meines Studiums an begleiteten und begleiten.

 

Bremen/Much, November 2020                                               Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Der Bundeskanzler Helmut Kohl konnte für die gleich ihm 1930 und später Geborenen von der „Gnade der späten Geburt“ sprechen. Bei Kriegsende war er 15 Jahre und wurde nicht, wie die ein Jahr Älteren zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot im Untergang befohlen.

[2] Zum älteren Kollegen Erich Rothacker, der mit Rassentheorie seine Karriere im NS machte, und Blu­menberg das im Nachruf nicht erwähnte, erklärte dieser: „Ich muss nicht das Weltgericht ausüben.“ (249) Grundsätzlich zur „Zweiten Geschichte des NS“, der misslungen und der gelungenen Aufarbei­tung der Zeit des NS und der gerichtlichen Sühnung, s. Auffarth, Drittes Reich. In: Handbuch Religions­geschichte des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, hrsg. von Lucian Hölscher, Volkhard Krech. (Handbuch der Religionsgeschichte im deutschsprachigen Raum, hrsg. von Peter Dinzelbacher, Band 6/1) Paderborn: Schöningh 2015, 113-134; 435-449; Farbtafel I nach S. 320; Literaturverzeichnis 542-553.

[3] Rüdiger Zill, geboren 1958, ist Referent am Einstein Forum in Berlin seit 1997. Er arbeitet u.a. am Nachlass von Blumenberg und gab Die nackte Wahrheit heraus.

[4] Jetzt hat Suhrkamp sie zum hundertsten Geburtstag doch gedruckt. Kurt Flasch hat in seinem Buch Hans Blumenberg: Philosoph in Deutschland: die Jahre 1945 bis 1966. Frankfurt am Main: Vittorio Kloster­mann 2017, ²2019 eindrücklich die Situation geschildert, die auch ihn als Katholiken betraf, der an einer philosophischen Fakultät arbeiten wollte (und nicht Philosophie an einer katholischen Fakultät lehren und forschen wollte). Für die dogmatischen Gebundenheit der katholischen Philosophie des Neu-Thomismus/Neu-Scholastik findet er nur Verachtung. – Die Anekdote, die Blumenberg Flasch über seine Zeit während des Krieges erzählte, ist zu schön, um wahr zu sein. RZ 30 und 90-113 hat die Zeit als Verfolgung und Angst rekonstruiert.

[5] Frühere Titelformulierungen benannten das explizit (219), etwa: Die ontologische Leistung der mittel­alter­lichen Scholastik, im Hinblick auf Heideggers Destruktion der traditionellen Ontologie.

[6] In der Neubearbeitung Säkularisierung und Selbstbehauptung des ersten und zweiten Teils der Legitimität wertet Blumenberg 1974 „Säkularisierung – Kritik einer Kategorie des geschichtlichen Unrechts.

[7] Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. München: Dunker und Humblot [1922] ²1934, 43-55. [Auszug in: Christian Frey (Hrsg.): Säkularisierung. Grundlagentexte zur Theoriegeschichte. Berlin: Suhrkamp 2020, 434-446] Zur Auseinandersetzung Schmitts mit seinem Freund, dem gerade zum Katholizismus konvertierten Erik Peterson, s. Reinhart Koselleck, Carl Schmitt: Der Briefwechsel. Berlin: Suhrkamp 2019, 235-241.

[8] Blumenberg 1974 (wie Anm. 6), A. 268. Löwith habe in der Diskussion geäußert: „die oft mißverstan­dene Absicht [seines Buches] sei gewesen, die Unmöglichkeit einer autonomen Geschichtsphilosophie zu zeigen.“

[9] „Daß wir aber überhaupt die Geschichte im ganzen auf Sinn und Unsinn hin befragen, ist selbst schon geschichtlich bedingt: jüdisches und christliches Denken haben diese maßlose Frage ins Leben gerufen. Nach dem letzten Sinn der Geschichte ernstlich zu fragen, überschreitet alles Wissenkönnen und verschlägt uns den Atem; es versetzt uns in ein Vakuum, das nur Hoffnung und Glaube auszu­füllen vermögen. – Die Griechen waren bescheidener. Sie maßten sich nicht an, den letzten Sinn der Weltgeschichte zu ergründen. Sie waren von der sichtbaren Ordnung und Schönheit des natürlichen Kosmos ergriffen.“ (Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen. = Sämtliche Schriften 2, 14).

[10] Etwa gleichzeitig hat der Religionswissenschaftler Mircea Eliade diese Geschichtsauffassung zum Grundprinzip der Religionen gemacht (Le mythe de l’éternel retour: archétypes et répétition. Paris: Galli­mard 1949. Deutsch: Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr: Düsseldorf: Diederichs 1953. Als Taschenbuch Rowohlts deutsche Enzyklopädie 1966): Regelmäßig und im Neujahrsfest erinnert werde das Alte zerstört und im Chaos entstehe der Zauber des Neuanfangs.

[11] Die deutsche Übersetzung trug den Titel Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Stuttgart: Kohlhammer 1953. Zu benutzen im Band 2 der Gesammelten Schriften von Karl Löwith. Stuttgart; Weimar 1983, 7-239. Löwiths Autobiographie Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht. Stuttgart: Metzler 1986. Fiala. Geschichte einer Versuchung. Berlin VTA 2019. Die Rezension zu Blumenbergs Legitimität in: Philosophische Rundschau 15 (1968), 195-209 (= GS 2[1983], 452-459). Dazu RZ 477: Blumenberg meinte, er sei dort fahrlässig missverstanden (vgl. Blumenberg 1974 (wie Anm. 5), 35-38).

[12] Erste Fassung 1966, Überarbeitung in den drei Taschenbuchbänden Der Prozeß der theoretischen Neu­gierde 1973, Säkularisierung und Selbstbehauptung 1974, Aspekte der Epochenschwelle: Cusaner und Nolaner 1976; erneute Ausgabe 1988.

[13] Talal Assad: Formations of the secular: Christianity, Islam, modernity. Stanford, CA: Stanford UP 2003.

[14] RZ 244-251. Auffarth, Allowed and forbidden words: Canon and Censorship in ‚Grundbegriffe’, ‚Critical Terms’, Encyclopaedias. Confessions of a person involved, in: Ernst van den Hemel; Asja Szafraniec (eds.): Words. Religious Language Matters. New York: Fordham UP 2016, 211-222; 546-550. – Zum Briefwechsel Blumenberg – Taubes s. meine Rezension http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2014/01/09/briefwechsel-blumenberg-taubes/ (9.1.2014).

[15] So erzählt Jesus die „Herrschaft Gottes“ βασιλεία θεοῦ in Gleichnissen aus der Alltagserfahrung. In dem von Auffarth und Hubert Mohr entwickelten Modell von Ebenen der Beschreibung kommt das Jenseitige vor als menschliche Rede von Eschatologie, Tod, Jenseits, Gott.

[16] Der lange Aufsatz „Paradigmen zu einer Metaphorologie“ im Archiv für Begriffsgeschichte 6 (1960), 7-142, als Buch bei Suhrkamp 1989 ist jetzt zu verwenden mit dem Kommentar von Anselm Haver­kamp, Dirk Mende und Mariele Nientied. (Suhrkamp Studienbibliothek 10) Frankfurt am Main 2013.

[17] Ausführlich zu der Genese, Zurückweisung durch die Literaturwissenschaftler in der Gruppe Poetik und Hermeneutik 1976 und das Buch RZ 310-315.

[18] Hrsg. aus dem Nachlass von Rüdiger Zill.

[19] 2014 hrsg. von Manfred Sommer. Umfasst 918 Seiten.

[20] Wolfgang Eßbach: Religionssoziologie. Band 1. Paderborn: Fink 2014.

 

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Greek Myth and Religion

Albert Henrichs: Greek Myth and Religion. Collected Papers II.

Edited by Harvey Yunis.

De Gruyter Berlin; Boston 2019. XXXVII, 606 Seiten.
ISBN 978-3-11-044665-4.
€ 129,95.

Griechische Religion und der ‚Glaube‘ der Philologen

Kurz: Der 2017 verstorbene Klassische Philologe Albert Henrichs hat mit seinen Aufsätzen viele Aspekte der Griechischen Religion untersucht. Jetzt liegen sie thematisch geordnet und im Zusammenhang wieder vor.

Ausführlich: Der bedeutende Philologe Albert Henrichs[1] gehört zu der Generation, die seit den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Themen der griechische Religion zu einem zentralen Bereich für die Religionswissenschaft machten. Fulminanter Auslöser war Walter Burkerts Homo necans 1972. Dort diskutierte er das griechische Opferritual sowohl auf höchstem philologischem Niveau wie auch in der aktuellen kulturwissenschaftlichen Wen­de, vertraut mit Psychoanalyse, Verhaltensforschung, Ritualtheorien, und der boomenden Ethnologie. Die mit ihm wetteifernden Kollegen der Altertumswissenschaften trafen sich auf dem Geburtstagskolloquium zu Burkerts 65. Geburtstag. Die Festschrift versammelt sie, darunter natürlich Albert Henrichs.[2] Schon als Student trat die außerordentliche Kompetenz von AH hervor, mit 23 Jahren war er promoviert an der Universität seiner Heimatstadt Köln, ebenda habilitierte sich der 26-Jährige. Im Jahr darauf lehrte und forschte er an der University Michigan, bis er dann 1973 an die Harvard University berufen wurde, seit 1984 auf einer full professor-Stelle. Sein Können bewies er im Bereich der Papyrologie (in Köln, Michigan, Harvard), die aus den Fetzen von unebenem Papyrus die Buchstaben lesen und das Wort zu vervollständigen versucht. Das erfordert eine Beherrschung der griechischen Sprache, über die nur wenige verfügen. Albert war das Wunderkind. Nur wenige Bücher hat er geschrieben,[3] die Sather lectures, gewissermaßen der Nobel-Preis für Altertumswissen­schaftler, hat er gehalten, sie blieben aber unveröffentlicht bis auf das schmale Büchlein „Warum soll ich denn tanzen?“[4] Alles andere sind Aufsätze, darunter die vielen kleinen textkritischen Nachweise in der von seinem Kölner Lehrer Reinhold Merkelbach heraus­gegebenen Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, seit 1(1967). AHs Werk ist in der Biblio­graphie (xiii – xxi) zusammengestellt. Die vierbändige Ausgabe wird alle Aufsätze in der originalen Sprache, also viele auf Deutsch, einem gepflegten Deutsch, wieder zugänglich machen und so das Gesamtwerk von AH repräsentieren.

Band 2 enthält in vier Teilen 27 Aufsätze, für die Religionswissenschaft wohl die wichtigsten, neben denen weitere Aufsätze kommen, die hier noch nicht enthalten sind zur Wissen­schaftsgeschichte (Band 4, ed. Renaud Gagné, 2021) und zu Nietzsche und dem Dionysi­schen Band 3, (ed. Scott Scullion 2021). Band 1 (für 2023 vorgesehen) soll die Aufsätze zur Papyrologie enthalten. Hier also Band 2:

Teil 1 umfasst die Arbeiten zu Opfer und Ritual. Grundlegend die Überlegungen zum Verhältnis von Mythos und Ritual (Dromena und Legomena [Gehandelt und gelesen] Zum rituellen Selbstverständnis der Griechen, 89-128. Besonderheiten der Opferrituals; Menschen­opfer als Krisenkult, 37-68, Menschenopfer als Vorwurf gegen Christen, 11-36, die Boupho­nien, jenes aufregende Ritual in Athen, in dem der Opfernde vor Gericht gestellt wird als Verbrecher, 85-89.[5] Esoterische Gruppenbildung behandelt Mystika, Orphica, Dionysiaka, 193-216. Die Frage von Opfer als Form von Gewalt ist in den Aufsatz Eumenides 69-84, Blutver­gießen am Altar, 149-176 behandelt, Chthonische Opfer 129-148. Dazu ein Porträt What is a Greek priest? 177-192 und zum Orakel in Hierapolis, 3-10. Teil 2 Götter und Mythen fragt einmal grundsätzlich What is a Greek God? 361-382. Götternamen und Anonymität behandeln Despoina Kybele 221-254, den ‚unbekannten Gott‘ in Paulus‘ Areopagrede (Apg 17), 299-334, sowie Lexikonartikel zu einzelnen Göttern. Das Meisterstück ist die Rede über „Die Götter Griechenlands“, in dem AH die Geistesgeschichte dieser besonders deutschen Vorstellung seit dem Idealismus bis zur paganen Theologie Walter F. Ottos beschreibt, 255-298. Teil 3 zu den göttlichen Epiphanien befasst sich mit diesem wichtigen Element griechischer Religion, wie Götter sich zeigen, 429-450, vor allem Dionysos, der ‚kommende‘ Gott,[6] 451-464. Hier kommt allerdings ein Ver­ständnis von Gottheit zum Vorschein, das sich von der systematischen Religionswissenschaft unterscheidet. AH betont, dass die Götter sich zeigen. Sie sind also handeln­­de Personen, die den Menschen gegenüber treten. Wer das als moderne Wissen­schaft­lerIn tut, setzt also die Existenz, die Person der Göttinnen und Götter voraus, „glaubt“ an die Götter.[7] „Götter sind“ ist die Formel der Philologen, die AH vorstellt. Als Religions­wis­senschaftler kann ich das nicht teilen: Menschen zeigen Götter, es gibt eine Sprache von Metaphern, die das „sich Zeigen“ behauptet, aber in der Regel als einen Mythos der Vergan­genheit, selten als aktuelle „Erfahrung“, die aber auch nur als Erzählung zu greifen ist.[8] Das kann man wissenschaftlich nicht übernehmen, auch nicht dass „die Griechen an ihre Götter glaubten“. Das ist eine Idee des ‚Idealismus‘, etwa Hölderlin, mit einer Spitze gegen den metaphysischen Monotheismus, der sich weniger gegen das Christentum richtet, sondern vor allem gegen ‚Moses‘, den ethischen Monotheismus des Judentums.[9]

Der vierte Abschnitt stellt Manichaica vor (467-606). Ein sensationeller Fund in der Kölner Papyrussammlung war die ‚Autobiographie‘ des persischen Religionsstifters Mani im 3. Jh. Ein winziges Buch beschreibt seine wunderbare Geburt mit einem himmlischen Zwilling. AH beteiligte sich intensiv an der Edition. Eine Frucht des Kontextes ist der Aufsatz Thou shalt not kill a Tree, in der er griechische, manichäische und indianische Erzählungen über den Baum-Mord vergleicht, 503-528.

Aufsätze aus 50 Jahren vom ersten bis zum letzten, thematisch zusammengestellt, sind eine gute Gelegenheit, die Aufsätze im Zusammenhang (in meinem Fall: wieder) zu lesen. Viele haben die Diskussion bereichert und in neue Bahnen gelenkt. Aber sie sind nicht Geschichte, nicht aus nostalgischen oder den Autor ehrenden Gründen wiedergedruckt, auch wenn nur wenige bearbeitet sind. Die meisten behalten ihren Wert auch in der weiter gegangenen Diskussion.

 

 Bremen/Much, Oktober 2020                                                      Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Geboren 29. Dezember 1942 in Köln, starb er 16. April 2017 in Cambridge, MA, 74-Jährig. Im Folgenden kürze ich den Namen mit den Initialen ab.

[2] Fritz Graf (Hrsg.): Ansichten griechischer Rituale. Stuttgart: Teubner 1998. Beteiligt waren: Martin L. West (1937-2015), Jan Bremmer (*1944), Albert Henrichs (1942-2017), Peter Blome, Robin Hägg (1935-2016), Nanno Marinatos (*1952), Erika Simon (1927-2019), Gerhard Baudy (*1950), John Scheid (*1946), Philipp Borgeaud (*1946), Fritz Graf (*1944), Henk Versnel (*1936), Hugh Lloyd-Jones (1922-2009), Claude Calame (*1943), Hans Dieter Betz (*1931), Thomas Szlezák (*1940) und Walter Burkert (1931-2015). Als SchülerIn Eveline Krummen (*1956), Christoph Riedweg (*1957).

[3] Die Diss. zu Didymos der Blinde, Kommentar zu Hiob Bonn 1968 und die Habil. Die Phoinikika des Lollianos Bonn 1972 sind Editionen aus Papyri mit ausführlichen Kommentaren. 1973/74 gab er die Überarbeitung von Karl Preisendanz‘ Die griechischen Zauberpapyri bei Teubner, Stuttgart (erste Auflage 1928, 1931, 1941) heraus.

[4] (Lectio Teubneriana 4) 1996, englisch 1995 als Zeitschriftenaufsatz veröffentlicht. Der für die Alter­tumswissenschaften sagenhafte Teubner Verlag hatte nach der Wende auch wieder neben dem Stuttgarter Sitz in Leipzig sein früheres Stammhaus eröffnet. Die Bibliotheca Teubneriana, führende Textausgaben, ist jetzt beim Verlag de Gruyter. Ebenfalls separat erschien die Rede Die Götter Griechenlands, im vorliegenden Band nachgedruckt 255-298.

[5] Der wichtige Aufsatz (1992) in Auseinandersetzung mit Burkerts Deutung als Ochsen“mord“ folgt wohl im vierten Band der Collected Papers zu wissenschaftsgeschichtlichen Themen: History of Classical Scholarship, hrsg. Renaud Gagné, angekündigt für 2021.

[6] So charakterisierte Walter F. Otto: Dionysos. Frankfurt 1933 die Besonderheit des Dionysos. Otto entwickelte seine pagane Theologie (Die Götter Griechenlands 1929) ausdrücklich gegen das Christen­tum im Anschluss an Nietzsches Antichrist: Walter F. Otto, Der Geist der Antike und die christliche Welt 1923. Dazu die vorzüglichen Arbeiten von Hubert Cancik und Jan Bremmer.

[7] Das zeigt AH auch in seiner Geistesgeschichte „Die Götter Griechenlands“. Das ist gewissermaßen eine emische Betrachtungsweise, die aber für die Griechen nicht einfach vorausgesetzt werden kann. Siehe meine Kritik an der Rede von der „Macht“ des Götterbildes in der Rezension Fernande Hölscher: Die Macht der Gottheit im Bild. Göttingen: Verlag Antike 2018. In: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2020/01/06/die-macht-der-gottheit-im-bild/ (6.1.2020).

[8] In einem Aufsatz, der auf seinen Druck wartet, habe ich das gezeigt: Vom Kultbild zur Epiphanie: Der Gott von Delphi besiegt die angreifenden Kelten 279/78 v.Chr. in: Raban von Haehling, Matthias Steinhart, Meinolf Vielberg (Hrsg.): Prophetie und Parusie. (Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums, N.F. 1) Paderborn: Schöningh 2020, ##. Dort auch zu Henrichs Epiphanie-Vorstellung.

[9] Das hat sehr gut und lesenswert herausgearbeitet Bernd Witte: Moses und Homer. Griechen, Juden, Deutsche: Eine andere Geschichte der deutschen Kultur. Berlin: De Gruyter 2018.

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The fourth Lateran Council

Gert Melville; Johannes Helmrath (Hrsg.):
The fourth Lateran Council: Institutional reform and spiritual renewal.

352 Seiten und 2 Tafeln mit 3 farbigen Abbildungen

Affalterbach: Didymos 2017.
ISBN 978-3-939020-84-4
59 €

Die Anweisungen des Papstes, wie man mit religiösen Bewegungen umzugehen hat, indem man die einzig wahre Religion festlegt: das Konzil von 1215

Kurz: Der Papst lädt die Welt ein zu sich in den Lateran-Palast in Rom, um den Klerikern einen festen Rahmen zu geben, Wildwuchs zu beschneiden, Ketzer zu vernichten, das Heilige Land wieder zu erobern: Das Vierte Laterankonzil war das wichtigste Konzil des Mittelalters vor den Reformkonzilen des 15. Jahrhunderts.

Ausführlich: Das Vierte Laterankonzil ist eines der wichtigsten im Mittelalter. Konzile sind Zusammenkünfte aller Bischöfe, um Weichenstellungen für die Entwicklung der Kirche zu beraten und zu beschließen. So verstanden sich die Konzile des 15. Jahrhunderts (Im ‚Zeit­alter des Konziliarismus‘: die Konzile in Konstanz 1414-1418, in Basel 1431-1445 bzw. in Florenz/Ferrara). Der Bischof von Rom war demnach nur einer unter vielen Bischöfen. Luther berief sich, als er auf dem Reichstag angeklagt wurde, auf ein Konzil; über seine Reformation könne nur ein Konzil entscheiden. Das Konzil aber, das dann über ein Viertel­jahrhundert später über 18 Jahre verteilt endlich in Trient tagte (1545-1563), bestand nur aus dem katholischen Teil der Kirche. Im Reich waren mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 die Protestanten als zweite Konfession anerkannt. – Der emeritierte Präsident der Historischen päpstlichen Kommission, Walter Brandmüller, zeigt, wie intensiv das Tridenti­nische Konzil zurückgriff auf das Lateranum IV (11-14). – Verstanden sich die Konzile als das entscheidungsberech­tigte Gremium der Vollversammlung der Bischöfe, so gibt es noch eine andere Interpretation der Funktion von Konzilen: Der Papst lädt die Bischöfe ein, Ihnen seine Pläne mitzuteilen, damit sie in den Bistümern durchgesetzt werden.[1] So hatten sich die Reform-Päpste der libertas ecclesiae das vorgestellt, als absolute Monarchie, und sich dabei auf die angebliche Einsetzung des Petrus durch Jesus als ‚ersten Papst‘ berufen,[2] während in Mat­thäus 18 nicht nur Petrus einen Schlüssel, sondern alle Apostel einen Schlüssel bekom­men. Als Monarch der Kirche hatte sich v.a. Gregor VII. Mitte des 11. Jahrhunderts verstan­den, war damit aber gescheitert.[3] Urban II. hatte den Kreuzzug ausgerufen, war aber nicht Herr der Bewegung.[4] Die Laien wollten anderes und waren nicht als ‚Heer des Papstes‘ unterwegs. Am weitesten gelang es Innozenz III., die mittelalterliche Kirche wie ein Monarch zu führen. Das in seinem Palast, im Lateran, in Rom zusammengerufene Konzil, das Vierte Laterankonzil, erwies sich zusammen mit der Schlacht von Bouvines ein Jahr zuvor als der Höhepunkt der Papstmacht, Bonifaz VIII. hätte es ihm fast hundert Jahre später gerne gleich­gemacht, aber hatte wieder nicht die Kraft, das durchzusetzen.

Im November 1215 hatte Papst Innozenz III. im 17. Jahr seines Papstamtes die Bischöfe zusammengerufen ‚zu sich nach Hause‘, weil es viel zu regeln gab. Der Papst verkündete die Regeln in drei Wochen, die Bischöfe hatten sie durchzusetzen. Seit dem dritten Laterankonzil 1187 waren entscheidende Dinge geschehen: Der dritte Kreuzzug war gescheitert, Jerusalem war wieder eine islamische Stadt; der vierte Kreuzzug 1204 sollte die Heilige Stadt zurück­erobern, die Venezianer wussten aber die Schiffe umzuleiten und so eroberten sie Konstan­tinopel: ein Kreuzzug gegen die Christen im Osten, nicht gegen ‚Heiden‘. Der Papst setzte den griechischen Patriarchen ab, einen westlichen Patriarchen ein, um die Christen zu bekehren zum lateinischen Christentum: die Perversion des Kreuzzugsgedankens! Und sie ging noch weiter: Kreuzzüge wurden nun ausgerufen gegen andere Christen, so gegen die regionale Kirche in Südfrankreich, die sich als die Reinen (Katharer) verstanden, den Römern aber als Ketzer galten. Im Namen des Papstes durfte gemordet, geraubt, enteignet, die rechtmäßige Herrschaft abgesetzt werden.[5] 16 Jahre s­päter wurde die Inquisition ein­gesetzt. Die selbstbewusste Kirche Südfrankreichs wider­setzte sich dem Anspruch des Papstes, als absoluter Herrscher der Kirche aufzutreten. Die Katharer waren eine Ausprä­gung der vita apostolica-Bewegung, die überall im 12. Jh. neue Formen des christlichen Lebens hatte aufsprießen lassen. Auch diese neuen Gruppen galt es zu regulieren. Innozenz hatte die Fäden gezogen für die Nachfolge der Könige in England, Frankreich, Deutschland in der Schlacht von Bouvines 1214. Ein halbes Jahr nach dem Konzil starb der 55-Jährige.

Zu den Teilnehmern (zusammengefasst S. 38), der Frage, ob die Bezeichnung ‚ökumenisch‘ (also die ganze Welt umfassend) berechtigt sei (25), und den Ablauf der Entscheidungen (nur über das Credo und die Verurteilung von Joachims und Amalrics Schriften gibt es eine Akklamation, sonst wurde alle vom Papst formulierten canones[6] vorgelesen, nicht diskutiert) gibt Johannes Helmrath präzise Auskunft: The Fourth Lateran Council. Its Fundamentals, Its Procedure in Comparative Perspective (17-40). Kenneth Pennington: The Fourth Lateran Council. Its Legislation, and the Development of Legal Procedure (41-50) beschreibt, wie das Konzil das Kirchenrecht prägte durch eine scharfe Scheidung von Klerikern und Laien.

Auf dem Konzil[7] musste (1) der Katholische Glaube präzise formuliert werden gegen die Griechen von Konstantinopel und die Franzosen in der Languedoc.[8] Schon gleich zu Beginn seines Pontifikats hatte Innozenz als Ziel ausgegeben ad extirpandas hereses universas „die sich überall verbreitenden Ketzereien auszurotten“ (61).[9] Werner Maleczek: Firmiter credimus – Die erste dogmatische Konstitution des IV. Lateranum. Bemerkungen zu Genese und Inhalt 57-78 weist auf die außergewöhnliche Neufassung des Glaubensbekenntnisses hin. Wichtig auch die Transsubstantiationslehre (72-75) – Thomas Prügl: The Fourth Lateran Council – A Turning Point in Medieval Ecclesiology? (79-98) bejaht die Frage: “the model introduced by Innocent III at the Fourth Lateran council […] included that the pope can make infallible dogmatic decisions also without cooperation of a council.” (97). – Josep-Ignasi Saranyana: II male. Un dibattito con ripercussioni metafisiche, nel Lateranense IV (99-109) diskutiert den Satz des Glaubensbekenntnisses in c. 1, dass „der Teufel und die Dämonen ursprünglich von Gott gut geschaffen wurden, sich aber von alleine zum bösen entwickelten. Der Mensch sündigte durch Einflüsterung des Teufels“. – Stefan Burkhardt: Ut sit unum ovile et unus pastor. The Fourth Lateran Council and the Variety of Eastern Christianity (111-122) diskutiert den Leitsatz una religio in varietate rituum, “ein und dieselbe Religion trotz unterschiedlicher Liturgien”. Wie bekommt man nach der Eroberung Konstantinopels die griechischen Priester dazu, der lateinischen Dogmatik und dem Patriarchen zu gehorchen?

(2) Dann war ein Streitpunkt das Verhältnis der normalen Christen zu den Geistlichen, eigentlich vor allem um die Weltgeistlichen gegenüber den Perfekten, wie man die Mönche anerkennend nannte. Ja, weiter noch: Urban II. hatte zum Kreuzzug Laien aufgerufen: Nicht ich, sondern Christus ruft euch auf: Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach! Also alle Christen sind Jünger bzw. Apostel Christi! Die vita apostolica-Bewegungen des 12. Jahrhunderts nivellierten den Unterscheid von Klerikern und Laien. Julia Barrow: Clergy and the IV Lateran (125-136) begrenzt sich ausschließlich auf den Klerus und die Fragen von Ausbildung, Zölibat und das priesterliche Leben. – Die Eheschließung als Sakrament, nach dem Skandal um Philipp August II.[10] spielt keine Rolle in der Behand­lung von c. 50f bei David L. D‘Avray: Lateran IV and Marriage. What Lateran IV did not do about Marriage? (137 142) – Die Einführung der Einzelbeichte (Ohrenbeichte) mindestens einmal im Jahr (c. 21) behandelt im Zusammenhang mit c. 60/62) Catherine Vincent: La pas­torale de la pénitence du IVe concile du Latran: Relecture des canons 21, 60 et 62 (143-162), die besonders auch auf die symbolische Darstellung eingeht. – Nicole Bériou: Lateran IV and Preaching (163-174) begrenzt ihr Thema weitgehend auf ‚Predigten auf dem Konzil‘ und Innozenz als Prediger. Die anderen Fragen wie Laienpredigten, Predigen für den Kreuzzug bleiben unbehandelt.[11] – John Sabapathy: Some Difficulties in Forming Persecuting Societies before Lateran IV Canon 8. Robert of Courson thinks about Communities & Inquisitions (175-200). Das ist eine sehr sorgfältige Diskussion ausgehend von dem Begriff der Formation of persecuting Societies, den Robert I Moore konzipiert hat (Zur Kritik 178, A. 16): im Gefolge des Vierten Laterankonzils sei aus der Pluralität die Verfolgung von religiösen Bewegungen geworden, die sich nicht dem Gehorsam gegenüber dem Papst fügen, als Prozedur die Inquisition, die allerdings erst ab 1231 auf Laien angewendet wurde (Feuchter, s.u.).

(3) Wie mit Andersgläubigen umzugehen sei, diktierte der Papst dem Konzil: Der Spezialist zu Joachim von Fiore schreibt über die Verdammung des Trinitätsbüchleins auf dem Konzil, c.2, 13 Jahre nach dessen Tod: Gian Luca Potestà: La condanna del libellus trinitario di Gioacchino da Fiore: oggetto, ragioni, esiti (203-224).[12] – Zum Kreuzzug gegen die Katharer Jörg Feuchter: The Albigensian Crusade, the Dominicans and the Antiheretical Dispositions of the Council (225-242) erklärt, dass man die großen Probleme und Ungerechtigkeiten des Albigenser-Kreuzzugs auf dem Konzil nicht entschied, also das Unrecht akzeptierte. – Das Zusammenleben mit Juden wurde durch das Tragen des gelben Aufnähers grell distanziert, dazu Joseph Goering: Lateran Council IV and the cura Judaeorum (243-254) zu c. 67-70 mit einem Ausblick auf die Verbrennung des Talmud in Paris 1240. Nikolas Jaspert: Crusade, Reconquest and the Muslims: The Islamic World at the Fourth Lateran Council (255-274) konstatiert anhand des umsichtig vorgestellten Materials, dass nicht nur die islamische Welt differenziert war, sondern auch die Sicht des Papstes; vorrangig aber war ihm die Freilas­sung von Muslimen gefangener Kreuzfahrer.

Das Verbot, neue Orden zu gründen oder vorhandene neu bestätigen (approbieren) zu lassen, war das Thema (5) des c. 13 des Konzils. Die Franziskaner hatte ihre liebe Mühe damit, den Dominikanern gelang es relativ einfach. Gert Melville: regulam et institutionem accipiat de religionibus approbatis. Kritische Bemerkungen zur Begrifflichkeit im Kanon 13 des 4. Laterankonzils.(275-288). Der canon war zu strikt formuliert, als dass er praktisch umge­setzt werden konnte, wie auch die folgenden Aufsätze zeigen: Maria Pia Alberzoni: II concilio dopo il concilio. Gli interventi normativi nella vita religiosa fino al pontificato di Gregorio IX (289-318). – Pierantonio Piatti: Cronaca di un «sisma». Le religiones novae al vaglio del II Con­cilio di Lione 1274 (319-347). Der Namensindex 348-352 hat etwas Probleme mit den Namens­formen in den 3 deutschen, einem französischen, 5 italienischen und 12 englischen Beiträgen, hat das aber sehr sorgfältig gelöst.

Der Band ist keine Monographie, dafür eine ziemlich umfassende Sammlung von zentralen Aspekten, die das Konzil betreffen, vorgestellt von Spezialisten des jeweiligen Themas, die mit allem Können die Forschung (in meist umfangreichen Fußnoten – erfreulicherweise Fuß­noten!) aufgreifen und weiter führen. Die Beiträge sind zumeist durchaus kritisch, also nicht nur das Kirchenmodell eines Papstes bejahend, der als vicarius Christi den Bischöfen Anweisungen gibt. Ein hervorragendes Handbuch, das zu Recht auch den Verleger des Kleinverlages rühmt!

Bremen/Wellerscheid, November 2020                                            Christoph Auffarth,

Religionswissenschaft
Universität Bremen

……………………………………………………………….

[1] Den Höhepunkt dieser Interpretation erreichte das Erste Vatikanische Konzil 1870 mit der selbst zugesprochenen Unfehlbarkeit des Papstes, hier Pius‘ IX. Scharfzüngig, aber genau belegt und erklärt von Hubert Wolf: Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. Biogra­phie. München: Beck 2020, 257-304. Positiv bewertet das jedoch John Sabapaty, dieser Band S. 176.

[2] Matthäus 16,18f „Du bist Petrus und auf diesen Fels (griechisch petra „Fels“) werde ich meine Kirche bauen. Ich werde Dir die Schlüssel der Herrschaft der Himmel geben. …“ – Matthäus 18,18 ist das aber allen Jüngern/Aposteln aufgetragen.

[3] Der dictatus papae von 1059 formuliert scharf den Anspruch, er wurde aber nie veröffentlicht und war weit von der Realität entfernt. Der Text Erich Caspar (Hrsg.): Das Register Gregors VII. (Monumenta Germaniae Historica. Epistolae 4, Epistolae selectae 2, 1) Berlin: Weidmann 1920, II,55a, Bd 2, S. 201–208.

[4] Christoph Auffarth: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Göttingen 2002, 123-150. Ders.: Nonnen auf den Kreuzzügen: ein drittes Geschlecht? In: Das Mittelalter. Zeitschrift des deutschen Mediävistenverban­des Band 21, Themenheft 1: Kreuzzüge und Gender, hrsg. von Ingrid Baumgärtner und Melanie Panse. Berlin: de Gruyter 2016, 159-176. Tim Weitzel: Kreuzzug als charismatische Bewegung. Päpste, Priester und Propheten 1095-1149. (Mittealterforschungen 62) Ostfildern: Thorbecke 2019.

[5] Christoph Auffarth: Die Ketzer. Katharer, Waldenser, religiöse Bewegungen. München: Beck ³2016.

[6] Die Beschlüsse eines Konzils werden canones Regeln (Singular canon), auch caput Kapitel genannt und mit c. abgekürzt.

[7] Die Beschlüsse des Konzils sind (lateinisch) zu finden Constitutiones Concilii quarti lateranensis – Costituzioni del quarto Concilio lateranense. Herausgegeben von M. Albertazzi.  La Finestra editrice, Lavis 2016. Antonio García y García (ed.): Constitutiones Concilii quarti Lateranensis una cum com­mentariis glossatorum. Città des Vaticano 1981. Im Internet die ältere Ausgabe ohne Übersetzung und Kommentar http://www.internetsv.info/Archive/CLateranense4.pdf  (31. 10 2020). Kleine Auswahl lateinisch und deutsch in: Enchridion symbolarum, definitionum et declarationum de rebus fidei et morum. Hrsg. von Heinrich Denzinger; Peter Hünermann. Freiburg: Herder 371991, § 800-820.

[8] Frankreich war eigentlich nur der mittlere Landesteil, Franzien, mit dem König von Paris, der gerade seine Herrschaft nach Osten ausdehnte. Der Süden und Westen sprach eine andere Sprache, die langue d’Oc und hatte eine andere Kultur. Der Kreuzzug gegen die Katharer hatte zum Ziel, dem König von Paris, Philipp II. August, das Land der mächtigen Grafen von Toulouse zu unterwerfen.

[9] Register der Briefe Innozenz‘ III. I 81 (ed. Otmar Hageneder. Graz: Böhlau 1964).

[10]  In einem Klassiker der französischen Geschichtsschreibung hat den Fall hat anschaulich beschrieben Georges Duby: Le chévalier, la femme et le prêtre. Le mariage dans la France mediéval. Paris: Hachette 1981 (Ritter, Frau und Priester. Frankfurt am Main 1985).

[11] Dazu die umfangreiche Wiener Dissertation Alexander Marx: Die Predigt des Dritten Kreuzzugs. 2019.

[12] Zur Wirkung der Theologie des Joachim s. Christoph Auffarth: Ein Paradigmenwechsel in der Europäischen Religionsgeschichte: Joachim von Fiores Drittes Reich. Mit drei Teilen (1) zu Joachim von Fiore und der Edition seiner Werke, (2) Rez. Nelly Ficzel, Der Papst als Antichrist 2019 und (3) der Rezeption des ‚Dritten Reiches‘ in der Wissenschaft der NS-Zeit. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/09/30/der-papst-als-antichrist/ (30. September 2019).

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Expedition Bibel

Peter Kuhlmann

Band I:

Expedition Bibel – In 20 Schritten durch das Alte Testament

128 S. A4, Softcover,
ISBN 978-3-921744-598
Eigenverlag, Celle 2016,
28,- €

 

Band II:

Expedition Bibel – In 20 Schritten durch das Neue Testament

128 S. A4, Softcover
ISBN 978-3-921744-60-4
Eigenverlag Celle 2020,
28.-€

 

Bestellung über: www.bibelseminar.net

 

Die äußere und innere Welt der Bibel ist in unserer Zeit immer weniger bekannt. Um interessierten Menschen einen sach- und zeitgemäßen Zugang zu ermöglichen, hat der Theologe Peter Kuhlmann (Celle) ein zweibändiges Kursbuch erarbeitet. Die „Expedition Bibel“ zum Alten Testament ist schon 2016 erschienen, der Band zum Neuen Testament im Jahr 2020. In jeweils 20 Schritten werden historische und theologische Fragen in direktem Bezug zum biblischen Text erörtert. In guten Übersichten wird Bibelkunde anschaulich gemacht, und geschichtliche Tabellen und Sachhinweise sind didaktisch gut aufbereitet. Alle Kapitel sind mit passendem Bildmaterial ausgestattet. Das ist nicht nur „Schmuck“, sondern dient auch der eigenen Reflektion.

Dem Kurscharakter entsprechend sind eingangs Zieltexte genannt, die hauptsächlich erarbeitet werden, und es finden sich Fragen, die der fachlichen und persönlichen Vertiefung und der Diskussion im Seminar dienen. Alle ausgewählten Bibeltexte werden mit den zentralen Fragestellungen konfrontiert:

  • „Welche Erfahrungen haben Menschen mit Gott gemacht- in ihren jeweiligen persönlichen, sozialen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen?
  • Was sagt mir diese Rede von Gott?“

Leserinnen und Leser lernen das so genannte Alte Testament in der Reihenfolge kennen, wie es im jüdischen Gebrauch üblich ist. Nach der Urgeschichte, den Erzelternerzählungen, Moses und den Propheten werden die weisheitlichen Bücher und Psalmen bearbeitet.  Dieses Seminarbuch ist durchaus anspruchsvoll gestaltet, jedoch erhält man viel fachliche Unterstützung durch Erläuterungen und weitere Verweise, auch ins Internet. Die Verwendung von Bibelclouds an einigen Stellen (107-109) eröffnet weitere didaktische Arbeitsmöglichkeiten (mehr zu Bibelclouds)

Das Neue Testament kann ohne das Alte Testament nicht verstanden werden. Die allmählich neu entstehende Religion “Christentum” baut auch darauf auf, liest es als Heilige Schrift und interpretiert es neu. Der Bibelkurs stellt die Bücher des NT in der Reihenfolge der geschichtlichen Entstehung vor. Nach einer kompakten Einleitung werden die Paulus-Briefe vorgestellt und in den Entstehungsprozess der Gemeinden eingeordnet. Es folgen die lukanischen Schriften und die weiteren Evangelien. Auch die in kirchlichen Kreisen sonst seltener gelesenen Schriften wie Jakobus, Hebräer und die Offenbarung des Johannes werden aufgeschlossen. Sehr hilfreich ist auch hier wiederum die Fülle der kompakt und anschaulich angelegten Informationen. Auch das Bildmaterial ist vielseitig und anregend. Das Schlusskapitel geht auf das Verhältnis vom Neuen zum Alten Testament ein und stellt die damit verbundenen Religionsfragen. Das NT markiert zwar schon deutlich trennende Fragen und Prozesse zwischen Juden und den neuen Messiasgläubigen, jedoch vollzieht sich die Trennung massiv erst ab dem 3. Jahrhundert. Die Folgen prägen das Verhältnis von Juden und Christen bis heute nachhaltig!
Ein kurzer Blick wird auch auf den Koran geworfen: „Die beiden Religionen Judentum und Christentum werden im Koran kritisch in den Blick genommen…Der Islam versteht sich zusammen mit Judentum und Christentum als Buchreligion, jedoch mit dem Koran als der letztgültigen Offenbarung Gottes“ (124).

„Expedition Bibel“ ist in beiden Ausgaben (AT und NT) ein niveauvolles Werk zur Erkundung der Bibel. Die Informationen sind fachlich aktuell und didaktisch klug angelegt. So gelingt eine hervorragende Anschaulichkeit. Ich nenne hier beispielhaft zwei „Klassiker“:  die Zeichnung des Weltbildes im Alten Orient bei der Urgeschichte (20), die Skizze zur Zweiquellentheorie bei den Evangelien (48). Mit diesen Büchern gelingt ein planvolles Durchdringen der Bibel mit anderen im Kurs, aber auch das bereichernde Selbststudium zur Bibel. Wissenschaftliche Erkenntnisse und theologische Fragen finden hier fruchtbar zusammen und werden keineswegs als Gegensatz gesehen. Über den gemeindlichen Kontext hinaus können die beiden Bände „Expedition Bibel“ auch hilfreiche Dienste im Studium der Theologie und im Lehramt Religion bieten. Auch die Lehrerfortbildung kann von diesen Inhalten bestens profitieren, denn sie sind auch ein Beispiel gelungener Didaktik zur Bibel.

Blick ins Buch:

AT:

http://www.bibelseminar.net/pdfdoc/ExpeditionBibel_InfoEinzels.pdf

NT:

http://www.bibelseminar.net/pdfdoc/NT_Inhalt-neu_CE.pdf

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Dr. Manfred Spieß, Oldenburg

12.10.2020

 

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Religionsunterricht für alle

Jochen Bauer:

Religionsunterricht für alle

Eine multitheologische Fachdidaktik

Stuttgart: Kohlhammer 2019

ISBN 978-3-17-037460-7

 

Eine Rezension von Dennis Breitenwischer

In kaum einer passenderen Reihe als „Religionspädagogik innovativ“ hätte die Studie von Jochen Bauer, des Fachreferenten für Religionsunterricht in Hamburg, erscheinen können, und zwar aus zwei Gründen: Zunächst reflektiert Bauer in seiner Dissertation „Religionsunterricht für alle. Eine multitheologische Fachdidaktik“ das wohl innovativste Modell des Religionsunterrichts (RU) in Deutschland, nämlich den Hamburger Religionsunterricht für alle (RUfa), in seiner Genese und Weiterentwicklung. Des Weiteren versammelt die bei Kohlhammer erscheinende Reihe neben Studien- auch Lehr- und Arbeitsbücher und wagt somit den wichtigen und in der wissenschaftlichen Religionspädagogik nicht immer anzutreffenden Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis. Genau in diesem Geist ist Bauers beinahe 500 Seiten umfassendes Werk verfasst, das nicht nur eine Fachdidaktik für den RUfa entwirft, sondern in seiner ganzen Anlage einen didaktischen Anspruch verfolgt. Dieser wird durch die vom Autor entwickelten, die komplexen Textinhalte illustrierenden und aufschlüsselnden Grafiken genauso dokumentiert wie durch die zahlreichen, den Lesegang strukturierenden Zwischenfazite, die helfen, in dieser umfangreichen Studie den Überblick zu behalten.

Bauer kommt aus der (schulischen) Praxis und nutzt diesen Vorteil, um die Entwicklung eines Modells des RU auf induktive Weise in der gegenwärtigen religionspädagogischen Forschung zu situieren, beide Perspektiven auf den RU ins Gespräch zu bringen und so das Werden des RUfa 2.0 auf einer höheren bzw. theoretischen Ebene zu reflektieren. Dass hier ein fortlaufender, noch nicht abgeschlossener Prozess zum Gegenstand von Forschung wird, die in dieser Studie zudem noch multiperspektivisch herangezogen wird, führt notwendig zu einer Tast- und Suchbewegung des Autors auf dem Weg zu einer für den RUfa 2.0 passenden Didaktik. Durch die klare Strukturierung der Promotionsschrift in fünf größere Abschnitte verlieren die Leser*innen jedoch nicht die Orientierung. Das vierzigseitige Literaturverzeichnis bezeugt die Breite der Reflektion über das thematisierte didaktische Modell und bietet den Rezipienten einen Fundus für die weitere Beschäftigung mit der entfalteten multitheologischen Fachdidaktik.

Abb.: Bauer, Jochen (2019), a.a.O. S.8.

Das von Bauer gezeichnete „Didaktische Strukturmodell des Religionsunterrichts für alle“ bildet in einem Quader den RU als didaktischen Raum ab, wobei die „raumbezogene Metaphorik impliziert, dass Lehr- und Lernprozesse […] immer in allen Dimensionen gleichzeitig erfolgen und deshalb auch nur dreidimensional erfasst und gestaltet werden können“ (a.a.O., S. 83). Um der Gleichzeitigkeit des unterrichtlichen Vorgehens in der Ungleichzeitigkeit einer Studie Herr werden zu können, kümmert sich der Autor zuerst um die Wände des Raums, die Rahmenbedingungen des RU, also die rechtliche, die politische und die Seite der Schüler, nachdem er sich in einem diesen Überlegungen gleichsam vorgeschalteten Kapitel der didaktischen Aufgabe vergewissert, vor der die Entwicklung einer Fachdidaktik des RUfa stehe.Für alle Leser*innen, die nicht dabei gewesen sein können oder dabei gewesen sind, erscheint hier der Überblick über die Geschichte des RU in Hamburg besonders informativ.

Das Kapitel über den Entwicklungsrahmen der im Verlauf der Dissertation entworfenen multitheologischen Fachdidaktik, die den sich im RU zeigenden „Religionen im Plural und Differenz“ (a.a.O., S. 70) gerecht zu werden sucht, präsentiert den Leser*innen die Bezugswissenschaften dieser Didaktik: eben mehrere gleichberechtigte Theologien und ihre Fachdidaktiken sowie die Kultur-, Religions- und Sozialwissenschaften. Dabei kommt es Bauer darauf an, keinen „supra-religiöse[n] Weg“ (a.a.O., S. 77) einzuschlagen, der die Differenzen unsachgemäß glättete, sondern der Vielfalt der Religionen und Konfessionen“ (a.a.O., S. 77) im RU durch differenzbewussten Dialog zu begegnen. Im Sinne der multitheologischen Didaktik begleiten und formen Differenzbewusstsein, Dialogfähigkeit und das dialektische In-Beziehung-Setzen fortan als zentrale Denkfiguren die gesamte Studie.

In der Beschreibung des RU als didaktischen Raum beschäftigt sich Bauer im zweiten Kapitel ausführlich mit der rechtlichen Seite des RUfa und beleuchtet seine Stellung im Hinblick auf die Erfordernisse des Art. 7,3 GG. Er reflektiert die Konzeption des RUfa im Vergleich zu anderen Modellen des konfessionellen RU, der ja auch ein Religionsunterricht für alle letztlich bleibt, wie im dritten und vierten Kapitel deutlich wird, wenn Bauer Wahrheitsfrage und Wahrheitsanspruch im RU bedenkt. Wenn schon aus rechtlicher Sicht der RU auf die „Identitätsbildung in der eigenen Religion“ (a.a.O., S. 114) abziele, dann gerät unweigerlich die politische, vor allem aber die Schüler-Seite des didaktischen Raums in den Blick. Politisch wird gefragt, welche Rolle der RU in einer pluralistischen Gesellschaft spiele. Seine politische Aufgabe sieht der Autor darin, eine „Dialogstrategie“ (a.a.O., S. 145) zu realisieren, die auf die „Ambivalenz des Religiösen“ (S. 145) antworte. Die Pluralität der Gesellschaft erweist sich selbstverständlich auch auf der Seite der Schüler*innen, die von Formen des Traditionsabbruchs, der Individualisierung und Säkularisierung unmittelbar betroffen sind. Die dadurch entstehende Vielfalt in den Lerngruppen müsse ein „pluralismusfähiger“ (a.a.O., S. 165) RU aufgreifen und unterschiedliche religiöse Erfahrungen reflexiv in einen Dialog bringen. Dabei dürfe er „weder Klassenrat noch religiöse Plauderstunde“ (a.a.O., S. 170) werden, sondern orientiere sich selbstverständlich an den klassisch gewordenen, von Klafki und Meyer formulierten didaktischen Prinzipien.

Den Kern der Studie wie auch des didaktischen Strukturmodells bilden die didaktischen Dimensionen des RUfa, die Inhalts-, Identitäts- und Wahrheitsdimension, die der Autor im dritten Kapitel entfaltet. Sie entwickelt Bauer auf Basis von Pollaks den funktionalen und subtanziellen diskursiv verbindenden Religionsbegriff, den er um die Überlegung von Hervieu-Léger ergänzt:

„Religion gibt Menschen rückversichernde Orientierung bei ihrer Kontingenzbewältigung, indem sie durch religiöse Sinnformen in kollektive Erinnerungen einbindet und so zwischen Immanenz und Transzendenz vermittelt.“ (a.a.O., S. 177)

Bestimmend für alle drei Dimensionen ist eine „Subjekt-Objekt-Struktur“ (ebd.), die an den dialektischen Polen aller drei Dimensionen augenfällig wird. Exemplarisch soll diese dialektische Struktur an der Identitätsdimension aufgezeigt werden, weil hier das dialogische In-Beziehung-Setzen als zentrale didaktische Orientierung RUfa firmiert. Der Subjekt-Objekt-Struktur verpflichtet wird zunächst die personale Identität der Schüler fokussiert. Ebenso wie in allen anderen Kapiteln gewährt der Autor einen facettenreichen Überblick über die verschiedenen Perspektiven auf ein Phänomen. Hier erklärt er zuerst am Beispiel von Erikson die Zugangsweisen der Entwicklungspsychologie auf den Identitätsbegriff, hernach die Auffassungen von „Patchwork-Identität“ (a.a.O., S. 211) und fragmentarischer Identität, bevor er zum die weiteren Überlegungen leitenden Gedanken der „narrativen Identität“ kommt, die er auf Basis von Schäfer und Ricœur vorstellt. Die Überlegungen, dass Menschen ihre Identität immer auch in sozialen Kontexten gewinnen, führen die Leser*innen von der Subjektseite des Identitätsbegriffs auf dessen Objektseite, die kulturelle Identität. Hier erscheint Bauer Assmanns Forschung zum kulturellen Gedächtnis entscheidend für das Ziel des RU, nämlich der „Enkulturation in den religiösen Diskurs einer spezifischen Tradition“, wobei „Schülerinnen und Schüler zur eigenständigen Teilnahme am religiösen Diskurs in einer religiös-kulturellen Tradition zu befähigen“ (a.a.O., S. 220) seien. In einem RU für alle könne dies nur in einem „religionsrelational verankerte[n] Dialog“ (a.a.O., S. 238) gelingen, der „eigene Religiosität“ (Belief), die eigene „Hintergrundreligion“ (Belonging) (a.a.O., S. 232) auf Seiten der Lehrer*in und die entsprechenden Religionen der anderen Schüler*innen in ein Gespräch bringe.

Die klare Orientierung auf „dialogisches Lernen im Unterricht“ als „eine weitere Form des interreligiösen Dialogs“ (a.a.O., S. 244) vermeide eben, die „Dichotomie von Eigen und Fremd“ (S. 226) zu verfestigen. Immer vorausgesetzt, die „Religionszugehörigkeit der Lehrkraft“ werde nicht als „Norm und Normalität inszeniert“ (a.a.O., S. 227) und Schüler*innen nicht als „Vertreter ihrer Religion“ (a.a.O., S. 228) begriffen bzw. letztlich missbraucht. An dieser Stelle erkennt man, wie eng Inhalts- Wahrheits- und Identitätsdimension miteinander verknüpft sind und dass alle Dimensionen didaktisch durchdachte Lernarrangements geradezu herausfordern. Sie fasst Bauer unter dem Begriff der „didaktischen Orientierung“ (a.a.O., S. 287) zusammen. Im Rekurs auf Klafkis Vorstellung der doppelseitigen Erschließung und den von Nipkow/ Schweitzer in die Religionspädagogik eingeführten Gedanken der Elementarisierung etabliert der Autor auch hier wieder einen dialektischen Zugriff, der am Beispiel der Identitätsdimension auf Dialogorientierung einerseits und auf religionsspezifische Orientierung andererseits zielt. Bauer entwickelt angelehnt an Ricœurs mimetisch-hermeneutisches Modell seine didaktischen Prinzipien und die daraus folgenden Phasen des Unterrichts in drei (Verstehens-) Stufen: (1) Involvierung (Vorverständnis der Schüler*innen), (2) Erkundung in religionsspezifischen Modulen, (3) Transformation (des Vorverständnisses) (vgl. a.a.O., S. 338 ff.). Die didaktische Unterrichtsgestaltung legt Bauer dabei in modularen Dialogzyklen an, die jeweils alle drei Phasen des Verstehens beinhalten. Methodisch wird u. a. auf das eingeführte Theologisieren mit Kindern und Jugendlichen abgestellt, das dem Anspruch an dialogisches Lernen sui generis entspreche.

Neben dieser Schülerorientierung betrachtet Bauer ausführlich die anderen didaktischen Akteure des Unterrichts. Ihnen, den Lehrer*innen und nachgeordnet dem Material, widmet er das fünfte und letzte Kapitel seines Buches, das er beinahe spielerisch mit zehn pointierten Leitbildern für Lehrer*innen abschließt. Als Leser ist man sofort geneigt, sich einem Typus zuordnen zu wollen, womit der didaktische Anspruch dieses Lehrbuchs an die Leser*innen explizit spürbar wird.

So stellt Bauers Studie nicht nur eine Reflektion der religionsunterrichtlichen Entwicklungen in Hamburg dar, sondern gibt auch Hinweise für eine gelingende Praxis des anspruchsvollen Modells eines Religionsunterrichts für alle. Dabei tappt Bauer in seiner Doppelfunktion als Autor und Fachreferent nicht in die Falle, durch normierende Aussagen Unterrichtspraxis bestimmen zu wollen. Vielmehr macht er die gegenwärtige Weiterentwicklung des RU transparent und zeigt in groben und feinen Linien auf, wie der RU der Pluralität und Differenz von Religionen in einer (großstädtischen) modernen Gesellschaft gerecht werden könne. Mit einer interessierten Fragehaltung lädt der Autor die Leser*innen zum Mit-, Nach- und Weiterdenken ein.

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Dieser Beitrag wurde vom Vorstand der Vereinigung Hamburger Religionslehrerinnen und Religionslehrer e.V. im August 2020 zugesandt.

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