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Martin Niemöller

            

Benjamin Ziemann: Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition.

München: Deutsche Verlagsanstalt 2019
635 Seiten. 39 €.
ISBN 978-3-421-04712-0.

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Martin Niemöller: Gedanken über den Weg der christlichen Kirche.

Hrsg. Benjamin Ziemann; Alf Christophersen.
Gütersloh: GVH 2019

272 Seiten. 25 €.
ISBN 978-3579085449.

Der Kirchenkämpfer gegen den Nationalsozialismus: Martin Niemöller. Befremdliches an einer ‚Lichtgestalt‘

Kurz: Diese Biographie zu einem der wichtigsten Vertreter der evangelisch-kirchlichen Opposition hebt das Verständnis von Protestantismus und Nationalsozialistischem Staat vor und nach der NS-Zeit auf ein neues Niveau. Der Historiker[1] fordert die Kirchengeschichtler zur Diskussion heraus.

Der Mythos von der Lichtgestalt im Kirchenkampf. Nach 1945 veröffentlichte der Bruder Wilhelm umfangreiche Bücher mit Dokumenten, die Martin Niemöller zum Helden des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus überhöhten.[2] Immerhin hatte Martin Nie­möller (1892-1984) sieben Jahre seines Leben[3]s als „persönlicher Gefangener Adolf Hitlers“ in einer Zelle im KZ Sachsenhausen und Dachau verbracht. Aus dem Gerichtssaal heraus hatte man ihn wieder festgenommen, nachdem das Gericht Niemöller zwar eine Strafe zugespro­chen, er aber, die Untersuchungshaft angerechnet, das Gericht als freier Mann hätte verlas­sen können (2. März 1938 nach sieben Monaten U-Haft). Nur, dieses Gerichtsverfahren hatte es in sich (287-309): Die GeStaPo[4] hatte MN lange bespitzelt, wenn er in Berlin-Dahlem auf Gemeindeversammlungen das Unrecht des Staates gegenüber Kirchen­mitgliedern mit Ort und Namen nannte. MN hatte den Pfarrernotbund organisiert, an den sich in (Un-)Rechts­fragen betroffene Pfarrer wandten, Zentrale im Dahlemer Pfarrhaus der Niemöllers. Im Pro­zess aber stilisierte sich MN als ein treuer Anhänger des Nationalstaates. Im Ersten Welt­krieg, so konnten er und seine Zeugen nachweisen, hatte er als U-Boot-Kommandant einige Schiffe der verhassten Engländer versenkt. Nach der Niederlage 1918/19 hatte er noch als Freischärler die Jagd auf die Linken im Ruhrgebiet befehligt. Mit der Auflösung des Militärs arbeitslos geworden und erfolglos auf Landwirtschaft umgesattelt, entschied er sich, der Pfarrerssohn, für ein Theologiestudium und organisierte er dann die Innere Mission. Seit 1924 habe er die NSDAP gewählt, die Machtergreifung 1933 als Befreiung bejubelt: Ein betont nationaler Kämpfer, der als Lutheraner dem Staate zu Gehorsam verpflichtet ist.

Benjamin Ziemann kann in seinem Buch nachweisen, dass MN sich für den Prozess stilisiert. Etwa die Behauptung, dass MN schon Anfang der Weimarer Republik rechtsradikal gewählt habe, kann nicht stimmen. Für seine Biographie konnte BZ auf umfangreiches Material in Archiven zurückgreifen statt auf Erzählungen und Anekdoten. So konnte BZ dessen Amts­kalender durcharbeiten, in denen MN stichwortartig seine Gespräche und Reisen notiert und bewertet. Das Archiv der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, zu dessen Präsident MN nach dem Krieg gewählt wurde, bewahrt den Nachlass und die Dokumente der Amts­führung. Zudem hat BZ schon viel in den staatlichen Archiven gearbeitet und weiß um den Wert der Informationen. So kann er an vielen Stellen die bisherigen Bewertungen sorgfältig begründet korrigieren. Denn das Bild des Opfers des NS und des Pazifisten, der gegen die Wiederbewaffnung der BRD und gegen die Atomwaffen-Aufrüstung Widerstand organisier­te, verhüllt den Nationalisten. Extreme Äußerungen in Interviews und auf seinen Reden des rastlos durch Deutschland und als für die Ökumene verantwortlichen Leiter des Außenam­tes der EKD weltweit reisend, wusste zu begeistern oder die Leute gegen sich aufzureizen. Diplomatisch zu versöhnen war nicht sein Ding. Die Leitung der Landeskirche wurde zum lästigen Zusatzamt, der sorgfältigen Arbeit am Schreibtisch entfloh er in die Öffentlichkeit, beherzte Standpunkte beruhten oft auch auf unüberprüften Informationen. Das Leben einer wichtigen Person des 20. Jahrhunderts als Ganzes, in aller ihrer Widersprüchlichkeit, und nicht auf die NS-Zeit begrenzt, zu erforschen ist eine der ganz wichtigen Biographien und hoffentlich Vorbild für weitere. In einer vorzüglichen Leserlenkung entwickelt BZ in der Einleitung die Brüche in der Biographie, unter denen auch wieder Kontinuitäten erkennbar sind; im Kontext die Veränderung des Protestantismus von der Staatsgläubigkeit im Kaiser­reich zur pluralismusfähigen und politisierten Religion der Bonner Republik. „An Niemöl­lers Lebenslauf lässt sich so gut wie sonst kaum irgendwo über den fundamentalen Wandel des religiösen Feldes im 20. Jahrhundert reflektieren.“ (521).

Ein zentraler Aspekt ist die Frage, wie sich die 12 Jahre NS-Herrschaft aus der Zeit davor erklären lassen (darunter fünf Jahre aktives Handeln von MN vor seiner Haft) und wie der Protestantismus sich im Bewusstsein der Verflechtung mit dem Nationalsozialismus nach 1945 zu den Vorgaben der Demokratie verhielt. Die Anerkennung von Schuld wurde eine Frage der Ehre der Nation, die die Evangelische Kirche stellvertretend für viele andere aussprach, MN als Lautsprecher. Die anfängliche Versuchung, die Deutschen als Opfer, die Alliierten als schlimmer als die Nazis und darunter vor allem rachsüchtigen Juden als Täter zu beklagen, unterließ MN bald. Juden waren aber den Protestanten eine fremde Religion und ein fremdes Volk; ein Eintreten gegen das Unrecht und die Verfolgung und die Vernich­tung seitens der evangelischen Christen, auch der Bekennenden Kirche, blieb – bis auf wenige – aus.[5] Die Bekennende Kirche klagte im Wesentlichen nur die Verletzung des Rechtes, die Aufhebung der Menschenrechte durch Einsetzung von Sondergerichten und Standrecht an, wenn ihre Mitglieder betroffen waren. Deshalb kann man nicht von Kirchen­kampf im Sinne eines grundsätzlichen Widerstandes gegen den NS sprechen. Ebenso wenig trifft die lange vertretene These zu, dass der NS ein Religionsersatz war, der eine atheistische Ideologie an die Stelle der vorhandenen Religionen setzen wollte.[6] Sie verlängert die Vorstel­lung MNs und der meisten Kirchenleute während der NS-Zeit eines „Kampfes gegen die Gottlosen“ mit denen allerdings MN Kommunisten und Sozialdemokraten meint (also die, die wirklich Widerstand gegen den NS leisteten), und einer Rechristianisierung, die die Protestanten mit der Machtergreifung als „Stunde der Volksmission“ gekommen meinten (171-194). „Zum ‚Dritten Reich‘ stand Niemöller nicht von Beginn an in Opposition, im Gegenteil.“ (516). Wohl aber legte er entschieden Widerspruch ein gegen die Deutschen Christen. An einer für die Realitäten recht marginalen Frage entwickelte MN die theologi­sche Bewertung, dass die DC eine Häresie, die BK aber die wahre Kirche vertrete (195-223).[7] In der Synode der Bekennenden Kirche in Barmen im Mai 1934 geschah etwas Grundlegen­des: Die Lutheraner rückten von ihrer Zwei-Reiche-Lehre ab, dass dem Staat als die von Gott eingesetzte Obrigkeit (nach Paulus, Römer 13) Gehorsam zu leisten sei, solange sie den Glauben nicht verhindere. Ein Widerstandsrecht hatten die Lutheraner nie formuliert.[8] Die Formel von Königreich Jesu Christi der Reformierten (Calvinisten) setzt einen Anspruch, christliche Normen zum Maßstab jeder Politik zu machen. Karl Barth hat als Schweizer und Reformierter diesen Anspruch in die Barmer theologische Erklärung eingebracht. Zudem: Eine Denkschrift prangerte die Rechtsverletzungen des NS grundsätzlich an, MN schwächte sie ab (271): aus dem NS als Gegner des Christentums machte MN, der Bolschewismus sei der Gegner. Die Denkschrift war nur an Hitler gerichtet aus der Meinung heraus, der Führer werde, wenn er das wüsste, das Recht wiederherstellen. Sie wurde durch Indiskretion der ausländischen Presse zugespielt. Niemöller hatte seinen Sekretär Friedrich Weißler in Ver­dacht und gab ihn preis, die SA prügelte den aus einer jüdischen Familie stammenden Christen in seiner Zelle zu Tode.[9] Neben dieser Denkschrift gab es vereinzelt fundamentale Kritik am Unrechtsstaat des NS; die Denkschrift gegen die Euthanasie Pastor Brauners wäre dazu zu nehmen. Insofern, meine ich, hat BZ seine grundsätzliche Bewertung, der Widerstand der Bekennenden Kirche war kein politischer Widerstand (308), selbst etwas differenziert.

Im KZ: Der Wunsch, zum Katholizismus zu konvertieren[10]

Etwas verstörend erscheint der Text Der Weg der Kirche, den MN während seiner KZ-Haft schrieb: Er, der evangelische Pfarrer und Vorkämpfer der Bekennenden Kirche wollte zum Katholizismus konvertieren. Interessant ist, was er dazu liest. Es waren u.a. Bücher des englischen Kardinals Henry Newman (1801-1890). Obwohl gerne gelesen, blieb der der Moderne aufgeschlossen Engländer angesichts der Moderne-Verweigerung des Ersten Vatikanischen Konzils ein Paradiesvogel. Auf deutsch gab es drei Bücher von ihm, eines über ihn.[11] Auch der war als evangelischer (anglikanischer) Pfarrer etwa in MNs Alter zur katholischen Kirche übergetreten, aber kein Eiferer, sondern Vermittler. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es mehrere Anläufe, das beste aus beiden Konfessionen zusammenzuführen, bes. die Una sancta-Bewegung[12] oder die evangelische Michaelsbruderschaft.[13] Das Thema ‚Wie sollte Kirche aussehen?‘ wurde in der Zeit von allen Seiten diskutiert. Obwohl MN die Bekennende Kirche als die einzig legitime Kirche in Deutschland ansah, bezeichnet er sie in dieser Schrift nur als „Notdach“ (206).[14] Konversionen waren in der ersten Hälfte des 20. Jh.s nicht selten.[15] MN beklagt den Zustand der evangelischen Kirche, ihrer Professoren und Pfarrer (61-66), die schwache Institution, die ihm keine Unterstützung in seiner Notsituation gibt, den fehlende Universalismus (84-90). Die organizistische Auffassung von Kirchenge­meinschaft steht dem der Volksgemeinschaft nicht fern (136 u.ö.). Die protestantische Auf­fassung, dass „wir jedes Wort, das Jesus einmal an seine Apostel gerichtet hat, auf uns persönlich beziehen dürfen“, sei falsch; richtig die katholische Auffassung von der successio apostolica.[16] Wenn er zustimmend das dem Paulus untergeschobene Wort „Das Weib schweige in der Gemeinde!“ zitiert, dann stellt er die überlieferten Bibelworte über die Realität, dass in der Bekennenden Kirche die Frauen oft als einzige den Mund zum Protest aufmachten. – Die Schrift blieb ohne die Tat. Seine Frau wiedersetzte sich bei den 14-tägigen Gesprächsgelegenheiten; die Konversion hätte die neunköpfige Familie in eine wirtschaft­liche Not gestürzt. Und sie widersetzte sich in ihrer protestantischen Identität. Als aber die Evangelische Kirche MN in den Wartestand versetzte und das Gehalt kürzte, kochte MN und ließ die Schrift unvollendet liegen. Sie ist theologisch gesehen kein bedeutender Traktat.[17] Nach dem Krieg wetterte MN oft gegen die katholische Kirche in ihrer realen Gestalt.

Protestantismus und Nationalsozialismus: Konvergenzen und Differenzen

An Niemöllers Biographie kann man die Frage erörtern, ob der Nationalprotestantismus der Wegbereiter des Nationalsozialismus war. Jene Identität von Preußischem Militarismus und autoritärer Führung durch einen fast allmächtigen Kaiser.[18] BZ bestätigt zunächst: „Das protestantische Milieu war die Haupteinbruchstelle des NS in die deutsche Gesellschaft.“ (171). Und widerspricht der Formel, die Klaus Scholder gefunden hatte, „Die Zeit der Illusi­onen“.[19] Andrerseits hält er fest: „Zweifellos gab es viele Affinitäten zwischen Nationalprote­stanten und Nationalsozialisten. Aber die nationalprotestantische Mentalität begründete keinen Sonderweg, der direkt und zwangsläufig auf 1933 hinführte.“ (516) Und, so würde ich hinzufügen, die christliche Judenfeindschaft führt nicht zur Ermordung der Juden; sie setzte aber auch fast keinen Widerstand dagegen, den wir aus heutiger Sicht von Kirche erwarten: entschiedene Verfechter der Menschenrechte der Entrechteten zu sein.[20] Das ist die Herausforderung an eine Beschreibung der Religionsgeschichte des Dritten Reiches: Die kritische Bewertung muss sich auch der enormen Transformation der Religion und des protestantischen Christentums bewusst bleiben, die die Spielräume von Handlungen nicht aus heutiger Sicht einfordert, sondern die der Zeitgenossen berücksichtigt. Bewertungen in BZs Buch wie „rechtsradikal“ und „Fundamentalismus“ sind problematisch;[21] gleichwohl gelingt ihm eine Biographie, die eine Vertrautheit mit dem protestantischen Milieu erkennen lässt. Weit darüber hinaus aber ist das Buch eine hervorragend recherchierte Biographie, die an einer herausragenden und umstrittenen Persönlichkeit die Rolle der Protestanten in der Geschichte des 20. Jahrhunderts differenziert untersucht und bewertet. [22] Sie stellt einen Leuchtturm auf, an dem sich andere Untersuchungen orientieren und messen lassen müssen.

 

Bremen/Much,  Januar 2019                                                                  Christoph Auffarth

Religionswissenschaft
Universität Bremen

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[1] In dem in Anm. 2 genannten Aufsatz fordert Ericksen 2014, dass Profan-Historiker die Quellen so auswerten, wie dies auch zum Standard auch für Kirchenhistoriker werden müsste. Wilhelm Nie­möller ist für ihn das Muster der Rechtfertigungs-Historiographie. – Benjamin Ziemann ist Professor in Sheffield für neuere deutsche Geschichte mit dem Schwerpunkt Erster Weltkrieg, Weimarer Republik. Im Folgenden kürze ich seinen Namen ab mit den Initialen BZ.

[2] Wilhelm war der sechs Jahre jüngere Bruder von Martin. Der „Alte Kämpfer“, also frühes NSDAP-Mitglied (1923), WN, stilisierte nach 1945 den innerkirchlichen „Kirchenstreit“ zwischen Deutschen Christen, Bekennender Kirche und vielen dazwischen zum „Kirchenkampf“ gegen den Nationalsozia­lismus. Darunter WN: Wort und Tat im Kirchenkampf. Beiträge zur neuesten Kirchengeschichte. München: Kaiser Verlag 1969. MN: Briefe aus der Gefangenschaft: [1] Moabit. [2] Konzentrationslager Sachsenhausen (Oranienburg). Hrsg. WN. Frankfurt: Lembeck 1975; 1979. – Zur Kritik Robert P. Ericksen: Wilhelm Niemöller and the historiography of the Kirchenkampf. In: Manfred Gailus; Hartmut Lehmann (Hrsg.): Nationalprotestantische Mentalitäten. (VMPIG 214) Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2005, S.433-451. Robert P. Ericksen: Church Historians, »Profane« Historians, and our Odyssey since Wilhelm Niemöller. In: Kirchliche Zeitgeschichte 27(2014); 43-55.

[3]

[4] Geheime StaatsPolizei: eine Spitzelorganisation außerhalb des Rechts.

[5] Eine Dissertation, die das nachwies (Wolfgang Gerlach: Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden. [Diss Hamburg 1970] Berlin: Institut Kirche und Judentum 1987; ²1993) fand lange keinen Verlag. – Ausnahmen sind Elisabeth Schmitz, Karl Barth; Dietrich Bonhoeffer bezog sich zunächst nur auf die Christen aus jüdischen Häusern. Grundlegend Eberhard Busch: Unter dem Bogen des einen Bundes. Karl Barth und die Juden 1933-1945. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener 1996.

[6] Einen religionswissenschaftlichen Versuch einer Gesamtdarstellung findet man in Christoph Auffarth: Drittes Reich. In: Handbuch Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, hrsg. von Lucian Hölscher, Volkhard Krech. (Handbuch der Religionsgeschichte im deutschsprachi­gen Raum, hrsg. von Peter Dinzelbacher, Band 6/1) Paderborn: Schöningh 2015, 113-134; 435-449; Farbtafel I nach S. 320; Literaturverzeichnis 542-553.

[7] BZ macht (199f) klar, dass MNs Kampf gegen die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche, gerade einmal 18 Pfarrer unter den etwa 18 000 Pfarrern in Deutschland betraf.

[8] Siehe meine Rez.: Die Reformation legt die Grundpfeiler für die modernen Rechte des Individuums. John Witte: Reformation und Recht. Rechtslehren der lutherischen Reformation. 2014; John Witte: Die Refor­mation der Rechte. Recht, Religion und Menschenrechte im frühen Calvinismus 2015. In: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2016/06/06/john-witte-reformation-und-recht/ (6.6.2016)

[9] Seine Biographie hat Manfred Gailus erforscht: Friedrich Weißler. Ein Jurist und Bekennender Christ im Widerstand gegen Hitler. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2017.

[10] Der folgende Abschnitt und die genannten Seitenzahlen beziehen sich auf die Edition Der Weg der Kirche.

[11] Briefe und Tagebücher bis zum Übertritt zur Kirche 1801-1845. Übersetzt von Edith Stein, Hrsg. Erich Przywara SJ, München 1928; Gebetbuch. Aus seinen Schriften gesammelt und übers. von Otto Karrer. München 1928; Erich Przywara: Einführung in Newmans Wesen und Werk. Freiburg 1922. Die Kommentierung der Herausgeber lenkt den Blick auf wichtige Vorläufer (Möhler, von Hase) und Kontexte, kann aber auch wichtige Zitate nicht belegen, wie das von der „Kirche als Summe der getauften Steuerzahler“ (166).

[12] S. 158f. In Berlin bemühte sich an der Universität der Neutestamentler Adolf Deißmann darum (Er kommt in beiden Bücher nicht vor: Gab es keinen Kontakt?), dann ist Rudolf Otto und Friedrich Heiler zu nennen, der schwedische Erzbischof, zuvor Professor in Leipzig, Nathan Söderblom. Gerhard Voss TRE 34(2002), 265-267. Birgitta Kleinschwärzer-Meister, RGG4 8(2005), 717f.

[13] Auch Berneuchner Kreis, 1931 gegründet. Heinz Henche, TRE 22(1992), 714-717. Bekanntester Kopf war der Gegenspieler MNs und nach 1945 Bischof von Oldenburg und somit Kollege in der EKD, Wilhelm Stählin. Michael Meyer-Blanck, TRE 32(12001), 104-107. MN polemisiert gegen die Betbrüder.

[14] Die Schrift des treuen Wegbegleiters Hans Asmussen ist in der Einleitung gewürdigt. Das Thema aber ist dicht diskutiert, etwa Ernst Wolf: Der Mensch und die Kirche im katholischen Denken. [1933] in: Ernst Wolf: Peregrinatio. Studien zur reformatorischen Theologie und zum Kirchenproblem. München: Kaiser 1954, 302-337. Ders. Sanctorum communio. Erwägungen zum Problem der Romantisierung des Kirchenbegriffs [1942], ibidem 279-301 Die Dissertation von Dietrich Bonhoeffer (1930) mit diesem Titel wird Anm. 51 zustimmend zitiert.

[15] Zahlen bei Hans-Günther Hockerts: Konfessionswechsel im Dritten Reich. Zahlenbilder und Fall­beispiele in typologischer Absicht. in: Siegfried Hermle; Hans Maier (Hrsg.): Konvertiten und Konversi­onen. Annweiler 2010, 149-165. Eine spektakuläre Konversion eines Evangelischen zum Katholizismus war die von Erik Peterson (Rom 1930) im Gespräch mit Carl Schmitt – der nicht aus der katholischen Kirche austrat; dazu Barbara Nichtweiß: Erik Peterson. Freiburg: Herder 1992, 831-860; 727-830). Wich­tig ist die Binnenkonversion von Jakob Wilhelm Hauer, wie sie Werner Ustorf beschreibt: Primäre versus sekundäre Religion bei J.W. Hauer, in: Mit dem Fremden leben. Bd. 1: Religionen – Regionen. FS Theo Sundermeier. Hrsg. Dieter Becker [u.a.]. Erlangen: Erlanger Verlag für Mission und Ökumene 2000, 257-268.

[16] S. 146. Die successio apostolica behauptet eine ununterbrochene Linie von den Aposteln zum heutigen Papst, der immer ordnungsgemäß berufen ist (rite vocatus).

[17] Das sieht der Autor selbst: „Das Folgende will keine theologische Arbeit sein, da ich nicht einmal den Lizentiaten gemacht habe.“ S. 66. [Das Lizentiat ist eher eine Masterarbeit als eine Dissertation]. Das Problem etwa der Vielstimmigkeit, Dissonanz und Streit wird mit einer falschen Einheit über­gangen (S. 105f). Statt der vier Evangelien, behauptet er, gebe es nur das eine Evangelium des Kanons (84. 91). Das Petrus-Wort von der Schlüsselgewalt [des Papsttums] Matthäus 16,19 passe für MN harmonisch zur Übergabe der Schlüssel an alle Apostel Matthäus 18,18 (S. 82). Den Begriff „Wort­mystik“ (125) haben die Hrsg. Anm. 64, S. 234f zu Recht als harmonisierende Verbindung von Gegen­sätzen verstanden. Scharf das zusammenfassende Urteil S.58.

[18] Eine sehr gute Übersicht, die nur leider mit 1933 abbricht, bietet Roland Kurz: Nationalprotestanti­sches Denken in der Weimarer Republik. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2007. Meine Rezension in: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 105(2007), 288-290.

[19] Es ist hier nicht der Ort, die Rolle der katholischen Kirche zu erörtern. Aber das Reichskonkordat vollendete die Strategie des Papstes, sich des politischen und nicht romhörigen deutschen Katholi­zismus zu entledigen. Klaus Unterberger: Kuriales Interesse, NS-Staat und Demokratie. Weshalb die heutige Quellenlage für Klaus Scholders Junktimthese spricht. In: Dominik Burkard; Nicole Priesching (Hrsg.): Katholiken im langen 19. Jahrhundert. Akteure – Kulturen – Mentalitäten. FS Otto Weiß. Regens­burg: Pustet 2014 329-348.

[20] Leonore Siegele-Wenschkewitz: Mitverantwortung und Schuld der Christen am Holocaust. [1982] In: Christlicher Antijudaismus und Antisemitismus: theologische und kirchliche Programme Deutscher Christen. (Arnoldshainer Texte 85) Frankfurt am Main: Haag und Herchen 1994, 1-26.

[21] Die Bewertung „rechtsradikal“ ist ein Urteil aus einer konsolidierten Demokratie. „Fundamentalis­mus“ (364) trifft nicht auf den Protestantismus MNs zu, weil er die Bibel zwar als grundlegendes Wort Gottes ansieht, aber sie durchaus hermeneutisch auf die Gegenwart hin auslegt. Nach Bultmanns Ent­mythologisierung ist das Verhältnis ein anderes.

[22] An sehr seltenen Fehlern habe ich notiert: 30 Staffellauf, richtig Stapellauf. 114 Hautsch, richtig Emil Kautzsch: Die heiligen Schriften des Alten Testaments. Freiburg: Mohr 1894-. 116 Fakultätsexamen, richtig Erstes kirchliches Examen. 226 österliche Passionspredigt, richtig vorösterliche P. 387 einmal Wurm genannt, wo Meiser gemeint sein muss.

 

 

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Griechische Götter unter sich

Griechische Götter unter sich. Lukian, Göttergespräche.

Eingeleitet, übersetzt und mit interpretierenden Essays versehen von Andreas Bendlin, Fabio Berdozzo, Janet Downie, Heinz-Günther Nesselrath und Adolf Martin Ritter.

Hrsg. v. Fabio Berdozzo u. Heinz-Günther Nesselrath.
(SAPERE = Scripta Antiquitatis Posterioris ad Ethicam REligionemque pertinentia XXXIII)

Tübingen: Mohr Siebeck 2019. X, 252 Seiten. 69,00 €. ISBN 978-3-16-154961-8.

 

 

Religionskritik und Atheismus? Die Götter verspotten sich unter­einander in den Götterdialogen des Lukian

 

Kurz: In Lukians Götterdialoge sind die Götter voller Unzulänglichkeiten und Fehler. Dass die Menschen sie verehren und Gaben bringen, scheint verrückt. Nur, was will der Autor damit? Einfach eine Satire oder ist das ein Aufruf zum Atheismus?

Ausführlich: Im Gegensatz zu den Vorstellungen, dass Religion eine ernste Sache sei und Spott darüber unter Strafe steht, wie das für Blasphemie in unserer Gesetzgebung festgelegt ist,[1] ist das in der griechischen Religion ganz anders. Bereits in der Ilias und Odyssee, den frühesten öffentlich vorgetragenen Literaturwerken werden die Götter verspottet. Muster­beispiel ist das eingefügte kleine Epos von der Untreue der Aphrodite. Sie lässt ihren feurigen Liebhaber Ares ins Haus, als ihr Mann zur Arbeit geht, der hinkende Schmied Hephaistos.  Doch der hat aus Metall ein Netz gebaut, das sich über das Bett senkt und die beiden so in flagranti festhält. Der betrogene Ehemann ruft die anderen Götter herbei, die in schallendes, ‚homerisches‘ Gelächter ausbrechen, während die Liebhaber sich beschämt verdrücken.[2] Die attische Alte Komödie ist voller Spott auf die Götter, etwa in den Vögeln des Aristophanes. Nur die Stadtgöttin Athene ist davon ausgenommen.[3] Das führt zu einem wichtigen Ergebnis. Dieser Spott bewegt sich innerhalb der zulässigen Grenzen der Religion,[4] das unterscheide ihn von dem hier zu besprechenden Text des Lukian. [5]

Lukianos stammt aus Samosata, einer Stadt in Syrien; er lebte (ungefähr) 120-190 n.Chr.[6] Er wird zur „Zweiten Sophistik“ gezählt, einer Bewegung von Intellektuellen in der mittleren römischen Kaiserzeit, die als selbständige Unternehmer durch die Welt reisten, das städti­sche Publikum zu begeistern suchten und auch ein Lesepublikum fanden.[7] Einige solcher Reise-Philosophen hat eben Lukian geschildert, wie sie zu Geld kamen, teils auch durch Gründung von Kulten: die Biographie des Alexander von Abonou Teichos, den er auch falschen Propheten nennt, oder Peregrinus Proteus.[8]

Auf die Einleitung von Fabio Berdozzo folgt der Text der θεῶν διάλογοι[9] (in der Neuedition von Heinz-Günther Nesselrath)[10] mit einer gekonnten Übersetzung von Berdozzo, der zu der Schrift promoviert hat.[11] Dem folgen sechs Essays: Berdozzo bespricht das Verhältnis Lukians zu den griechischen Göttern (109-126). Zu den Beispielen zieht er analoge Fälle aus dem ganzen umfangreichen Corpus der Schriften Lukians heran. Für den Religionswissen­schaftler ist aber das Ergebnis, Lukian sei ein Atheist (109 u.ö.), zu undifferenziert. Der Be­griff „Atheist“ hat seit der frühen Neuzeit/Konfessionalisierung eine ganz andere Bedeu­tung gewonnen, weil Religion fundamental für die Staatsordnung galt – was im antiken Polytheismus nicht der Fall ist.[12] Der Spott über die mythologischen Götter ist noch kein Atheismus; Kritik an Ritualen in der Kaiserzeit ist typisch für Intellektuelle, ohne dass das dazu führt, dass die nicht mehr am Kult teilnehmen.[13] Das hat Andreas Bendlin in seinem Beitrag viel differenzierter gelöst. Heinz-Günther Nesselrath stellt die DD in die Tradition des Götterspotts in der griechischen Literatur 127-137. Adolf Martin Ritter fragt, wie Lukians Götterspott zu der Götterkritik der Christen passt (141-165), ein ebenso souveräner wie detailgenauer Überblick. Götterkritik stieß bei den christlichen Autoren auf ein eher begrenztes Interesse, Spott gar nicht. Das Umgekehrte, den Götterlob, im Vergleich mit den Hymnen des Aelius Aristides, ebenfalls der Zweiten Sophistik zuzurechnen, behandelt Janet Downie (167-187). Sie arbeitet heraus, wie Aelius Aristides die gleichen anstößigen Erzählun­gen des Mythos, die Lukian zum Spott reizen, in harmonisch-positive Moral vollkommener Götter wandelt. Die Götter werden mit dem Guten identifiziert, die Ambivalenz des Poly­theismus „übertüncht“ (168). Das untersucht sie an den zehn Hymnen, die AA zur Rezitation in der Öffentlichkeit verfasst hat.[14] Andreas Bendlin ordnet Lukian ein in die zeitgenössische Religion (187-206).[15] Sehr reflektiert geht er mit dem Religionsbegriff um. Der bedeutende Beitrag wird hoffentlich bald in vollem Umfang und den Belegen vorgelegt werden.[16] Nes­selrath fragt im letzten Beitrag, ob die DD nur harmlos lustige Unterhaltung oder subversive Religionskritik seien aus neuzeitlicher Sicht (207-226). Im Mittelpunkt steht die Übersetzung des Christoph Martin Wieland 1788. Indices mit Bibliographie, Stellen, Namens- und Sach­register beschließen den vorzüglich vom Verlag betreuten und veröffentlichten Band (Faden­heftung, Leineneinband, Schutzumschlag, in Papier [nicht Plastikfolie] eingeschlagen).

Die etwa 30 Seiten griechischen Text von Lukians Göttergesprächen sind hier in ein modernes Deutsch übersetzt, knapp kommentiert und herausragend eingeordnet in den religiösen Kontext der Zeit.

 

 Bremen/Much, 10. Oktober 2019                                                           Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Schon im ersten der Zehn Gebote ist das Verbot ausgesprochen: „Du sollst den Namen Deines Gottes nicht missbrauchen!“ Das deutsche Straf-Gesetzbuch regelt im § 166 die Blasphemie. In anderen Staa­ten, v.a. islamischen, kann das sogar mit der Todesstrafe belegt werden. In multi-religiösen Staaten geht es weniger um die Majestätsbeleidigung Gottes, sondern um die Verletzung der Religion ande­rer. Ob das unter freie Meinungsäußerung (nach Artikel 18 des Grundgesetzes) fällt oder als Beleidi­gung, also Verletzung der Rechte Dritter, zu werten und zu bestrafen ist, bleibt umstritten.

[2] Odyssee 8, 267-366. In der Ilias käme dem nahe der Betrug an Zeus 14, 292-353. Beides im Zusammen­hang interpretiert bei Nesselrath in diesem Band 127-137.

[3] Dazu Christoph Auffarth: Ritual, Performanz, Theater: Die Religion der Athener in Aristophanes‘ Komödien. In: Anton F. Bierl, Rebecca Lämmle; Katharina Wesselmann (Hrsg.): Literatur und Religion 1: Wege zu einer mythisch-rituellen Poetik bei den Griechen. (MythosEikonPoiesis 1) Berlin; New York: de Gruyter 2007, 387-414. Zur ‚Religionskritik‘ des Euripides, Zeitgenosse des Aristophanes, aber auf Tragödien spezialisiert, s. Auffarth: Antike Konzepte von Heilig und Heiligkeit. Eine religionswissen­schaftliche Perspektive. In: Peter Gemeinhardt; Katharina Heyden (Hrsg.): Communio Sanctorum: Heilige, Heiliges und Heiligkeit in spätantiken Religionskulturen. (RGVV 61) Berlin; New York 2012, 1-33. Zur gleichen Tragödie Euripides, Ion vorzüglich Susanne Gödde: euphêmia. Die gute Rede in Kult und Literatur der griechischen Antike. Heidelberg: Winter 2011, 235-264.

[4] Gebete in Aristophanes‘ Komödien sind nicht nur Gebetsparodien (so Hermann Kleinknecht 1937), sondern auch ‚echte‘ Gebete (so Wilhelm Horn 1970). Umfassender zum ‚religiösen Register‘ Andreas Willi: The languages of Aristophanes. Aspects of linguistic variation in classical Attic Greek. Oxford: OUP 2003 [2007], 8-50.

[5] Der Unterschied zusammengefasst von Berdozzo, Griechische Götter 2019, 23 Anm. 59.

[6] Nesselrath: Lukianos [1] von Samosata. Der Neue Pauly 7(1999), 493-501. Ders.: Reallexikon für Antike und Christentum 23(2010), 676-702.

[7] Auffarth: Mit dem Getreide kamen die Götter aus dem Osten nach Rom: Das Beispiel des Serapis und eine systematische Modellierung. in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 20(2012), 7-34.

[8] Zu letzterem umsichtig Jan Bremmer: Peregrinus‘ Christian career. [2007] In: J.B.: Maidens, Magic and Martyrs in Early Christianity. Tübingen: Mohr Siebeck 2017, 5-79.

[9] Abgekürzt nach dem lateinischen Titel Dialogi Deorum DD.

[10] Nesselrath hatte die Oxford OCT-Ausgabe kritisch rezensiert [Gnomon 56(1984), 577-609] und arbeitet an einer Neuedition. Dazu die Liste der Differenzen zu McLeod’s Text 23-27. Heinz-Günther Nesselrath ist Professor für Griechisch an der Georg-August-Universität in Göttingen.

[11] Fabio Berdozzo: Götter, Mythen, Philosophen. Lukian und die Göttervorstellungen seiner Zeit. (UaLG 106). Berlin: de Gruyter 2011. FB ist Dozent für Alte Sprachen an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal(/Bethel).

[12] Auffarth: Atheismus. Der Neue Pauly 2(1997), 159-160. Zu dem Ausnahmefall der antiken Atheis­musprozesse Auffarth: Aufnahme und Zurückweisung ”Neuer Götter” im spätklassischen Athen: Religion gegen die Krise, Religion in der Krise. in: Walter Eder (Hrsg.): Die athenische Demokratie im 4. Jahrhundert v.Chr. Stuttgart: Steiner 1995, 337-365. In der Frühen Neuzeit werden Skeptiker gerne Epikuräer genannt; der Stoizismus dagegen mit seinem Deismus lässt sich mit dem staatstragenden konfessionellen Christentum vereinbaren. Die Analogie, die FB S. 122 zieht (wenn man heute der Kirche jede staatliche Unterstützung entzöge, …), trifft in keiner Weise.

[13] Auffarth: „Euer Leib sei der Tempel des Herrn“. Religiöse Sprache bei Paulus. In: Dorothea Elm-von der Osten; Jörg Rüpke; Katharina Waldner (Hrsg.): Texte als Medium und Reflexion von Religion im Römischen Reich. (PawB 14) Stuttgart 2006, 63-80. Sowohl Paulus wie auch sein Zeitgenosse Seneca sprechen zwar von einer tempellosen Religionspraxis, beziehen sich aber gleichzeitig auf den Tempel Gottes.

[14] Die Prose Hymns des Aristides sind von Donald Andrew Russell u.a. zweisprachig (Sapere 29) Tübingen: Mohr Siebeck 2016 herausgegeben. Darin besonders auch der Essay von Robert Parker, der das Eigenverständnis des AA herausarbeitet, dass er mit den Hymnen religiöse Akte vollziehe, etwa ein Weihgeschenk darbringe. Weiter die Tendenz zu monotheistischer Gotteskonzeption.

[15] Nesselrath hat den wichtigen Beitrag von AB, dessen Text zur Tagung vorlag, aber nicht zur Druckreife gelangte, in Form eines Berichtes mitgeteilt, d.h. mit knappen Belegen.

[16] Ebenso ist auf den Lexikon-Artikel „Religion“ von Ilinca Tanaseanu-Döbler zu verweisen, der im Reallexikon für Antike und Christentum erscheinen wird.

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Jüdischer Religionsunterricht

Elisa Klapheck, Bruno Landthaler, Rosa Rappoport:

Deutschland braucht jüdischen Religionsunterricht,

Verlag Hentrich & Hentrich
Machloket‚Streitschriften Bd. 4, Berlin 2019, 80 S.,
ISBN: 978-3-95565-342-2
9,90 Euro

 

Im Herbst 2019 über jüdischen Religionsunterricht in Deutschland zu reflektieren, kann nicht unberührt sein von den steigenden Anfeindungen und Angriffen, denen Menschen jüdischen Glaubens hier ausgesetzt sind. Der Mordanschlag von Halle am 9. Oktober ist ein erschütterndes Signal und zeigt seine Auswirkungen in vielfältiger Hinsicht.

Kurz zu den Autoren: Elisa Klapheck ist liberale Rabbinerin in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt a. M., Bruno E. Landthaler ist jüdischer Theologie und Pädagoge, Rosa Rappoport ist Religionslehrerin und Mitarbeiterin bei der Entwicklung von Lehrplänen in NRW[1]. Das Büchlein ist folgendermaßen aufgebaut: Auf ein Vorwort von Rabbinerin Elisa Klapheck folgt der Beitrag von Bruno Landthaler[2]: Jüdischer Religionsunterricht und säkulare Gesellschaft. In einem ausführlichen Fachgespräch unterhalten sich die jüdische Religionslehrerin Rosa Rappoport und die liberale Rabbinerin Elisa Klapheck über den kompetenzorientierten Religionsunterricht, unter dem Leitaspekt „Respekt vor dem Anderssein“. Weiterführende Literatur wird vorgestellt, dazu Zitate aus dem Talmud zur Schulpflicht sowie ein kleines Lexikon jüdischer Begriffe zum Kanon.

Jüdischer Religionsunterricht ist kein neues Schulfach, das eingefordert würde, etwa um Antisemitismus einzudämmen. Diesen Unterricht gibt es, durch grundgesetzliche Absicherung[3] und in Absprache mit den Schulministerien, schon lange. Allerdings in kleinem Umfang, und zumeist findet er in den jüdischen Gemeinden statt. Die gesellschaftlichen, religiösen und schulischen Kontexte haben sich gewandelt. Das Christentum ist nicht mehr die „selbstverständliche Religion der Mehrheit“ [4]. An einigen Standorten in Deutschland findet an den öffentlichen Schulen auch jüdischer RU statt, darüber hinaus in einigen Städten an jüdischen Schulen. Bruno Landthaler stellt in seinem Beitrag die gesellschaftliche Verortung jüdischen Glaubens in den Vordergrund. Er kritisiert die bisherige Fokussierung jüdischer Katechese auf die „Vermittlung religiöser Riten und Bräuche“ (16) und plädiert für eine stärkere Orientierung an Situationen der säkularen Lebenswelt. Die Didaktik der bisherigen Religionsvermittlung orientiere sich stark an traditionell-orthodoxen Glaubensinhalten, liberal-konservative Positionen seien zu wenig erkennbar.

Landthaler untersucht drei Kerncurricula für jüdischen RU: Baden-Württemberg (BW), Hessen (HE) und Nordrhein-Westfalen (NRW). Starke Kritik über er an Vorgaben des Bildungsplanes von BW. Unreflektiert werde dort von „Lehren von Gott im Judentum“ gesprochen, die Tora werde nicht als historische literarische Schrift wahrgenommen, sondern lediglich im traditionellen Muster autoritativ vorgestellt. Im hessischen Kerncurriculum dominiere eine katechetische inhaltliche  Struktur, die im Kontext einer staatlichen Schule befremdlich wirke: „Das Fach vermittelt das Wissen, das zur Ausübung von Tradition, Ritus und Kultus sowie zur Einhaltung der Religionsgesetze befähigt“ (28). Deutlich positiver wird der Plan des Landes NRW eingeschätzt. Hier werde ein offener Umgang mit der Tradition angesetzt, und die Auseinandersetzung mit Kultur, Geschichte und Religionen aus heutiger jüdischer Perspektive angestrebt (vgl. 31-35).

Landthalers Ausführungen haben mehrere Zielrichtungen:

  • gleichberechtigter Stand jüdischen Religionsunterrichts im Schulwesen,
  • Ausbau einer modernen Fachdidaktik für die Ausbildung und für Curricula
  • Stärkung der öffentlichen Präsenz und Wahrnehmung jüdischer Religion in der pluralistischen Gesellschaft.

„Gerade Schule als öffentlicher Raum bietet Gelegenheit, die eigene Religion in einer Weise zu versprachlichen, die nicht nur nach innen verstehbar ist“ (42).

Im  Gespräch zwischen E. Klapheck und R. Rappoport werden viele interessante Themen angesprochen. Ganz konkret tauschen sie sich über die eigene Biografie und über das Verhältnis zu Orthodoxie bzw. Liberalem Judentum aus. Verschiedene Perspektiven zum interreligiösen Dialog werden vorgestellt. Der Austausch über Gemeinsamkeiten und Differenzen – mit dem „Respekt vor der Differenz“ (66) – sei die Bedingung für interreligiöse Erfahrungen. Es wird auch darauf eingegangen, dass aus jüdischer Sicht gewisse Erschwernisse im Dialog sowohl mit Christen als auch mit Muslimen vorkommen. Die religionsdidaktische Frage nach Bildung der religiösen Identität für jüdische Schülerinnen und Schüler wird ebenfalls erörtert.

Die drei Autorinnen und Autoren haben zahlreiche Anknüpfungspunkte vorgelegt, die sowohl für die Diskussion innerhalb der jüdischen Gemeinden als auch bei den Fragen schulischer religiöser Bildung von großer Bedeutung sind. Über den schulischen Religionsunterricht wird in Deutschland gegenwärtig stark debattiert. Dass die jüdische Stimme auch gehört wird und innerhalb des pluralistischen Systems einen wichtigen Beitrag leisten kann, ist ein bedeutender Ertrag dieser Schrift.[5]

 

Dr. Manfred Spieß
Oldenburg

14.11.2019

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[1] Den Kernlehrplan für NRW kann man hier finden: https://www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/lehrplan/80/KLP-SI-Juedische_Religionslehre.pdf

[2] Bruno Landthaler und Hanna Liss haben im Jahre 2018 didaktische Materialien für den Schulunterricht herausgegeben: „Wie das Judentum mit der Tora lebt. Weisung von ganz oben“. Cornelsen/Scriptor. Mehr dazu hier in der Rezension: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/05/28/aus-erster-hand-das-judentum-im-religionsunterricht/  –  Beide veröffentlichten 2016 auch eine fünfbändige Kindertora: „Erzähl es deinen Kindern“; https://www.ariella-verlag.de/erzaehl-es-deinen-kindern-die-torah-in-fuenf-baenden-gesamtedition/

[3] Der schulische Religionsunterricht der Religionsgemeinschaften ist in Art. 7, Abs. 3 des GG geregelt.

[4] So Elisa Klapheck in der Vorbemerkung, 9. – Weitere Veröffentlichungen von E. Klapheck sind hier zu finden: https://www.hentrichhentrich.de/buch-deutschland-braucht-juedischen-religionsunterricht.html

[5] Wenngleich der Reihentitel „Streitschrift“ heißt, so ist die hier vorliegende Art des Streitens m. E. eine absolut würdige und fruchtbringende Form!

 

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Mulsow: Radikale Frühaufklärung

Martin Mulsow: Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680-1720

 

Band 1: Moderne aus dem Untergrund. 502 Seiten. Band 2: Clandestine Vernunft. 624 Seiten. Göttingen: Wallstein Verlag [2018].

 

Die Aufklärung war viel bunter, keineswegs nur Religionskritik

 

Kurz: In einer verbreiteten Lesart hatte ‚die‘ Aufklärung die Kritik und Abschaffung der Religion zum Ziel. Martin Mulsow zeigt eine sehr vielfältige frühe (d.h. um 1700 disku­tierende) Aufklärung, die zwar überkommene religiöse Traditionen verwirft, aber durchaus in der kulturellen Überlieferung der Religionen Schätze findet und aufpoliert. In den spannend erzählten Fällen wird die Aufklärung um viele Namen und Themen bereichert.

Ausführlich:

Der erste Band ist die Neuauflage des 2002 erschienenen Buches, der Habilitation des Autors.[1] Martin Mulsow entwickelte dort die These, dass es die Aufklärung gab, aber die hat eigentlich nicht die Moderne hervorgebracht. Dazu brauchte es die ‚radikale‘ Aufklärung. Eine ähnliche These vertrat Jonathan Israel.[2] Spinoza, auf den sich die Radikalen fast immer berufen, ist allerdings nicht der einzige Ideengeber. Das frühere Buch hat nun der für seine sorgfältige Buchherstellung zu rühmende Wallstein-Verlag in Göttingen wieder verlegt (leicht überabeitet die Kapitel I – VIII; die Bibliographie und Register nun zusammengefasst im Zweiten Band) zusammen mit dem schon in der Fassung von 2002 angekündigten zwei­ten Band mit den Kapiteln 9-15. Clandestine Vernunft soll nicht heißen, wie MM etwas iro­nisch meint, die Vernunft habe sich clam[3] heimlich durchgesetzt in der Aufklärung, sondern dass es viele Bücher, Broschüren, Dissertationen gab, die vernünftige und riskante Ideen vortrugen, aber in den erdrückenden Institutionen der Welt nach dem Kampf auf Leben und Tod im Dreißigjährigen Krieg nicht zur Kenntnis genommen und/oder unterdrückt wurden. „Diese Impulse waren fast immer prekär: [4] sie entbehrten der Stabilität, wie sie Institutionali­sierungen bieten; sie waren fragil, leicht zu unterdrücken und widerrufbar.“ (9)

Kapitel IX (11-96) handelt von der Unsterblichkeit der Seele, die jetzt unter dem Einfluss der Naturwissenschaft zur sterblichen Seele wird. Schon in England ein halbes Jahrhundert dis­kutiert, kommt das Thema durch einen ‚akademischen Unfall‘ (18, eher die in der Universität gewollte Provokation bei der Verteidigung einer Dissertation 1704) auch in Deutschland auf, ausgerechnet in Wittenberg, Hort des Luthertums. Wenn Tiere leben, aber keine unsterbliche Seele haben (sollen), wie ist dann das Leben der Menschen zu erklären, fragt der Mediziner Urban Bucher. – Kapitel X Natur und Idolatrie (97-138) beschreibt die Ambivalenz von Natur als Materie und als göttliches Gegenüber. Hinter dem Bilderdiskurs der Ethnographie und des Alten Ägypten verknüpft zu einem Heidentum steht die Kritik der konservativen Auf­klärer an den zeitgenössischen Radikalen. Die Entschleierung der Isis wird ein Bild für die Erkenntnisse der Naturwissenschaftler (Abb. S. 101).[5] Kapitel XI (139-174) erklärt den Diskurs, wie die antike Temperamentenlehre auf einmal als atheistische Lehre gehandelt wurde, aber auch grundlegt, die einzelnen Nationen (die Deutschen, die Franzosen) mit bestimmten Eigenschaften (heißblütig, träge) zu stereotypisieren. – Das umfangreiche Kapitel XII (175-251) legt das wichtige Thema dar „Naturrecht und Skeptizismus im Widerstreit zu Religion und Moral“. Hugo Grotius schrieb 1625 sein Werk De iure belli ac pacis. Wenn jede Konfession seit der Reformation ihren Rechtsanspruch von Gott herleitete: Wessen Gott hatte Recht? Der französisch-katholische, der niederländisch-calvinistische? Und außerhalb der Hoheitsgewässer auf den Weltmeeren? Man musste tiefer ansetzen, bei dem natürlichen Recht. Vor Moses mit den zehn Geboten und der Aufteilung der Mensch­heit beim Turmbau zu Babel, was für ein Recht gab es da? Die Aufklärer suchten nach einem Menschheitsrecht, das ebenso für die Eingeborenen wie für Christen, welcher Konfession auch immer, galt. – Kapitel XIII (252-312) behandelt den Versuch der Sozinianer, Glaube und Vernunft zu versöhnen. Ein wichtiges Beispiel für den Kulturtransfer (statt „Einfluss“: 261f). Die Vereinbarung des Humanismus mit dem Protestantismus in Italien und emigriert nach Polen findet eine Synthese in Friedrich Wilhelm Stosch: Condordia rationis et fidei, anonym 1692 veröffentlicht. – Das lange Kapitel XIV (313-422) bespricht einen Knäuel an aufeinander bezogene Schriften, ausgelöst durch den Hamburger Pietismus-Streit und den Bezug auf Jakob Böhme in der neuen Gesamtausgabe 1682, die Kabbala denudata des Christian Knorr von Rosenroth 1677-1684. Überhaupt ist Judentum und jüdische Schriften gut repräsentiert.[6] Dabei stößt man auf das Paar radikaler Pietisten, Wilhelm und Eleonora Petersen. – Kapitel XV (423-487): Die Menschlichkeit der Religionsstifter Moses und Jesus zwischen Erhöhung und Erniedrigung. Interessant etwa die Deutung der Sündenfallgeschichte 441f. Auch Mohammed im Aufklärungsdiskurs wird 456-458 behandelt.[7] Mose wird zum Schüler der Ägypter, Jesus wird seiner Jungfrauengeburt und damit Gottessohnschaft entkleidet. – Das Buch endet mit der Zusammenfassung (488-492). Dann beginnt der Nachweis der hand­schriftlichen Quellen, der zeitgenössischen Literatur auf 36 Seiten und 75 Seiten Forschungs­literatur. Bildnachweis und ein sehr gutes Register. Eine Wundertüte wie die Bibliothek im Schloss Friedenstein birgt viele der clandestinen Schriften des 17. und 18. Jahrhunderts. Aber die äußerst seltenen Schriften aufzutreiben bedarf es eines Netzwerks von Forschern und des Austausches in Form von Forschungsbeiträgen, die sie untereinander austauschen. Zumal die clandestinen Autoren auch gerne falsche Fährten legten. Oder: „Allein aus dem Bemühen, selbst nicht heidnisch oder atheistisch zu sein, wird für den Gegner eine Position konstruiert, die ihn geradezu künstlich zu einem Radikalen macht.“ (239). Das Verzeichnis enthält beeindruckende 93 Aufsätze und Bücher des Autors MM. Der weiß aus den müh­samen Recherchen eine spannende Geschichte des Falls zu erzählen, die Einzelheiten sind sorgfältig notiert und – welche ein Glück für dieses Buch! – in Fußnoten auf der Seite direkt zu sehen; aber das Argument bleibt straff. Die lateinischen Zitate in der Fußnote übersetzt MM im Haupttext in ein modern-elegantes Deutsch. Die Aufklärung ist so viel bunter und verschiedener, als die Handbücher das bisher als eine ziemlich einheitliche Bewegung der Vernunft gegen die religiöse Tradition darstellten.

 

Bremen/Wellerscheid, 14. September 2019                          Christoph Auffarth

Religionswissenschaft
Universität Bremen

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[1] Hamburg: Meiner, 2002. Das Buch wurde 2015 auch ins Englische übersetzt: Enlightenment under­ground. Radical Germany 1680-1720. Charlottesville: University of Virginia Press. Der Autor ist Professor an der Forschungsbibliothek Gotha/Erfurt. Den Namen kürze ich im Folgenden mit den Initialen MM ab.

[2] Zu Jonathan Israel und Martin Mulsow (Hrsg.): Radikale Aufklärung. 2014 (s.u. Anm. 4). Spinoza u.a hier in Band 2, 130-136

[3] Lateinisch clam „heimlich“, Adjektiv dazu clandestinus.

[4] Das erklärt Martin Mulsow in seinem Buch Prekäres Wissen. Eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit. Berlin: Suhrkamp 2010. Rezension Auffarth: Gegen das scheinbar sichere Wissen: Gefährliche Erkenntnisse in der Frühen Neuzeit. Martin Mulsow: Prekäres Wissen. 2012. – Jonathan I. Israel; Martin Mulsow (Hrsg.): Radikalaufklärung 2014. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2014/06/01/martin-mulsow-prekaeres-wissen/ (1.Juni 2014).

[5] Berühmt die Ballade von Friedrich Schiller 1795.

[6] 459, Anm.109 muss es sicher Liber Toldot Jeschu, nicht Toldos heißen.

[7] Gleichzeitig erschien Daniel Cyranka: Mahomet. Repräsentationen des Propheten in deutschsprachigen Texten des 18. Jahrhunderts. (Beiträge zu Europäischen Religionsgeschichte) Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht [2018].

 

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Der Papst als Antichrist

Unter anderem eine Rezension zu

Nelly Ficzel: Der Papst als Antichrist. Kirchenkritik und Apokalyptik im 13. und frühen 14. Jahrhundert.

(Studies in Medieval and Reformation Traditions 214)
Leiden: Brill 2019. IX, 446 Seiten.
ISBN 978-90-04-38323-4

 

Ein Paradigmenwechsel in der Europäischen Religionsgeschichte: Joachim von Fiores Drittes Reich.

Kurz: Joachim von Fiore (gestorben 1202) hat ein epochemachendes Werk hinterlassen, das bekämpft oder begierig aufgesogen wurde. Eine zentrale Metapher darin ist die Rede vom „Dritten Reich“. Die lang erwartete kritische Ausgabe nähert sich der Vollendung, eine Dissertation diskutiert kompetent die Rezeption der ersten hundert Jahre, eine knappe Bemerkung gilt der Bewertung einer Linie der Geschichtsphilosophie, die Karl Löwith 1949 von Joachim bis zur Katastrophe der Selbstzerstörung des Nationalsozialismus führte.

Ausführlich: Joachim von Fiore ist eine zentrale Gestalt in der Europäischen Religionsge­schichte, insofern er die Logik der zwei Epochen, des Alten und des Neuen Testaments ersetzt durch eine trinitarische Geschichtstheologie mit einem Dritten Reich: wie das Neue Testament das Judentum auflöst in das Christentum, die Synagoge ersetzt durch die Kirche, so wird bei ihm weiter die Kirche durch eine neue, dritte Epoche aufgehoben. Das Reich des Vaters (Judentum, Moses‘ Gesetz, repräsentiert durch Abraham und Moses, aber prophetisch übertroffen durch Propheten wie Jesaja/ Jeremia/ Ezechiel) wird ersetzt durch das Reich des Sohnes, Jesus und die Stiftung der Kirche mit der Gründung auf Petrus und/oder alternativ auf die Jünger insgesamt. Mit Johannes gibt es eine weitere Prophetie, die über das Evangeli­um und Neue Testament hinausweist: Der Islam sah sich dadurch vorausgesagt und bestä­tigt.[1] Enorm wirksam in der Europäischen Religionsgeschichte war die Apokalypse des Jo­hannes, die ‚Offenbarung‘, die Apokalypse als letztes prophetisches Buch des Kanons ‚Neues Testament‘, das durchaus im Konflikt mit dem Evangelium steht, weil es gegen das univer­salistische Prinzip des Evangeliums eine dualistische Spaltung in Gut und Böse aufstellt. Joachim von Fiore (gestorben 1202) hingegen verwendet das trinitarische Prinzip: Über das dualistische Prinzip hinaus verlangt die Prophetie ein Drittes Reich.  Das bedeutet (1) eine fundamentale Kritik als Ende, Niedergang, Katastrophe der bestehenden ‚römischen‘ Kirche mit ihren (Welt-)Klerikern – und (2) die Prophetie einer dritten Epoche der Heilsgeschichte des ‚Heiligen Geistes‘. Die Weltgeschichte wird trinitarisch: Vater, Sohn muss ergänzt werden durch eine Dritte, letzte und erfüllende Epoche, die des Heiligen Geistes. Träger sind die Mönche, nicht die Kleriker. Das stellt die Interpretation der Apokalypse auf den Kopf. Bisher war sie fast durchgängig so verstanden worden, dass die Weltgeschichte abgeschlos­sen wird in einem erschreckenden Weltende, danach beginnt in einer anderen Welt Gottes ewiges Friedensreich. Nach dem Tod im Jenseits. Joachim aber sieht in Kürze ein inner­weltliches Reich: Die Amtskirche hat abgewirtschaftet, der Antichrist sitzt auf dem Papst­thron. Aber noch in der Geschichte wird er besiegt und ein Tausendjähriges Reich der Heiligen und Erwählten wird folgen: Diese innerweltliche Auslegung der Apokalypse nennt man Chiliasmus (oder millenniaristisch). Der erfüllt sich aber nicht, wie das die quietistische Interpretation gerne will, irgendwie esoterisch, sondern revolutionär, aktionistisch. Dahinter stehen die enormen Konflikte des 13. Jahrhunderts, in der die Prophezeiungen Joachims auf das Tagesgeschehen angewendet und unter seinem Namen (Pseudepigraphie) weiterge­schrieben werden.

In diesem Beitrag berichte ich über dreierlei: Einmal über die Kritische Ausgabe der Werke des Joachim, die jetzt erfreulicherweise nahezu vollständig vorliegt. Zum andern über die Rezeptionsgeschichte in den hundert Jahren nach Joachims Tod, die Nelly Ficzel in einer beeindruckenden Dissertation erforscht hat. Sodann fragmentarisch zur Rezeption im 20. Jahrhundert in der Auseinandersetzung um den Nationalsozialismus.

Die kritische Ausgabe der Werke Joachims nähert sich der Vollendung

Die Werke Joachims von Fiore waren lange nur in frühen Drucken zu greifen: Das zeigt einerseits das auch noch im frühen 16. Jahrhundert, also dreihundert Jahre nach dem Tod des Propheten das anhaltende Interesse und die Rezeption der Papstkritik in der Reformati­on, andrerseits die Verengung der breiten Handschriftenüberlieferung auf die eine Druck­vorlage. Nach ersten Vereinbarungen 1929 zwischen Herbert Grundmann[2] und Ernesto Buonaiuti zu  einer kritischen Edition gründeten die historischen Institute Italiens und Deutschlands 1990 eine internationale Kommission (Kurt-Victor Selge, Robert E. Lerner, Alexander Patschovsky, Gian Luca Podestà, Roberto Rusconi). Es dauerte lange, weil erst die Handschriften in allen möglichen Bibliotheken zusammengestellt werden mussten, mit wichtigen Entdeckungen, daraus wurden ediert die Opera omnia.

Von den Abteilungen liegen mittlerweile vor: Die Hauptwerke (Band 1-2), die kleineren Werke (4, 1-6) und der Evangelien-Kommentar (5). Noch fehlt der wichtige Apokalypsen-Kommentar (3). Die Werke sind mit umfangreichen Einleitungen sorgfältig inhaltlich vorgestellt, in den Kontext gestellt, datiert, und in Kenntnis aller Handschriften ediert. Dabei ist von Bedeutung, dass Joachim den Text diktiert hat und bei der Korrektur Notizen gemacht hat, die unterschiedlich eingearbeitet wurden. Für die Concordia etwa kann man keinen Autorentext (Archetyp) rekonstruieren, sondern drei Hyp-Archtypen, die sich auf einen Text beziehen, „der sich über einen längeren Zeitraum hinweg in Bewegung befand.“[3] „Es ist in der Joachimforschung über lange Zeit hin und durchaus bis zur Gegenwart viel zu viel und auf schwacher editorischer Grundlage behauptet und gedeutet worden.“[4] Dazu gibt es jetzt eine neue Grundlage.

Joachim <de Flore>: Ioachim abbas Florensis: Opera omnia.

1 Psalterium decem cordarum. A cura di Kurt-Victor Selge. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 32) Roma 2009. = (Monumenta Germaniae historica. Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 28) Hannover: Hahn 2009. [ND 2014] CCXCVII, 467 S. Ill.

2 Concordia Novi ac Veteris Testamenti.  Ed. Alexander Patschovsky. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 32) Roma 2017. = (Monumenta Germaniae historica. Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 28) 4 Bände. Wiesbaden: Harrassowitz 2017. CDXXIX, 1497 Seiten.

3 [Expositio in Apocalypsim. Die Praefatio ed. Selge in: Deutsches Archiv 46(1990),85-131.]

4 Opera minora.

  1. Dialogi de prescientia dei et predestinatione electorum. ed. Gian Luca Potestà. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 4) Roma: Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 1995. XIV, 158 S.
  2. Sermones. Ed. Valeria de (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 18) Roma: Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 2004. CI, 131 S.
  3. Exhortatorium Iudeorum. Alexander Patschovsky. Appendix: Versio abbreviata exhortatorii iudeorum auctore incerto confecta ed. Brigitte Hotz. Roma: Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 2006. XII, 439 S., Illustrationen.
  4. Tractatus in expositionem vite et regule beati Benedicti: cum appendice fragmenti (I) De duobus prophetis in novissimis diebus praedicaturis. Patschovsky, Alexander; Lerner, Robert Earl. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 29) Roma 2008. XII, 482 S. Ill., graph. Darst.
  5. De articulis fidei ad fratrem Iohannem: confessio fidei. Valeria de Fraja; Robert E. Lerner. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 37) Roma 2012. XCV, 139 S. Ill., graph. Darst.
  6. Scripta breviora. Ed. Alexander Patschovsky; Gian Luca Podestà. Genealogia sanctorum antiquorum patrum, De prophetia ignota Soliloquium, Intelligentia super Calathis, Quaestio de Maria. Magdalena et Maria sorore Lazari, De ultimis tribulationibus, Epistolae, Poemata duo. (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 40) Roma: Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 2014. [xi,] 609 Seiten.

5 Tractatus super quatuor evangelia. ed. Francesco Santi (Fonti per la storia dell’Italia medi­evale. Antiquitates 17) Roma: Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, 2002. LXXXII, 390 S.

Alexander Patschovsky: Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore. Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Ostfildern: Thorbecke, 2003.

Liber figurarum. Marjoree Reeves; Beatrice Hirsch-Reich (ed.): The figurae of Joachim of Fiore. (Oxford-Warburg Studies 8) Oxford 1972.

Die Rezeption von Joachims Prophetie in den hundert Jahren nach seinem Tod: Der jetzige Papst ist in Wirklichkeit der Antichrist

Galt Joachim zu Lebzeiten vor allem als Prophet, so entwickelte sich die Brisanz seiner Kritik an der Amtskirche und die Vorhersage, dass 1260 das dritte Zeitalter anbrechen werde, getragen von einer Gemeinschaft von Erwählten im Geiste, eine ecclesia spiritualis, erst nach seinem Tode. Denn zwei Mönchsgemeinschaften verabscheuten das luxuriöse höfische Leben der Päpste und lebten ausdrücklich in Armut: die Bettelorden der Franziskaner und der Dominikaner. Sie bewegten sich auf Messers Schneide, wenn sie die Amtskirche kritisier­ten, konnte ihnen doch jederzeit die Rechtgläubigkeit abgesprochen werden und sie so zu Ketzern erklärt werden.[5] Ein Teil der Franziskaner, die Franziskaner-Spiritualen, die eben für sich in Anspruch nahmen, die Träger der neuen Kirche zu sein, erfuhren diese Verfolgung. Ihr Verfolger, so war es in der Apokalypse vorausgesagt, war der Antichrist, also der Papst und die Papstkirche. Eine Strategie, sich vor der Verfolgung zu schützen, war einmal die nach außen betonte Orthodoxie (vor allem Bonaventura), zum andern aber, indem sich die Dominikaner und Franziskaner als Arbeiter der Papstkirche anboten, indem sie die Durch­führung der Inquisition übernahmen, die ab 1230 eingerichtet wurde.

Mit der Rezeption der neuen Heilsgeschichte Joachims beschäftigt sich die Monographie von Nelly Ficzel. In eingehenden Interpretationen der Schriften der etwa hundert Jahre nach Joachims Tod 1202, die sich mehr oder weniger explizit auf diesen berufen oder gar ihn als Autor reklamieren, arbeitet sie die Forschung auf und kommt zu neuen Ergebnissen. Wer wie sie das Mittellateinische gut beherrscht, vermag ihrer Argumentation gut zu folgen; wer nicht, bekommt keine Übersetzung, allenfalls Paraphrasen.[6] Zunächst stellt sie die Schriften Joachims von Fiore vor. „Er [Joachim] wandte sich an die wahre Kirche in der falschen, als welche ihm die von Christus gestiftete Heils- und Erlösungsgemeinschaft in seiner Gegen­wart vorkam.“ (33) Nach der detaillierten Interpretation der beiden Kommentare, die unter dem Namen Joachims die Klage-Propheten Jeremia und Jesaja auf die Gegenwart hin aus­legen, wendet sie sich weiteren Schriften zu. Zwei Knotenpunkte bespricht sie besonders: Da sind die Schriften, die im Konflikt zwischen Papst und dem deutschen Kaiser und süditali­enisch-sizilischen König Friedrich II. wechselseitig die andere Seite zum Antichrist erklären. Und glänzend das andere, fast die Hälfte des Buches ausmachende Kapitel um den Engels­papst. Das Jahr 1260 war vergangen, aber es war kein Führer aufgetreten, der das neue Reich des Geistes errichtete. In der Enttäuschung und in der Erwartung begann eine Bewegung ganz Europa zu ergreifen: die Geißler. In der Nachfolge Christi, aber ohne den vorausgesag­ten Messias (der am ehesten Franzskus, der zweite Christus/alter Christus mit den Wund­malen,[7] gewesen wäre, oder Friedrich II., der aber 1250 starb – oder in den Berg entrückt wurde, um eines Tages plötzlich den Umschwung herbeizuführen)[8] verstanden die Geißler so, dass sie wie Christus leiden sollten. Endlich 1294 schien die Prophezeiung in Erfüllung zu gehen: Der neu gewählte Papst war ein Armer, ein bescheidener frommer Mensch: Coelestin V. Als er aber feststellen musste, dass er den Intrigen der Papst-Curie nicht gewachsen war, gab er das Amt zurück. Nachfolger wurde der Oberintrigant Bonifaz VIII. Auf das Lamm folgte die listige Schlange. Die Rechtmäßigkeit sowohl des Rücktritts als auch die Tricks, mit denen der Nachfolger das Amt erhielt, waren heftig umstritten. Mit der internationalen Forschung (italienisch, französisch, angelsächsisch, deutsch) bestens vertraut,[9] schärft sie die Interpretationen, etwa bei den Visionen des Robert von Uzès.[10] So weit ausgezeichnet die Erstlingsschrift. Demgegenüber fällt die Einleitung (1-40) ab. Für eine Historikerin unge­wöhnlich Theorie-affin experimentiert sie mit Begriffen wie Komplexitätsreduktion[11] und Kontingenzbewältigung, Öffentlichkeit, Propaganda. Die These, dass die ganze Joachim-Rezeption Sache einer kleinen Bildungselite sei (18) , müsste sie eigentlich revidieren angesichts der breiten apokalyptischen Bewegungen wie die der Geißler, der sehr populären Franziskaner als Träger der joachimischen Prophezeiungen, mit denen sie sich identifizieren. Die joachimische Bewegung sozialgeschichtlich einzuordnen, lehnt sie ab, obwohl das in Teilen durchaus weiterführt.[12] Es fehlt fast vollständig die Operationalisierung der Unter­scheidung, was im Einzelfall ‚orthodox‘ sei, durch die Inquisition. Immer wieder aufgenom­men hat sie hingegen die religionswissenschaftliche Apokalypse-Interpretation von Alex­ander-Kenneth Nagel. Dabei kommt sie aber nicht auf den Punkt, (1) die kalte Apokalyptik eines essentiellen Dualismus mit einem Himmelreich im Jenseits zu unterscheiden (2) von der heißen Apokalyptik mit einer chiliastischen Phase in dieser Welt, vor der allerdings in der Gegenwart das Wüten des Antichrist (der Teufels potenziert durch die Endzeit) zu ertragen ist. Antichrist und Tausendjährige Herrschaft Christi mit seinen Heiligen sind fundamental verschiedene Perspektiven auf die Apokalyptik. (3) Mit dem Buch der Apoka­lypse ist für die Theologen der Auftrag verbunden, dieses Buch zu kommentieren und zu verstehen, was aber fast immer zu einer kalten Interpretation führt.[13] Die fehlende Differen­zierung, obwohl NF Ansätze dazu erkennen lässt, aber diesen fundamentalen Punkt nicht realisiert, führt zu Fehleinschätzungen.[14]

Der Nationalsozialismus als ‚Drittes Reich‘

Goebbels und Adolf Hitler verkündeten und nutzten als religiöse Akzeptanz der ‚Bewegung‘ des Nationalsozialismus die Metapher des „Dritten Reiches“. Die Bedeutung der chiliasti­schen Utopie des Dritten Reiches in der Europäischen Religionsgeschichte (ERG) hat unmit­telbar nach der Katastrophe der Dritten Reiches der ins Exil vertriebene Karl Löwith 1949 in folgenden Zusammenhang gestellt: Was Joachim von Fiore verkündet, hätten andere aufgegriffen als Erfüllung der Prophezeiung und in diesseitigen, immanenten statt jenseiti­gen Konzepten des ‚Himmel’reiches in säkulare Modelle der Utopie umgewandelt: Hegel, Marx, Hitler. Diese Deutung des Nationalsozialismus hat eine lange Debatte hervorgerufen, aus der ich nur wenige Stationen hervorhebe: Die Kontroverse zwischen den befreundeten Carl Schmitt und Erik Peterson (im Zusammenhang mit der Konversion des evangelischen Professors Peterson zum Katholizismus Weihnachten 1930, die Kontroverse zog sich weit in die NS-Zeit hinein), über Schmitts ‚politische Theologie‘ und seine These, alle politischen Begriffe seien säkularisierte Begriffe der Heilsgeschichte.[15] Nicht grundsätzlich wider­sprechend stellte Peterson sie unter den ‚eschatologischen Vorbehalt‘. Sie diskutierten das u.a. an der Frage, ob ein weltlicher Herrscher von Gott zum Akteur der Heilsgeschichte erwählt werden könnte. Nicht direkt an Hitler, sondern in historischer Verkleidung: War Augustus (indem er „erließ ein Edikt, dass alle Welt geschätztet würde“ und damit die Geburt des Heilands in Bethlehem herbeiführte) eine Person der Heilsgeschichte.[16] Später, in der Verarbeitung des Nationalsozialismus hat dem Satz Schmitts Hans Blumenberg wider­sprochen: Die Neuzeit hat nicht theologische Begriffe enteignet und säkularisiert, ist also illegitimes Kind des Christentums, sondern hat eine eigene Legitimität der Neuzeit.[17]

Neben der „Springflut an wissenschaftlichen Arbeiten zur Apokalyptik zur Jahrtausend­wende“ (die Ficzel hervorhebt) sind wissenschaftsgeschichtlich bedeutsam die Arbeiten zur Apokalyptik, die in den Anfangsjahren des ‚Dritten Reiches‘ geschrieben wurden, das sich selbst als apokalyptische, genauer als chiliastische Bewegung verstand:[18] Dass das von Zeitgenossen auch so verstanden wurde, belegen u.a. die Arbeiten zur mittelalterlichen Prophetie und Chiliasmus, die in diesen Jahren veröffentlicht wurden. Da sind zu nennen neben Herbert Grundmann[19]  (*1902) Ernst Benz (*1907),[20] Wilhelm Kamlah (*1905)[21]– im weiteren Umkreis gehören zu dem Diskurs die Kritiker des NS Alois Dempf (*1891),[22] Carl Erdmann (*1898),[23] Gerd Tellenbach (*1903),[24] Ernst Hartwig Kantorowicz (*1895).[25]

Diese genannten Wissenschaftler diskutierten angesichts der Erfahrung ihrer Zeitgeschichte die religionsgeschichtliche Bedeutung des Anspruchs der Nationalsozialisten, das Dritte Reich als Tausendjähriges Endreich zu erkämpfen, in der die Herrschaft Christi mit seinen Auserwählten ein Leben ermöglicht, das ‚rein‘ ist von Gegnern und befreit vom Teufel.[26] Die ‚Endlösung‘ (die Ermordung aller Juden in Europa) wurde zum zentralen Ziel, mehr noch als der Weltanschauungskrieg gegen die gottlosen Kommunisten. Der religiöse Hintergrund einer großen Erzählung vom eschatologischen Dritten Reich aus der vielfältigen religiösen Tradition war ein starkes Movens für das konkrete Handeln, nicht das einzige natürlich. Nach der Katastrophe und der Zäsur 1945 verstanden im Rückblick viele, darunter Karl Löwith, den Nationalsozialismus als Gipfel des Nihilismus.[27] Auch Ernst Benz verwendet die Figur, hält Nietzsches Kritik des Christentums aber für die notwendige Grundlage seines theologischen Denkens.[28] Für viele Zeitgenossen aber ermöglichte der Nationalsozialismus die Wiedergewinnung des Glaubens und des Christentums.[29]

 

 Bremen/Much,  19. September 2019                                            Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,

Universität Bremen

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[1] Im Johannes-Evangelium kündigt Jesus seinen Jüngern an, er werde ihnen, wenn er die Welt verlas­sen hat (bei Johannes: seinen Auftrag erfüllt hat), einen Parakleten schicken (Johannes 14,16). Darauf beruft sich Mo­hammed, er sei dieser Paraklet. – In der Johannes-Offenbarung (im Folgenden immer Apokalypse) dagegen wird das ganze Leidens-Szenario des Weltendes als Vision geschildert. Am Ende steht die Vision vom ‚Himmlischen‘ Jerusalem, das aber auf die Erde niederschwebt. Zur mittelalter­lichen Eschatologie Christoph Auffarth: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem und Fegefeuer in religionswissenschaftlicher Perspektive. (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 144) Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2002. Die Arbeiten des Rezensenten sind in der unten zu besprechenden Monographie von Ficzel bis auf einen kurzen Aufsatz nicht bekannt.

[2] Die Aufsätze sind gesammelt in HG: Joachim von Fiore 1977. Den Plan der Edition der drei großen Schriften konnte er nicht verwirklichen. Eine gute, kritische Darstellung seiner Wissenschafts-Biographie bietet der Wikipedia-Artikel auf der Grundlage von Anne Christine Nagels Forschungen (unten Anm. 18).

[3] Patschovsky in der Edition der Concordia (2017), cccxviiif mit Anm. 1547.

[4] Selge, Psalterium 2009, viii.

[5] Diesen Tanz auf Messers Schneide habe ich skizziert in Christoph Auffarth: Die Ketzer. Katharer, Waldenser und religiöse Bewegungen. München: Beck-Wissen 2005. ³2016. Die Bedrohung durch die neue Institution der Inquisition spielt bei NF praktisch keine Rolle.

[6] Die Besonderheiten des Mittellateinischen sind sorgfältig beachtet, fast keine Fehler in den lateini­schen Zitaten. Seltsamerweise werden Bibelstellen in deutscher Übersetzung (welcher?) wiederge­geben, die dem hebräischen Urtext folgen, statt dem Vulgata-Text. Für diesen gibt es jetzt die deutsche Übersetzung in der zweisprachigen Ausgabe, allerdings zu spät für diese Untersuchung, vgl. Auffarth, [Rez] Die lateinische Bibel auf Deutsch übersetzt: Vulgata 5. Berlin: de Gruyter 2018. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/03/12/the-eucharist-its-origins-and-contexts/ (12.3.2019).

[7] Die genauen Untersuchungen von Paul Bösch: Zwischen Orthodoxie und Häresie. Die Deutung der Stigmata des Franz von Assisi. in der ZfR 17(2009), 121-147 hat NF aufgenommen.

[8] Christoph Auffarth: Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem, Fegefeuer. (VMPIG 142) Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2002, 210-252.

[9] Zu spät für ihre Untersuchung von Petrus Johannes Olivi (S. 239-274) kam die Edition und Über­setzung der Lectura super Apocalypsim, auf die man 40 Jahre warten musste (NF 252: „ungreifbares Phantom“), denn der Herausgeber Warren Lewis hatte bereits in seiner Dissertation (Tübingen 1975) eine maschinenschriftliche Fassung vorgelegt. 2015 ist sie erschienen: Saint Bonaventure, NY: Franciscan Institute Publications 2015 [ISBN Edition 978-1-5765-9363-9 (LXXII, 899 S.); englische Übersetzung 2017: 9781576592359 (714 Seiten). Sie ist (außer in meiner Bibliothek) nur in den Staats-Bibliotheken von Berlin und München nachgewiesen.

[10] S. 219-238. Bisher stützte sich die Forschung auf die Vision des Petrus, der heruntergekommen, verwirrt, mit einem hölzernen Kopf erscheint, aber in der Hand doch noch die Schlüsselgewalt behält. Die Lösung von NF, non tamen amisit […] clavium potestatem [ohne jedoch die Schlüsselgewalt zu ver­lieren] das Wort amisit mit „nicht aufzugeben“ zu erklären (230), ist fragwürdig. Es müsste eher demisit „loslassen“ heißen. Aber NF hat Recht: daraus lässt sich keine Rechtfertigung der Amtskirche ableiten.

[11] Die Schablone Apokalyptik macht die Interpretation eher komplexer, als dass sie sie reduziert.

[12] Die frühe Schrift des DDR-Historikers Bernhard Töpfer: Das kommende Reich des Friedens 1964 zitiert sie an vielen Stellen zu“stimmend, wertet sie aber in der Einleitung (18) brüsk ab als „materialistisches Missverständnis“.

[13] Grundlegend religionswissenschaftlich der Artikel von Hans G. Kippenberg: Apokalyptik/Messia­nismus/Chilasmus. im Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Hrsg. von Hubert Cancik; Burkhard Gladigow; Matthias Laubscher. Band 2. Stuttgart: Kohlhammer 1990, 9-26.

[14] So S. 271 „Joachims Einfluss zeigt sich v.a. in der unbedingten Entschlossenheit, den Franziskaner­orden, die Kirche und den eigenen Standpunkt im dualistischen System der Apokalypse zu verorten.“ Oder wieder S. 266.

[15] Karl Löwith: Meaning in history Chicago: UP 1949. Dt. Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Stuttgart: Kohlhammer 1953. Mit thematisch verwandten Schriften wieder K.L.: Sämtliche Schriften. Band 2. Stuttgart: Metzler 1983, 7-239. Dazu Lorenz Trein in: Theologische Zeitschrift [Basel] 2019 im Druck. Weit zurück, bis in die Aufklärungszeit, verfolgt die Debatte um politische Theologie Martin Mulsow: Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680-1720. Göttingen: Wallstein 2018, Band 1, 195-307.

[16] Die Kontroverse ist dargestellt bei Barbara Nichtweiss: Erik Peterson. Neue Sicht auf Leben und Werk. Freiburg: Herder 1992, 727-830.

[17] Das Buch erschien bei Suhrkamp in Frankfurt am Main 1966. In den folgenden Jahren 1973-1976 hat Blumenberg es überarbeitet (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), dann wieder in einem Band 1988.

[18] Zur ‚Nationalen Eschatologie‘ Christoph Auffarth: Drittes Reich. in: Religionsgeschichte des deutsch­sprachigen Raums, Band 6: 20. Jahrhundert. Hrsg. von Lucian Hölscher; Volkhard Krech. Paderborn: Schoeningh 2015, 113-134; 435-449; Farbtafel I nach S. 320; Literaturverzeichnis 542-553. Zur Verände­rung seit dem Reichsparteitag 1938 s. Auffarth 2020.

[19] Der Historiker (1902-1970) interessierte sich für die religiösen Bewegungen, die gegen Ende des 12. und dann im 13. und 14. Jahrhundert massiv verfolgt wurden; sein Grundlagenwerk erschien 1935. Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Untersuchungen über die geschichtlichen Zusammenhänge zwischen der Ketzerei, den Bettelorden und der religiösen Frauenbewegung im 12. und 13. Jahrhundert und über die ge­schichtlichen Grundlagen der deutschen Mystik. (Historische Studien 267) Berlin: Ebering 1935. Er gehörte zur `Kriegsjugend-Generation‘, die in der NS-Zeit ganz jung Karriere machte. Grundmann trat aus der Kirche aus und ließ sich als ‚gottgläubig‘ eintragen. Nach der NS-Zeit stieg er auf bis zum Präsidenten der Monumenta Germaniae Historica, der wichtigsten Institution der deutschen Geschichtswissenschaft des Mittelalters. Seine Arbeiten zu Joachim von Fiore, die Diss. Studien zu Joachim von Floris. Leipzig: Teubner 1927; weitere daran anschließende Aufsätze seit 1928/29 sind gesammelt in H.H.: Ausgewähl­te Aufsätze, Teil 2: Joachim von Fiore. Stuttgart: Hiersemann 1977. Am deutlichsten auf das Dritte Reich (1934) zugespitzt S. 219: „Mag man es als das Verhängnis des deutschen Volkes beklagen oder als seine Größe bewundern – jedenfalls ist es sein Schicksal, daß es zum Träger dieser (germanisch-christlichen) Reichsidee geworden ist, als andere Völker noch nicht die Kraft fanden zu einer politi­schen Gesamtordnung.“ – Zu Grundmann Anna Christine Nagel: Anne Christine Nagel: Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1970. (Formen der Erinnerung 24) Göttingen 2005; meine Rezension, in: Jb der Gesellschaft für niedersächsische Kirchen­geschichte 104(2006 [2007]), 391-394. Wolfgang G. Schöpf in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 17 (2000), Sp. 528–546.

[20] Ecclesia spiritualis. Kirchenidee und Geschichtstheologie der franziskanischen Reformation. Stuttgart: Kohlhammer 1934. Zu Benz Auffarth: Marburg 1933-45. In: Olaf Blaschke; (Hrsg.): Was glaubten die Deutschen 1933-1945? Frankfurt: Campus 2020.

[21] Apokalypse und Geschichtstheologie. Die mittelalterliche Auslegung der Apokalypse vor Joachim von Fiore. [Göttingen, Diss.phil. 1931 bei Percy Ernst Schramm] (Historische Studien; Heft 285) Berlin: Ebering 1935. Kamlah wurde als Assistent 1934 mit Berufsverbot belegt ‚wegen jüdischer Versippung‘.

[22] Sacrum Imperium. Geschichtsschreibung und Staatsphilosophie des Mittelalters und der politischen Renais­sance. München: Oldenbourg 1929 und folgend weitere katholische Gegenschriften gegen den NS.

[23] Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens. (Forschungen zur Kirchen- und Geistesgeschichte 6) Stuttgart: Kohlhammer 1935. CE hielt mit seiner Kritik am NS nicht zurück; er verlor seine Lehrberechtigung an der Universität Frankfurt, blieb aber als Forscher bei den MGH.

[24] Libertas Ecclesiae. Kirche und Weltordnung im Zeitalter des Investiturstreites. (Forschungen zur Kirchen- und Geistesgeschichte 7). Stuttgart: Kohlhammer 1936. Seine Erinnerungen an die Auseinandersetzungen der Mediävistik im NS GT: Aus erinnerter Zeitgeschichte. Freiburg i.Br.: Wagner 1981, dort eingehend auch zu Erdmann.

[25] Zu Kantorowicz gibt es gute wissenschaftsgeschichtliche Einordnungen, v.a.: Johannes Fried: Einlei­tung zu E.H.K.: Götter in Uniform. Studien zur Entwicklung des abendländischen Königtums. Stuttgart: Klett-Cotta 1998, 7-45. Robert E. Lerner: Ernst Kantorowicz: A Life. Princeton University Press, 2016.

[26] Apokalypse 19,11-21: Dem Tausendjährigen Reich geht die ‚erste eschatologische Schlacht‘ voraus, in der ein Reitern angetan mit einem blutgetränkten Gewand mit Namen „Wort Gottes“ das Strafgericht vollzieht an denen, die dem Tier und dem falschen Propheten sich angeschlossen hatten. Sie werden alle in einen Feuersee geworfen oder mit dem Schwert getötet.  – Vergleiche auch Matthäus 24.

[27] Karl Löwith versteht den Fortschrittsglauben als Säkularisat des Joachimischen Dritten Reiches, hält aber den “christlichen Glauben [für] unvereinbar mit einem Glauben an die Welt der Geschichte“. (GS 2(1983), 438), damit verwirft er also die Grundlage des Nationalprotestantismus. In seiner Schrift Der Europäische Nihilismus. Betrachtungen zur geistigen Vorgeschichte des europäischen Krieges, geschrieben und auf Japanisch veröffentlicht 1940 im japanischen Exil, ein Kapitel Deutschland das protestierende Reich. (GS 2, 473-540). Und seinen Aufsatz Vom Sinn der Geschichte beschließt er mit dem Vergleich „Der Zeitgenosse Napoleons (= Hegel) dachte seine Vollendung der europäischen Geschichte des Geistes als die erreichte Fülle eines unentwickelten Anfangs; der Zeitgenosse Hitlers (= Heideg­ger) denkt dieselbe Geschichte als einen sich vollendenden Hervorgang des Nihilismus.“

[28] Ernst Benz: Nietzsches Ideen zur Geschichte des Christentums. Stuttgart: Kohlhammer 1938 (149 Seiten; 2. Auflage … und der Kirche. (Beiheft 3 zur ZRGG) [180 S.] Leiden: Brill 1956. Ders.: Westlicher und östlicher Nihilismus in christlicher Sicht. Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk 1948 [46 Seiten].

[29] Manfred Gailus; Armin Nolzen (Hrsg.): Zerstrittene „Volksgemeinschaft“. Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2011. Vgl. Auffarth (wie Anm. 17).

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Leppin: Die frühen Christen

Hartmut Leppin: Die frühen Christen.
Von den Anfängen bis Konstantin.


(Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung)

München: Beck 2018. 511 Seiten, Abb.; Karte.
ISBN 978-3-406-72510-4,
29,95 €

Was Menschen der Antike veranlasste, Christen zu werden

Kurz: Ein erfrischend anderes Buch über die frühen Christen in der Zeit von Paulus (fünf­ziger Jahre des ersten Jahrhunderts) bis Konstantin, erstes Drittel 4. Jahrhundert). Der nüch­terne Historiker hebt vor allem die Verschiedenheiten hervor, die unter dem gleichen Namen von einer Gemeinde von Christianae/ Christiani sehr unterschiedlich gelebt wurden.

Ausführlich: Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam (Du bist Petrus und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen) prangt in goldenen Lettern an der Kuppel des Petersdoms in Rom. Mit der ‚Wahl des ersten Papstes‘ durch Jesus beginnt die Geschich­te der ‚Kirche‘ und in ununterbrochener Reihe folgt ein Papst dem anderen, der wiederum die Bischöfe einsetzt, die die Priester berufen: die sog. Apostolische Sukzession in der Hier­archie der Amtskirche. Kirchengeschichte kann man schreiben als die Linie, die schnur­stracks zur heutigen Kirchenstruktur führt und sie historisch legitimiert. Alle Seitenlinien, Alternativen Krisen, Schismata (Spaltungen) werden bei dieser Art der Geschichtsschreibung delegitimiert zu Häresien, Gegenpäpsten, Nicht-Christen. Protestanten haben ihre Mühe da­mit,[1] und stellten die egalitäre ‚evangelische‘ Kirche dagegen, die den Evangelien entspreche. Aber sie erliegen oft dem ‚Wurzel, Stamm, Zweige‘-Schema. Was ist dann der ‚Stamm‘? Be­liebt ist der Begriff der „Mehrheitskirche“, selbst wenn etwa Augustinus in Africa eine Min­derheit als Bischof anführt, er sich aber auf die angeblich ‚weltumspannende‘[2] Kirche cat­holica ecclesia beruft, die das Recht und den Kaiser auf ihrer Seite gegen die Mehrheit der ‚Donatisten‘ habe. Solch einer einlinigen Entwicklung widerspricht Hartmut Leppin in seinem Meisterwerk:

Die Entscheidung Konstantins (sc. sich mit den auf Amtsautorität der Bischöfe beru­henden Strukturen zusammenzutun) bedeutete, dass eine Form des Christentums herausgehoben wurde und andere allmählich zurückgedrängt oder auch integriert wurden – doch wäre es erneut zu kurz gegriffen, in Linearitäten zu denken. Denn die Vielfalt, die aus den Zerwürfnissen erwuchs, erhöhte die Adaptabilität [Anpassbarkeit] der christlichen Lehren, aber auch die Widerstandkraft gegen kaiserliche und bischöf­liche Machtansprüche.“ (441).

Das bedeutet, dass der Frankfurter Alt-Historiker Hartmut Leppin[3] keine Geschichte im Sinne einer Entwicklung denkt (also von der Jesusbewegung als innerjüdischer Reform­bewegung zur ‚Trennung der Wege‘ von Judentum und Christentum,[4] den Aufstieg des monarchischen Mon-Episkopats, den Christenverfolgungen, dem Katakomben-Christentum bis hin zur ‚Konstantinischen Wende‘),[5] sondern streng nach Themenbereichen grundlegen­der Probleme gliedert, in denen HL sich dann zeitlich mal im zweiten, mal im vierten Jahr­hundert bewegt. Großartig sind die ausführlichen Zitate aus unterschiedlichsten Quellen, neben den Klassikern, Kirchenväter und Apologeten genannt, Eusebius als dem ersten Kirchenhistoriker, der Gemeindeordnung der Didachè und immer wieder Tertullian, auch Inschriften und Papyri, Münzen. So kommen die Vielfalt und Polyphonie des antiken Christentums zur Sprache.[6] Jedes der relativ kurzen und gehaltvollen Kapitel schließt HL ab mit einem systematischen Resumé in kulturwissenschaftlicher Zuspitzung. Die Besonderheit der christlichen Haltungen und Verhaltensweisen arbeitet HL heraus, indem er eine Norma­lität der griechischen und römischen Antike der Kaiserzeit skizziert. Das gelingt ihm etwa für die grundlegende Institution der Sklaverei hervorragend (293-302), um zu erklären, warum es bei Christen ein eher geschwisterliches und kein ausbeuterisches Verhältnis geben sollte, aber die Sklaverei als solche nicht in Frage gestellt wird. Oder die Rolle der Frauen, die anfangs auch noch Führungsrollen übernahmen und charismatische Beiträge zum Gemeindeleben einbrachten (sehr guter Abschnitt 145-157). Das könnte für andere Problem­bereiche auch ausführlicher geschehen, etwa bei der Frage der Bestattung. Die Bestattung, von der die meisten antiken Texte Auskunft geben, sind Oberschichten-Diskurse (was HL viele Male auch betont).[7] Da es keine Möglichkeit gab, sich als ‚Kirche‘ institutionell korpora­tiv aufzustellen,[8] organisierten sich gerade die römischen Christen als Begräbnisvereine. Die eingesammelten Beiträge für eine spätere Bestattung (also eine Begräbnis-Versicherung) mussten einer Person anvertraut werden, da es keine Institution Kirche gab. Das ist der Hintergrund für die Geschichte des späteren Bischofs Callistus und seines Widersachers Hippolytus.[9] Diesen spannenden und wichtigen Fall erwähnt HL an mehreren Stellen, aber erzählt ihn nur einmal ausführlicher, ziemlich weit hinten im Buch.[10]

Da es für die Polyphonie wichtig ist, fragt sich HL nicht, ob etwas zum Christentum dazu zu rechnen ist oder nicht. Das gnostische Spektrum bezieht er ohne weiteres ein. Das sah aber der Bischof Irenäus von Lyon anders, der in fünf Büchern die Gnosis vorstellt und als Irrweg abweist. Die Geschichte der frühen Christen ist geprägt von solchen Abgrenzungen und Dogmen. Das ‚häresiologische Ethos‘ muss man beschreiben, auch wenn die Polyphonie das Thema des Buches ist.[11]

Die Frage, „was Menschen veranlasst, zu Christen zu werden“, unterscheidet sich grund­sätzlich von dem Christ-Sein, also dem Hineingeboren-Werden in eine Religion, wie das seit der Spätantike typisch, aber durch die Reformation/Konfessionalisierung regional wieder differenziert wird.[12] Hartmut Leppins Meisterwerk widmet sich der Poly-phonie des antiken Christentums: Das Projekt, das aus den Mitteln des Leibnizpreises finanziert wird und in der Ruhe der Freistellung dank der Koselleck-Preises, möchte die Vielfalt des spätantiken Chris­tentums erforschen.[13] Angesichts der vielen theologisch-kirchengeschichtlichen ‚Meister­erzählungen‘,[14] ist das eine Herausforderung: Warum eine historische gegenüber einer kirchenhistorischen Darstellung? Kirchengeschichte beschäftigt sich mit Kirche. Demgegen­über hat die Geschichts- wie die Religionswissenschaft zum Gegenstand die Religion(en), hier der Antike, also die Pluralität der Religionen unter den Bedingungen des Reiches/Impe­rium Romanum.[15] Pluralität der Christentümer, Polyphonie, das ist HL bewusst, bedeutet meist nicht, dass innerhalb der lokalen und regionalen Gemeinden Vielfalt respektiert wurde. Es sind die regionalen Eigentümlichkeiten, die nebeneinander stehen bleiben. Das sollte aber eigens thematisiert werden. Tertullian (der Jurist) und Cyprian (der Bischof) werden spät, nachdem sie schon mehrfach zitiert wurden, (relativ knapp) vorgestellt.[16] Das afrikanische Christentum aber, in dem die beiden Rigoristen wirken, wird nicht eigens beschrieben. HL zeigt die Gegenbewegung der Skripturalisierung plus Sazerdotalisierung gegen die Prophetie, also dass Gott auch in der Gegenwart spricht. Aber der Montanismus ist eine anatolische/nordafrikanische Besonderheit, die der überall anderswo gültigen Unterdrückung der Prophetie nur regional zuwiderläuft.

Das heißt, in der Antike sind durch die Religionen bestimmte Vorstellungen und Erwartun­gen entwickelt, in denen sich eine innerjüdische Reformbewegung allmählich zu einer eigenen Religion entwickelt, bevor sie dann zur herrschenden und, politisch gewollt, zu einzigen Religion durchgesetzt wird.[17] Eine wichtige Frage ist unter dem Stichwort ‚Demut‘ andiskutiert, aber nicht so bündig beantwortet wie bei anderen Fragen: In seinem Klassiker The Greeks and the Irrational hatte Eric Robertson Dodds 1951 (dt. 1971) die These aufgestellt, das Christentum habe die antike Schamkultur (gegenüber Anderen sein Gesicht wahren) ersetzt durch die (intrinsische) Schuldkultur.[18] HL beschreibt das gut, aber die Antwort auf die These von Dodds bleibt offen. Die wird man sicher differenziert beantworten müssen.

Ich brauche nicht zu sagen, dass dieses Buch sehr reichhaltig die Verschiedenheiten der antiken Christentümer plastisch vor Augen führt, auch für Mitforscher interessant zu lesen. Die Sicht der Römer steht im Vordergrund, aber nicht, wie oft üblich, nur die Feindschaft. Für mich war etwa neu die Beanspruchung der Regenwunders, durch das Kaiser Mark Aurel gerade so einer Katastrophe entging, von verschiedenen Seiten; gerade so konnten die Christen als angeblichen Reichsfeinde beweisen, dass sie das Reich vor dem Untergang bewahrten (81-83). Das Buch ersetzt keine Religionsgeschichte. Einigermaßen blass bleiben die Juden in der Diaspora und ihre Halacha, doch gute Bemerkungen zum Problem der Trennung der Wege von Christentum und Judentum (Tag von Antiochien, Synode von Javne, die Entstehung eines ethnischen Judentums durch den fiscus Iudaicus, geringe Bedeutung der Rabbinen).

Wie es einem Meisterwerk gebührt, ist das Buch qualitativ herausragend vom Verlag gewürdigt durch ein eingehendes Lektorat, weiter durch Fadenbindung in Leinen, was eine intensive und vielfache Verwendung ermöglicht.[19] Statt eines systematischen Index hat der Verfasser ein anderes Verweissystem durchgeführt: In Marginalien wird verwiesen auf ein dazu umfassendes (Unter-) Kapitel. Brauchbar, aber nicht genau. Ein erfrischend anderer Zugang zu den frühen Christen und der Vielfalt der Stimmen ihrer Gemeinden! Kein Ersatz für eine Theologie- noch weniger für eine Religionsgeschichte. Aber unbedingt lesenswert.

 

 Bremen/Much, 19. August 2019                                                              Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,

Universität Bremen

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Aus meinen Notizen folgen hier weitere Bemerkungen:

„Ein Leichnam kommt der Welt abhanden.“ Gemeint ist Jesu Leichnam. Der Historiker HL formuliert schön provokant. Er stellt darauf fest, dass das Abhandekommen nicht einfach aufgeht in dem, was dann Christen aus dem Fehlen machten: Auferstehung und Auffahrt in den Himmel. Auch unter den ersten Christen war das offenbar umstritten und moderne Menschen müssen das nicht glauben – oder können es nicht. Aber „der schlichte Historiker kann gar nicht anders als beide ernst zu nehmen, da sie [sc. Auferstehung und Himmelfahrt] wirkmächtig waren.“ (26) Das muss besser beschrieben werden: „wirkmächtig“ ist nach der Debatte (selbsttätige) ‚Wirkung‘ einer Vergangenheit vs. aktive Rezeption (und Nicht-Rezeption) deutlicher zu unterscheiden.

An dem Beispiel des Lebens Jesu nach dem Tod (ich spiele hier nicht auf Johannes Fried an): Da widerstreiten sich zwei Deutungen (Rezeptionen): Die eine (beide in Paulus 1Kor 15) spricht von „Jesus wurde gesehen“ (ὄφθη), die Formel für die Epiphanie eines Gottes. Die andere versteht Jesu Auferstehung als die ἀπαρχή (Prototyp) der Auferstehung aller Menschen: einer neuen Schöpfung. Dahinter steht die umfassende Debatte innerhalb der jüdisch (-christlichen) Kultur des ersten Jahrhunderts, ob es ein Leben nach dem Tod gebe.[20] Die Sadduzäer verneinen das in der Konsequenz der Hebräischen Bibel; die Scheol ist kein ‚Leben‘, sondern homerisches Schattendasein im Hades. Die anderen, Pharisäer und Essener, auch die Christen, diskutieren über den ‚Auferstehungsleib‘ mit unterschiedlichem Ergebnis. Paulus (Mitte fünfziger Jahre) und die Evangelisten (nach 70 n.Chr.) sind sich da nicht einig: Paulus betont in 1Kor 15, dass das ‚Korn‘, das in die Erde gelegt wird vollständig sterben; und ‚auferweckt‘ wird ein anderer psychischer/ pneumatischer Leib.[21] Also keine Kontinui­tät (des Leibes oder der Seele). Die Evangelisten entscheiden sich entweder für einen im­materiellen Auferstehungsleib: Der angebliche Gärtner am Grab, in Wirklichkeit Jesus, warnt seine Mutter: Noli me tangere! „Fass mich nicht an!“ Eine Umarmung würde nichts Materiel­les umarmen, sondern in die Luft greifen. Ganz das Gegenteil der Leib des Auferstandenen in der Erzählung des Thomas. Er soll in die Narben des gefolterten und gestorbenen Jesus fassen. Ein sehr materiell Auferstandener. Der das Haus betritt, obwohl alle Türen verram­melt sind. Hier lässt sich gut erklären der Unterschied zwischen literarischer Darstellung, ‚sozialen Fakten‘ und Streit um die Rezeption. Die nicht nur jüdisch-christliche Konzeption, sondern das Modell der ‚Lebens nach dem Tod‘ in der Antike von den Pythagoreern des 5. Jh. bis zur Gegenwart hat Jan Bremmer 2002 herausragend dargestellt.[22]

Die Taufe als ungeheurer Schritt: Aufregend die Selbsttaufe der Thekla. Aber hier, wie über­all ist der Hinweis nötig: Erst in sozial höheren Kreisen bedeutet die Taufe einen Schnitt mit den bisherigen sozialen Beziehungen; also erst wenn man zur feineren Gesellschaft gehört, kann das zum Problem werden. Jan Bremmer, mit seinem Gespür für die Rolle der Frauen, hat Belege gesammelt, dass das Christentum für Frauen der höheren Schichten attraktiv war, während Männer den Schritt zur Taufe vermieden, um ihre öffentlichen Ämter weiter aus­üben zu können. Eindrücklich das Beispiel der Marcia, Geliebte des Kaisers Commmodus (409), die ChristInnen freizulassen anordnet. Witwen sind besonders prädestiniert in doppel­ter Hinsicht (das wird bei HL erst beim weiteren Lesen klar), einmal als Bedürftige, die von der Gemeinde mit versorgt werden. Dann aber, wenn sie aus einer wohlhabenden Familie stammt, als Spendengeberin und Euergetes/Euergetis[23] – neben dem zu Recht hervorgeho­benen crowd-funding: Der Verein/die Gemeinde der Christen erweist sich eher als Subkultur, aber schon in Korinth gibt es die Starken, die zur Stadt-Gesellschaft dazu gehören und bei Partys  am Fleischessen teilnehmen wollen, und die ‚Schwachen‘, die nie zu Partys einge­laden werden und die ‚Kontamination‘ mit den Nicht-Christen als Fehlverhalten kritisieren.

Weiter müsste ein anderes Problem deutlicher herausgestellt werden, das ebenfalls die sozialen Beziehungen betrifft: Mobilität und Migration im Römischen Reich.[24] Die Soldaten, die Sklaven, die Händler, die Pilger, die hohen Beamten. Meist bilden sie Diaspora-Sub­kulturen, in denen abweichendes Verhalten zu den anderen Subkulturen oder zu der Auf­nahmekultur nicht auffällt. Dass darin sich auch religiöse Präferenzen bilden als portatives Vaterland oder eben neue Regeln von charismatischen Leitern vorgetragen werden, ist dabei häufig zu beobachten.

Die Darstellung der Abkürzungen in Kapitälchen ist etwas verwirrend und weder konsistent noch typographisch schön. ZThK  

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[1] Wie das Papstkirchen-Modell auch bei Protestanten immer wieder als ‚normal‘ aufscheint, s. meine Rezension Friedrich Wilhelm Graf; Klaus Wiegandt (Hrsg.): Die Anfänge des Christentums. 2009 http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2010/02/21/die-anfange-des-christentums-herausgegeben-von-friedrich-wilhelm-graf-und-klaus-wiegandt/ 21.2.2010

[2] Catholica latinisiert das griechische καθ‘ ὅλην τὴν γῆν kath‘ hólen ten gên ‚über die ganze Erde hinweg‘.

[3] Hartmut Leppin ist Professor für Alte Geschichte in Frankfurt am Main. Näheres zum Autor, seine nationale und internationale Anerkennung als Herausgeber bedeutender Lexika und Zeitschriften s. die Homepage http://www.geschichte.uni-frankfurt.de/43209170/02_Inhalt_Leppin . Im Folgenden verwende ich der Kürze halber die Initialen HL. Der Leibnizpreis, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ist die bedeutendste Anerkennung, die deutsche Wissenschaftler in der Mitte ihrer Karriere erhalten können und ist bestimmt für wissenschaftliche Großprojekte https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz-Preis.

[4] Dazu meine Rezensionen zu Daniel Boyarin und Peter Schäfer: Geburten und Geschwister: Peter Schäfer: Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums 2010. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2010/08/19/die-geburt-des-judentums-aus-dem-geist-des-christentums-von-peter-schafer/#comment-79 (19.8.2010). – Antike Juden und Christen streiten in Hörweite: Daniel Boyarins Borderlines auf Deutsch:  Abgrenzungen. Die Aufspaltung des Judäo-Christentums 2009. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2010/10/20/abgrenzungen-die-aufspaltung-des-judao-christentums-von-daniel-boyarin/ (20.10.2010). – Gottes Sohn – auch in einer jüdischen Tradition. Daniel Boyarin: Die jüdischen Evangelien. Die Geschichte des jüdischen Christus. 2015 – Peter Schäfer: Zwei Götter im Himmel: Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike 2017. In: rpi-virtuell http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2017/09/19/boyarin-juedische-evangelien/ (19.9.2017).

[5] Statt hier Beispiele zu nennen, sei verwiesen auf meine Rezensionen: Kirchengeschichte: Hauschilds Lehrbuch erneuert. Wolf-Dieter Hauschild: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 1: Alte Kirche und Mittelalter. 5., vollständig überarbeitete Neuausgabe von Volker Henning Drecoll. – Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2016. In: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2017/04/06/alte-kirche-und-mittelalter/ (6.4.2017).

[6] Die Zitate sind in Deutsch wiedergegeben, öfter einzelne Begriffe der Originalsprache genauer vorgestellt. Die Zitate beruhen zwar auf vorhandenen Übersetzungen, sind aber jeweils, wo nötig, präzisiert. Manches Wort, wie ‚Schmausereien‘ mag man, wie HL das bei ‚Putzsucht‘ tut, goutieren als altmodisch treffend, kommen aber nur noch in Übersetzungsdeutsch vor, in der ‚Sprache Kanaans‘.

[7] Zu Bestattung und Öffentlichkeit mein Aufsatz „Imago Mortis – Imago Vitae – Lebensbild: Ästhetik, Theatralität, Performance bei der Wiederaufführung des Mythos vom Tod des Sokrates durch Seneca.“ In: Antike Mythen. Medien, Transformationen, Konstruktionen. Festschrift für Fritz Graf. Hrsg. von Christine Walde und Ueli Dill. Berlin: De Gruyter 2009, 532-562.

[8] Zur Metapher des ‚Leibes‘ hat HL einen eingehenden Abschnitt formuliert, der auch den anti-autori­tären Charakter der Metapher bei Paulus hervorhebt. Das hätte noch verstärkt werden können durch die Leibesmetapher, wie sie Menenius Agrippa erzählt gegenüber den Aufständischen, nämlich autoritär (Livius 2,32): Wenn es den Bauch (Senat, der scheinbar nichts arbeitet) nicht gäbe, würden die Glieder nicht wissen, was zu tun. Und weiter die wichtige juristische Semantik des corpus als Institution/Korporation, die die Christen gerade nicht für sich beanspruchen konnten.

[9] Auf den Fall machte aufmerksam Henneke Gülzow: Kallist von Rom. [1967] in: H.G.: Kirchen­geschichte und Gegenwart. Münster: LIT 1999, 117-136.

[10] S. 328-330.

[11] Ausgezeichnet beschrieben von Michel-Yve Perrin: Civitas confusionis. De la participation des fidèles aux controverses doctrinales dans l’Antiquité tardive, début IIIe s.-c. 430. Paris: Nuvis 2017.

[12] Helmut Zander (Berlin: De Gruyter 2016) macht ‚Entscheidung‘ zum Hauptkriterium, s. meine Re­zension: Helmut Zander: ‚Europäische‘ Religionsgeschichte. Religiöse Zughörigkeit durch Entschei­dung – Konsequenzen im interkulturellen Vergleich. In: Religious Studies Review 44.1 (2018), 101f. Demgegenüber hatte Burkhard Gladigow 1995 das Modell der Europäischen Religionsgeschichte gerade damit begründet, dass es unter mehreren mitlaufenden Alternativen ‚spätestens seit der Renaissance‘ gerade keine Notwendigkeit einer Entscheidung gibt. Dazu Christoph Auffarth: Wie schreibt man eine Europäische Religionsgeschichte? In: CA, Alexandra Grieser, Anne Koch (Hrsg.): Religion in der Kultur – Kultur in der Religion. Der Beitrag Gladigows zum Paradigmenwechsel in der Religionswissenschaft. Tübingen: TUP 2019, im Druck.

[13] Homepage HL (19.8.2019).

[14] Gute Kenntnisse der klassischen Kultur findet man bei Christoph Markschies: Das antike Christen­tum. Frömmigkeit, Lebensformen, Institutionen. München: Beck ³2016. [Der Band hieß ursprünglich 1997 Zwischen den Welten wandern]. Auch die handbuchartige Einführung (mit meiner Rezension): Das Christentum – eine antike Stadt-Religion. Rezension zur Martin Ebner:  Die Stadt als Lebensraum der ersten Christen, 2012. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2013/11/28/die-stadt-als-lebensraum-der-ersten-christen/ (28.11.2013). Nicht besonders gut gelungen ist der Band in den Religionen der Menschheit von Dieter Zeller (Hrsg.) 2001.

[15] Jörg Rüpke: Reichsreligion? Überlegungen zur Religionsgeschichte des antiken Mittelmeerraums in römischer Zeit. In: Historische Zeitschrift 292 (2011), 297-322. Christoph Auffarth: Reichsreligion und Weltreligion. In: Hubert Cancik; Jörg Rüpke (Hrsg.): Die Religion des Imperium Romanum. Koine und Konfrontation. Tübingen: Mohr Siebeck 2009, 37-54.

[16] Cyprian bes. 196-205, Tertullian erst 178f charakterisiert als Rigorist.

[17] Zum spätantiken Christentum als Teil der Staatsgewalt, also in der Epoche, die der in diesem Buch beschriebenen folgt, hat HL wichtige Forschungen erarbeitet: Theodosius der Große. Darmstadt: WBG 2003. Justinian. Das christliche Experiment. Stuttgart: Klett-Cotta 2011.

[18] E.R. Dodds: Die Griechen und das Irrationale. Darmstadt: WBG 1971, 17-37. Dahinter steht Nietzsche, zugespitzt in der Krise der Werte nach dem Ersten Weltkrieg von Walter F. Otto: Der Geist der Antike und die christliche Welt. Bonn: Cohen 1923.

[19] Gerade weil ich ein anderes Buch des Beck-Verlages vorliegen hatte, kann ich die Fadenheftung nur als die beste Wahl empfehlen. Für Quelleneditionen muss sie sein.

[20] Günter Stembergers Dissertation hat das umfassend aufgearbeitet.

[21] Christoph Auffarth: Das Korn der Sterblichkeit. Was Paulus von seinen Korinthern im Demeter- und Kore-Heiligtum gelernt hat. In: Jörg Rüpke; John Scheid (Hrsg.): Bestattungsrituale und Totenkult in der römischen Kaiserzeit – Rites funéraires et culte des morts aux temps impériales. (Potsdamer Altertums­wissenschaftliche Beiträge 27) Stuttgart: Steiner 2009, 113-133.

[22] Jan Bremmer: The Rise and Fall of the Afterlife. London Routledge 2002. Die Aussage von HL “Christus-Anhänger glaubten prinzipiell an die Auferstehung der Seele“ (27) ist falsch. Die Rezeption der Unsterblichkeit der Seele beginnt mit Tertullian, de anima um 200.

[23] Jan Bremmer: Why Did Early Christianity Attracted Upper-Class Women? [1989] In: J.B.: Maidens, Magic and Martyrs in Early Christianity. Tübingen: Mohr Siebeck 2017, 33-42.

[24] Systematisch: Christoph Auffarth: Religio migrans. Die ‚Orientalischen Religionen’ im Kontext antiker Religion. Ein theoretisches Modell. In: Corinne Bonnet, Sergio Ribichini; Jörg Rüpke (hrsg.): Religioni in Contatto nel mondo antico. Modalità di diffusione e processi di interferenza. (Mediterranea 4) Rom 2008, 333-363. [auch französische Übersetzung (von Anne-Laura Vignaux) »Religio migrans: Les religions orientales dans le contexte religieux antique. Un modèle théorique«. in der Online-Zeitschrift Trivium Nr. 4(2009): »Die orientalischen Religionen in der griechischen und römischen Welt«, koordi­niert von Corinne Bonnet und Jörg Rüpke) http://trivium.revues.org/index3300.html.] Auch ders.: Menschen reisen zu den Göttern, Götter reisen zu den Menschen: Religio migrans in Abonu Teichos und am Schwarzen Meer, in: Phasis 18 (Staatliche Universität Tbilisi/Georgien, peer reviewed) 2016, 25-47.

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Schöpfung

Schöpfung. Jahrbuch der Religionspädagogik (JRP)

 

Band 34 (2018)

Herausgegeben von Stefan Altmeyer, Rudolf Englert, Helga Kohler-Spiegel, Elisabeth Naurath, Bernd Schröder, Friedrich Schweitzer
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2018
ISBN: 978-3-525-70259-8
263 S. ; ab 29,99 Euro

 

Die Bibel gibt keine Weltenstehungslehre her!

 

Eines steht fest: SCHÖPFUNG  ist  d a s  religionspädagogische ‚Spitzenthema‘. Das belegen Einblicke in Schulmaterialien, Bildungspläne sowie die Schlagwort-Hitliste bei RPI-Virtuell. Noch viel stärker drängt sich das Thema durch die gesellschaftliche Aktualität auf. Immer größerer Betroffenheit durch die drohende Klimakatastrophe kann kaum jemand ausweichen. Junge Menschen werden aktiv für den Klimaschutz und protestieren gegen politische Versäumnisse. Eine junge Lehrerin charakterisiert die heutigen unterrichtlichen Erfordernisse mit dem Kennzeichen: „Religionsunterricht nach Greta“.[1]

Das Jahrbuch der Religionspädagogik 2018 hat diese Dringlichkeit erkannt und bietet ein breites Spektrum thematischer Auseinandersetzung. Mit mehreren SCHLAGLICHTERN beginnt das Buch. Sie verdeutlichen, dass das Thema Schöpfung im wahrsten Sinne des Wortes ‚Ansichtssache‘ ist. So vertritt die Grundschülerin Theresa (4. Klasse) die Auffassung, dass Gott das Bestehende wachsen lässt und fördert; einen Schöpfer als Urgrund von allem kann sie sich nicht vorstellen (8-10). Die nächste Ansicht kommt von ‚oben‘, aus 10 Kilometer Höhe. Es ist die Perspektive des Piloten Klaus Froese (11-12), dem sich im Cockpit staunende Fragen stellen. Aus den Medien ist der Forscher Harald Lesch bekannt (13-14). Sein knappes Statement spricht vom Respekt des Naturforschers gegenüber dem Universum und der Natur. Seine Mahnung: Geht achtsam damit um, denn: “Das gibt es nur einmal, das kommt nicht wieder“! Zwei weitere Schlaglichter führen uns in den Wald [2] beziehungswiese an unseren ersten Anfang zurück: die Geburt [3]. Brutale Fakten des Klimawandels werden von Andreas Lienkamp komprimiert vorgestellt (24-27).

Derartige Schlaglichter – die Auswahl lässt sich erweitern – sind ein guter Weg, Einstiege und spezielle Vertiefungen für die unterrichtliche Arbeit zu bahnen.

Die folgenden Artikel gehen fachlich und umfänglich mehr in die Breite, hier genannt INTERDISZIPLINÄRE PERSPEKTIVEN. Beim Forschungsüberblick von Christian Höger „Schachmatt für die Schöpfung“ (30-34) besteht eine gewisse Gefahr, dass einem ober der Fülle der Erkenntnisse und Frage-Schwerpunkte leicht schwindelig wird. Doch ist es gut zu wissen, dass dem Schöpfungsthema in der religionspädagogischen Forschung mit viel Energie nachgegangen wird. Relevante Stichworte: Kindertheologie, Artifizialismus, Naturwissenschaftsglaube, Weltbilder. Hoffentlich prägen diese Erkenntnisse zukünftig stärker die Qualität religionspädagogischer Materialien! [4] Höger resümiert: „Zweifellos bleibt ‚Schöpfung‘ an sämtlichen religionspädagogischen Lernorten ein lebenslang relevantes Thema“ (42).
Georg Steins (45-59) kritisiert die oft ‚matten‘ Aussagen zur theologischen Bedeutung biblischer Schöpfungsrede. Kirchliche Erklärungen werden der Vielfalt und der Tiefe nicht gerecht, welche in der Bibel anzutreffen sind. Die Bibel gibt keine ‚Weltenstehungslehre‘ her! Steins regt an, weitere Aspekte in den Vordergrund zu holen: die Statthalterschaft des Menschen, die Unabgeschlossenheit der Schöpfung und die dynamisch nach vorn weisende Funktion des Lobes an den Schöpfer. Das sollte religionsdidaktisch aufgegriffen werden! Dem Verhältnis von Mann und Frau in den uralten biblischen Texten widmet sich Desmond Bell (60-70). Er macht auf Fehlinterpretationen aufmerksam; so werde bei Gen 3 auch heute zumeist noch von ‚Sündenfall‘ gesprochen, obgleich im Text überhaupt nicht von Sünde die Rede ist. Die Auslegung der 2. Schöpfungserzählung (Gen 2, 4b ff) habe die „absonderlichsten Theorien über das Miteinander von Mann und Frau“ hervorgebracht (65). Die Vielstimmigkeit der Texte lasse es kaum zu, ein ‚stimmiges Gesamtbild‘ zu erstellen (64). Eine berechtigte Warnung vor schlichten Verallgemeinerungen und Engführungen aufgrund dogmatischer Vorverständnisse!

Was glauben eigentlich Muslime bezüglich der Schöpfung? Was findet man im Koran? Fahima Ulfat [5] fragt nach Verbindungen zwischen Bibel und Koran (71-84). Fast bedauernd hebt sie hervor, dass der Koran über „keinen chronologischen Schöpfungstext“ verfüge. Jedoch spricht der Koran an sehr vielen Stellen von der Schöpfung Gottes und dem Auftrag des Menschen. Die Funktion „Statthalter“ auf Erden zu sein, wird besonders betont (76f. 84). Leider fehlen in ihren Ausführungen jegliche Bezüge zur Religionspädagogik.[6] Im Jahrbuch finden sich auch keine weiteren Beiträge aus islamischer Perspektive! Angesichts der sehr virulenten Lage des islamischen Religionsunterrichts in Deutschland ist dies ein schmerzliche Lücke!

„Mitgeschöpflichkeit“ ist ein wichtiges Stichwort der Diskussion um das Verhältnis zu den Tieren. Peter Riede (85-94) stellt die Probleme und die Chancen der gegenwärtigen Situation vor: Artenschutz, Nutz- und Haustiere, Versuchsobjekte. Der Erkenntnisstand ist ernüchternd: „Dass das ‚Verbrauchsmaterial‘ Tier kaum seiner Bestimmung als Mitgeschöpf entspricht, steht außer Frage“ (94).

Interessante neue Aspekte bieten die Artikel „Schöpfungsglaube im Anthropozän“ [7] und die „Verantwortung des Menschen in Zeiten der Künstlichen Intelligenz“ [8]. Mit der Kernfrage „Quo vadis Menschheit“ wird der Blick auf die großen Erdzeitalter gerichtet. Aber auch bezüglich der KI stellen sich fundamentale Orientierungsfragen. Ein spannender Stoff, der auch schulisch aufgegriffen werden sollte.

‚Das musste einfach mal gesagt werden!‘ Andreas Benk (229-248) knöpft sich die zahllosen Religionsmaterialien zum Thema Schöpfung vor und untersucht diese auf fachliche und didaktische Substanz. Sein Urteil ist größtenteils vernichtend! Er stellt eine gewisse Themenkonzentrierung in den Schulstufen fest: Zu Beginn der Grundschule: Staunen, Lob und Dank; gegen Ende der Grundschulzeit kommt die „Verantwortung für die Schöpfung“ hinzu (231). In den Sekundarstufen erweitert sich das Spektrum um das Verhältnis zu Naturwissenschaften – Evolution. Er vermisst schmerzlich eine umfassende Gesamtschau, die theologisch verantwortbar ist. Benk stört sich an vielfach vorhandenen Appellen zum Umweltschutz, die direkt aus den biblischen Texten abgeleitet werden, an krassen Umdeutungen wie etwa dem Entdecken einer „Evolutionstheorie“ in Gen 1 und einer verklärenden Sicht von Natur, welche die Realität ausblendet: „Zwischen Natur und Schöpfung wird nicht differenziert, beide Begriffe werden austauschbar verwendet“ (241). Die Beispiele ließen sich noch vermehren! Auch für Oberstufenmaterialien gilt die Erkenntnis: “Gen 1 will keine philosophische Antwort geben auf die metaphysische Frage nach dem Ursprung der Welt …“ (242). Für zahlreiche Materialien auf dem Büchermarkt kann Benk sich nur einen guten Ort vorstellen: „Ich wünsche mit derartige Materialien in die Giftschränke der Bibliotheken verbannt!“ (234).

Die DIDAKTISCHEN KONKRETIONEN des Jahrbuchs „Schöpfung“ enthalten folgende weitere Artikel, auf die ich aus Zeit- und Raumgründen jetzt nicht detaillierter eingehen kann:

Martin Rothgangel: Schöpfung und Evolution – eine Beziehung voller Missverständnisse, 123-134 [9]

Peter Kliemann, Friedrich Schweitzer: Schöpfung aus curricularer Sicht: Was lernen Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht laut Bildungsplan und was sollten sie lernen?, 136,147

Veit-Jakobus Dieterich: Jugendliches Denken über Schöpfung und Evolution. Empirische Forschungen – religionspädagogische Herausforderungen, 148-160

Guido Hunze: »Ich widerspreche alles, weil eigentlich überall Gott drin steht.« Theologische Herausforderungen und schöpfungsdidaktische Stolpersteine (nicht nur für den Religionsunterricht), 161-170

Stefan Altmeyer, Daniel Dreesmann: Grenzgänge zwischen Natur und Schöpfung – Grundlagen und Vorschläge für fächerverbindendes Lernen in Biologie- und Religionsunterricht. 171-183

Heike Lindner: »Im Anfang war der Klang …« Schöpfung fächerverbindend mit Musik unterrichten – didaktische Entfaltungen und Konkretionen. 184-194

Matthias Wörther: Die Axt am Baum des Lebens – Überlegungen zu schöpfungstheologischen Aspekten in Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen. 195-206

Elisabeth Naurath: Werte-Bildung auf dem Erlebnisort Bauernhof. 207-217

Thomas Weiß: Theologisch argumentieren üben am Beispiel Schöpfung. 218-228

 

Generelle Problemstellungen beim Thema Schöpfung

Im Beitrag von Guido Hunze bin ich auf markante Problemstellungen gestoßen, die immer wieder in religionspädagogischen Schöpfungsmaterialien zu finden sind.

  1. „Die Welt um uns herum ist nicht aus sich heraus Schöpfung, sondern Schöpfung ist eine Kategorie der (Glaubens-) Erfahrung und (Glaubens-) Deutung von Welt“ (164).
    Wird dies als Basiserkenntnis umgesetzt, dann beugt man Fehlschlüssen und Kurzschlüssen weitgehend vor!
  2. „Es ist erstaunlich, wie oft die beiden Texte am Anfang der Bibel noch immer als ‚Schöpfungsberichte‘ bezeichnet werden“ (165). Das ist nicht nur ‚erstaunlich‘, sondern sogar skandalös fehlerhaft. Sollte auch so benannt werden! [10]
  3. Eine „Entschärfung geschieht, wenn beim Thema ‚Schöpfung‘ zunächst an ‚Natur‘ gedacht wird … Natur erfahren, Schöpfung erleben“ (166). Angesichts des inflationären Vorkommens dieses Unterrichtsansatzes ist der kritische Begriff ‚Entschärfung‘ eine viel zu wohlwollende Untertreibung!

 

Bilanzierendes …?

 Dafür hat Rudolf Englert schon im Band gesorgt (250-263). In seinen Einschätzungen spürt man eine deutliche Sorge, dass unser Thema künftig nicht mehr einen großen Stellenwert habe. Seine Hoffnungen auf große theologische Entwürfe teile ich so nicht; dazu gibt beispielsweise die Systematische Theologie keinen Anlass. Aber ich kann mit ihm die unaufgebbare Zuversicht teilen, dass Freude, Dankbarkeit und staunendes Innehalten vor den Wundern des Lebens zu den Schlüsselelementen des Religionsunterrichts angesichts der Schöpfung zählen! [11]

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[1] https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/religionsunterricht-nach-greta-weniger-rechtfertigen-mehr-machen

[2] Bodo Marschall: Am Beispiel des Waldes die Welt erklären (15-16)

[3] Hanna Strack, Theologie der Geburtlichkeit (17-29)

[4] Mit der oft fehlenden Qualität religionspädagogischer Schöpfungsmaterialien setzt sich im Jahrbuch besonders Andreas Benk auseinander:229-248. Mehr dazu unten.

[5] Juniorprofessorin für Islamische Religionspädagogik an der Universität Tübingen.

[6] Ulfat geht intensiv auf verschiedene Positionen islamischer Gelehrten ein, ein wirklicher Vergleich zur Bibel findet jedoch nicht statt. Die Titelfrage „Verbindet oder trennt die Schöpfungstheologie?“ ist wohl eher rhetorisch zu verstehen. – Zu dieser Thematik ist besonders zu empfehlen: Karl Josef Kuschel: Die Bibel im Koran. Grundlagen für das interreligiöse Gespräch, Düsseldorf 2017!

[7] Alexander Loichinger, 96-108

[8] Thomas Christaller, 109-122

[9] Anders als im Buch eingeordnet, rechne ich diesen Artikel zu den Didaktischen Konkretionen. Mein Didaktik-Verständnis lässt das zu.

[10] Das geschieht erfreulich deutlich in Martin Rothgangels Beitrag „Schöpfung und Evolution – eine Beziehung voller Missverständnisse“ (123-134).

[11] vgl. 261

…………………………..

Dr. Manfred Spieß, Oldenburg
27.08.2019

 

 

 

 

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Ikonographie Palästinas

Die Ikonographie Palästinas/Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern.
Band 4: Die Eisenzeit bis zum Beginn der achämenidischen Herrschaft.

Von Silvia Schroer unter Mitarbeit von Barbara Hufft, Philipp Frei, Florian Lippke, Patrick Wyssmann.

Basel: Schwabe 2018.

961 Seiten. ISBN 978-3-7965-3878-0.
148 €

 

Bilder im Alten Israel laden ein, die bunte Religion zu entdecken

 

Kurz: Das sorgfältige Handbuch, hier der vierte und letzte Band über die Zeit von 1200-500 v.Chr., ist auch ein Buch zum Entdecken der Religionsvielfalt im Alten Israel vor der Exilszeit und dem strengen Monotheismus Jhwhs der Exils-Propheten.

Ausführlich: Ein Langzeitprojekt wird mit diesem Band abgeschlossen: Die Ikonographie der Zeichen, die in der südlichen Levante dargestellt wurden. War die Erforschung Israels ein fast ausschließlich protestantisches Unternehmen, so schuf die tatkräftige Arbeit von Othmar Keel (*1937) ein ganz neues Projekt und mit diesem Band ist es so gut wie vollendet. Die Protestantische Worttheologie berief sich auf das erste/zweite Gebot des Dekalogs: Du sollst Dir kein Bildnis machen! Also waren Bilder kein Ausdruck der Theologie Israels, sondern das ‚kanaanäische‘ Gegenteil. Die joschianische Kultreform (622 v.Chr)[1] zeigte den Umgang Israels mit den Bildern: Ausreißen, zerhacken, säkularisieren. Mit seinem Buch über die Bilderwelt der Psalmen setzte Keel einen Paukenschlag: die Metaphern der Psalmen (Gott als Fels, als Burg, als Hirte …) fanden sich in den Bildern.[2] Die Nachzeichnungen seiner Frau Hildi erwiesen (und erweisen sich auch in dem vorzustellenden Band) als viel besser als jede Photographie. Es folgten Bücher über die Bilder/Metaphern bei Hiob, im Hohen Lied usf.[3] Ein Buch zur Schöpfung ist für den Unterricht ein vorzüglicher Lehrerband.[4] Die Kritik allerdings fragte zu Recht: Da hat ein Jäger und Sammler in seiner Entdeckerfreu­de Bilder zusammengestellt assoziativ zu den Psalmen, die irgendwie aus dem antiken Nahen Osten stammen.[5] Da muss eine Ordnung her! Denn die Bilderwelt ist offenbar eine Gold­grube, die für die Forschung viel Potential ergibt. Der Aufbau eines Museums in Fribourg in der Schweiz,[6] der Katalog der Siegel,[7] der vorliegende Katalog der Ikonographie. Unter seiner Anleitung entstanden zahlreiche Dissertationen.[8] Seine Mitarbeiterin und Kollegin, Professorin in Bern, Silvia Schroer hat die mühsame Arbeit der Ordnung übernommen, aber auch mehr populäre Bücher veröffentlicht, beispielsweise die Körpersymbolik.[9] Beim ersten Band war Keel noch Mitverfasser. Dann allerdings fesselte ihn das Thema der Religions­geschichte Jerusalems.[10]

Nun also zum Handbuch Ikonographie als eine Religionsgeschichte Palästinas/Israels. Die vier Bände umfassen Band 1 Vom ausgehenden Mesolithikum bis zur Frühbronzezeit.  (Fribourg: Academic Press, 2005. 392 S.); Band 2 Die Mittelbronzezeit. 2008.  339 S.; Band 3 Die Spätbronze­zeit. (Fribourg: Academic Press, 2011. 457 S. Der vierte Band umfasst die Zeit vom Ende der Bronzezeit um 1200[11] bis zum Beginn der Perserherrschaft, also bis zur Exilszeit Israels (‚Babylonische Gefangenschaft‘, 597-520 v.Chr.).[12]  Mit Band 4 ist der Katalog abgeschlossen. Für die Zeit nach dem Exil ist ein Nachfolgeprojekt in Aussicht BIPOW Die Bildwelt Israels/ Palästinas zwischen Ost und West, das die Perserzeit und hellenistische Zeit behandeln wird. Der Band 4 also umfasst die Nummern 994-1974, d.h. die Hälfte des gesamten Katalogs und umfangmäßig 80% des Gesamtwerkes. Die Katalogeinträge sind sehr präzise knappe Beschreibungen des Bildthemas, der Fundort und eine Datierung, das Museum, in der das Objekt aufbewahrt und zu finden ist, die Größe, die Literatur, wo das Objekt schon erforscht wurde, Parallelen. Viele Objekte sind allerdings nicht in einer Grabung gefunden worden, die einen Kontext und damit eine präzise Datierung erlaubt, sondern irgendwie ins Museum gekommen, so dass die Datierung oft aus der Stilistik und Vergleich mit ähnlichen Stücken erschlossen wird.[13] Der Katalog ist chronologisch in drei Epochen untergliedert, dort dann nach Ikono­graphischen Themen sortiert, also etwa ‚Der Stier‘, ‚Herr der Tiere‘, ‚Göttin, Schlange, Taube und Granatapfel‘, ‚die nackte Göttin‘, ‚Sterne, Wächter und Mischwesen‘, ‚Wettergott‘, ‚Herrscher erschlägt Feinde‘. Diese Themen sind auch chronologisch in der Entwicklung und thematisch kontextualisiert in der Einleitung S. 60-88 behandelt, das Kapitel v. ergänzt die biblischen Bezüge aus Band 3, v.a. um Frauen und Göttinnen, die astralen Gottheiten und den Einfluss der brutalen assyrischen Herrschaftsideologie. Die knappe, aber umfassende Beschreibung des jeweiligen ikonologischen Themas benennt Orte und Zeiten, in denen das Motiv (in der ‚Umwelt‘) besonders gepflegt wurde und wie die Könige, die Propheten, wie die Psalmen und poetisch-liturgischen Texte das Motiv ver­arbeiten oder kritisieren im Bezug auf den Jhwh-Kult. Es ist auch möglich, anhand der ausführlichen Indices (für das Gesamt­werk S. 926-961 in kleiner Schriftgröße) zu finden, beispielsweise eine Bibelstelle, einen Fundort (mit kurzer geographischer Einordnung; dazu auch die Karten S. 13f), die gesuchten Motive (leider nicht immer unter­gliedert; etwa zu ‚Bovine, s.a. Kuh, Kalb, Rind, Stier‘ sind es an die hundert Katalog­num­mern. Differenzierter sind aber viele der großen Einträge wie ‚Feinde‘: unter Füßen, gefesselt, geköpft, gefesselt mit Nasenring usf., so auch unter Capride [Ziege, Antilope …], Frau, Gott, Göttin, Löwe, MusikantInnen. Die Joschijanische Kultreform kann ich nicht unter dem Namen des Königs finden, muss also über die Bibelstelle 2.Könige 22-23 suchen und das religionsgeschichtlich so interessante Kapitel 8 bei Ezechiel zum sog. Synkretismus[14] in Jerusalem, also viele Kulte neben dem Jhwh-Kult. S. 18 finde ich so nicht, S. 79 und 84 behandeln nur Details. Zu Recht hat Silvia Schroer die mangelnde Berücksichtigung der weiblichen Gottheit oder weiblichen Seite Gottes kritisiert (21) und in diesem Band einen besonderen Schwerpunkt: gesetzt 96-107. Israel/Palästina ist ein Land zwischen den Großmächten in Mesopotamien und Ägyp­ten, die S. 25-60 vorgestellt werden, dazu die Philister und Phönizier, Zypern und Griechen­land, Urartu und Hethiter.  Kapitel IV, 61-88, beschreibt die Themen der Bildkunst und wie sie sich in den drei Epochen der frühen Eisenzeit verändern: nächst den ägyptischen die auto­chthonen (‚einheimischen‘) Traditionen, unterschieden noch einmal von den nord­syrisch-anatolischen Motiven, wie Stier und Wettergott.

Der vierbändige Katalog findet in diesem Abschlussband eine glänzende Vollendung. Ob das schon eine ‚Religionsgeschichte‘ ist, sollte noch reflektiert und eingeschränkt werden. Die Bilder und Zeichen sind nur eine Dimension,[15] die eher der Elite zuzuweisen sind. Der Band ist ebenso ein Handbuch zum genauen Studium, wie die Zeichnungen der Objekte zum genaueren Nachschauen der Erklärung locken, zu den vergleichbaren Objekten, zum Motiv, zum Kontext. Und sie leiten die Leser dazu, die Bibel aufzuschlagen, um die ange­gebenen Stellen nachzulesen. Ein ausgezeichneter, sorgfältiger Band und ein Entdeckerbuch.

 

Bremen/Much, 16. Juli 2019
Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Michael Pietsch: Die Kultreform Josias. Tübingen: Mohr 2013. Meine Rezension: Israels Religions­geschichte am Wendepunkt: Die joschianische Kultreform. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/. Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart: Kohlhammer 2016, 267-269.

[2] Othmar Keel: Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1972, 51996.

[3] Eine Zusammenstellung seiner Bücher findet man am einfachsten im Wikipedia-Artikel zu Keel.

[4] Keel/Schroer: Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht; Fribourg: Academic Press 2002; ²2008.

[5] Zur Kritik und Diskussion etwa die Beiträge in Bernd Janowski; Nino Zchomelidse (Hrsg.): Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 2003.

[6] BIBEL+ORIENT Museum in Fribourg.

[7] Vier Bände Studien 1985, 1989, 1990, 1994, dann das Corpus der Stempelsiegel-Amulette aus Palästina/ Israel. Von den Anfängen bis zur Perserzeit. Einleitung. Göttingen 1995, ISBN 3-525-53890-1. (Orbis Biblicus et Orientalis. Series Archaeologica 10), Band 1(1997)-5(2017). Noch nicht abgeschlossen.

[8] Um nur einige zu nennen: Thomas Staubli zum Image der Nomaden, Urs Winter zu Baum und Göttin, Christoph Uehlinger zum Turmbau zu Babel. Die von OK gegründete Reihe Orbis Biblicus et Orientalis umfasst 285 Bände, die neutestamentliche Reihe Orbis Biblicus et Orbis Antiquus NTOA ist bei Band 120 angelangt, dazu je eine Reihe series archaeologica.

[9] Silvia Schroer; Thomas Staubli: Menschenbilder der Bibel. Ostfildern 2014. Schroer: Die Körpersymbolik der Bibel. Darmstadt: WBG 1998, ²2005.

[10] 2 Bände, die in dem Handbuch und Reisebuch Orte und Landschaften der Bibel als Band 4,1 erschienen. Band 4,2 ist der unschätzbare Studienreiseführer von Max Küchler über Jerusalem von den Anfängen bis zur Neuzeit. 2007. Die zweite Auflage 2014 ist gekürzt (von 1266 auf 816 Seiten, also um ein Drit­tel), gestrafft, aber viele Alter­na­tiven in den Deutungen sind gestrichen. Ich ziehe die erste Auflage vor.

[11] Zu der Bewertung der Zerstörung durch die Seevölker, das ist die Sicht der Ägypter, und anderen Faktoren des Niedergangs und der Kontinuität Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt. München: Beck 2018, 577-662. Siehe meine Rez. auf dieser Internet-Seite: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/07/18/die-geburt-der-mediterranen-welt/

[12] Die Zeitangaben nennen nicht die ‚christliche‘ Ära, sondern nur a [wie ante Christum natum vor Christi Geburt], beziehen sich also auf die übliche Zeitrechnung, wie im Englischen sich eingebürgert hat, in wissenschaftlichen Texten nicht mehr BC (Before Christ), sondern BCE zu schreiben (Before Common Era).

[13] „Viele Katalogstücke sind nicht auf hundert Jahre genau, manche nicht einmal auf zweihundert Jahre genau datierbar.“ S. 7.

[14] Schroer 21: „Die Religion Israels und Judas vor dem Exil beschreibt man am zutreffendsten als polytheistisch.“ Der wichtige weitergehende Aspekt des Synkretismus ist damit nicht getroffen.

[15] Christoph Auffarth und Hubert Mohr: Religion. in: Metzler Lexikon Religion. Hrsg. von denselben und Jutta Bernard. Band 3. Stuttgart: Metzler 2000, 160-172.

 

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Die Architektur der Normannen

Oliver Becker: Die Architektur der Normannen in Süditalien im 11. Jahrhundert: Kontinuität und Innovation als visuelle Strategien der Legitimation von Herrschaft.

(Studien zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit 17) Affalterbach: Didymos-Verlag [2018].

436 Seiten, 96 nicht gezählte Seiten mit Illustrationen, Karten, Pläne.
ISBN 978-3-939020-17-2.


Die wilden Männer werden Christen

 

Kurz: Das Buch macht die süditalienische Kirchenarchitektur aus jahrelanger Forschung zugänglich, Grundlagenarbeit und spannende Thesen.

Ausführlich: Nachdem die wilden ‚Männer aus dem Norden‘ als Wikinger Jahrhunderte lang die Menschen im Westen Europas in Angst und Schrecken gesetzt hatten, indem sie in jedem Frühjahr mit ihren Schiffen die Flüsse hinaufgefahren waren und alles plünderten, nicht zuletzt die unbewaffneten Klöster, ändert sich das nach der Jahrtausendwende: Vor allem in der Normandie, in Großbritannien (Schlacht von Hastings 1066) und in Süditalien/ Sizilien gründen sie nun Königreiche, nehmen das Christentum an, erobern mit dem Fähn­lein Petri, also im Namen des Papstes, das Land, das teils von Muslimen beherrscht war. Das gehört in die Vorgeschi­ch­te der Kreuzzüge, an denen sich die Normannen dann tatkräftig beteiligten (Bohemund von Tarent, Tancred, Robert Kurzhose).[1] Zur Gründung eines Reiches gehört der Bau von Burgen und in den Städten neuer Kirchen.[2] Dieser Architektur der gerade erst chris­ti­a­nisierten Normannen ist der Verfasser der Dissertation Oliver Becker seit vielen Jahren nachgegangen.[3] Dabei hat er so gut wie jede Kirchen besucht, fotografiert, vermessen, unter­sucht. Viele der Abbildungen im Tafelteil stammen von ihm. Er will aber kein ‚positivisti­sches‘ Inventar aller Kirchen vor­legen, was dann eine kurze, eher technische Beschreibung verlangt hätte. Viel­mehr wählt er vier bzw. fünf „Schlüsselbauten“ aus, an denen er je ein Problem diskutieren will und dabei ausführlich diese Kirche beschreiben kann (1. S. 84-130) den Dom von Salerno wegen der Spolienverwendung, d.h. in dem Bau sind viele ‚geklaute‘ Bauteile verarbeitet, die aus anderen Gebäuden stammen, mit Vorliebe aus antiken Bauten. (2. S. 131-183) Den Dom von Otranto wählt er als Typus einer Hallen­krypta aus, d.h. unter dem oberen Dom mit seinem berühmten Mosaik befindet sich eine große zweite Kirche. (3. S. 184-235) Am Dom von Tarent will er beschreiben, wie in der Forschung sich die Bewertungen änder­ten. Waren das alle (Erz-) Bischofskirchen, so wählt OB (4.) die Kirche von Reggio di Calabria (S. 236-270, ein durch zwei Erdbeben verlorenes Dokument, das sich aus alten Ansichten aber wieder rekonstruieren lässt. Gegen die bisheri­ge Forschung erweist sich der Grundriss nicht als beeinflusst von der berühmten Kloster­kirche von Cluny, sondern bildet einen eigenen Typus mit anderen normannischen Bauten, etwa dem Dom von Tarent. Weiter untersucht OB (5., S. 271-322) die Kirchen von Aversa und Capua als „Bau und Gegenbau“ wegen ihrer neuen Bauformen, also das typisch Andere an der normannischen Kirchenarchitektur, zu dem es keine Vorbilder gibt, aber Konkurrenz zu den Kirchen im nördlich anschließenden Campanien.

Die These, dass die Normannen „mit der schrittweisen Festigung der Herrschaft Kirchen als Monumentalarchitektur, mit der sie weniger ihre frommen Aspirationen als vielmehr ihre weltlichen Herrschaftsansprüche visuell propagieren wollen“ (10) spricht einen Gegensatz aus, den man im Mittelalter kaum auseinanderhalten kann. Kirchen oder Kapellen in Burgen stellen sowohl Prestigearchitektur dar, viel zu groß für den normalen Gottesdienst, als auch ein Zeichen, dass Gott den Reichtum und die Macht zu solcher Architektur gibt, und als Geschenk an Gott, dass er das auch künftig geben möge. Dies war gerade für Eroberer und neu getaufte Könige wichtig.

Die hervorragende Dokumentation in den Bildern und Grundrissen, der Beweis von späte­ren Planänderungen anhand von Baufugen, Rekonstruktion untergegangener Bauten, das riesige Literaturverzeichnis, die Fülle der detaillierten Fußnoten, die Beherrschung der lateinischen Inschriften und Passagen aus den Historikern, erschlossen durch einen Index der Personen und Orte, zeigen, dass hier eine jahre­lange, beharrliche Forschung einen meister­haften Abschluss gefunden hat.

 Bremen/Much, Juli 2019

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Den Zusammenhang hat schon Carl Erdmann herausgearbeitet: Die Entstehung des Kreuzzugs­gedankens. Stuttgart: Kohlhammer 1936. Die neueste Monographie zu den Normannen: Rudolf Simek: Die Geschichte der Normannen. Von Wikingerhäuptlingen zu Königen Siziliens. Ditzingen: Reclam 2018.

[2] Pointiert sagt Oliver Becker, sei es in den rund 70 Jahren der Landnahme zur „Liquidation des süditalienischen Frühmittelalters“ gekommen (14).

[3] Dissertation 2015 an der Freien Universität Berlin bei Prof. Christian Freigang. Bereits 2007 ist ein erster Aufsatz erschienen. Oliver Becker – im Folgenden mit den Initialen OB abgekürzt – hat immer wieder die Bauten aufgesucht, oft genug vergeblich, weil die Kirche ‚in restauro‘ jahrelang geschlos­sen war, was er witzig formuliert: die Kirche sei dem heiligen Restauro geweiht.

 

 

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Ägyptische Religion-2-Götterliteratur

Jan Assmann; Andrea Kucharek: Ägyptische Religion. [2] Götterliteratur.

Aus dem Altägyptischen übersetzt und herausgegeben von Jan Assmann und Andrea Kucharek. Mit zahlreichen, teils farbigen Abbildungen Berlin: Verlag der Weltreligionen 2018.
1099 Seiten, 25 Ab­bildungen. [ISBN 978-3-458-70056-2 ]
78.-

 

Ägyptische Religion in Texten und genauen Erklärungen

 

Der umfangreiche Band mit Texten zu Göttern Ägyptens folgt dem Band über die Toten- und Unterwelt-Texte.[1] Die Texte (S. 11-560). Kommentar 563-1056. Bibliographie 1057-1084. Bilderläuterungen 1085-1091. Die Texte umfassen: (1) die Kultbildrituale (9-148), (2) Abwehr, Schutz, Heilung (149-298). (3) Kosmographie und Theologie (299-420). (4) Hymnen und Klagen (421-508). (5) Lebensführung und Persönliche Frömmigkeit (509-560).

Jan Assmann hat als einer der international führenden Ägyptologen und sprachmächtigen Kulturwisssenschaftler[2] gemeinsam mit Andrea Kucharek[3] eine substantielle Auswahl von Texten aus der gesamten ägyptischen Zeit, die von der frühdynastischen Zeit (etwa 3000-2650 v.Chr.), dem Alten Reich, dem Mittleren und dem Neuen Reich reicht mit den sog. Zwischenzeiten. Aber auch Hellenismus (332-30 v.Chr.) und Römerzeit sind nicht ausge­schlossen (Zeittafel 587f). Die Texte sind guten Teils neu übersetzt in einer Sprache, die im Deutschen als Zielsprache mutig Wörter und Begriffe wählt, statt veraltete und bedeutungs­arme Wörter zu verwenden, die ein früherer Übersetzer verwendete, wenn er sich der Bedeutung nicht sicher war. Die Kommentare sind ebenso stark. Ein Beispiel zu nennen: Die in Europa in der Renaissance als älteste Religion wahrgenommenen Texte unter dem Namen des Hermes, die Hermetik, leitet sich her von dem griechischen Namen (Hermes trismegistos)[4] des Gottes Thot. Für diese Symbolfigur der modernen Esoterik findet JA die folgende Charak­­terisierung: „Er ist der paradigmatische Verwaltungsbeamte unter den Göttern, der Weisungen erteilt, plant, Gesetze erlässt, ‚die Schrift reden lässt‘, d.h. aus Geschriebenem vorliest, und die Opfer an Götter und Totengeister verteilt. Er hat das Sonnenauge heimge­holt, das sich im Zorn entfernt hatte, er hat Horus mit Seth versöhnt und dadurch die Einheit des Staates begründet, er verfügt über die Zaubersprüche, den Wütenden abzuwehren und die Rebellen zu vernichten, und er hat verhindert, dass das Wunder des restituierten Osiris dem Seth sichtbar wurde.“ (719, vgl. 698f). Vielleicht sollte aber der Hinweis auf die Schrift als gehütete Expertenwissenschaft seine Bedeutung doch etwas heben. Ein weiteres Beispiel die knappe Charak­teri­sierung des Seth, heute ein Symbol für das personifizierte Böse (zB in der Church of Seth der Satanisten), S. 696-700 und die folgenden Stellenkommentare 701-728 Seth ist meist ein komplementäres Gegenstück zu Osiris, nur beide zusammen machen die Weltord­nung aus, Wüste und Nil gehören zusammen. Hier aber finden sich Tendenzen zur Verteufe­lung. Der Kommentar (561-586) gibt eine Einführung in die hier versammelten Texte.[5] JA schöpft aus und fasst hier zusammen, was er in zahlreichen Büchern so exzellent erklärt hat: Was er den kosmogonische Monotheismus nennt mit seiner sich täglich erneu­ernden Welt­ordnung und ihre wechselseitige Rechtfertigung mit der Monarchie der Phara­onen.[6] Dann erklären sie, was man unter Götterliteratur, ihre Entstehung, Umfang und Wachstum, ver­steht: Texte zu den Ritualen, in deren Mittelpunkt die Götterstatuen stehen, darunter das berühmte Mundöffnungsritual (Texte 100-148, kommentiert 653-687). Sie müssen gegen Feinde geschützt werden. Kosmotheistische Texte binden die Statuen ein in die Erhaltung der Weltordnung. Hymnen verehren die Götter in den Statuen. Schließlich gibt es auch Texte der Theologie außerhalb des Tempelrituals (die sog. Persönliche Frömmigkeit). Der christ­liche Theologe Clemens aus Alexandria hat in seinen Stromateis („Teppichen“) auf Griechisch eine Bibliothek eines ägyptischen Tempels und das Personal für den Kult beschrieben (570-573). Großartig auch die Beschreibung der ‚Hierosphäre‘ als eine begrenzte Transzendenz der dem Kosmos immanenten Götter, die zwar Flüsse, Winde, Bäume, aber auch Kultur­techniken wie die Schrift repräsentieren, aber den Menschen in einer geschlossenen Sphäre trans­zendent gegenübertreten; gleichzeitig kann ganz Ägypten vom ersten Katarakt bis ins Nildelta als ein einziger Tempel verstanden werden (574). Über den Tempelkult hinaus­greifend ist die Vorstellung der Ma’at als Kult und Recht umgreifende Idee (579-583). Sie manifestiert sich in den Gesetzen und der Rechtsprechung, erhält ihre Bestätigung im Toten­gericht. Die Rezeption des Konzeptes außerhalb Ägyptens in Israel bei den Propheten oder im frühen Griechenland, bildet eine wichtige Transformation oder eine mitlaufende Ent­wicklung in den Religionen, die aus den monotheistischen Konzepten her­vor­gegangen sind: unter den polytheistischen Oberflächen des Kultes findet man mono­theistische Unter­strö­mun­gen.[7]

Ein Bogen auf Kunstdruckpapier (zwischen S. 640 und 641) stellt einige Abbildungen vor, die auf Seite 1085-1090 bzw. im Stellenkommentar erklärt sind. – Etwas betrübt bin ich, dass die in allen bisherigen Textaus­gaben exzellente Arbeit, die Claus-Jürgen Thornton in die Indices der Personen, Orte, Sachen gesteckt hat, hier fehlt. Ein erhebliches Manko.

Der Verlag der Weltreligionen beruhte auf der Zusammenarbeit mit der Udo Keller Stiftung  Forum Humanum. Die Zusammenarbeit ist leider aufgekündigt. Aber es werden noch begonnene Projekte weiter und hoffentlich zu Ende geführt. Dieses Buch ist eines davon. Der Koran-Kommentar das andere. Immerhin. Auch wenn das Gesamtprogramm nicht weiter voran kommt,[8] so hat es bedeutende Bücher hervorgebracht. Dazu gehört dieses Buch von Assmann/ Kucharek über die ägyptische Religion.

Der Band ist eine Summe des Lebenswerkes von Jan Assmann auf dem Gebiet der Ägypto­logie, eine Einsicht in die aktuelle Forschung, wichtige Texte in einer genauen, gut lesbaren Über­setzung und umsichtige Kommentare, nicht in Details sich verlierend, sondern die großen Zusammenhänge am Detail erklärt. Großartig!

  1. Juni 2019
    Christoph Auffarth
    Religionswissenschaft
    Universität Bremen
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[1] Jan Assmann: Ägyptische Religion. [1] Totenliteratur. Frankfurt am Main: Verlag der Weltreligionen 2008.

[2] Die Wertschätzung zeigt sich in der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahre 2018 an den 80-Jährigen gemeinsam mit seiner Frau, der Anglistin Aleida Assmann. Die Qualität seiner Sprache würdigt der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa 2016, die welterklärende Weitsicht der Karl-Jaspers-Preis 2017. – Wenn ich im Folgenden JA oder Assmann nenne, so ist der Anteil von Andrea Kucharek mit gemeint.

[3] Andrea Kucharek arbeitet am Institut für Ägyptologie der Universität Heidelberg. Der Nachfolger Assmanns, Joachim Quack, arbeitet an der Edition von aufregenden, bisher unveröffentlichten ‚spä­ten‘ Osiris-Texten, die die römerzeitliche Götterliteratur erforscht.

[4] Florian Ebeling: Das Geheimnis des Hermes Trismegistos. Geschichte des Hermetismus. München: Beck 2005. Christoph Auffarth: Hermetik. Enzyklopädie der Neuzeit, Band 5(2007), 391-395. Vgl. Assmann 564 zu Iamblichos als Vermittler in die Religions- und Geistesgeschichte des Abendlandes.

[5] Begründung der Auswahl 573.

[6] Vgl. Christoph Auffarth: Der drohende Untergang. ”Schöpfung” in Mythos und Ritual im Alten Orient und in Griechenland am Beispiel der Odyssee und des Ezchielbuches. (RGVV 39) Berlin; New York 1991: der latente Dualismus, den die Theologien zwischen Chaos und Kosmos behaupten, trifft nicht „dieses dramatische und latent apokalyptische Weltbild“ (Assmann 564).

[7] Kenntnis solcher Königsideologie und Übertragung auf eine völlig andere Gesellschaftsordnung: Auffarth, Der drohende Untergang 1991, 524-558. Auffarth: Justice, the King and the Gods: Polytheism and Emerging Monotheism in the Ancient World. In: Reinhard G. Kratz / Hermann Spieckermann in collaboration with Björn Corzilius and Tanja Pilger (eds.): One God – One Cult – One Nation. Archaeo­logical and Biblical Perspectives. (BZAW 405) Berlin; New York 2010, 421-453.

[8] Das war in dem Almanach zur Eröffnung des Verlags der Weltreligionen, hrsg. von Hans-Joachim Simm. Frankfurt: VdWR 2007 auf 415 Seiten angekündigt worden. Vgl. Christoph Auffarth: Habermas trifft Papst Benedikt, Suhrkamp verlegt Religion. Die ersten Programme 2009 des Verlags der Weltreligi­onen. In: Zeitschrift für Religionswissenschaft 17(2009), 213-220.