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Kindertora-Kinderbibel-Kinderkoran

Kindertora-Kinderbibel-Kinderkoran.
Neue Chancen für (inter-)religiöses Lernen.

Herausgegeben von Georg Langenhorst und Elisabeth Naurath

Verlag Herder, Freiburg 2017

ISBN: 978-3-451-37660-3

 

„Lesen und nochmals Lesen“

 

Kinderbibeln haben in Familien, besonders auch in Grundschulen und Kirchen nach wie vor Konjunktur. Viel zu wenig ist bekannt, dass auch im europäischen Judentum eine beachtliche Tradition diesbezüglich vorhanden ist. Noch weniger bekannt sind die an einer Hand abzuzählenden neueren Veröffentlichungen zum Koran für Kinder.

Der Anlass für die Herausgabe des neuen Bandes „Kindertora-Kinderbibel-Kinderkoran“ war das 8. „Internationale Forschungskolloquium Kinderbibel“ im Juli 2015 in Augsburg. Schon seit 1994 arbeiten Forschergruppen kontinuierlich an diesem Themenbereich. 2015 wurde der Blick dezidiert auch auf Beispiele aus den Religionen Judentum und Islam gerichtet. Damit steht besonders das interreligiöse Lernen im Fokus. Ich stelle die zahlreichen Beiträge dieses Buches in kurzen Skizzierungen und Kommentierungen dar.

Michael Fricke spricht zu Recht von Kinderbibeln als einer „pädagogischen Erfolgsgattung“: „Seit dem 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart sind annähernd 1.000 deutschsprachige Kinderbibeln nachgewiesen“ (17). Zwar seien Kinderbibeln inzwischen „hinlänglich erforscht“ (18) jedoch gebe es bis heute „keine allseits anerkannte Definition von Kinderbibeln“ (20). Die Vielfalt der Motive und Ziele hat vor allem drei Hintergründe: a) Die Vollbibel ist nicht für Kinder geschrieben; b) Die Kriterien Kindgemäßheit und Textgemäßheit sollen erfüllt werden; c) Kinderbibeln sind „Bibel und Bibelauslegung“ zugleich (22). Er richtet seinen Blick auf einige ältere und jüngere jüdische Kinderbibeln, darunter auch auf die Tora-Lesung orientierte Kindertorah von Liss/Landthaler. Aus dem Islam gibt es erst seit kurzer Zeit wenige Werke, die den Koran Kindern nahebringen wollen. Fricke[1] geht hier, wie auch die meisten anderen Autoren dieses Sammelbandes, auf den „Koran für Kinder und Erwachsene“ ein, der von L. Kaddor und R. Müller im Jahre 2008 herausgegeben wurde; des Weiteren auf das Werk von H. Mohagheghi und D. Steinwede, „Was der Koran uns sagt“ (2010). Beide Werke werden im islamischen Kontext kontrovers diskutiert, denn: „In jeder Religion gibt es einen eigenen Diskurs darüber, ob die ‚Kinderausgabe‘ die Autorität der kanonisierten Quelle enthält“. Abschließend fasst Fricke die weiterführenden religionspädagogischen Themen substantiell hervorragend zusammen (39). Sein Fazit: Auf dem Feld des interreligiösen Lernens bieten die ‚Kinder-Texte‘ der drei Religionen noch sehr viel Gesprächsstoff!

Robert Schelander geht dezidiert der Forschungsfrage nach interreligiösen Aspekten nach. Er macht darauf aufmerksam, dass zumindest die Bibel und der Koran in den Texten selbst interreligiöse Bezüge haben (44). Darüber hinaus erfordere die kulturelle Situation unserer Gesellschaft geradezu den Blick auf interreligiöse Zusammenhänge (62). Spannende Einzelheiten zur Geschichte der christlichen und der jüdischen Kinderbibeln werden vermittelt. Eine Kernfrage, der sich alle drei Religionen zu stellen haben, ist die Frage nach dem Kanon, dem man sich mehr oder weniger stark verpflichtet weiß. Kinderbibeln[2] sind markante religionspädagogische Herausforderungen, wenn Schelanders Behauptung zutrifft: „Jede Kinderbibel ist ein Statement zur Frage: Was ist eine gute religiöse Erziehung?“ (45).

Aus der Blickrichtung der „Komparativen Theologie“ untersucht Klaus von Stosch Kindertora und Kinderkoran. Hier treten neue Gesichtspunkte hervor, welche die Bedeutung der jungen jüdischen und islamischen Werke betonen, insbesondere was die ethische und hermeneutische Orientierung betrifft. Irritierend wirkt jedoch der vielfache Bezug des Autors auf „Ambiguität“. Wird hier ein Vorverständnis in die Analyse hinein getragen?[3]

Der Beitrag von Dorothea M. Salzer widmet sich der Geschichte jüdischer Kinderbibeln. Diese ist reichhaltiger als bisher vermutet! Aus der großen Fülle sehr interessanter Berichte werden hier nur zwei Aspekte erwähnt. Zeitweise gab es im europäischen Judentum gesonderte Bibelausgaben für Jungen und für Mädchen (19. Jahrhundert, jüdische Reformbewegung).[4] Zwischen christlichen und jüdischen Kinderbibeln gab es damals überraschende Übereinstimmungen, was auf einen „transkulturellen Austausch“ hinweist (100).

Hadassah Stichnothe richtet den Blick vor allem auf jüdische Publikationen des 20. und 21. Jahrhunderts, die aus heutiger Sprachregelung dem Genre „Kindertora“ entsprechen. Sie beschreibt das Entstehen jüdischer Bilderbücher und anderer Kinderliteratur.[5] Strutschinskys „Die Bibel für Kinder erzählt (1964) ist ein Beispiel dafür, dass Erzählen zu den Grundgegebenheiten des jüdischen Glaubens gehört (Midrasch).

Mit Bruno Landthaler ist eine dritte jüdische Stimme zu hören. Als Mitautor der fünfbändigen Ausgabe „Erzähl es deinen Kindern“[6] gibt er fundierten Einblick in die Literaturwerkstatt. Die Torah ist nicht nur ein Informationstext, sondern ein religiöser Text, der durch „Lesen und nochmals Lesen“[7] im wöchentlichen Synagogengottesdienst in unsere Gegenwart geholt wird. So begründet Landtaler die enge Anlehnung an die jüdischen Wochenabschnitte. Gleichzeitig war eine enorme hermeneutische Leistung zu bewältigen, um den Text der Bibel so wiederzugeben, dass er für Kinder verständlich ist.

Aus christlicher Sicht diskutiert Georg Langenhorst die Möglichkeiten trialogischen Lernens und resümiert: „Kindertora, Kinderbibel und Kinderkoran bieten sich als besonders geeignete Medien für solche Lernprozesse an“ (178). Er stellt das „Zeugnislernen“ vor das „Begegnungslernen“, dies kann man aber mit guten Gründen anders sehen[8]!

Elisabeth Naurath lenkt die Themenstellung stärker auf einen schulischen Kontext. Lehrkräfte und Lehramtsstudierende sollen Kompetenzen der Textbegegnung und der Pluralismusbefähigung (194) erwerben, um die Arbeit mit Texten anderer Religionen wirklich fruchtbar zu machen. Thomas Schlag greift weit aus und ordnet den Umgang mit den ‚Kinderbibeln‘ religionspädagogisch einer interreligious literacy zu, wobei ein ‚learning from religion‘ (220) durchaus eingeschlossen ist. Der Umgang mit Bildern ist in vielfältiger Weise ein Diskussionspunkt. Marion Keuchen stellt an Beispielen verschiedene Typen von Bild-Konzeptionen dar. Dabei werden auch die jüdischen und die islamischen Kinderbücher einbezogen. Über die theologische und didaktische Funktion von Bildern gibt es bei dieser Literatur noch viel Gesprächsbedarf.

Mit Hamideh Mohagheghi äußert sich eine Autorin aus der islamischen Religion. Ihr gelingt es hervorragend, auf überschaubarer Seitenanzahl das Konzept und die Hintergründe von „Was der Koran uns sagt“ prägnant vorzustellen. Das Hauptanliegen: den Kindern den Koran verständlich zu machen.[9] Ausdrücklich ist die interreligiöse Perspektive im Blick: „Es ist wünschenswert, dieses Buch nicht nur für den islamischen Religionsunterricht einzusetzen, sondern es auch im christlichen Religionsunterricht … beim Thema Islam anzuwenden“ (263). Angesichts der Tatsache, dass ein ‚Kinderkoran‘ bisher nur ganz vereinzelt anzutreffen ist, gehen die islamischen Religionspädagogen Yasar Sarikaya und Dorothea Ermert grundsätzlich auf die Thematik ein und reflektieren „theologische und pädagogische Begründungen eines Kinderkorans“ (272ff). Nach einer Darlegung von Kriterien für die Erstellung werden Chancen und Probleme der Realisierung erörtert. Eindeutig überwiegt die positive Sicht. Die islamische Religionspädagogik wird sich sicherlich dem Thema Kinderkoran weiterhin engagiert widmen!
Im Ausblick bündeln Georg Langenhorst und Elisabeth Naurath die reichhaltigen Beiträge und stellen zutreffend fest, dass die Beschäftigung mit Kindertora, Kinderbibel und Kindertora weiterhin eine aktuelle und vielversprechende religionspädagogische Aufgabe bleiben wird. Eine sorgfältig erstellte Gesamtbibliographie (295-305) mit Primär[10]– und Forschungsliteratur hilft Lehrenden und Studierenden bei der vertiefenden Arbeit.

Mit diesem Buch ist die Forschungslage zu Geschichte und Gegenwart breit dargestellt. Die Leserinnen und Leser werden kompetent in der Beurteilung und im Umgang mit den grundlegenden Fragen, das Verhältnis von Kindern und so genannten ‚heiligen Schriften‘ betreffend. So ist der nächste Schritt gut vorbereitet: die Umsetzung im Unterricht in Schule und Gemeinde.

 

Dr. Manfred Spieß

Oldenburg (Niedersachsen)                                                     06.09.2017

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[1] S. 36 müsste eine Korrektur vorgenommen werden. Statt „vormekkanisch“ muss es m.E. heißen: „vormedinisch“.

[2] Dies kann auch auf Kindertora und Kinderkoran bezogen werden

[3] Vgl. bes. 64-69

[4] Vgl. 93ff.

[5] „Insgesamt war die jüdische Kinderliteratur Anfang des 20. Jahrhunderts durch eine stärkere Ausrichtung an kindlichen Lesebedürfnissen und eine engere Anbindung an aktuelle Kunst- und Literaturströmungen geprägt“ (118)

[6] Hanna Liss und Bruno Landthaler: Erzähl es Deinen Kindern. Die Torah in Fünf Bänden. Ariella Verlag Berlin 2014ff

[7] Vgl. 141ff

[8] Vgl.164ff. Ich würde die Lernformen, die mit den Namen Leimgruber und Sajak/Meyer verbunden sind, nicht alternativ, sondern durchaus komplementär betrachten.

[9] Sehr informativ und kompakt erläutert H. Mohagheghi das Grundverständnis des Koran und die koranische Anthropologie. Sie plädiert für eine historische und wissenschaftliche Herangehensweise (bes. 268).

[10] In den Beiträgen geht es häufig um den didaktischen Einsatz in der Schule. Leider findet eine aktuelle Grundschulbibel keine Beachtung: Die Grundschul-Bibel. Herausgegeben von Axel Wiemer. Klett Verlag 2014. Meine Rezension dazu: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2014/04/15/die-grundschul-bibel/

Das Lehrerhandbuch: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2015/03/21/grundschulbibel-lehrerband/

 

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