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Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums

Peter Schäfer
Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums
Fünf Vorlesungen zur Entstehung des rabbinischen Judentums
Tübingen: Mohr Siebeck 2010
XVII, 210 Seiten

 

 

Geburten und Geschwister

Wie sich das Judentum formierte, nach der Zerstörung des Tempels und dem Verbot, in Palästina zu wohnen, geschieht in intensiver Auseinandersetzung mit christ­lichen Theologien. Dies ist Teil eines umfassenden Transformati­ons­­prozesses, der alle Religionen der Spätantike umfasst und mehr als 400 Jahre dauert. „Das Ende des Opfers“ ist ein Symbol dafür.[1]  Weder gibt es ‚das Christentum’ als feste Größe gleich,[2] aber erst recht noch nicht ‚das Judentum’. PS[3] zeigt an den Debatten der ‚Lehrer’ (hebr. Rav [sing.], Rabbinen; Rabbi ist Anrede „mein Lehrer“), wie die christlichen Ansichten offen diskutiert werden, teils unter dem Etikett „Häretiker“ (minim), teils als Meinung eines Lehrers, der man massiv widersprechen muss (wie dem Rabbi Akiva S. 80 ff).

PS behandelt fünf Fälle. Der erste  „Warum verschwand das Messiasbaby?“ (1-31).[4] Der zweite „Ein Gott oder mehrere Götter?“ (33-63). „Der alte und der junge Gott“ (65-96). „Gott und Metatron“ (97-132). Der leidende Messias Efraim“ ( 133-178).  Es folgen fünf Abbildungen, das Literaturverzeichnis, ein Verzeichnis der Quellen und ein Sachregister.

Es geht je um einen Text, in der Regel einen schwierigen Bibelvers, der einem Rabbi zur Lösung vorgelegt wird. Er antwortet, indem er auf den Kontext verweist oder einen anderen Bibelvers zur Erklärung beizieht. In all den genannten Fällen geht es um das Problem, wie Aussagen der Bibel zu erklären sind, die auf mehr als den einen Gott hin deuten; besonders in welchem Verhältnis JHWH und sein Messias stehen, ob er ihn bereits am Anfang der Welt gemacht hat. Hat er oder wird er ihm etwa die Herrschaft übergeben? Wie ist der Menschensohn in Daniel 7 und „die“ Throne zu erklären? Wer waren die Mehrzahl der Schöpfer, als Gott sagte „Lasst uns Menschen machen!“ Der Patriarch Henoch, der mit Gott wandelte, wurde der zum Engel und gar zum ‚kleinen Gott’ (Metatron)? Ganz andere Deutungen der Maria werden deutlich bei dem verschwundenen Massias-Baby. Dieses Kapitel muss man neben die allzu bekannte und harmonisierte „Weihnachtsgeschichte“ Lukas 2 legen. Oder – ganz außergewöhnlich (S. 154) – gibt es auch jüdisch einen leidenden Messias (Messias ben Efraim) neben oder statt des König-Messias’ ben David? Die Häretiker außerhalb des Seminars werden leicht abgebügelt mit formalen Argumenten, dann aber fragen die Schüler, und die Antworten in der Akademie zeigen, wie komplex und letztlich unlösbar die Fragen wirklich sind. Die Texte zeigen je einen späte Lösung, die frühere, anders lautende Lösungen wiederlegen will.

Es bleiben Einwände eher grundsätzlicher Art: Der Titel wie auch die Argumentation behaupten, dass das Judentum aus dem Geist des Christentums geboren sei. Über die Metapher der ‚Geburt’ muss man streiten, wenn PS jetzt das Christentum oder seinen ‚Geist’ zur Mutter erhebt. In den Spitzenaussagen der „Biblischen Theologie“ war das die These, das Christentum habe die wahre Tradition der hebräischen Bibel im Evangelium von Jesus Christus bewahrt, nämlich die prophetische Linie, während die Juden in Gesetzlichkeit und Ritualismus verfielen.[5] Die neue Diskussion von den ‚Schwester-Religionen’ (so PS passender, etwa S. 29 f eine großartige Passage!), den siamesischen Zwillingen oder dem Borderline-Syndrom (s. meine Besprechung des Buches von Boyarin) lehnt gerade die biologische Metapher der Mutter/Tochter ab. Die Zerstörung des Tempels war für beide Bewegungen der Zwang, sich neu zu formieren und beide konnten auf Tempel- und Kultkritik aus der Zeit zurückgreifen, da der Tempel noch stand, und genauso den materiellen Tempel und Kult in ein ‚himmlisches’ Jerusalem uminterpretieren.[6] Das Christentum war noch eine jüdische Reformbewegung, das Judentum in offener, vielfältiger Form. PS macht deutlich, dass die rabbinischen Juden in Babel (d.h. im sassanidischen Reich), deren Diskussionen im babylonischen Talmud (Bavli) festgehalten wurden, bereits eine feste Größe Christentum abgrenzten, während die Rabbinen in Palästina in ihrem Talmud (Jeruschalmi) noch nach Abgrenzungen suchten.

Umgekehrt muss deutlicher werden (als dies bei PS geschieht), dass das Christentum nicht nur in den neutestamentlichen Schriften die hebräische Bibel als den Bezugspunkt allen Denkens voraussetzt, sondern auch danach sich entscheidet, diese Wurzeln nicht abzuschneiden, indem es sich gegen den Dualismus der Gnosis entschied und insbesondere nicht Markions Verführung folgte, den Gott des Alten Testaments auszuspielen gegen den menschennahen Gott der Liebe, wie er sich im Neuen Bund offenbarte. Die christlichen Theologen kommen aus dem Judentum. Attraktive Aussagen übernehmen sie von jüdischen Bildern. Ich nenne nur die vier Lebewesen, die den fahrbaren Thron Gottes tragen; jüdisch das Bild für den Gott, der seinem Volk auch im Exil nahe ist; bei den Christen wird die Vision (Ezechiel 1) zu den Evangelisten-Symbolen. Damit ist aber angesprochen, dass nicht nur die theologischen Spekulationen über die Gottheit des Messias zu diskutieren sind, sondern Bilder, Symbole, Rituale, Gottesdienste, Feste, Organisationsformen mit einzubeziehen sind, wenn man „die Trennung der Wege“ beschreiben will. Ein vielfältiger Prozess. Ein lange währender Prozess. Bei dem es nicht nur um die hier besprochenen Probleme der Gottesfrage geht.

Dass man die beiden monotheistischen Religionen nicht als Sonderfall behandeln kann, ist für eine Religionsgeschichte der Spätantike ein Desiderat. Dafür müsste aber „Polytheismus“ nicht als Gegenbegriff gesehen werden (etwa S. 51): Religionshistoriker des Monotheismus können den Polytheismus nicht begreifen. Es geht auch im Polytheismus primär um den einen Gott, der aber durch Verwandtschaft eingebunden ist in ein Familie als Vater, Bruder/Schwester, Sohn/Tochter, Ehepartner.[7] Die Frage nach dem Alten/Jungen Gott, der Herrschaft Gottes, dem Kommen (parousia, adventus) sind Prozesse, die sich nicht nach Naturreligion und Offenbarungsreligion differenzieren lassen, erst später, in der Moderne wird daraus eine fundamentale Differenz.

Die Wissenschaft vom Neuen Testament, die Judaistik und die Altertumswissen­schaften haben zwar in vielem gemeinsame Gegenstände, die sie mit unter­schiedlichen sprachlichen und methodischen Kompetenzen angehen. Aber sie nehmen sich gegenseitig zu wenig wahr.

Um dies zu verbessern, haben drei Professoren der Universität Jena eine Einladung an Gelehrte ausgesprochen, ein Thema aus der jüdisch-christlichen Religionsgeschichte zu behandeln, das die Tria Corda („drei Herzen“) Judentum, Antike und Christentum vereint.[8] (Während in Jena eher die Antike als römische Herr­schaft thematisiert wird, hat die Bremer Sommerschule Christentum als antike Religion die antiken Religionen in der Spätantike im Blick der altertumswissenschaftlichen Disziplinen). PS ist „Judaist“, der die interne Argumen­tationen und das Gespräch beider Parteien kompetent bis in die Spitzfindigkeiten analysieren kann, ob hebräisch oder griechisch (hier im Umschrift).[9] Das Buch ist eine erste Summe dessen, was noch ausführlich in einer Monographie beschrieben werden soll.

PS beschreibt in souveräner Kenntnis der rabbinischen Diskussionen, was die manchmal eigentümliche, ja verquere Argumentation in den rabbinischen ‚Akade­mien’ bedeutet. Dies tut er in Kenntnis der parallelen Diskussionen über die Gottheit Christi unter den christlichen Theologen. Die mündet in einem Machtwort des Kaisers, dem nizänischen Glaubensbekenntnis. Das aber wird noch lange immer wie­der angefochten; das Leben des Athanasius mit Exilen und triumphalen Rückkehren ist exemplarisch dafür. Mit den Vorlesungen Peter Schäfers hat die Fragestellung, wie sich die beiden Religionen ausdifferenzierten, eine neue Qualität gefunden, die jeder wahrnehmen muss, der nicht auf die alten Ideologien hereinfallen will. Deutlich wird auch, dass eine Religionsgeschichte der Spätantike sich nicht auf Ausschnitte der Traditionen nur einer Religion begrenzen darf. Es bedarf des vergleichenden Blicks. Diesen hat PS für das rabbinische Judentums eröffnet.

  

18.08.2010
Christoph Auffarth,
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Beschrieben in meinem Artikel „Mysterien“ im Reallexikon für Antike und Christentum, im Druck. Guy Stroumsa nannte seine Vorlesungen (2005) so.

[2] Christoph Auffarth: Die frühen Christentümer als Lokale Religion. Zeitschrift für Antikes Christentum 7 (2003), 14-26.

[3] Künftig abgekürzt mit den Initialen PS.

[4] Mit dem Anti-Judaismus der Geburt Jesu habe ich mich beschäftigt C.A.: ”Euch ist heute der Heiland geboren!” – Wie aus dem jüdischen ”Sohn Gottes” lateinisch Gottes Baby wurde. in: Der Altsprachliche Unterricht 41/6(1998), 50-64.

[5] Damit wärmten die Väter der Biblischen Theologie (wie Hartmut Gese und Peter Stuhlmacher) in den 1970er Jahren die Propheten-Anschluss-Theorie wieder auf, die bald hundert Jahre zuvor konzipiert worden war.

[6] Etwa Christoph Auffarth: „Euer Leib sei der Tempel des Herrn“. Religiöse Sprache bei Paulus. In: Dorothea Elm-von der Osten; Jörg Rüpke; Katharina Waldner (Hrsg.): Texte als Medium und Reflexion von Religion im Römischen Reich. (PawB 14) Stuttgart 2006, 63-80.

[7] Burkhard Gladigow: Polytheismus. Akzente, Perspektiven und Optionen der Forschung.
Zeitschrift für Religionswissenschaft 5(1997), 59-79.

[8] Bisher sind fünf Bände erschienen, die von hoher Qualität wichtige Themen behandeln; außer Schäfers ist ein Band von Timothy Barnes über Hagiographie (2010) erschienen; Hans-Josef Klauck über die apokryphe Bibel (2008), Richard Klein, Staat und Kirche, Werner Eck über die römische Herrschaft in Judaea (2007), Otto Kaiser über die ‚Weisheit’ (2007).

[9] Für die christliche Debatte kann PS sich stützen auf die Monographie von Christoph Markschies: Alta trinità beata. Tübingen 2000.

 

 

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