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Griechische Götter unter sich

Griechische Götter unter sich. Lukian, Göttergespräche.

Eingeleitet, übersetzt und mit interpretierenden Essays versehen von Andreas Bendlin, Fabio Berdozzo, Janet Downie, Heinz-Günther Nesselrath und Adolf Martin Ritter.

Hrsg. v. Fabio Berdozzo u. Heinz-Günther Nesselrath.
(SAPERE = Scripta Antiquitatis Posterioris ad Ethicam REligionemque pertinentia XXXIII)

Tübingen: Mohr Siebeck 2019. X, 252 Seiten. 69,00 €. ISBN 978-3-16-154961-8.

 

 

Religionskritik und Atheismus? Die Götter verspotten sich unter­einander in den Götterdialogen des Lukian

 

Kurz: In Lukians Götterdialoge sind die Götter voller Unzulänglichkeiten und Fehler. Dass die Menschen sie verehren und Gaben bringen, scheint verrückt. Nur, was will der Autor damit? Einfach eine Satire oder ist das ein Aufruf zum Atheismus?

Ausführlich: Im Gegensatz zu den Vorstellungen, dass Religion eine ernste Sache sei und Spott darüber unter Strafe steht, wie das für Blasphemie in unserer Gesetzgebung festgelegt ist,[1] ist das in der griechischen Religion ganz anders. Bereits in der Ilias und Odyssee, den frühesten öffentlich vorgetragenen Literaturwerken werden die Götter verspottet. Muster­beispiel ist das eingefügte kleine Epos von der Untreue der Aphrodite. Sie lässt ihren feurigen Liebhaber Ares ins Haus, als ihr Mann zur Arbeit geht, der hinkende Schmied Hephaistos.  Doch der hat aus Metall ein Netz gebaut, das sich über das Bett senkt und die beiden so in flagranti festhält. Der betrogene Ehemann ruft die anderen Götter herbei, die in schallendes, ‚homerisches‘ Gelächter ausbrechen, während die Liebhaber sich beschämt verdrücken.[2] Die attische Alte Komödie ist voller Spott auf die Götter, etwa in den Vögeln des Aristophanes. Nur die Stadtgöttin Athene ist davon ausgenommen.[3] Das führt zu einem wichtigen Ergebnis. Dieser Spott bewegt sich innerhalb der zulässigen Grenzen der Religion,[4] das unterscheide ihn von dem hier zu besprechenden Text des Lukian. [5]

Lukianos stammt aus Samosata, einer Stadt in Syrien; er lebte (ungefähr) 120-190 n.Chr.[6] Er wird zur „Zweiten Sophistik“ gezählt, einer Bewegung von Intellektuellen in der mittleren römischen Kaiserzeit, die als selbständige Unternehmer durch die Welt reisten, das städti­sche Publikum zu begeistern suchten und auch ein Lesepublikum fanden.[7] Einige solcher Reise-Philosophen hat eben Lukian geschildert, wie sie zu Geld kamen, teils auch durch Gründung von Kulten: die Biographie des Alexander von Abonou Teichos, den er auch falschen Propheten nennt, oder Peregrinus Proteus.[8]

Auf die Einleitung von Fabio Berdozzo folgt der Text der θεῶν διάλογοι[9] (in der Neuedition von Heinz-Günther Nesselrath)[10] mit einer gekonnten Übersetzung von Berdozzo, der zu der Schrift promoviert hat.[11] Dem folgen sechs Essays: Berdozzo bespricht das Verhältnis Lukians zu den griechischen Göttern (109-126). Zu den Beispielen zieht er analoge Fälle aus dem ganzen umfangreichen Corpus der Schriften Lukians heran. Für den Religionswissen­schaftler ist aber das Ergebnis, Lukian sei ein Atheist (109 u.ö.), zu undifferenziert. Der Be­griff „Atheist“ hat seit der frühen Neuzeit/Konfessionalisierung eine ganz andere Bedeu­tung gewonnen, weil Religion fundamental für die Staatsordnung galt – was im antiken Polytheismus nicht der Fall ist.[12] Der Spott über die mythologischen Götter ist noch kein Atheismus; Kritik an Ritualen in der Kaiserzeit ist typisch für Intellektuelle, ohne dass das dazu führt, dass die nicht mehr am Kult teilnehmen.[13] Das hat Andreas Bendlin in seinem Beitrag viel differenzierter gelöst. Heinz-Günther Nesselrath stellt die DD in die Tradition des Götterspotts in der griechischen Literatur 127-137. Adolf Martin Ritter fragt, wie Lukians Götterspott zu der Götterkritik der Christen passt (141-165), ein ebenso souveräner wie detailgenauer Überblick. Götterkritik stieß bei den christlichen Autoren auf ein eher begrenztes Interesse, Spott gar nicht. Das Umgekehrte, den Götterlob, im Vergleich mit den Hymnen des Aelius Aristides, ebenfalls der Zweiten Sophistik zuzurechnen, behandelt Janet Downie (167-187). Sie arbeitet heraus, wie Aelius Aristides die gleichen anstößigen Erzählun­gen des Mythos, die Lukian zum Spott reizen, in harmonisch-positive Moral vollkommener Götter wandelt. Die Götter werden mit dem Guten identifiziert, die Ambivalenz des Poly­theismus „übertüncht“ (168). Das untersucht sie an den zehn Hymnen, die AA zur Rezitation in der Öffentlichkeit verfasst hat.[14] Andreas Bendlin ordnet Lukian ein in die zeitgenössische Religion (187-206).[15] Sehr reflektiert geht er mit dem Religionsbegriff um. Der bedeutende Beitrag wird hoffentlich bald in vollem Umfang und den Belegen vorgelegt werden.[16] Nes­selrath fragt im letzten Beitrag, ob die DD nur harmlos lustige Unterhaltung oder subversive Religionskritik seien aus neuzeitlicher Sicht (207-226). Im Mittelpunkt steht die Übersetzung des Christoph Martin Wieland 1788. Indices mit Bibliographie, Stellen, Namens- und Sach­register beschließen den vorzüglich vom Verlag betreuten und veröffentlichten Band (Faden­heftung, Leineneinband, Schutzumschlag, in Papier [nicht Plastikfolie] eingeschlagen).

Die etwa 30 Seiten griechischen Text von Lukians Göttergesprächen sind hier in ein modernes Deutsch übersetzt, knapp kommentiert und herausragend eingeordnet in den religiösen Kontext der Zeit.

 

 Bremen/Much, 10. Oktober 2019                                                           Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Schon im ersten der Zehn Gebote ist das Verbot ausgesprochen: „Du sollst den Namen Deines Gottes nicht missbrauchen!“ Das deutsche Straf-Gesetzbuch regelt im § 166 die Blasphemie. In anderen Staa­ten, v.a. islamischen, kann das sogar mit der Todesstrafe belegt werden. In multi-religiösen Staaten geht es weniger um die Majestätsbeleidigung Gottes, sondern um die Verletzung der Religion ande­rer. Ob das unter freie Meinungsäußerung (nach Artikel 18 des Grundgesetzes) fällt oder als Beleidi­gung, also Verletzung der Rechte Dritter, zu werten und zu bestrafen ist, bleibt umstritten.

[2] Odyssee 8, 267-366. In der Ilias käme dem nahe der Betrug an Zeus 14, 292-353. Beides im Zusammen­hang interpretiert bei Nesselrath in diesem Band 127-137.

[3] Dazu Christoph Auffarth: Ritual, Performanz, Theater: Die Religion der Athener in Aristophanes‘ Komödien. In: Anton F. Bierl, Rebecca Lämmle; Katharina Wesselmann (Hrsg.): Literatur und Religion 1: Wege zu einer mythisch-rituellen Poetik bei den Griechen. (MythosEikonPoiesis 1) Berlin; New York: de Gruyter 2007, 387-414. Zur ‚Religionskritik‘ des Euripides, Zeitgenosse des Aristophanes, aber auf Tragödien spezialisiert, s. Auffarth: Antike Konzepte von Heilig und Heiligkeit. Eine religionswissen­schaftliche Perspektive. In: Peter Gemeinhardt; Katharina Heyden (Hrsg.): Communio Sanctorum: Heilige, Heiliges und Heiligkeit in spätantiken Religionskulturen. (RGVV 61) Berlin; New York 2012, 1-33. Zur gleichen Tragödie Euripides, Ion vorzüglich Susanne Gödde: euphêmia. Die gute Rede in Kult und Literatur der griechischen Antike. Heidelberg: Winter 2011, 235-264.

[4] Gebete in Aristophanes‘ Komödien sind nicht nur Gebetsparodien (so Hermann Kleinknecht 1937), sondern auch ‚echte‘ Gebete (so Wilhelm Horn 1970). Umfassender zum ‚religiösen Register‘ Andreas Willi: The languages of Aristophanes. Aspects of linguistic variation in classical Attic Greek. Oxford: OUP 2003 [2007], 8-50.

[5] Der Unterschied zusammengefasst von Berdozzo, Griechische Götter 2019, 23 Anm. 59.

[6] Nesselrath: Lukianos [1] von Samosata. Der Neue Pauly 7(1999), 493-501. Ders.: Reallexikon für Antike und Christentum 23(2010), 676-702.

[7] Auffarth: Mit dem Getreide kamen die Götter aus dem Osten nach Rom: Das Beispiel des Serapis und eine systematische Modellierung. in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 20(2012), 7-34.

[8] Zu letzterem umsichtig Jan Bremmer: Peregrinus‘ Christian career. [2007] In: J.B.: Maidens, Magic and Martyrs in Early Christianity. Tübingen: Mohr Siebeck 2017, 5-79.

[9] Abgekürzt nach dem lateinischen Titel Dialogi Deorum DD.

[10] Nesselrath hatte die Oxford OCT-Ausgabe kritisch rezensiert [Gnomon 56(1984), 577-609] und arbeitet an einer Neuedition. Dazu die Liste der Differenzen zu McLeod’s Text 23-27. Heinz-Günther Nesselrath ist Professor für Griechisch an der Georg-August-Universität in Göttingen.

[11] Fabio Berdozzo: Götter, Mythen, Philosophen. Lukian und die Göttervorstellungen seiner Zeit. (UaLG 106). Berlin: de Gruyter 2011. FB ist Dozent für Alte Sprachen an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal(/Bethel).

[12] Auffarth: Atheismus. Der Neue Pauly 2(1997), 159-160. Zu dem Ausnahmefall der antiken Atheis­musprozesse Auffarth: Aufnahme und Zurückweisung ”Neuer Götter” im spätklassischen Athen: Religion gegen die Krise, Religion in der Krise. in: Walter Eder (Hrsg.): Die athenische Demokratie im 4. Jahrhundert v.Chr. Stuttgart: Steiner 1995, 337-365. In der Frühen Neuzeit werden Skeptiker gerne Epikuräer genannt; der Stoizismus dagegen mit seinem Deismus lässt sich mit dem staatstragenden konfessionellen Christentum vereinbaren. Die Analogie, die FB S. 122 zieht (wenn man heute der Kirche jede staatliche Unterstützung entzöge, …), trifft in keiner Weise.

[13] Auffarth: „Euer Leib sei der Tempel des Herrn“. Religiöse Sprache bei Paulus. In: Dorothea Elm-von der Osten; Jörg Rüpke; Katharina Waldner (Hrsg.): Texte als Medium und Reflexion von Religion im Römischen Reich. (PawB 14) Stuttgart 2006, 63-80. Sowohl Paulus wie auch sein Zeitgenosse Seneca sprechen zwar von einer tempellosen Religionspraxis, beziehen sich aber gleichzeitig auf den Tempel Gottes.

[14] Die Prose Hymns des Aristides sind von Donald Andrew Russell u.a. zweisprachig (Sapere 29) Tübingen: Mohr Siebeck 2016 herausgegeben. Darin besonders auch der Essay von Robert Parker, der das Eigenverständnis des AA herausarbeitet, dass er mit den Hymnen religiöse Akte vollziehe, etwa ein Weihgeschenk darbringe. Weiter die Tendenz zu monotheistischer Gotteskonzeption.

[15] Nesselrath hat den wichtigen Beitrag von AB, dessen Text zur Tagung vorlag, aber nicht zur Druckreife gelangte, in Form eines Berichtes mitgeteilt, d.h. mit knappen Belegen.

[16] Ebenso ist auf den Lexikon-Artikel „Religion“ von Ilinca Tanaseanu-Döbler zu verweisen, der im Reallexikon für Antike und Christentum erscheinen wird.

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