Permalink

0

Die Dreyfus-Affäre. Von George R. Whyte

Ein Offizier wird verurteilt wegen Landesverrat, weil er Jude ist: der Fall Dreyfus, Frankreich 1894-1906

George R. Whyte
Die Dreyfus-Affäre. Die Macht des Vorurteils
Frankfurt am Main: Lang 2010. [XXXVIII]
643 S.
Preis: EUR 69,00
ISBN 978-3-631-60218-8

Zusammengefasst:
Der Skandal um Dreyfus: ein Offizier der französischen Armee wird aufgrund schlechter und gefälschter Beweise wegen Hochverrats verurteilt und 12 Jahre in ein Lager gesteckt, augenscheinlich, weil er als Jude ein Judas sein muss. Das vorliegende Buch belegt in bestens recherchierten Details und Quellen das Verfahren, die Geheimverhandlungen im Militärgericht, dann den Aufruf an die Öffentlichkeit. Aber es dauert 12 Jahre, bis Dreyfus rehabilitiert wird. Ein erschreckendes Muster für den Antisemitismus in Europa um die Jahrhundertwende 1900.

Im Einzelnen:
Ein junger Offizier, Alfred Dreyfus, erhält die Chance, in den Generalstab der Französischen Armee aufzusteigen. Er arbeitet reihum in den verschiedenen Abteilungen, überall hat er Zugang zu sensiblen Geheimnissen. Gleichzeitig säubert eine Putzfrau in der Deutschen Botschaft die Papierkörbe. Die Inhalte übergibt sie an den französischen Geheimdienst. Aus den Schnipseln und zerknüllten Notizen wird deutlich, dass jemand militärische Details verrät. An die Deutschen, die ein Viertel-Jahrhundert zuvor Frankreich eine katastrophale Niederlage beigebracht hatten. Die Belege und Zeugnisse sind ungenau. Ein einziger Buchstabe eines Namens, ein D in einer beleidigenden Notiz. Ein zerrissener Brief, mit dem Graphologen (Gutachter als Spezialisten für den Vergleich von Handschriften) beweisen sollen, dass Dreyfus der Verräter war. Später fanden andere Spezialisten, dass die Handschriften nicht passten: Die Tafel mit den Proben der Handschrift (S. 155) spricht dafür, dass Vorurteil und Vorverurteilung die Gutachter benebelte. Dass der Jude der Verräter sein musste, war von vornherein klar. Die massiven Gegenbeweise blieben unbeachtet. Das Militärgericht ohne Öffentlichkeit, ohne Kontrolle sprach den jungen Offizier schuldig, verurteilte ihn zu Lagerhaft auf der „Teufelsinsel“ in der südamerikanischen Kolonie Guayana. Dort erleidet er Überwachung, wird nächtlich ans Bett gekettet, hat winzigen Auslauf im von Palisaden umstandenen Hof, ist geschwächt von Malariaanfällen (wichtig: S. 344). Aber das schlimmste: Seine Ehre ist verletzt. „Ehre“ ist das Wort, das in allen Dokumenten an vorderster Stelle steht. Seine Revisionsanträge bleiben ohne Antwort. Erst als sich der berühmte Schriftsteller Émile Zola öffentlich für ihn einsetzt, erfährt die Öffentlichkeit von dem Skandal in dem berühmten Zeitungsartikel „J’accuse“ (Ich klage an!), Januar 1898. Erst wird aber Zola selbst angeklagt – und verurteilt. Die klaren Beweise, dass ein anderer der Verräter sein muss – denn die Geheim-Informationen fließen weiter, und vom Gefangenen in Guayana können sie nicht stammen – führen nicht zur Revision. Selbst als der Prozess wieder aufgerollt wird, spricht das Militärgericht Dreyfus erneut schuldig, erneut mit Berufung auf geheime Dokumente (S. 359 f). Das Parlament aber ist aufmerksam geworden, dank Zola. Es erzwingt schließlich, dass die geheimgehaltenen Dokumente dem Parlament vorgelegt und als Fälschungen entlarvt werden. Das oberste Berufungsgericht kassiert die Urteile. Es folgt der Freispruch, die Rehabilitation (S. 404 f). Doch Dreyfus ist ein gebrochener, kranker Mann. – Der Band greift weit zurück, zur Erklärung der Menschenrechte 1789 und voraus bis zur Gegenwart, den weiteren Biographien und Filmen.

Der Band von George R. Whyte [ref] Zum Autor; britischer Musiker und Vorsitzender der „Dreyfus Society for Human Rights“, http://de.wikipedia.org/wiki/George_Whyte [/ref] erscheint erst einmal als eine reine Chronologie, auf 439 Seiten. Dann folgen 54 „Originaldokumente“ (S. 442–558), original leider nicht, denn kaum eines ist in französischer Sprache wiedergegeben. Wer das französische Original braucht (und das muss für eine wissenschaftliche Arbeit sein), bleibt auf die Bibliotheken angewiesen. Dann folgen Kurzbiographien (S. 560–578), ein Glossar, die Bibliographie (S. 586–615), also rund 900 Archivmaterialien und Bücher zu dem Skandal in den Sprachen der Welt. Am Schluss ein Index mit rund 600 Namen. – Der Autor widmet das Buch drei jüdischen Mädchen, die in Auschwitz ums Leben gekommen sind, zwei sind Cousinen, eine die Enkelin von Dreyfus.

Die Dreyfus-Affäre also ein Modell für die Macht des Vorurteils? Ja und Nein. Der Antisemitismus ist virulent in Frankreich um die Jahrhundertwende 1900, gleichzeitig auch in Deutschland und vor allem in Russland. Doch geht der Autor zu weit, wenn er durch die Metapher das immer gleiche Vorurteil am Werke sieht: „Sein Golgatha dauerte 12 Jahre“ (S. XXVII). Die Metapher verweist auf Jesu Tod: ein Jude, der aufgrund von falschen Zeugen am Kreuz den Tod durch die römische Staatsmacht findet. Gleichzeitig ist Jesus der Stifter der Religion, die den Antisemitismus (oder zumindest den Anti-Judaismus) begründet. „Die Evangelien, die zur Anklage gegen das jüdische Volk wegen Gottesmord geführt haben, markieren den Beginn des längsten Pamphlets der Geschichte . “ (S. XXIX) Doch der Fall Dreyfus lässt sich nur im konkreten historischen Kontext, als Diskurs im Sinne Foucaults, beschreiben und erklären, [ref] Siehe meine Rezension hier im rpi-virtuell zu Schäfer, Judenhaß und Judenfurcht (2010). [/ref] der die Niederlage von 1870, die Rassenlehre (so unterschiedlich bei Gobineau oder Renan), das Vaterland der Feinde, die „Ehre“ mit ihren Duellen, den Nationalismus, dilettantische Geheim-Rechtsprechung im Militär, Trennung von Staat und Religion 1905, usf. umfasst, kurz: in einer Geschichte der dritten Republik.

Whyte will ganz hinter den Fakten zurück treten und dem Leser das Urteil überlassen (S. XXVI). Ja, er bietet eine hervorragende Chronologie, Sammlung und Bewertung der Quellen, zeitgenössische Abbildungen, Charaktere. Alles Material ist sehr gut präsentiert, didaktisch klug etwa die Verwendung von unterlegten Kästen, wenn von der Gefängnisinsel die Rede ist. Die Behauptungen sind sehr gut belegt und lassen sich überprüfen. Der Botschaft jedoch, dass die Dreyfus-Affäre ein Musterstück für die Macht des immer gleichen Vorurteils sei, ist nicht zuzustimmen: Es gehört dazu eine Gesellschaft, die militärischer Gewalt im Innern so viel Raum gibt, dass ihr deren Kontrolle entgleitet, die enttäuschten Nationalismus in Antisemitismus umschlagen lässt. Und das ist die gleiche Gesellschaft, in der Zola seine Autorität als Schriftsteller einsetzt, selbst verurteilt wird, aber in der schließlich die Zivilgesellschaft gegen die Militärgesellschaft knapp gewinnt.

————————–
1. März 2011
Christoph Auffarth
Religionswissenschaft
Universität Bremen

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.