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Augustinus wendet sich vom Manichäismus ab. Von Volker Henning Drecoll

 Weichenstellung in die Europäische Religionsgeschichte

Volker Henning Drecoll; Mirjam Kudella
Augustin und der Manichäismus.
Tübingen: Mohr Siebeck 2011 [X, 292 S. – ISBN 978-3-16-150841-7. Fadengeheftete Broschur 29 €]

Zusammengefasst: Die Angst vor Teufel und Hölle bestimmt lange das lateinische Mittelalter und die Europäische Religionsgeschichte. Ein entscheidender Vermittler ist Augustinus, der zwölf Jahre mit den Manichäern lebte, glaubte, lernte. Was er später den ‚katholischen‘ Christen lehrte, setzt sich von den Lehren der Manichäer zwar ab, aber die Problemstellungen und teilweise die Lösungen sind bestimmt von dem, was er bei den Manichäern lernte. Das zeigt in sorgfältiger Abwägung dieses kleine, aber sehr wertvolle Buch.

Im Einzelnen: Ein Problem, das sich in meinen Vorlesungen zur Spätantike immer wieder stellte, das ich aber in der Forschung nicht recht beantwortet fand, ist mit diesem wichtigen Buch nun viel genauer zu beantworten: Wie kommt es, dass die Religionsgeschichte im ‚Latein-Europa‘ so dominiert ist von der Angst vor Hölle und Teufel? Es ist die Angst vor der Sünde und einem ewigen Tod, von denen allein Gott retten kann, allein aus Gnade. Die Spur für die Ant­wort führt auf die zentrale Bedeu­tung Augustins für die mittelalterliche und früh­neu­zeitliche Religion, für reformierte wie katholische Religion. (Die Alternative dazu in der Theologie des Origenes und ihre Bedeutung für die Europäische Religionsge­schichte erarbeitet gerade eine Serie von Tagungen initiiert von Alfons Fürst).[ref]  Die Reihe Adamantiana beginnt mit Origenes und sein Erbe in Orient und Okzident, hrsg . A.F.  Münster: Aschendorff 2011. [/ref] Die Frage begrenzen die beiden Autoren klugerweise.[ref] Im Folgenden abgekürzt mit den Initialen VHD-MK.[/ref] Volker Henning Drecoll [ref]Augustin-Handbuch, hrsg. von VHD.  Tübingen: Mohr Siebeck 2007.  Ders.: Die Entstehung der Gnaden­lehre Augustins. (Beiträge zur Historischen Theologie 109) Tübingen 1999.[/ref] und Mirjam Kudella,[ref] Die Ausgabe, Übersetzung und Kommentierung der antimanichäischen Schrift Augustins Contra Secundinum, von Mirjam Kudella. Paderborn 2010. [/ref] haben schon beide große Monographien bzw. die Übersetzung eines der großen Werke Augustins erarbeitet und können so als Spezialisten für die Frage gelten. Sie analysieren die Frage ‚Augustin und der Manichäismus‘ unter den drei folgenden Geschichtspunkten und belegen jede These mit Zitaten direkt aus den Werken des Augustinus:

(1) Was lernten und was vermittelten sich die Manichäer untereinander, zu denen Augustinus von 373 bis zum Entschluss zur Taufe und zum Zölibat im Jahre 386 gehörte? In der letzten Generation hat sich das Bild vom Manichä­ismus enorm differenziert; daher stellen VHD-MK die Frage sehr präzise: Was weiß man über die afrikanische Form des Manichäismus? (S. 9-57)

(2)   Was sagt Augustinus über seine Zeit als Manichäer? (S.58-86) Der Manichä­ismus erschien Augustin als die rational besser begründete Religion, ja als das bessere Christentum.

(3)   Nach dieser wichtigen, prägenden Phase seines Lebens wechselt Augustin zu der anderen Form des Christentums, der ‚katholischen‘, er verlässt seine Lebens­gefährtin, mit der er einen Sohn hatte. Eine massive Wende im Leben, in den besten Jahren des Lebens! Und ab da bekämpft er die Manichäer in seinen zahlreichen anti-manichäischen Schriften. (S. 87-187) Welche Fragen beschäftig­ten ihn dabei besonders, was lehnte er nun ab? Eine differenzierte Übersicht findet sich zu dieser Frage auf S. 111 f. Die ‚Rationalität‘ aus De utili­tate credendi spielt dabei keine Rolle.

(4)   Schließlich geht es um den Einfluss des Manichäismus auf Augustin auch nach der Wende; denn auch in seinem Antimanichäismus beschäftigt er sich mit den Fragen, die die Manichäer gestellt haben (S. 207-221).

(5)   Die Frage, welche Auswirkungen das Verhältnis Augustins mit dem Manichä­ismus auf die (lateinische) Europäische Religionsgeschichte hatten, behandeln die beiden Autoren nicht. Gut so. Aber die große Frage ist nun besser zu lösen.

Diese Untersuchung kann an einem sehr konkreten Punkt eine Weichenstellung der Europäischen Religionsgeschichte  präzise benennen. Augustinus hat sich in seinem Anti-Manichäismus in der Antithese zum Dualismus dennoch nicht von dem Pro­blem lösen können, das der Manichäismus stellte. Augustins Lösung, Gott sei nicht stur und festgelegt auf ein ‚Entweder – Oder‘,  führt ihn zu seiner Gnadentheologie. Der Mensch ist nicht vorherbestimmt  auf Gut oder Böse (Prädestination), sondern es gibt die Zwischenstufen und die Möglichkeit, sich zu bessern und zu verschlechtern. Dazu hat Gott die Gnade in Form von Gnadenmitteln zur Verfügung gestellt. Diese werden von der Kirche verwaltet (woraus immer wieder ein Monopol der Institution gemacht wurde).

Die Autoren kommen zu folgenden Ergebnissen:

  • Für die Gotteslehre bleibt ein Dualismus, aus dem aber das Böse entfernt und durch das Nihil (Nichts) ersetzt ist. Dies ist zwar nicht das dynamisch-aktive Vernichtende, dafür kämpft und arbeitet der gute Gott  weiter. Das Böse ent­steht, indem jemand sich ‚des Guten beraubt‘ (privatio boni), wenn er sich aus der von Gott geschaffenen Ordnung bewegt, etwa wenn ein Mensch sich wie ein Tier verhält (bes. S. 112-122).
  • Für die Seelen- und Willensvorstellung bedeutet das Nachwirken manichä­ischer Vorstellungen – neben den neuplatonischen Seelenkonzepten –, dass die Seele die intensive Verbindung zu Gott darstellt,  nicht nur zu einer der drei Perso­nen Gottes und auch nicht nur des rationalen Teils der Seele zum ‚Geist‘. Allerdings ist die Seele nicht ein Splitter oder ein abgesonderter Teil von Gottes Sein, aber sie bleibt (manichäisch) eher passiv-rezeptiv.
  • Mit der Sündenlehre grenzt sich Augustinus vom sokratischen Optimis­mus ab, der darauf setzt, dass wer das Gute erkannt habe, auch gut handele. Für Augustinus ist die Fehl-orientierung das Normale. Obwohl die Menschen Gottes Ordnung kennen, verhalten sie sich dagegen. Das ist kein individuelles Fehlverhalten, sondern das Urereignis der Erbsünde (peccatum originale). Das wiederum gleicht dem manichäischen Mythos von der Schlacht zwischen Gut und Böse am Anfang der Geschichte.
  • Auch in der Christologie kann man manichäisches Erbe erkennen, obwohl ge­rade in diesem Punkt Augustin sich vom Doketismus scharf abgrenzt. Dennoch verbinden den Manichäischen Erlöser und den Christus in der Konzeption Augustins, dass beide in Gottes Auftrag durch Leiden erlösen.
  • In der Heilsgeschichte wirken zwei entgegengesetzte Mächte, etwa in De civitate Dei der Kampf gegen die civitas diaboli (hier ist es deutlich dualistisch – im Gegensatz zu dem ersten Punkt oben!).  Sicher kann man – im Unterschied zu den zwei Prinzipien des Manichäismus die Dynamik der Durchsetzung des Guten erkennen, aber ist das mehr als ein gradueller Unterschied?
  • Die Bewertung von Sexualität, Familie und Askese: Während im Christentum dieser Zeit Askese noch sehr umstritten war, gibt es eine feste Tradition im Manichäismus, dass die electi oder perfecti asketisch leben müssen. Die Lust concupiscentia ist dabei das Gefahrvolle, nicht das Kinderzeugen.
  • Schließlich lässt sich auch beim Gebrauch der Bibel mögliches Nachwirken der Frömmigkeitspraxis aus seiner Zeit als Hörer bei den Manichäern finden: Aus dem NT sind es besonders die Evangelien des Matthäus und Johannes, ganz besonders aber die Schriften des Paulus als Überwinder des ‘Gesetzes‘. Und obwohl die Mani­chä­er das ‚Alte‘ Testament prinzipiell ablehnen, ist ihre Sprache doch voll von Zitaten aus den Psalmen.

Am Ende ist noch einmal alles gut zusammengefasst, ausführliches Literaturver­zeichnis der internationalen Debatte, sehr gute Indices,  u.a. ein wertvoller Sach­index.

Das sorgfältige Buch der Kirchenhistorikerin und des Kirchenhistorikers klärt eine fundamen­tale Weichen­stellung der Europäischen Religionsgeschichte: Die Zeit bei den Manichäern hat Augustinus auch dann noch bestimmt, als er zum (für die latei­nische Tradition wichtigsten) Kirchenlehrer der katholischen Kirche wurde. Ein unverzichtbares Buch für jede religi­ons­wissenschaftliche Analyse der Europäischen Religionsge­schich­te!

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7. Januar 2012
Christoph Auffarth,
Prof. für Religionswissenschaft
(Geschichte und Theologien des Christentums)
Universität Bremen

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