Reformation der Memoria

eva_cover_Zerbe_StadtkircheDoreen Zerbe

Reformation der Memoria:
Denkmale in der Stadtkirche Wittenberg als Zeugnisse lutherischer Memorialkultur im 16. Jahrhundert
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Leipzig: Evangelische Verlags-Anstalt 2013
ISBN 978-3-374-03082-8

 

 

 

 

 

 

 

Die Präsenz der verstorbenen Reformatoren in Wittenberg

Eine Rezension von Christoph Auffarth

 

Kurz: An einer bestimmten Kirche zeigt Doreen Zerbe die Veränderung der Bestattungs- und Erinnerungskultur durch die Reformation. Reformation ist mehr als das Werk des einen Luther. Hier treten die Wittenberger gemeinsam auf. Ein gewichtiges Werk!

Im Einzelnen: „Auf die Reformation des Glaubens folgte die Reformation der Memoria“ (so Doreen Zerbe (1), S. 16). Wenn die Reformation des Glaubens sich geradezu als eine Revolution darstellt, ist man gespannt, wie revolutionär sich die Reformation der Memoria vollzog. Der Schlusssatz des Buches scheint die Erwartung zu enttäuschen: „Ihr [sc. der Monumente] Grundanliegen aber, nämlich die Bitte um die Memoria für die Verstorbenen, teilen die Monumente bis auf den heutigen Tag mit.“ (S. 431) Worin besteht da die Reformation? Zum Glück aber steht dazwischen viel Lesenswertes in DZs kunsthistorischer Dissertation.

Memoria (lat. Gedenken) ist ein Begriff für einen zentralen Aspekt der Religion vor der Moderne. In anderer Form ist ‚Erinnerungskultur‘ und Erinnerungsorte wiederum grundlegend für moderne Gesellschaften in ihrer Verfasstheit als Nationalstaaten (2). Für vormoderne Gesellschaften hingegen ist die Memoria sowohl für die einzelnen Menschen zentral, indem ihr Seelenheil (also dass sie von Gott in sein Himmelreich aufgenommen werden) nicht zuletzt daran hängt, dass Priester für sie eine Messe lesen, auch noch viele Jahre nach ihrem Tod. Dafür gaben sie einen Gutteil ihres Erbes, stifteten Kirche, Klöster, Altäre. Für die Herrschaft bildete die Memoria die Autorität für die Söhne (selten die Töchter), dass sie als Nachfolger die Herrschaft weiter führen würden (3). Mit dem Kampf der Reformatoren gegen den ‚Ablass‘ fällt aber eine grundlegende Begründung für die Memoria weg. Dennoch sorgen sie, das ist die Grundthese des Buches, weiter für die Memoria. Wie aber ist sie jetzt nach der Reformation begründet? (4)

Wittenberg war im 16. Jahrhundert ein ziemlich kleines Städtchen mit drei foci (5): das Schloss des Kurfürsten von Sachsen (also einer der sieben wichtigsten, weil zur Wahl/Kür des Kaisers befugten Fürsten) – dem Rathaus und der Stadtkirche als Ort des gegenüber dem Fürsten durchaus selbstbewussten Bürgertums – der 1502 neu gegründeten Universität mit ihren Professoren und Studenten (zum Höhepunkt 1560 der Einschreibungen waren 3351 Studenten immatrikuliert) (6). Im breit angelegten, geräumigen Altarraum der Stadtkirche von Wittenberg entsteht eine gemeinsame Memoria der Reformatoren, also der Pastoren und Professoren, die die Reformation in Wittenberg eingeführt haben – wenige (adelige) Studenten sind auch mit dabei. DZ stellt eine kulturwissenschaftliche Frage nach einer sozialen Gruppe und ihrer Repräsentation, wie das vorbildlich von Hülsen-Esch in ihrer Habilitationsschrift für die Gelehrten untersucht hat (7). (Überhaupt ist die Dissertation sehr belesen in der Forschungsliteratur; das zeigt nicht zuletzt das sehr ausführliche Literaturverzeichnis S. 433-458). Es geht dabei auch nicht um Bestattung der Toten – die Gräber liegen draußen auf dem Kirchhof. Vielmehr sind Epitaphien (8) Denkmäler unabhängig vom Grab. Vorzüglich sind die Ergebnisse zusammengefasst: Grundrisse und alle Epitaphien verortet, aufgeteilt nach Adeligen, Klerikern, Bürgern und Universitätsangehörigen. Dann folgt der Katalog von fast 150 Seiten mit den ausführlichen Beschreibungen, der Transkription der (zumeist) lateinischen Texte und einer sorgfältigen Übersetzung, einem Personenindex und am Schluss des Bandes einige (16) farbige Aufnahmen von einigen Epitaphien. Ansonsten sind die 120 [!] schwarz-weiß-Abbildungen direkt im Text anschaulich zugeordnet: die Bilder sind sehr gut in die Argumente integriert und jedes Epitaph genau beschrieben.

Die mittelalterliche Tradition der Memoria (177-190) geht über in die frühneuzeitliche Memorialkultur, die mit den Prozessen von Individualisierung und Säkularisierung bezeichnet wird (9). Viel bedeutsamer scheint aber die Wiederaufnahme der antiken Memoria, die die Humanisten zur Renaissance bringen. In Deutschland ist es das Bild des Dichters Conrad Celtis 1507. Dass das frühe Lutherbild des Lucas Cranach von 1520 aber in der gleichen Tradition steht, d.h. der 37-jährige Luther auf einem Grabstein dargestellt ist (10), ist bislang noch nicht beachtet worden. DZ bespricht in einem eingehenden Kapitel die humanistischen Elemente der Epitaphien in der Stadtkirche. – Eines der eindrücklichsten Epitaphien ist das für Paul Eber (Katalog 16, Seiten 546-559): Die Gemeinschaft der Wittenberger Reformatoren hegt und pflegt den Weinberg des Herrn. Auf der anderen Seite reißen die Papisten, der Papst, Kardinal, Bischof, Kleriker den Weinberg aus, verstopfen den Brunnen. Während der Katalog das nicht erwähnt, ist Seite 317-319 das genau herausgearbeitet. Paul mit dem Namen Eber musste sich offenbar mit dem Spott auseinandersetzen, er sei der Eber, den Papst Leo X. in der Bannandrohungsbulle gegen Luther als das Wildschwein nennt, das den Weinberg des Herrn zerwühlt (Psalm 80). Das Bild – eine Karikatur – dreht den Spieß um. Nicht Luther und Eber sind das Wildschwein, sondern der Papst selbst zerstört den Weinberg.

Eine wichtige Frage umgeht die Autorin hingegen. Wenn die Wittenberger (415-) bislang in der Stadtkirche gemeinsam bestattet wurden, warum dann nicht Luther (gestorben 1546) und Melanchthon? Das Argument, dass Wittenberg als Ganzes der Memorialort sei, überzeugt nicht. Hier geschieht etwas Bedeutsames: Die Memoria der Reformation gerät in die Hand der Fürsten, weg von Universität und Bürgertum.
Aus einem begrenzten Corpus (11) hat DZ eine Untersuchung gemacht, wie sich aus der mittelalterlichen Memoria eine lutherische Memoria herausbildet, Kontinuitäten wie Brüche: das Reformationsjahrhundert (1517) bis 1617, die Personen der Reformation, für die in der Stadtkirche Denkmale aufgestellt sind. Aber dabei hat DZ viele Aspekte beachtet, darunter den Gemeinen Kasten, der an die Stelle der Stiftungen für das Seelenheil tritt. Das Geld im Gemeinen Kasten kommt insbesondere den Bedürftigen zugute und wird genau kontrolliert. Oder in welcher Haltung werden die Verstorbenen dargestellt. Weiterhin als (ewig) Betende in ihrer Familie oder in ganz neuen Bildmotiven?

Eine außergewöhnlich gute Dissertation bearbeitet mit kunstwissenschaftlicher Kompetenz eine kulturwissenschaftlich breite Fragestellung umsichtig, auf der Höhe der Forschung in verschiedenen Disziplinen. Das Material ist hervorragend präsentiert und sehr gut in die Argumentation einbezogen. Die Forschung ist gründlich auf neuestem Stand dargeboten. Das hervorragend illustrierte Buch lohnt die gründliche Durcharbeit.

22. Juli 2015
Christoph Auffarth,
Religionswissenschaft
Universität Bremen

E-Mail: auffarth@uni-bremen.de

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[1] Doreen Zerbe, Kunsthistorikerin, veröffentlicht mit vierzig Jahren die Dissertation.

[2] Christoph Auffarth: Auschwitz: Der Gott, der schwieg, und vorlaute Sinndeuter. Eine Europäische Religionsge­schich­­te fokussiert auf einen Erinnerungsort. In: Jürgen Mohn (Hrsg.): Erinnerungsorte der Europäischen Religionsgeschichte. Würzburg: Ergon 2015, 463-501. Wichtige Beiträge haben Aleida Assmann und Jan Assmann geschrieben.

[3] Das sind nur zwei Bereiche. Das Lebenswerk von Otto Gerhard Oexle hat diese grundlegende Kategorie erhellt. Einführend und zusammenfassend sein Artikel „Memoria, Memorialüberlieferung“ im LexMA (Lexikon des Mittelal­ters) 6 (1993), Sp. 510-513.

[4] Offenbar nicht mehr wahrgenommen hat DZ den Aufsatz Otto Gerhard Oexle: Die Memoria der Reformation. Das Dessauer Altarbild Lucas Cranachs des Jüngeren. In: Hans-Joachim Krause; Andreas Ranft (Hrsg.): Studien zur mittelalter­lichen und frühneuzeit­lichen Kunstgeschichte und Geschichte. (Abhandlungen der Sächsi­schen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, PH 81,3) Stuttgart; Leipzig 2009, 53-79; 157-176; (überarbeitet) wieder in: Die Wirklichkeit und das Wissen 2011, 187-242.

[5] Fokus, lateinisch „Herd, Brennpunkt“, bildet den Plural foci, was ich Fokussen vorziehe.

[6] Helmar Junghans: Wittenberg als Lutherstadt. Berlin: Union 1979, Tafel nach S. 225.

[7] Andrea von Hülsen-Esch: Gelehrte im Bild. Repräsentation, Darstellung und Wahrnehmung einer sozialen Gruppe im Mittelalter. (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 201) Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006.

[8] Entgegen der Etymologie von griechisch ἐπὶ auf, τάφος Grab liegt unter dem Epitaph in der Regel kein Grab. DZ übernimmt S. 43-54 die Unterscheidung Grabmal und Gedächtnismal.

[9] Dazu der Beitrag von Christoph Auffarth: Stadtbild. Im Druck.

[10] Christoph Auffarth: Living Well and Living On: Martyrdom and the imago vitae in the Early Modern Age. In: Jitse Dijkstra; Justin Kroesen; Yme Kuiper (eds.): Myths, Martyrs, and Modernity. Studies in the History of Religions in Honour of Jan N. Bremmer. (Numen Book Series 127) Leiden 2010, 569-592.

[11] Das Corpus (lat. Körper) meint die Quellen, aus der eine Untersuchung möglichst vollständig ihr Material analysiert. Sie genau abzugrenzen, ist eine wichtige Kunst für eine Dissertation.

 

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