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Geschichte des Gottesdienstes in Zürich

Alfred Ehrensperger: Geschichte des Gottesdienstes in Zürich Stadt und Land im Spätmittelalter und in der frühen Reformation bis 1531.

(Geschichte des Gottesdienstes in den evangelisch-reformierten Kirchen der Deutschschweiz, Band 5)
Zürich: TVZ 2019, 816 Seiten,
ISBN 978-3-290-17928-1. 76,00 €

 

Die Reformation als Bruch und Kontinuität:
Der Fall der Kirchenlandschaft und Gottesdienste in Zürich

 

Kurz: War die Reformation der scharfe Abschied vom Mittelalter und der Beginn der Neu­zeit? Alfred Ehrensperger zeigt, was sich im Bereich der Rituale des Gottesdienstes verän­derte und wieviel auch schon in der Zeit davor möglich war. Und wieviel Veränderung.

Ausführlich: Nach seinen Forschungen zu den Veränderungen in den Ritualen, die die Reformation durchgesetzt hat in Basel (2010), Bern (2011), St.Gallen (2012),[1] Appenzell (2015), wendet sich Alfred Ehrensperger nun Zürich zu, dessen ersten Band der 86-Jährige hier veröffentlicht. Er führt ihn bis zu Zwinglis Tod (am 15. Oktober 1531). Die Vorstellung tiefer Einschnitte ist durch neue Forschungen erheblich verändert: Den Bildersturm, also das Beseitigen der dreidimensionalen Figuren und gemalten Altarbilder aus dem kommuni­kativen Geschehen des Gottesdienstes[2] hat Natalie Krenz bei den deutschen Reformationen relativiert. In ihrer Untersuchung über den Ritualbruch in Wittenberg, als Karlstadt in der Abwesenheit Luthers auf der Wartburg die deutsche Messe einführte und die Bilder stürmte, hat sie nachgewiesen, dass der Bildersturm erst eine spätere Verleumdung darstellt, die die Augenzeugenberichte nicht bestätigen.[3] Doch in den  Schweizer Reformationen[4]  sind solche Bilderstürme bestätigt, von der geordneten Abnahme der Bilder in Zürich (Sommer 1524),[5] tumultuarischen Bilderstürmen in Basel, St.Gallen bis Bern 1530.[6]

Um die Veränderungen greifbar zu machen, beginnt AE mit einer Bestandsaufnahme der Kirchen- und Klosterlandschaft in Zürich und auf dem Lande im Kanton im Spätmittelalter und beschreibt in einem Ersten Teil: Allgemeine Schwerpunkte der Gottesdienstentwicklung und Liturgieformen im Zürcher Bereich bis ca. 1520 (21-140), also bevor Zwingli ab 1519 in Zürich wirkte. Das Kapitel löst sich von dem Schwarz-weiß-Schema: einfach ‚das‘ Mittelalter als Folie für ‚die‘ Reformation,[7] sondern auch vor der Reformation gab es Geschichte, Verän­derungen und Konstellationen, in denen dann die Reformatoren wirkten. Ein großer Wert des Buches besteht in den langen Zitaten aus Büchern, die nur in den Originalausgaben in der Zürcher Zentralbibliothek zugänglich sind und die AE im Original, d.h. Frühneuhoch­deutsch alemannischer Varianz, ausführlich zitiert. Mir fiel etwa auf der Predigtgottesdienst, wie ihn Ulrich Surgant (vor 1450-1503) empfiehlt (128-139). Bei den Gottesdiensten soll jeweils der Tagesheilige vorgestellt werden, aber unter einem Bibelwort. Interessant ist der sog. Vorhalt, der dann im evangelischen Bereich an die Stelle der Ohrenbeichte tritt (138).[8] Der Priester schließt sich mit ein in die Bitte um Vergebung an Gott für die Sünden, „das ich leider vil gesündet hab, mit bösem willen, mit bösem gedencken, bösen worten vnd wercken. […] ablosz verlych üch vnd mir got vatter, got sun, got heiliger geist. Amen.“ Das ist anders als das te absolvo: „Kraft meines Priesteramtes spreche ich Dich frei von Sünden im Namen Gottes“. Großen Wert legt AE auf die Volksfrömmigkeit: Prozessionen, Heiligenverehrung, Bestattungen und auf der Gegenseite die Macht der geistlichen Ämter, darunter der Konflikt, ob die populären Bettelorden auch die Seelsorge übernehmen dürften, vor allem die Sterbe­begleitung, die deshalb so einträglich war, weil meist ein Drittel des Erbes an eine Kirche gestiftet wurde für regelmäßige Messen für die Verstorbenen.

Der Zweite Teil: Der Gottesdienst in den Klöstern der Stadt und Landschaft (141-316) wid­met sich also den Klöstern in ihrer Verschiedenheit, aus der die Reformatoren eine Einheit machten, um sie dann in Bausch und Bogen zu verbieten. Luther kam aus der mönchischen Tradition und trug noch lange seine Kutte; Zwingli war Leutpriester.[9] Unterschiedlichste Lebensformen kennzeichnen die Klostertraditionen von den adeligen Benediktinern, den meist adeligen Zisterziensern und ihren nichtadligen Konversen bis zu den Bettelorden, und den entsprechenden Frauenklöstern und Bewegungen,[10] darunter im Spätmittelalter empor­schießend die Beginen, die hier aber nur knapp behandelt sind 40-42; 196-198.

Dritter Teil: Veränderungen und Problemfelder im gottesdienstlichen Bereich (317-530). Mich interessiert, wie die Bilderfrage behandelt wird. Zwingli rät (402f): Privatleute können die von ihnen gestifteten Bilder wieder nach Hause nehmen oder in der Sakristei lassen. Wenn aber die Gemeinde meint, etwas solle in der Kirche bleiben, stimmt sie darüber ab. Ausgenommen ist das Kruzifix, weil darauf kein Gott, sondern der Mensch Jesus in seinem Leiden dargestellt sei. Zu den Bilderstürmen in Zürich der ausführliche und ausgezeichnete Abschnitt 413-436. Wichtig ist der Abschnitt über den Gemeindegesang. Im Gegensatz zu Luthers Betonung dieses Mediums der Gemeinsamkeit lehnt Zwingli Musik und Gesang im reformierten Gottesdienst ab, obwohl er Musik schätzte! Erst 1598 wurde der Gesang in den Kirchen Zürichs eingeführt (436-449). Das Problem der Kindertaufe beschäftigte Zwingli vor allem in der Abgrenzung von den Täufern (675-696), die der Zürcher Rat hinrichten ließ. Auch wenn sich in der Bibel kein eindeutiges Zeugnis für die Kindertaufe findet, kämpfte Zwingli wild gegen die Taufe, die nur Erwachsenen vorbehalten sein sollte, die radikal das evangelische Christentum leben wollten und so die Volkskirche in Frage stellten.

Vierter Teil: Zwinglis Reformen des Predigtgottesdienstes, der Messe und des Nachtmahls (531-735). AE zeigt die Anknüpfungspunkte des reformierten Predigtgottesdienstes bei Vorgängern. Das Schriftprinzip zeigt sich besonders in der lectio continua, d.h. die Bibel wurde nach und nach hintereinander gelesen, darunter viele Texte, die allenfalls Theologen kannten. „Ziel des evangelischen Gottesdienstes ist es nicht, fertige Antworten und Glaubensaussagen (früher Moralpredigten!) der Gemeinde ‚einzuhämmern‘, sondern in Gemeinschaft der feiernden Gemeinde mit den für die Liturgie Verantwortlichen eher in einer dialogischen Form, in einer Fragehaltung, biblische Schriften ganzheitlich so zu erleben, dass der Gesprächscharakter zwischen Text, Leser/Prediger und Gemeinde zum Ausdruck kommt. Ein anderes Verständnis entspricht weder der Mündigkeit denkender und fragender Menschen noch einer Zielsetzung, die wir schon bei den Reformatoren lernen können.“ (574). Für die Umgestaltung der Messe (640-658) steht das Prinzip im Vordergrund, dass die Messe kein ‚Opfer‘ sei, sondern eine Erinnerungsfeier an das letzte gemeinsame Mahl Jesu mit seinen Jüngern vor seinem Tod: Vonn dem Nachtmal Christi / als Widergedecht­nus (1526).

Der Anhang auf 75 Seiten Bibliographie mit allein 15 Seiten Quellen (Drucke aus der Zeit und neue Editionen von Texten Zwinglis und seiner Zeitgenossen).[11] Ein umfangreiches Register stellt Namen, Orte und Sachen zusammen.

Noch der Hinweis: Ein wunderbares Buch, das Fragen stellt und in Lebensformen einführt, die von Ehrenspergers Fragestellung nicht berührt werden, das Leben der Äbtissin Katha­rina von Zimmern, hat Christine Christ-von Wedel hervorragend erforscht.[12] Die beiden Bücher lohnen, zusammen gelesen zu werden.

Alfred Ehrensperger betont die Verschiedenheit der Reformationen; insofern müssen Zwing­lis liturgische Reformen als Sonderfall für sich untersucht werden. Dazu gehört eine umfang­reiche Forschung über die vorhandenen Traditionen (die es noch nicht gibt und die auch nicht umfassend von AE geleistet werden kann). Das führt zu Ergebnissen, die sich deutlich unterscheiden von vielen bisherigen Forschermeinungen, aber sie sind gut begründet aus den Originalquellen. Das umfangreiche Buch stellt die Forschung zur Zürcher Reformation auf eine neue Grundlage.

 

 Bremen/Wellerscheid, 5. November 2019                         Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Christoph Auffarth: Bildersturm und neue Rituale: Reformation als Revolution der Sinne: Alfred Ehrensperger: Der Gottesdienst in Stadt und Landschaft Bern im 16. und 17. Jahrhundert. 2011. Alfred Ehrensperger: Der Gottesdienst in der Stadt St. Gallen, im Kloster und in den fürstäbtischen Gebieten vor, während und nach der Reformation. Zürich: TVZ 2012. 502 S. [Geschichte des Gottesdienstes in den evangelisch-reformierten Kirchen der Deutschschweiz 1-3] http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2013/03/29/ehrensperger-reformation/ (29.3.2013)

[2] Christoph Auffarth: Bilder und Ritual im calvinistischen Bremen. In: Christoph Auffarth; Jan van de Kamp (Hrsg.): Die andere Reformation. Bremen und der Nordwesten Europas. Leipzig: EVA 2020 im Druck.

[3] Natalie Krentz: Ritualwandel und Deutungshoheit. Die frühe Reformation in der Residenzstadt Wit­tenberg (1500 – 1533). Tübingen: Mohr Siebeck, 2014. Noch nicht bei Barry Stephenson: Performing the Reforma­tion: public ritual in the city of Luther. Oxford: OUP 2010. Auch nicht in der deutschen Übersetzung des Klassikers Leo Koerner: Die Reformation des Bildes. Rez. Auffarth Warum führt die lutherische Refor­mation neue Bilder ein? Joseph Leo Koerner: Die Reformation des Bildes. München: C.H. Beck [2017]. In:
https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/08/07/die-reformation-des-bildes/ (7.8.2018).

[4] Zum Plural Reformationen betont das neue Handbuch, dass in jeder Stadt und Kanton die Konstel­lationen die Veränderungen etwas anders verlaufen ließen. Meine Rezension: Eine alternative Refor­mation: Ein Handbuch über die Schweizer Reformierten. In: Amy Nelson Burnett/ Emidio Campi (Hrsg.): Die schweizerische Reformation. Ein Handbuch. Zürich: Theologischer Verlag Zürich 2017. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/06/16/handbuch-schweizerische-reformation/ (16.6.2018).

[5] Hans-Dietrich Altendorf; Peter Jezler (Hrsg.): Bilderstreit. Kulturwandel in Zwinglis Reformation. Zürich: TVZ 1984.

[6] Als man bei einer Renovation am Berner Münster eine Packung von zertrümmerten Steinfiguren fand, organisierten die Berner eine exzellente Ausstellung: Cécile Dupeux [u.a.] (Hrsg.): Bildersturm: Wahnsinn oder Gottes Wille? München: Fink 2000.

[7] Grundsätzliche Einschätzung Seite 317-319.

[8] Neben der handbuchartigen Monographie von Martin Ohst: Die Pflichtbeichte (1995): die wichtige Beobachtung, dass auch die Lutheraner in dem gemischt-konfessionellen Erzstift Hildesheim noch Beichtstühle bewahrten: Renate Dürr: Politische Kultur in der Frühen Neuzeit. Kirchenräume in Hildesheimer Stadt- und Landgemeinden 1550-1750. (Quellen und Forschungen zur Reformations­geschichte 77) Gütersloh 2006, 256-334 (Meine Rez. in: Jb niedersächsische Kirchengeschichte 104(2006 [2007]), 358-360).

[9] Leutpriester sind keine Priester-Mönche wie die meisten Priester und Chorherren, die die Messe an den Altären lesen, fremd in der Stadt, sondern vor allem Prediger, die die Gemeinde selbst wählt bzw. vom Rat der Stadt gewählt und angestellt werden. Mit der Reformation werden die Leutpriester zu den Pfarrern der Gemeinden, die Messpriester in Ruhestand geschickt, die Messpfründen verstaat­licht. Das Stichwort fehlt im sonst so opulenten Register (obwohl der Ausdruck vorkommt, etwa 198); nur das ‚Pfründenwesen‘ ist dargestellt.

[10] Zu der Bemerkung AEs „Darstellungen des Innenlebens […] sind äußerst mager.“ (314) jetzt die eingehende Darstellung zum Fraumünster unter der Äbtissin Katharina von Zimmern (wie Anm. 11).

[11] Die bedeutende Quelle zum spätmittelalterlichen Gottesdienst von Wilhelm Durandus ist jetzt in einer hervorragenden lateinisch-deutschen Edition zu benutzen, s. meine Rezension Wilhelm Duran­dus: Rationale divonorum officiorum. Übersetzt von Herbert Douteil, bearbeitet von Rudolf Suntrup. 2016. In: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2017/06/21/durandus-rationale-divinorum-officiorum/ (21.6.2017). – Die Badener Disputation ist herausgegeben und erforscht in dem (bei AE ebenfalls nicht zitierten) Band (mit meiner Rezension) Das Wort und nicht das Schwert des Scharfrichters soll entscheiden! Die Diskussion um die Reformation 1526. Die Badener Disputation von 1526. Kommentierte Edition des Protokolls. Hrsg. von Alfred Schindler und Wolfram Schneider-Lastin. 2015. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2016/03/19/die-badener-disputation/ (19.3.2016).

[12] Meine Rezension hier: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/11/20/die-aebtissin-der-soeldnerfuehrer-und-ihre-toechter/

 

 

 

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