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Die Reformation des Bildes

Joseph Leo Koerner: Die Reformation des Bildes.
München: C.H. Beck [2017]

 

Warum führt die lutherische Reformation neue Bilder ein?

 

Kurz: Ein kunst- und kulturwissenschaftliches Meisterwerk mit der paradoxen These vom bilderzerstörenden Bild.

Ausführlich: Als das Buch 2004 erschien, war es ein großer Wurf für die kulturwissen­schaftlichen Wende (cultural turn) in der Kunstwissenschaft. Zum einen überzeugt (das gilt also auch weiterhin, 13 Jahre später, daher der Präsens) die dichte Kontextualisierung der kunstwissenschaftlichen genauen Beobachtungen der Bildsprache und der Bildmotive mit der Reformation als Ereignis, der von Luthers Theologie, seiner Entzauberung der Religion, seiner normativen Zentrierung auf das Wort und auf Christus als der den Menschen zugewandte und selbst Mensch gewordene Gott in Gang gesetzte und bestimmte Beginn eines unumkehrbaren Prozesses. Diesen Luther-Prozess beschreibt Koerner am Medium Bild: nicht nur der Bilder im Vergleich zu altgläubigen (katholischen) Bildern und (seltener) spät­mittelalterlichen Bildwerken. Vielmehr stellt er sie in den Kirchenbau, fragt nach ihrer Funktion im Vollzug der Sakramente, das sind Abendmahl, Taufe und Beichte.[1] Eine enorme Kenntnis von Bildern unterschiedlicher Medien versammelt er und stellt mit Abbildungen vor Augen. Wozu noch Bilder? Die Calvinisten gingen da rigoros vor mit dem Bilderverbot.[2] „Nach dem protestantischen Bildersturm … übten die Künstler unbeirrt ihr Handwerk aus – mit der Folge, dass für einen beiläufigen Betrachter die lutherischen Kirchen des späten 16. und des 17. Jahrhunderts so schmuckvoll wirkten wie die katholi­schen und dass in der Vergangenheit Kunsthistoriker keine Notwendigkeit sahen, die Reformation als eine wichtige Zäsur innerhalb der künstlerischen Entwicklung jener Epoche zu begreifen. Zwar ist in den letzten zehn Jahren das Interesse an protestantischer Kunst gewachsen, aber neue Publikationen betonen eher die Beharrungskraft der Bilder, den Kirchensäuberungen zum Trotz.“ So bestimmt Joseph Leo Koerner, Kunsthistoriker an der Harvard Universität, die Forschungssituation S. 15.[3] Nun, über die intensive Forschung des seither vergangenen Jahr­zehnts hätte man gerne Namen und Thesen erfahren, die sich alle mit Koerners Buch von 2004 aus­einander­setzen.[4] Im Mittelpunkt des Buches steht ein Bild, der Altar in der Stadt­kirche von Witten­berg, der ein Jahr nach Luthers Tod 1546 Luthers Predigt heute und immer lebendig mache, ein Bild, „das den von Luther [von Luther!] voll­zogenen historischen Bruch verbirgt und zugleich feiert.“ (16).

Die Forschung ist in der Luther-Dekade[5] enorm lebendig geführt worden, gerade zum refor­matorischen Bild. Als wichtige Bei­träge seien hervorgehoben zur Frage des Bildersturms die Dissertation von Natalie Krentz über den Ritualwandel in Wittenberg. Dort wird deutlich, dass es einerseits Pro­vokation und Brüche gab,[6] wie die erste deutsche Messe in Wittenberg, dass aber der angebliche Bilder­sturm des Andreas Bodenstein von Karlstadt erst später dramatisch aufgebauscht wurde, um Karlstadt ins Unrecht zu setzen.[7] Die Realität von einzelnen Bilderzerstörungen in der Refor­mation hat dagegen der großartige Katalog der Berner Ausstellung vor Augen geführt.[8] Die intensive Cranach-Forschung hat ein virtuelles Museum der Werkstatt des ‚schnellen Malers‘ in Form einer vernetzten Datenbank aufge­baut.[9] Wichtiger aber noch hat Ruth Slenczka heraus­gearbeitet, dass die Botschaft der Bilder einen eigenen Reformator Cranach zeigen, der neben Luther und Melanchthon und Bugen­hagen eine enorme Bedeutung für die Verbreitung der Reformation geleistet hat.[10] Dem Bild kommt nicht nur dienende Funktion als Medium/Über­mittler einer im Prinzip nur auf dem Wort beruhenden Botschaft zu.[11] Weiterhin hat Jan Hara­simowicz einen weiten Überblick über die Bilder in den drei Konfes­sionskulturen katholisch-lutherisch-reformiert gegeben, die auch die calvinistischen (refor­mierten) Bilder vorstellt.[12] Das alles ist nicht rezipiert.[13]

Wenn das Buch nicht auf (die aktuelle) Forschung Bezug nimmt, so ist es doch auch so lesenswert. Es geht JLK darum, „das Image der Bilderzerstörer als übereifrige, aber hero­ische Feinde einer von der Kirche propagierten, zutiefst abergläubischen, bildgestützten Religion zu überprüfen.“ (23). Stattdessen geht er „von der Prämisse aus, dass Bilder niemals ver­schwin­den, sondern bleiben und ihre Funktion dadurch erfüllen, dass sie permanent zer­stört werden. Cranachs Bilder sind eine Re-Formation der sakralen Bilder, an deren Stelle sie traten. Insbesondere erneuern sie ein Bild, das von Anfang an seinen Gegenstand dadurch zur Schau stellte, dass es ihn negierte. Die Menschwerdung Christi war ikonoklastisch: Vor dem Jesuskind zerfielen die heidnischen Götzenbilder zu Staub.“ (23). Das ist eine weite, eher philosophische als historische These. Denn sie spricht von ‚dem‘ Bild, nicht von den konkreten Bildern. Sie missachtet den Akt der materiellen Zerstörung von Bildern, die nicht einfach re-formiert werden, sondern, wo sie einst gestanden, erst weggenommen und dann neue Bilder aufge­stellt werden. Diese stellen den Verweis-Charakter in den Mittel­punkt,[14] sie dürfen eben nicht mehr sakral sein, ihre Materialität nicht zu haptischem, visuellem Ge­schmack verbunden sein mit der Synästhesie anderer Sinneseindrücke, wie Weihrauch oder Gesang. Und die Ma­teri­alität der Gottesbilder ist ganz anders, geradezu umgekehrt zu sehen, als in der her­kömm­lichen Erzählung von der anti-materiellen Christologie und der Metapher dass sie ‚zu Staub zerfielen‘.[15] So geht JLK in seiner These fehl: „Wie ich im Kapitel 12 darlegen werde, entstammt die Idee der Offenbarung Gottes ex nega­tivo [d.h. in der Häss­lichkeit des Kreuzestodes] der Kreuzestheo­logie Luthers, für den Christus ein verborgener Gott (deus absconditus) war.“ (51; schon in der Einleitung S. 20); ausgeführt 253-264). Das trifft gerade nicht Luthers Konzept:[16] Gott ist der Verursacher von allem, auch von Unglüc­ken, Epidemien, Kriegen. Darin ist er undurchschau­bar, vielleicht gibt er damit ja einen pädagogi­schen Wink. Diesen Gott nennt Luther deus ab­s­conditus. Der glei­che Gott aber hat sich in seinem Wort und in seinem Sohn festgelegt, dass er die Menschen erlöst. Darin ist er der deus revelatus, der offenbarte Gott.

Ganz im Mittelpunkt, aber mit vielen zeitgenössischen Parallelen oder Gegensätzen illus­triert, steht das Altarbild der Wittenberger Stadtkirche, von Lucas Cranach gemalt 1547, ein Jahr nach Luthers Tod. JLK versteht es als das ikonoklastische Bild schlechthin. „Nach Jahr­hun­derten, in denen Bilder, dem Wort untergeordnet, der Unterweisung dienten, brachte die lutherische Kultur ein Bild hervor, das über Worte hinausgeht.“ (515). Das ist das Kreuz in der Predella des Wittenberger Altars, auf das der predigende Luther deutet, die Gemeinde hinschaut, das aber – so Koerner – kein Bild sein will. Das Blut des Verstorbenen ist nicht ‚grob‘ gemalt; Cranach hat es gar nicht gemalt, obwohl es doch eigentlich fließen oder zumindest verharscht sein müsste. Das Lendentuch des Gekreuzigten flattert, obwohl es mitten im Kirchenraum steht. „Cranachs Kruzifix ist ein »Zeichen eines Zeichens« – das, was verstanden und geglaubt werden kann, ohne dass es der eigenen Erfahrung entspringt.“ (288). In dieser Engführung auf den Wittenberger Altar und seine steile Interpretation behauptet Koerner nichts weniger als „Martin Luther habe die bildende Kunst für immer verändert.“ (15).  

Der Verlag hat das Buch vor­züglich ausgestattet, eine sprachlich anspruchs­volle Überset­zung von Rita Seuß in Auftrag gegeben, Anmerkungen am Ende des Buches, farbige Abbild­ungen auf Kunst­druckpapier, sonst die s/w Abbil­dun­gen im Text, ein (nur Personen-) Regis­ter, fadengehef­tet. leinengebunden. Auch wenn Koerner die Gelegenheit nicht nutzte, sein Buch nach 13 Jahren selbstkritisch in den Zusammenhang der seither sehr lebendigen Forschung zu stellen,[17] so bleibt das Buch ein großer Wurf einer kulturwissenschaftlichen Bildwissenschaft; JLK stellt eine Epoche vor einer neuen religiösen Kunst im Reformations­jahrhundert mit selten gezeigten und interpretierten Bildern unterschiedlicher Medien wie Gemälden, Plastiken, Grabsteinen und Epitaphien, gedruckten Illustrationen. Das Buch ist es wert für alle historisch Interessierte, gelesen und durchgearbeitet zu werden. Eine Führung durch (weit auseinanderliegende, aber zeitlich nahe) Kirchen und Museen, auf höchstem Niveau erklärt. Auch wenn Koerner bei der Führung seine steile These immer wieder ein­schränken muss.

 12.Juli 2018                                                                                    Christoph Auffarth
Religionswissenschaft
Universität Bremen

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[1] Die lutherische und protestantische evangelische, also aus der Bibel begründete Lehre lässt von den sieben Sakramenten nur noch zwei als von Christus eingesetzte Sakramente gelten: Abendmahl und Taufe. Ob die Kindertaufe von Christus geboten sei, blieb ein massives Problem in der Auseinander­setzung mit den Täufern. Die Beichte ist auf dem Wittenberger Altar dargestellt mit Johannes Bugen­hagen als Beichtvater. Zur lutherischen Beichte wichtig Renate Dürr: Politische Kultur in der Frühen Neuzeit : Kirchenräume in Hildesheimer Stadt- und Landgemeinden 1550 – 1750. (QFRG 77) [Gütersloh]: GVH 2006, 256-341.

[2] Eine religionswissenschaftliche Analyse am Beispiel einer Stadt führt durch Christoph Auffarth: Bilder und Ritual im calvinistischen Stadt-Bild Bremens.. In: Christoph Auffarth; Jan van de Kamp (Hrsg.): Die andere Reformation. Bremen und der Nordwesten Europas. Im Druck.

[3] Koerner ist 1957 geboren. Seine weiteren Bücher über Caspar David Friedrich 1990; dt. 1998, Paul Klee. Zuletzt von ihm Bosch & Bruegel, from enemy painting to everyday life. Princeton: Princeton UP [2016]. Seinen Namen kürze ich im Folgenden mit den Initialen ab LJK.

[4] Joseph Leo Koerner: The Reformation of the Image. Chicago: CUP 2004 = London: Reaktion Books 2004. 494 S.

[5] Die Evangelische Kirche in Deutschland hat 10 Jahre (eine Dekade) einer Beschäftigung mit der Reformation vor dem Jubiläum 2017 ausgerufen, die auch wissenschaftlich intensiv genutzt wurde. Eine Bilanz zieht das Themenheft der Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 68(2017), Heft 9/10.

[6] Zu Reformation als Provokation s. Christoph Auffarth: Alle Tage Karneval? Reformation, Provokation und Grobianismus. In: C.A.; Sonja Kerth (Hrsg.): Glaubensstreit und Gelächter. Reformation und Lach­kultur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. (Religionen in der pluralen Welt 6) Münster 2008, 79-105.

[7] Natalie Krentz: Ritualwandel und Deutungshoheit. Die frühe Reformation in der Residenzstadt Wittenberg 1500 – 1533. (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 74). Tübingen: Mohr Siebeck 2014. Diese wichtige Monographie kennt JLK nicht – nach Ausweis der Bibliographie und S. 21, wo noch die Stadt­kirche von Wittenberg als der Ort gilt, „in der 1522 ausgerechnet (die protestantische Bilderzerstö­rung) begann“.

[8] Cécile Dupeux [et al.] (Hrsg.): Bildersturm – Wahnsinn oder Gottes Wille? Zürich; München 2000. Von JLK verwendet. Die zweite Welle der calvinistischen Bilderzerstörung ist gar nicht berücksichtigt bei JLK. Die globale Sicht der Ausstellung in Karlsruhe von Bruno Latour; Peter Weibel (Hrsg.): Iconoclash. 2002 hebt JLK hervor, zu der er selbst einen Artikel beigetragen hat: Icon as Iconoclash.

[9] http://lucascranach.org/startseite Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf und der Technischen Hochschule Köln.

[10] Ruth Slenczka: Cranach als Reformator neben Luther. In: Heinz Schilling (Hrsg.): Der Reformator Martin Luther 2017. München: Oldenbourg 2014, 133-157.

[11] Susanne Wegmann: Der sichtbare Glaube. Das Bild in den lutherischen Kirchen des 16. Jahrhun­derts. (SHR 93) Tübingen: Mohr Siebeck 2016. Zu Koerner 12-16 und schon ihre Rezension in: Kunstchronik 58 (2005), 300-304.

[12] Jan Harasimowicz: Sichtbares Wort. Die Kunst als Medium der Konfessionalisierung und Intensi­vierung des Glaubens in der Frühen Neuzeit. (Kunst und Konfession in der Frühen Neuzeit 1) Regensburg: Schnell + Steiner 2017. Meine Rezension Neue Bilder für alle drei Konfessionen nach der Reformation. Jan Harasimowicz: Sichtbares Wort. 2017. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/03/07/sichtbares-wort/ (7.3.2018).

[13] Von den 6 Titeln, die das Literaturverzeichnis nach dem Erscheinen der amerikanischen Ausgabe listet, sind nur die Textsammlung von Berns, Strittigkeit der Bilder 2014 (meine Rezension http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2017/04/04/strittigkeit-der-bilder/ (4.4.2017) und ein Aufsatz von Ruth Slenczka aus der Forschung der letzten 13 Jahre einschlägig.

[14] Zum Deutefinger als reformatorische Besonderheit 243-252. Der berühmteste, der des Johannes des Täufers, gemalt von Mathias Grünewald, ist kurz vor der Reformation gestaltet.

[15] Christoph Auffarth: The Materiality of God’s Image: Olympian Zeus and the Ancient Christology. In: Jan N. Bremmer; Andrew Erskine (ed.): The Gods of Ancient Greece: Identities and Transformation. (Edin­burgh Leventis Studies 5) Liverpool 2010, 465-480. Zu Staub zerfallen ist ein Topos aus der Zer­störung des Serapis-Bildes in Alexandria 391, zuerst von Eusebios (in der lateinischen Übersetzung des Rufin) erzählt, das den Gewaltakt als vom Bild selbst bewirkten Zerfall deutet. Bevor das Serapis-Bild zu­sam­menbricht, flüchten die Ratten, die es von innen zerfressen haben. Die Gewalt der Bilder­zerstörer in den Mönchskutten war gar nicht nötig. 

[16] Entwickelt 1525 (nach dem Bauernkrieg) in Martin Luther: Über den geknechteten Willen (= D. Martin Luthers Werke. WA 18 [1908], 600–787 (De servo arbitrio). JLK hat das Werk zitiert (262f), aber den ent­scheidenden Unterschied nicht erkannt.

[17] Angedeutet ist das Buch von Johann Michael Fritz: Die bewahrende Kraft des Luthertums. Mittelalte­r­liche Kunstwerke in evangelischen Kirchen. Regensburg: Schnell & Steiner 1997.

 

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