Anatomie eines Genozids

Omer Bartov: Anatomie eines Genozids.
Vom Leben und Sterben einer Stadt namens Buczacz.

Berlin: Jüdischer Verlag (im Suhrkamp Verlag) 2021.
486 Seiten.
ISBN 978-3-633-54309-0
28 €

 

Kurz: Eine Geschichte des Völkermords an den Juden, diesmal konzentriert auf die eine Stadt in Galizien mit Menschen als Personen mit Gesicht. Diese Mikrogeschichte ist ein ‚Meilenstein‘ in der Erforschung der Schoa (‚Holocaust‘) jenseits der Zahlen, Namen, Vernichtungslager, sondern wie das Aushungern, Ausrauben, Morden in der Provinz als ‚Aktion‘ der Deutschen, als Morden und Plündern in der Nachbarschaft, als Pogrome geschah.

Ausführlich:

Vom Leben der Juden in Polen in Osteuropa gibt es zahlreiche Erzählungen von Einzel­schicksalen und Familien, meist nicht von den Überlebenden und den Kindern, sondern aus der Enkelgeneration. Erzählungen, Fotos, oft nur wenige Quellen aus Archiven sind dort die Grundlage, etwa des Buches Die Pfefferfälscher von Monika Schneidermann.[1] Von ganz anderer wissenschaftlicher Qualität, gleichwohl sehr lesbar, ist das Buch des amerikanischen Historikers Omer Bartov.[2] In zahlreichen Archiven hat er die Akteure (von denen meist viel mehr bekannt ist, die Kenntnis der neun Sprachen der Dokumente vorausgesetzt) und Opfer recherchiert. Dabei interessierte ihn auch die Frage der Aufklärung und Bestrafung der Verbrechen. Er fand meist sehr späte (zwanzig und mehr Jahre nach den Morden) Gerichts­verfahren, in denen die Richter meist den fadenscheinigen Ausreden und Lügen der Täter mehr glaubten, als dass sie die Anklagepunkte genau recherchieren ließen.

Die Forschungen zum Genozid der Juden genau kennend, konzentriert er sich auf eine Stadt, die immer im Schnittpunkt verschiedener Herrschaften stand. Fast die Hälfte des Buches beschreibt er, wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer neue Herren die Stadt in Besitz nahmen, ihre Gesetze, Sprache und Kultur aufzwangen: Österreicher der k.u.k. Monarchie, Russen, Polen nach der Gründung des Nationalstaates als Ergebnis des Ersten Weltkriegs, dann, wie im Hitler-Stalin-Pakt geheim verabredet, rückten militärisch die Sowjets ein und dann ab Sommer 1941 die Deutschen. Damit gehörte das Städtchen zu den Bloodlands, die Snyder so eindrücklich und schwer erträglich in seinen Schilderungen beschrieben hat.[3] Aushungern, Ausplündern, Ermorden: Was die Sowjets begonnen hatten, setzten die Deutschen, Wehrmacht und Polizei (nicht, wie früher behauptet wurde, allein die SS), um ein Mehrfaches gesteigert, fort. Allein in Buczacz und der näheren Umgebung wur­den, geschätzt, 20 000 Menschen umgebracht, vor allem Juden. Was Deutsche und Sowjets ‚offiziell‘ taten, entfesselte das alltägliche Morden der Nachbarn, Nationalisten, Banden.

In diesen Rahmen zeichnet Bartov nun ein detailliertes Bild mit Menschen, die ein Gesicht (viele auch in Abbildungen) bekommen, eine Biographie haben. Die Stadt wird begehbar mit Plätzen, reichen Stadthäusern, Verwaltungsgebäuden, ärmeren Randgebieten, Polizeistation. Man nennt diese Konzentration auf einen Fall oder einen Ort, den man aber dann so detail­liert wie möglich beschreibt, Mikrohistorie. Der Einzelfall ist aber in Kenntnis und mit den methodischen Kompetenzen der ‚großen‘ Geschichte recherchiert.[4] Die Menschen der Stadt waren in der Mehrheit Juden, dann Ruthenen (Ukrainer), in der Minderheit Polen, aber oft in den führenden Positionen, wie Bartov an den Schulen deutlich macht (die die Lehrer seit 1919 zu „Brutstätten des Nationalismus“ des neu gegründeten Staates Polen machten). Galizien, die Großregion, gilt insgesamt als arm, die Stadt durchaus nicht. Für die Deut­schen, die nach dem Überfall auf Polen und dem Angriff auf die Sowjetunion ab Juni 1941 bald auch ihre Familien mitbrachten, entwickelt sich auch zu den Nachbarn eine friedliche Idylle mit einem Bier am Abend in der Wirtschaft, sich mit den Einheimischen unterhaltend. Aber die eine Stunde am Abend, das Familienleben der Polizisten und Beamten im Aus­landseinsatz war die Ausnahme. Für die Juden war es Tag und Nacht, jeden Moment die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit dem Hämmern an der Tür von Polizisten aus dem Haus, mit anderen zu einem Sammelplatz getrieben, von dort mit Lastwagen auf einen Berg gefahren und in der Nacht, nachdem sie zuvor alles Geld und Schmuck ablegen mussten, nackt über einer Grube erschossen wurden. Aber es geschah auch tagtäglich, dass jemand auf der Straße sie erschoss, grundlos, nur weil sie Juden waren. Die Rolle des Judenrates und der ‚Judenpolizei‘ als Kollaborateure mit den Mördern und Dieben war es, Mordaktionen zu organisieren, Bestechungsgelder zum Freikauf einzusammeln, wobei sie sich dabei selbst bereicherten. Erpresstes Geld, Pistolen und Munition, Alkohol, Sex war geradezu unendlich verfügbar. Und doch, Bartov beschreibt es am Beispiel der jungen Jüdin Edzia Spielberg (324-326): „Und doch zeigt die Entscheidung, nicht den Abzug [der Pistole] zu betätigen, ob aus einem tief verwurzelten, nie ganz ausgelöschten Gefühl der Mitmensch­lichkeit oder als bizarre Bekundung von Edelmut: Es gab immer eine Wahl“ (324). Edzia war, als sie den Krieg überlebt hatte, mehrfach von anderen Menschen versteckt, gerettet, nicht erschossen worden. Eine seltene Ausnahme. Und fast schlimmer noch war, dass der alte Hass der Ukrainer auf die Juden sich jetzt hemmungslos und, ohne mit Strafe rechnen zu müssen, entlud. Am Ende wohnten in Buczacz nur noch 4000 Einwohner (375), keine Juden mehr, die Eliten der Stadt ermordet.

Die Quellen sind in den Endnoten sehr genau angegeben, die Namen der Ortschaften in der heutigen Schreibweise Polnisch und Ukrainisch, ein sehr gutes Register weist neben Namen, Orten auch die Sachen aus.

Insgesamt ist diese Mikrogeschichte das Ergebnis jahrelanger Recherchearbeit in den Archi­ven, die heute zumeist sehr gut geordnet und zugänglich sind, wenn man all die Sprachen kennt, die Bartov beherrscht. Buczacz ist nicht ein Mosaiksteinchen, zu dem viele andere hinzukommen müssten, sondern das Musterbeispiel, an dem der Völkermord an den Juden erfahrbar wird. Nicht die Millionenzahlen, nicht die Vernichtungslager, nicht an der Front des Krieges. Ein Städtchen, das – bei aller Besonderheit – ein anschauliches, beklemmendes Beispiel ergibt, wie Menschen, die zuvor schon als Minderheit drangsaliert worden waren, auf der Hut sein mussten, jetzt jede Minute Angst hatten, dass jemand, bekannt oder unbe­kannt, im Auftrag oder aus Lust und Habgier einen erschoss. Wie Synagogen barbarisch, blasphemisch zerstört und, was den Juden heilig, in den Schmutz getreten wurde. Leutselige Beamte beim Bierchen am Abend schossen am nächsten Tag, wann immer es sie überkam, willkürlich anderen Menschen in den Kopf. Man das kann als Leser nicht unbeteiligt lesen und sich das vorstellen. Es ist nicht die ‚große‘ Geschichte des Genozids, sondern die greif­bare, persönliche, menschliche Geschichte einer kleinen Stadt eher am Rande, aber mitten im Grauen, was möglich war. Was ohne Befehl, ohne Recht, ohne Gewissen geschah in einem Städtchen in Galizien. Die Quellen in den Archiven, die Augenzeugen belegen, was nie hätte erzählt werden sollen, wenn es nach den Tätern gegangen wäre. Als die Sowjets im Oktober 1944 das Gebiet einnahmen, führten sie Untersuchungen durch (360); die dienten aber v.a. dem Zweck, einen eigenständigen ukrainischen Staat zu verhindern. Dass die 13 670 Toten in den Massengräbern vorwiegend Juden waren, ganz zu schweigen von den unzähligen und ungezählten Opfern willkürlicher Erschießungen und Ermordungen, wurde in der Endfassung verheimlicht.[5] Die Region an der Grenze zwischen dem jetzt nach Westen verschobenen polnischen Staat und der UdSSR wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ethnisch gesäubert (371-375). Buczacz liegt heute in der Westukraine.

Jetzt haben Täter und Opfer ein Gesicht. Eine großartige Recherche des Historikers Omer Bartov, der sie zwei Jahrzehnte beharrlich verfolgte (389). In der enorm boomenden Forschung zur Schoa ist dies ein herausragendes Buch historischer Forschung,[6] konkret, Menschen bekommen ein Gesicht. Nicht anklagend, einer Gruppe die Schuld zuweisend, sondern recherchierte Fakten, die die Bewertung nicht vorwegnehmen, wohl aber für sich sprechen. Das muss jede(r) gelesen haben, wer sich für das Grauen des Völkermords im Schatten des Zweiten Weltkriegs interessiert.

 

Bremen/Wellerscheid, Oktober 2021

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Monika Sznajderman: Die Pfefferfälscher. Geschichte einer Familie. Berlin: Jüdischer Verlag 2018.

[2] Omer Bartov, 1954 in Israel geboren, ist Professor für europäische Geschichte und deutsche Studien an der Brown University in Providence, Rhode Island, USA. Er forscht v.a. zur deutschen Wehrmacht und ihren Kriegsverbrechen in Osteuropa und zur Geschichte des Holocaust. Das Buch wurde mit dem National Jewish Book Award and dem Yad Vashem International Book Prize for Holocaust Research ausgezeichnet.

[3] Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Stalin und Hitler. [New York 2010] München: Beck 2010. Die Kritik beanstandete, dass Snyder Regionen nicht einbezogen hat in seiner Konstruktion der Länder, die aber unter der doppelten Apokalypse genauso litten, Jürgen Zarusky: Timothy Snyder’s Bloodlands: a critical response to the construction of a historical landscape. In: Holocaust and memory in Europe 1 (2016), 146-178.

[4] Beispielhaft sind die Bücher von Carlo Ginzburg. Oder Hans Medick: Weben und Überleben in Laichingen. Göttingen 1996.

[5] Vgl. zur Erinnerungskultur am Beispiel Auschwitz –  Christoph Auffarth: Auschwitz: Der Gott, der schwieg, und vorlaute Sinndeuter. Eine Europäische Religionsgeschichte fokussiert auf einen Erinnerungsort. In: Adrian Hermann; Jürgen Mohn (Hrsg.): Erinnerungsorte der Europäischen Religions­geschichte. Würzburg: Ergon 2015, 463-501.

[6] Beispiele neuerer deutscher Forschungen – Auffarth: Nie wieder „Auschwitz!“ https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2020/07/27/auffarth-nie-wieder-auschwitz/ (27.7.2020).

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