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Nag Hammadi Deutsch. Herausgegeben von Hans-Martin Schenke, Hans-Gebhard Bethge und Ursula Ulrike Kaiser

Gnosis im und neben dem Frühen Christentum

Nag Hammadi Deutsch in der Studienausgabe
Eingeleitet und übersetzt von Mitgliedern des Berliner Arbeitskreises für Koptisch‐Gnostische Schriften
hrsg. v. Hans‐Martin Schenke, Hans‐Gebhard Bethge, Ursula Ulrike Kaiser. Berlin
New York: De Gruyter, ²2010
Euro 39,95
ISBN 978‐3‐11‐022803‐8

Der Fund einer Bibliothek in der ägyptischen Wüste bei Nag Hammadi (nicht weit vom Nil, zwischen Asjut und Assuan) Ende 1945 hat erst klar gemacht, aus welch einer Fülle von Texten der Kanon der christlichen Heiligen Schrift, das Neue Testament, die Auswahl darstellt. Und warum diese Schriften nicht in den Kanon aufgenommen wurden.

In 13 Leder‐Codices fanden sich damals 53 (dazu ein paar doppelt) Schriften. 2007 sind Texte eines weiteren, sehr nahe stehenden Codex Tchacos veröffentlicht worden, darunter das aufregende Evangelium des Judas, und weitere parallele Überlieferungen zu den Texten aus Nag Hammadi. [ref] Johanna Brankaer und Hans-Gebhard Bethge (Hrsg): Codex Tchacos : Texte und Analysen. (Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur 161) Berlin: de Gruyter 2007. Rodolphe Kasser: The gospel of Judas together with the letter of Peter to Philip, James and a book of allogenes from Codex Tchacos. Critical edition of the coptic text. Washington, D.C.: National Geographic Books 2007. [/ref] Die Texte sind in Koptisch (Sahidisch) geschrieben im 2. und 3. Jahrhundert. Unter den Nag Hammadi Texten gibt es zum einen Evangelien – das bekannteste ist das Thomas‐Evangelium und das Evangelium veritatis, dann liturgische Texte und Gebete, eine Apostelgeschichte, vier Briefe, fünf Apokalypsen und viele lehrhafte Schriften bzw. Sammlung von Weisheitssprüchen. – Die Texte sind 1979‐91 in zuverlässigen Ausgaben, parallel dazu Ausgaben einzelner Schriften durch die Mitglieder des Berliner Arbeitskreises ediert worden und eine englische Übersetzung von J.M. Robinson liegt vor. Eine deutsche Übersetzung wagten Gerd Lüdemann und Martina Janssen unter dem Titel: Die Bibel der Häretiker. Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi (Stuttgart 1997), aber die äußerst schwierige Aufgabe überstieg deren Können. Schon lange arbeitete ein Berliner Arbeitskreis von 20 Koptologen an den Texten und einer Übersetzung. Diese wurde zunächst in sehr teuren Bänden 2001 und 2003 veröffentlicht. Für die Paperback‐Ausgabe sind die Übersetzungen aufgrund der teils ausführlichen Besprechungen noch einmal überarbeitet und verbessert worden, die Einleitungen gestrafft. [ref] Theologische Literaturzeitung 128 (2003), 409‐411; Tonio Sebastian Richter in: Enchoria 28 (2003),.212-223. [/ref] Dank der Initiative von Christoph Markschies als Herausgeber des Akademie‐Unternehmens der Griechischen Christlichen Schriftsteller für die Akademie und des Verlages De Gruyter, kann jetzt jeder sich auch die Gesamtausgabe als Paperback leisten. Von Christoph Markschies legt man sich zudem als Reiseführer in die Welt der Gnosis seinen Band (Beck Wissen 2001; ³2010) hinzu.

Das ist keine leichte Lektüre, diese verantwortliche und genaue Übersetzung. Aber angesichts des großen Interesses an der Gnosis, nicht zuletzt durch die Bestseller wie die Illuminati oder Da Vinci Code, aber auch Wissenschaftsbestseller von Elaine Pagels sollten Religionswissenschaftler zuverlässige Übersetzungen verwenden. Hier findet man etwa das Evangelium nach Maria Magdalena, S. 570‐574. Zu den knappen, meist dem philologischen Verständnis dienenden Erläuterungen in diesem Band wird noch ein Band Kommentare hinzu kommen, der die sechs Aufsätze und weitere Texte des Religionswissenschaftlers Carsten Colpe (Jahrbuch für Antike und Christentum 19. 1976 bis 25. 1982) zusammenstellt.

Welche Beziehung diese Texte zu dem nahe gelegenen Kloster haben, bleibt ein Problem: Hat man die Schriften zunächst dort gesammelt und später aussortiert, als die zum Kanon gehörenden Schriften festgelegt waren? War es eher der Giftschrank, um Beweise gegen die Gnostiker führen zu können? Für Religionswissenschaftler ein Glück, dass sie noch vorhanden sind! Hier kann man Gnosis lesen, ohne alles nur durch Zitate der Gegner wahrnehmen zu müssen. Aber auch: Die Evangelien des Kanons sind viel handgreiflicher, konkreter, nicht so esoterisch und spekulativ. Auch das Johannes-Evangelium ist gegenüber diesen kosmischen Spekulationen weit geerdeter und historischer. Aber gerade um das zu erkennen und die Christentümer der frühen Zeit in ihrer Verschiedenheit wahrnehmen zu können, ist dieses, nun erschwingliche Buch eine notwendige Lektüre. Die gnostischen Schriften bereichern ungemein den Kontext der frühchristlichen Vielfalt und Kontroversen.

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Christoph Auffarth
Religionswissenschaft
Universität Bremen

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