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Origenes: Die Homilien zum Buch Jesaja. Herausgegeben von Alfons Fürst und Christoph Markschies

Der kühnste Kopf der Alten Kirche: endlich der ganze Origenes!

Origenes: Werke mit deutscher Übersetzung. [abgekürzt: OWD]
Im Auftr. der Berlin‐Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Forschungsstelle Origenes der Westfälischen Wilhelms‐Universität Münster
hrsg. Alfons Fürst; Christoph Markschies
Berlin: de Gruyter; Freiburg: Herder 2009

Origenes (185‐254) ist der kühnste Kopf unter denen, die ihren Mitbürgern zeigen, das Christentum muss sich nicht verstecken, ängstlich zurückziehen und verteidigen: voll in der Diskussion der Zeit und kühner Übersetzer der Aussagen der biblischen Texte in eine andere Kultur und ihre Metaphern. Origenes wurde im Vergleich zu Augustin, Hieronymus oder Tertullian eher als ein Stiefkind behandelt, obwohl er wohl der interessanteste Theologe der Antike ist. Kein antiker Autor setzte sich so der Kritik und der Rechtfertigung aus, literarisch und in seinem Leben. Nichts ist selbstverständlich, alles muss auf den Prüfstand, man muss nichts retten. Alexandria ist die Großstadt, die Hafenstadt an der ägyptischen Küste des Mittelmeers, Stadt der Experimente von griechischen, ägyptischen und römischen kulturellen Modellen, der kühnen Thesen, der multikulturellen Herausforderung, schon seit Generationen. Hier bündelt sich wie in einem Brennglas die antike Kultur, wird das Wissen der ganzen damaligen Welt gesammelt in der Bibliothek, wird ausgewählt, erklärt und für die internationale Kultur verständlich gemacht: Hier wird Kultur gemacht. Dort hat Origenes seine ‚Werkstatt’. [ref] Den quirligen Platz hat Alfons Fürst in einem schmalen Band geschildert: Christentum als Intellektu-ellen-Religion. Die Anfänge des Christentums in Alexandria. (SBS 213) Stuttgart: Katholisches Bibelwerk 2007. [/ref] Zwei Köpfe ragen heraus: für die jüdische Kultur Philon, für die christliche Origenes. Beide erklären die Texte der Bibel, gerade in allen Einzelheiten, aber ihre Methode ist nicht der Text in seiner damaligen Bedeutung, sondern das Interpretieren, die Allegorese und im Hintergrund immer Platons metaphysische Philosophie. Die jüdische Gemeinde war im Zusammenprall der Kulturen niedergeknüppelt, die Christen konnten sich halten, mussten sich behaupten. Das tut in beeindruckender Weise Origenes. Origenes hat zwei Nachteile: Zum einen ist er von anderen, viel später lebenden ’Freunden’ aus den eigenen Reihen, massiv angegriffen worden, die ihn zu wagemutig fanden in der Erklärung christlicher Glaubenssätze für die skeptisch‐aufmerksamen griechischen Akademiker der Großstadt Alexandria. Das hatte langfristig zur Folge, dass Origenes 300 Jahre nach seinem Tod zum Ketzer erklärt und seine Schriften unterdrückt wurden. Dennoch ist viel erhalten, ein großer Teil allerdings in lateinischer Übersetzung. Bislang war sein Werk schwer zu überblicken, in Ausgaben unterschiedlicher Qualität, vieles ist bislang nicht übersetzt.

Das ändert sich nun: Kühn und gleichzeitig langfristig unterstützt erscheint die hier vorzustellende Origenes‐Ausgabe in einer ansprechend gestalteten Reihe. Geplant ist eine Ausgabe aller Werke. Der Editionsplan sieht vor, dass 25 Bände (teils mit Teil‐bänden, also 45 Bände zusammen) erscheinen sollen – in rascher Folge.

Gut gebundene rote Leinenbände mit Fadenheftung zum vielfachen Gebrauch geeignet. Das Format der OWD ist ein großes Okav, angenehm zu lesen. Die Texte in Griechisch bzw. Latein mit Zeilen‐zähler und der Paginierung der besten Textausgabe. Unter dem Text der Nachweis der Bibelzitate, die Origenes zitiert oder anspielt, unten auf der Seite kurze Kommentare, die Besonderheiten erläutern, auf die die Übersetzung hinweisen, aber nicht erklären kann. Ausführlich geschieht die Kommentie‐rung in der Einleitung, die zunächst die einzelnen Texte vorstellt im Zusammenhang der Tradition vor und nach Origenes, dann eine Bewertung dieses Werkes im Gesamtwerk des Origenes. Es folgt ein Abschnitt zur Rezeption des Werkes bei anderen Kirchenvätern und die Überlieferung, Hand‐schriften, Ausgaben und Übersetzungen. Am Schluss steht eine Bibliographie speziell zum Werk, die Bibelzitate sind in einem Verzeichnis zusammengestellt und ein Schlüssel für systematisch wichtige Begriffe. Gut finde ich, dass jeder Band sich ganz auf das spezielle Werk konzentriert und nicht wie‐derholt, was im ersten Band stehen soll, eine Biographie und ein allgemeine Bibliographie.

Ja, dieser Origenes ist ein großes Glück: die Ausgabe erlaubt die Entdeckung und die Kenntnis eines Autors, der nicht nur für das Christentum als antike Religion grundlegend wichtig ist, sondern auch für die westliche Tradition – von der östlich‐‚orthodoxen’ ganz zu schweigen – von hoher Bedeutung; er kommt im Westen nicht ganz der Bedeutung Augustins gleich, aber die Aufnahme seine Ideen wird vielfach unterschätzt, [ref] Auch zur Rezeption des Origenes hat Alfons Fürst Tagungen durchgeführt, deren erster Band in 2010 angekündigt ist: Autonomie und Menschenwürde. Origenes in der Philosophie der Neuzeit. Hrsg. A.F. (Adamantiana 1) Münster: Aschendorff 2010. [/ref] er bietet eine offenere Alternative zu dem ‚lateinischen’ Kirchenvater. [ref] Nachdem Augustin schon mehrere Gesamtausgaben erfahren hat, begann 2002 eine auf 130 Bände berechnete zweisprachige Ausgabe bei Schöningh: Paderborn. Außerdem das Augustinus-Lexikon, 4 Bde, 1994-. [/ref] Es geht ihm nicht um die starke Kirche; sondern durch Faszination brillanter Ideen soll das Christentum sich durchsetzen, über die jeder mit zu diskutieren eingeladen ist. Dieser Origenes ist wert der Entdeckung, die OWD eröffnet das in begeisternder Weise!

Band 10
Die Homilien zum Buch Jesaja. Eingeleitet und übersetzt von Alfons Fürst und Christian Hengstermann. VII, 400 S. In Isaiam homiliae XXXII. [ISBN 978‐3‐451‐32915‐9]
Als erstes erscheint der 10. Band, eine Ausgabe und Übersetzung von Origenes’ Predigten zum Buch Jesaja. [ref] Abgekürzt zitiert als Origenes, In Is.hom. [Nummer der Homilie; Paragraph, dann erst OWD 10, Seite, evtl. Zeile, ed. Fürst/Hengstermann] [/ref] Auch wenn die Übersetzer und Autoren der Einleitung deutlich machen, dass dies nicht der zentrale Text des Origenes sei, so macht diese – überaus kluge und ausführliche – Einleitung klar, welche Brisanz in dem Text steckt, in den neun Homilien zu Texten aus dem Propheten Jesaja, etwa 239 bis 242 geschrieben. Die Übersetzung ins Lateinische durch Hieronymus 160 Jahre später stellt offenbar eine Auswahl dar. Homilie bedeutet in der heutigen Kirchensprache „Predigt“, das sind sie aber offenbar nicht. Eher Essays zu den interessantesten Texten des Propheten. Beigefügt sind testimonia, Zeugnisse (S. 308‐365), wo die Schrift zitiert wird, u.a. in einem Brief des Hieronymus, besonders aber in einem Traktat des Theophilus von Alexandrien um 400, der die allegorische Deutung der Jesaja‐Vision verwirft, stattdessen eine historische fordert und dabei Origenes Blasphemie vorwirft (s. Fürst, S. 180‐187).

Erst zeigt Alfons Fürst in genauer Kontextualisierung, was Origenes an Interpretationen vorfand, wie scharfsinnig er die Texte liest und neu deutet, und wie die späteren christlichen Theologen seine Auslegung übernahmen oder ablehnten, meist vergröberten. Wenn Origenes in Homilie 6 den Verstockungsauftrag, den Gott dem Propheten 6, 9 f gibt „Hört, aber kommt nicht zur Einsicht!“, so ist das schon in der hebräischen Bibel ein skandalöses Wort (S. 45‐74). Es entfaltet aber seine Wirkung besonders, wenn es nicht mehr intra‐, sondern interreligös verwendet wird, wenn die Christen es gegen die Juden gerichtet ansehen. Und das geschieht schon in den Schriften des NT. Dem gegenüber sind Origenes’ Überlegungen „nicht prinzipiell und schon gar nicht polemisch – das ist Origenes nie – antijüdisch konnotiert.“ (S. 71) Immerhin gibt es eine Stelle, in der er undifferenziert von „die Juden“ omnes Iudaei spricht: In Is. hom. 6,5 (S. 277,1). Origenes setzt sich ab von gnostischen und vor allem der grundsätzlichen Ablehnung des Judentum durch Markion. Origenes sieht in der Verstockung ein pädagogisches Mittel. Gott wird den Juden Rettung anbieten, aber nicht zu schnell, damit andere davon lernen und Gottes Strenge ernst nehmen. Damit wird das Verstehen oder das Ohren Verschließen zu einem generellen Problem, das genau so Christen wie Juden angeht. – Das zweite große Thema, nämlich in Homilie 1, 4 und 5: Origenes will nachweisen, dass die Trinität bereits in der Hebräischen Bibel zu finden ist (74‐97). In der Berufungsvision Jesaja 6, 1‐7 stehen rings um den Thron Seraphim, die Gottes Gesicht verdecken. Origenes erkärt, es seien zwei und zwar Christus und der Heilige Geist; das „Heilig, heilig, heilig“ (Trishagion) bestätigt die Zahl. Der sich zeigende Gott (Theophanie) wird sogleich wieder verhüllt durch die Flügel der Seraphim. Nur die Mitte Gottes bleibt sichtbar. Interessanterweise dürfte Origenes dabei einer auch jüdischen Tradition folgen (S. 83). Die Identifizierung des Engels mit Christus brachte ihm den Streit um seine Theologie ein, nachdem das Konzil von Nikaia die Gleichheit von Gott Vater und Sohn dekretiert hatte; 392 bis etwa 403 wird Origenes – seit 140 Jahren tot – deswegen scharf angegriffen, Hieronymus kaschiert das in der Übersetzung durch Einfügungen u.ä., aber Rufinus deckt die Verfälschungen auf (162‐187). – Schließlich ist ein wichtiges Thema die Formulierung der sieben Gaben des Geistes Jes. 11, 1‐3, eine wichtige ethische Prinzipienlehre des Christentums, die besonders in der Mystik gerne aufgenommen wurde (36‐45).

In Teil 3 der Einleitung (98‐187) ordnet Christian Hengstermann die Jesajahomilien ein in die Theologie des Origenes. Zentral ist der Bezug auf Platon: Gott lässt sich nur erkennen, wenn das Subjekt des Erkennens, der fortgeschrittene Christ, sich dem Ziel seines Erkennens angleicht, vollkommen wird. Dann ist Christi Kommen nicht ein einmaliges historisches Ereignis, sondern schon der Prophet erkannte den Logos und jeder Christ kann an ihm zu jeder Zeit teilhaben. Wie Jesaja sich reinigen muss, sich von den Sünden des Königs seiner Zeit befreien, um Gott zu schauen, so gilt das auch für jeden Christen: „eine alle Lebensbereiche prägende Christus‐Nachahmung und Christus‐Nachfolge“ (113). Nicht so sehr Richter, vielmehr ist für Origenes Gott der König. Anfang und Ende (Schöpfer und Richter), vor allem aber Mitte der Welt und der Geschichte ist der trinitarische Gott. „In der Forschung bislang wenig beachtet, sind die Jesajahomilien in ihrer überlieferten Gestalt ein gehaltvolles Fragment, das auf schmalem Raum die Grundgedanken der origeneischen Vollkommenheitslehre in einer umfassenden theologischen Kosmologie fundiert.“ (159)

Die Übersetzung ist ein herausragendes Beispiel, was Übersetzungen leisten können. Ich habe schon lange keine so ausgezeichnete Übersetzung gelesen: Sie bildet nicht mehr oder weniger Wort für Wort den lateinischen Text ab, vielmehr spürt sie erst dem Sinn nach und versucht dann, möglichst genau wieder den Wortlaut im Deutschen wiederzugeben: gleichzeitig ein deutsch gedachter Text und eine präzise Abbildung der lateinischen Formulierung. Erst: was will der Autor sagen, und dann: wie hat er das formuliert? Die Begriffe sind präzise, die intertextuellen Bezüge nach‐gewiesen, knappe Kommentare, woher Origenes (möglicherweise) das Bild hat, das er hier verwendet.

In Homilie 6,5 ist vom körperlichen Herz die Rede. Eine Redeweise, die Origenes als nuncupativo vocabulo sich erlaubt. Der Kommentar (Anm. 129) macht klar, das „Übergriffige“, die kühne Metapher zu verwenden, ist ein Bezug zu dem jüdischen Philosophen Philon, der für sich in Anspruch nahm, dass jede Rede von Gott nur in dieser Weise der Katachrese, der „uneigentlichen Redeweise“, möglich ist. Denn eigentlich ist Gott unfassbar.

Mit dem glänzenden Auftakt wird eine Messlatte für die anderen Bände gelegt, die beste Qualität verspricht.

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27. April 2010
Prof. Dr. Dr. Christoph Auffarth
Universität Bremen

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