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Religionen in der Umwelt des Alten Testaments II: Phönizier, Punier, Aramäer. Von Corinne Bonnet und Herbert Niehr

Baal, Moloch und Propheten:
Die Religion der Phönizier Punier und Aramäer

Corinne Bonnet; Herbert Niehr
Phönizier, Punier, Aramäer. Religionen in der Umwelt des Alten Testaments 2 (Kohlhammer Studienbücher Theologie 4,2)
Stuttgart: Kohlhammer 2010, 339 S. : Ill., Kt.

In der Reihe der Darstellungen der Religionen in der Umwelt des Alten Testaments vervollständigt nun nach dem Band von Manfred Hutter über Babylonier, Syrer, Perser (1996) und Manfred Görg zur Ägyptischen Religion (2007) dieser Band die Religionsgeschichte der „Umwelt“ Israels. Erfreulicher Weise konnten Corinne Bonnet und Herbert Niehr [ref] Im Folgenden mit den Initialen abgekürzt CB und HN. [/ref] sich mehr ausbreiten als das bei Studienbüchern sonst üblich ist. Vieles ist neu oder auch in Handbüchern nicht nachzulesen. Der entsprechende Band in der Handbuchreihe Religionen der Menschheit von Hartmut Gese u.a. (1970) – für die damalige Entdeckung der Religionsgeschichte in der alttestamentlichen Wissenschaft, darunter v.a. Ugarit, bahnbrechend – ist nach vierzig Jahren intensiver Forschungs- und Ausgrabungstätigkeit durch diese zwei Teile zur westsemitischen Religionsgeschichte ersetzt.

Corinne Bonnet behandelt auf 170 Seiten die Religion der Phönizier und Punier. Von der räumlichen Verbreitung her gesehen liegen die frühen phönizischen Zentren an der östlichen Mittelmeerküste, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Königreichen Israels: Tyros, Sidon, Byblos. Früh gründeten in der Zeit der ‚Kolonisation‘ die Phönizier ihre ‚punischen‘ Zentren in Karthago, auf Sizilien und Spanien, während etwas später die Griechen in Sizilien, Unteritalien und an der Côte d’Azur siedelten: Syrakus, Neapolis und Nizza (Nikaia) als Beispiele. Nicht als Imperium, sondern als weitgehend eigenständige ‚Städte‘, kaum mit dem Hinterland verbunden, sondern übers Meer mit befreundeten Städten in Kontakt, „wie Frösche um den Teich“ angesiedelt, gleichwohl aber auch landwirtschaftlich gebunden. Dass HN CB gewinnen konnte und ihren französischen Text übersetzt hat, ist ein großer Gewinn. CB ist nicht nur die große Kennerin der phönizisch-punischen Religion, sondern auch für die Religionsgeschichte der Antike eine, die das Besondere und Andere polytheistischer Religionen erklären kann. Gerade hat sie eine Monographie über ein bisher nicht behandeltes Gebiet abgeschlossen, die Phönizischen Städte im Hellenismus; davor hat sie in große Werken die frühe und mittlere Zeit behandelt. Sie ist also die beste Kennerin weltweit. Souverän stellt sie die Religion der Phönizier im syrischen Kernland und der Punier im Kolonisationsgebiet vor und kann sie einordnen in die antike Religionsgeschichte, von etwa 1000 vor bis weit in die Römische Kaiserzeit. Hier nimmt sie das Konzept der religio migrans auf, einer sich ständig verändernden Religion, die Tradition und neue lokale Einbettung dauernd in Ausgleich bringen muss. Sie beginnt nach (A), einer Umschreibung von Raum und Zeit, mit (B) der Vorstellung der Quellen. Jedes relativ kurze, sehr klar formulierte Kapitel hat einen Abschnitt zur Forschungsliteratur. CB stellt vor, wie in jeder phönizischen Stadt ein eigenes Pantheon [ref] Pantheon bedeutet im Polytheismus die ‚Gesamtheit der Götter‘ einer Stadt, die nach verwandtschaftlichen Beziehungen und sozialer Stellung ihrer Verehrer verbunden oder im Streit leben. Die Gruppe der Götter im Pantheon ist teilweise identisch, unterscheidet sich aber doch von Stadt zu Stadt. Systematisch erklärt Christoph Auffarth: „Das Heraion von Argos oder das Heraion der Argolis? Religion im Prozeß der Polisbildung.“ In: Klaus Freitag; Peter Funke; Matthias Haake (Hrsg.): Kult – Politik – Ethnos. Überrregionale Heiligtümer im Spannungsfeld von Kult und Politik. (Historia-E 189) Stuttgart 2006, S. 73–87. [/ref] sich entwickelt hat, das zwar einzelne Gottheiten gleichen Namens umfasst, aber in je verschiedener Konstellation. Die einzelnen Gottheiten beschreibt CB dann in Kapitel D: Baal Schamem. Besonderes Interesse können die Kapitel über das Menschenopfer für Moloch und die Tempelprostitution erwarten, mit bedeutenden neuen Erklärungen. Im Unterschiede zu der Polemik in Israel bieten u.a. archäologische Befunde andere Lösungen. CB bietet eine ausgezeichnete Religionsgeschichte: nicht nur in der Sachkenntnis auf dem neuesten Stand, sondern auch auf höchstem religionswissenschaftlichen Niveau.

Herbert Niehrs Aufgabe erlaubt keine solch systematisch zusammenhängende Darstellung. Dazu ist das Material nicht dicht genug. Auf 132 Seiten Text geht es um die Religion der Aramäer. Die Orte werden nach ihren lokalen Panthea, Tempel und Kulte, Totenkult, Magie, manchmal Prophetie vorgestellt. Die Ausführungen bleiben kleinteilig, doch immer auf dem neuesten Stand der Ausgrabungen. Der Zeitraum beschränkt sich auf die frühe Eisenzeit. Praktizierte Bacalbek, das sich in römischer Zeit romanisierte, unter den griechisch-römischen Namen tatsächlich weiter die aramäische Religion? Ted Kaizer hat in seinen Forschungen zur ‚späten‘ Zeit gravierende Unterschiede herausgearbeitet. [ref] Am Beispiel Palmyra Ted Kaizer: The Religious Life of Palmyra: A Study of the Social Patterns of Worship in the Roman Period. Stuttgart: Steiner 2002. [/ref] Die Frage nach der Metamorphose der orientalischen Religionen in Hellenismus und Römischer Reichsreligion ist dagegen in Corinne Bonnets Meisterwerk herausragend dargestellt.

Wer immer etwas über Moloch, Tempelprostitution, Isebel und Elia, die griechische Kolonisation, Hannibal oder Karthago, insbesondere aber auch über die Veränderung der phönizisch-punischen Religion in Hellenismus und der Römischen Reichsreligion lesen will, wird in Corinne Bonnets Werk nicht nur informiert, sondern kann auch Zusammenhänge verstehen, und das auf höchstem religionswissenschaftlichen Niveau. Die Vergleiche und Unterschiede zur Religion im Alten Israel, vor allem der Königszeit, in städtischer Religion, persönlicher Religiosität, Magie, Toten- und Ahnenkult, sowie der Prophetie sind bei Herbert Niehr so vorzüglich dokumentiert, dass die Kontexte der JHWH-Religion sich vergleichen lassen.

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22.10.2011
Christoph Auffarth
Religionswissenschaft
Universität Bremen

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