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Michael Pietsch: Die Kultreform Josias

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Michael Pietsch: Die Kultreform Josias.
Studien zur Religionsgeschichte Israels in der späten Königszeit.

 

(Forschungen zum Alten Testament 86) Tübingen: Mohr Siebeck 2013. VIII, 542 S. [Habilitationsschrift Hamburg 2011. ISBN 978-3-16-152273-4 Leinen 124 €]

 

Israels Religionsgeschichte am Wendepunkt: Die joschianische Kultreform

 

Kurz: Meisterhafte Analyse eines Textes über einen zentralen Vorgang in der Religi­ons­geschichte Israels im Kontext der archäologischen Befunde und der altorienta­lischen Religionsgeschichte.

Ausführlich: Die sogenannte Kultreform des Königs Joschia Ende des 7. Jahrhun­derts stellt einen zentralen Wendepunkt in der Religionsgeschichte Israels dar. Sie nimmt Entwicklungen vorweg, die durch die Zerstörung des Jerusalemer Tempels nicht einmal eine Generation später (587 v.Chr.) von außen durch die Babylonier erzwungen wurde. Aber als Kultreform ist sie ein bewusster Akt, der eine Fehlent­wicklung korrigieren will: die vielen ‚Kulthöhen‘ und Tempelanlagen überall im Lande mit ihren Altären und dem Kult für mehrere Götter werden zerstört und der Kult konzentriert allein auf JHWH und allein in Jerusalem. Nach der Rückkehr aus dem Exil wird nur noch der (‚Zweite‘) Tempel in Jerusalem neu gebaut. Das übrige Land ist und bleibt ‚säkularisiert‘, die Religion muss sich anders als durch das Opfer am Altar repräsentieren: Einerseits indem die Menschen eine längere Reise auf sich nehmen, um die Wallfahrt zum Tempel in Jerusalem zu unternehmen, gewöhnlich an den vier Wallfahrtsfesten Pesach/Passah, Schawuot (Wochenfest), Rosch ha-schana (Neu­jahr) bis Jom Kippur (Versöhnungstag) und Laubhüttenfest. Ihre Opfer, etwa zum Dank für die Geburt eines Kindes, verschieben sie auf diese großen Fest­tage. Für die Zeiten und Orte außerhalb der Opfertage am Jerusalemer Tempel ent­steht eine andere Religiosität, eine Transformation der Religion, für die die Lesung des Wortes Gottes in der Syn­agoge das Zentrum wird. Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 nach Christus wird dann die Gegenwart Gottes in seinem Wort zum allei­nigen Kultakt.

Diese Reform ist einerseits durch einen Text im 2. Buch der Könige, Kapitel 22 und 23, erzählerisch dargestellt und müsste auch sonst in anderen biblischen Texten seine Spuren hinterlassen haben, andererseits kann man archäologische Befunde darauf hin befragen, ob sie Zeugnisse beitragen zu dieser einschneidenden Reform. Beide Arten von Zeugnissen geben aber eine Menge Probleme auf. Diese bearbeitet Micha­el Pietsch[1] in seiner Monographie, in erster Linie konzentriert auf den Text. Denn die Befunde der Archäologie ergeben mehr Fragen als Antworten und wer die Probleme der Interpretation archäologischer Befunde kennt, weiß, dass es selten eindeutige Ant­worten gibt. Zu Recht weist MP das Ansinnen zurück, die Archäologie würde die positiven Fakten liefern und Texte seien geformte (deformierte) Erzählungen. Ein Kapitel über die bisherige Forschung arbeitet fair die Positionen heraus – selbstver­ständlich international: Diskutiert werden besonders die These, die Reform antworte auf die ‚assyrische Krise‘ der Religion Ende des 7. Jh.s, die die Götter mit Planeten und Sternen identifizierte. Und die Frage, ob und in welchem Maße Bilder der Götter/Gottes im Kult im Zentrum standen.

MP führt hier die hohe Kunst der Hermeneutik biblischer Texte vor; das ist MPs herausragende Kompetenz, die aber die Grundlage für alle weiterführenden Über­legungen zu Kult und Kultur bildet. Er konstituiert zunächst sorgfältig den Text aus den Varianten der Überlieferung und lexikalischen Alternativen und führt das Er­geb­nis in einer Übersetzung 25-36 zusammen. Dann erklärt er im Aufbau des Textes, welche Teile und Textformen zusammengefügt sind. Wichtig ist die Beobachtung, dass neben dem Fund der Tora im Tempel (was man das Deuteronomium nennt, das „zweite Gesetz“)[2], also eines bereits älteren Buches ein neues Buch angefertigt wird, in dem der König mit Gott vor dem versammelten Volk den (neuen) Bund schließt: sefer ha-berit. Joschijas Verpflichtung zur Reform, seine Umkehr, führt aber nicht dazu, dass auch Gott ‚umkehrt‘ von seinem Strafgericht, vielmehr tritt das von der Prophetin Hulda angekündigte Unglück auch ein: Joschija unterliegt den Ägyptern in der Schlacht am Berg (har) von Megiddo, die berüchtigte Schlacht von Harmage­don, die ‚am Ende‘ noch einmal zu schlagen sein wird, aber mit gutem Ausgang (Ezechiel 37-39 und Apokalypse 16,16).

Das umfangreichste, fast 250 Seiten umfassende 7. Kapitel (206-442) fragt nach der Kultreform, die in Einzelheiten in 2Kön 23,4-20 beschrieben ist. Wieder steht am An­fang eine sorgfältige Beobachtung über den Aufbau des Abschnitts, in dem sach­logi­sche Kriterien eine geographische Darstellung überlagern (223). Dann erklärt MP die Einzelschritte der Durchsetzung der Reform in eindrucksvoller Kenntnis der Befun­de möglicher Tempelanlagen in Ausgrabungen: Dabei gelingen MP wichtige Beob­achtungen (die „große Erzählungen“ der Religionsgeschichte Isreals korrigie­ren):[3] Ba‘al ist hier eher eine Chiffre, denn ein konkreter Ba’als-Kult (247). Mit Asche­ra ist nicht die Göttin gemeint (wie parallel die angebliche Aufstellung einer Ištar in Jeru­salem – 2 Kön 21,7 und der Kultreform des Hiskia; zu der Inschrift von Kuntillet Ağrud „Jahwe und seine Aschera“ 316-19), sondern „ein Kultrequisit im Jhwh-Kult“ (272). Der Kultbetrieb auf den ‚Kulthöhen‘ wird untersucht und der Tofet im südlich angren­zen­den Tal von Jerusalem (361-397); mit einem Exkurs über die (ausnahmslos späten) Kinderopfertexte im AT. Schließlich zu den Wagen/Pferden der Sonne 397- mit einer Neubewertung des mesopotamischen tamitu-Rituals( 407-410) und den Dach-Altären. Wichtig auch die Beobachtungen zum anikonischen Jhwh-Kult 483. Die Kultreform zielt nicht auf die Entfernung „fremder“ Götter, sondern richtet sich gegen die ‚Feier des Sichtbaren‘ (mit Hartenstein 485). Es geht um einen religions­inter­nen Differenzierungsprozess miteinander konkurrierender religiöse Symbol­systeme (487; 491).

Religionswissenschaftlich ließen sich Begriffe und damit Erklärungsmodelle präziser fassen, um die Wertung der AT-Autoren von der Beschreibung zu trennen: Die For­mel Kulteinheit sei ein Element der Kultreinheit (342) unterschlägt die Definitions­macht, was „rein“ sei, die der „gute“ König an sich reißt und seiner un­mittelbaren Aufsicht im Tempel neben seinem Palast unterstellt. Was bedeutet diese Aussage aber, wenn jemand aus der Priesterschaft ex post nach dem Tod des Königs (466; aber noch vor dem Exil) und dem schwachen und dann nicht mehr existierenden Instituti­on des Königtums so bestimmt? Und der Reformauftrag aus einem Dokument auf­genommen wird, das die priester­lichen Au­toren weiter­schrei­ben? MP zeigt, dass solch eine königliche Zentra­li­­sierungs­politik zumindest möglich ist (343-345) und damit ihre Historizität plausi­bel (deutlicher MP 471).

Wie bereits in seiner bedeutenden Dissertation, die die Nathan-Weissagung auf das Königsgeschlecht Davids in den verschiedenen Texten des Alten und Neuen Testa­ments untersuchte, ist MP erneut ein fundamentales Werk gelungen, das einen zen­tralen Text umfassend erschließt. Umfassend auch den Kult und die Bilder in ihrem kulturellen Kontext (von denen einige im Bildanhang abgebildet sind. Das kann man heute besser platzieren direkt wo sie im Text gebraucht werden). Ein bemerkenswert intelligentes Sachregister lässt Stellen gut auffinden. Die Monographie ist nicht zu­letzt auch religi­ons­wissenschaftlich fundamental. Michael Pietsch hat einen zentralen Text erschlossen, seine Arbeit gehört zu den großen Forschungsleistungen der Bibel­wis­senschaft.

April 2013                                                                                             Christoph Auffarth
Religionswissenschaft
Universität Bremen
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[1] Im Folgenden kürze ich den Namen mit den Initialen MP ab.

[2] Δε;ύτερος νόμος deúteros nómos. Nomos als Übersetzung für hebräisch tora. Das 5.Buch Mose wird mit diesem Wort bezeichnet Deuteronomium. Wie sich der im Tempel gefundene sefer ha-tora ‚Buch der Tora‘ zum Deuteronomium verhält, ist eine Frage, die meist als ein Ur-Deuteronomium verstanden wird. MP zeigt, dass neben dem Fund eines ‚älteren‘ Buches von Joschia ein neuer Bund inszeniert wird.

[3] Nach der ziemlich prinzipalistischen Debatte über den großen Wurf des Handbuchs von Rainer Albertz: Religionsgeschichte Israels in alttestamentlicher Zeit . 2 Bände. Vandenhoeck & Ruprecht, 1992 [Rez. Auffarth, Wissenschaft und Weisheit 56(1993). 208-10] Vgl. Rainer Albertz: Religionsgeschichte Israels statt Theologie des Alten Testaments! Plädoyer für eine forschungsgeschichtliche Umorien­tierung. In: Religionsgeschichte Israels oder Theologie des Alten Testaments? Jahrbuch für biblische Theologie 10, Religionsgeschichte Israels oder Theologie des Alten Testaments? sucht MP „die anhaltende Kontroverse zwischen sog. Minimalisten und Maximalisten bei der Rekonstruktion der (Religions-) Geschichte Israels und Judas zu überwinden.“ (471).

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