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Durandus: Rationale divinorum officiorum

Wilhelm Durandus: Rationale divinorum officiorum.
Übersetzung und Verzeichnisse von Herbert Douteil. Mit einer Einführung herausgegeben und bearbeitet von Rudolf Suntrup.

(Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen 107) Münster: Aschendorff 2016.
3 Bände. [XLVIII, 1681 Seiten durchpaginiert. 229 €. ISBN 978-3-402-11267-0.]

 

Die symbolischen Handlungen des christlichen Kultrituals erklärt

Kurz: In diesem umfangreichen Werk werden die Gottesdienste der mittelalterlichen Kirche umfassend beschrieben, erklärt und gedeutet.

Ausführlich: Ein ganz besonderes Werk ist hier zu besprechen: Eine überaus genaue Beschreibung des christlichen Kultrituals, wie es der Bischof von Mende Wilhelm Durandus 1291-1295 dargestellt und theologisch gedeutet hat. Nachdem eine gute moderne Edition ausgearbeitet ist,[1] wollte der Verlag Brepols auch eine Übersetzung dazu heraus­ge­ben.[2] Ein Wissenschaftler, Herbert Douteil, war der geeignete sowohl Herausgeber als auch Übersetzer, hatte er doch schon für seine Dissertation zum Rationale als kirchenmusika­lische Quelle (erschienen Regensburg 1969), um nicht die Wiegen­drucke des 16. Jahrhunderts benutzen zu müssen, fast hundert (Kopien von) Hand­schriften gesammelt und verwendet. Ursprünglich war eben die jetzt vorliegen­de deutsche Übersetzung für den Zweck bestimmt, aber dann zog der Verlag zurück zugunsten einer englischen Übersetzung, die Stück um Stück gerade erscheint von einem der Herausgeber Timothy Thibodeau, zuletzt Buch 5 (2015). Ein Glück, dass der Verlag Aschendorff die Aufgabe übernommen hat, diese Übersetzung zu drucken und davor noch einmal den umfassenden Revisionsprozess durch einen erfahrenen Lexikographen abgewartet hat! Pater Douteil hat nämlich nicht die Universitätslaufbahn eingeschlagen, sondern seine Aufgabe als Priester in der Mission in Brasilien gesucht und gefunden, bei behinderten Kindern und drogenab­hängigen Jugendlichen. Mit bewundernswerter Disziplin und einer Bibliothek im Kopf hat er ‚daneben‘ zwei bedeutsame wissenschaftliche Werke geschaffen, die dank der Arbeit von Rudolf Suntrup vollendet und gedruckt werden konnten.[3]

Das Werk des Durandus ist während der Zeit als Bischof von Mende entstanden (Prolog 1), das heißt ab 1286 und bevor er 1295 nach Rom berufen wurde (wo er ein Jahr später verstarb). Der Text ist in 151 vollständigen, 49 unvollständigen Hand­schriften überliefert und wurde nach der Erfindung des Buchdrucks, das meist gedruckte Buch der frühen Neuzeit – nach der Bibel. Es gibt zwei ‚Auflagen‘, die spätere ergänzt die erste Fassung. Ziel ist die Erklärung all dessen, was in den Got­tes­diensten geschieht: eine allegorische Deutung der symbolischen Handlungen, die nebenbei auch in ihrer Ordnung festgelegt werden als Tradition, die es zu achten gilt.

Durandus hat in acht Büchern Sinn und Bedeutung der Bräuche in der allgemein üblichen Form der Kirche dargestellt (Prolog c. 13),[4] und nicht den Einzelfall, obwohl ihm bewusst ist, dass sowohl der Gebrauch als auch die Ursprünge nicht einheitlich sind. Das Recht auf Verschiedenheit (vgl. S. xxiv f) erfordert dennoch, dass den am jeweiligen Ort gültigen Regeln Gehorsam zu leisten ist. Verschiedenheit der Bedeu­tung ergibt sich aus dem vierfachen Schriftsinn, dass jede Bibelstelle einen wört­lichen, einen allegori­schen (heilsgeschichtlichen), einen tropologischen (moralischen) und einen anagogischen (über den Tod hinaus weisenden) Sinn hat.

Buch 1 handelt von den kirchlichen Orten: Unterschied von Kirche als geistlichem Personenverband und gebauter Architektur bzw. mobilem Zelt. Was bedeuten der Turm, die Säulen, das Lesepult, das Waschbecken, warum nach Osten ausgerichtet? Dann der Altar, die Bilder, das Altargeschirr; die Glocken. Der Friedhof c. 5 erörtert u.a. die Frage, ob eine Schwangere mit einem nicht getauften Embryo in der Kirche bestattet werden darf (1,5,14). Kirchweihe und Entweihung. – Buch 2 erklärt die Priester und andere Diener der Kirche. Priester, Nonnen, Exorzisten (2,6), Diakone, Bischöfe und der Papst (2,1,17). – Buch 3 bespricht die Kleidungsstücke der Priester und ihre Far­ben. Dabei spricht er auch von den jüdischen Priestern, wie sie im Alten Testament beschrieben sind 3,19, darunter auch einer aufregenden Interpretation des Gottes­namens in den vier Konsonanten (Tetragrammaton) JHWH, der hier 3,19,16 (= I, 271) gedeutet wird als joth „Anfang“ cheth „des Lebens“ wau „durch das Leiden“ ist he „dieser“, also schon im Alten Testament ist mit dem Gottesnamen Christus gemeint. – Buch 4 behandelt in 59 Kapiteln das Zentrum, die Messe. Gegen den Spott der Häretiker (4,1,6) verteidigt Durandus, dass auch die vom schlechten Priester vollzogene Messe gültig sei (4,1,19). Ob Jesus dem Judas das Abendmahl gereicht hat (4,41,36-38). – Buch 5 beschreibt die Gottesdienste (Offizien) an den Horen den Tag über und in der Nacht. c. 13 handelt vom Gesang. Buch 6 geht auf bald 500 Seiten durch die Feste des Kirchenjahres, so die Fastenzeiten (6, 6 und 7), dann c. 13 Weihnachten, Sylvester­bräuche waren früher abergläubisch: Masken, Felle, Transvestie (6,15,17). Ascher­mittwoch (6,28). Die Karwoche 6, 67-78; Karfreitag (mit dem Gebet für die perfidi Judaei, bei dem man die Knie nicht beugt 6,77,13). Ostern bis zur Vigil am weißen Sonntag 6,80-98 darunter zur Taufe (6,83,26 zur Erbsünde). Himmelfahrt und Pfingsten 6,103-113 und Trinitatis und die Sonntage nach Trinitatis. Buch 7 behandelt die Heiligen-Tage, die der Maria, des Johannes und eine Reihe besonders für Rom wichtige Tage. Es schließt sich an die Feier zum Begräbnis in der kalendarischen Reihenfolge an Allerseelen 7,35. Buch 8 ist eine (ursprünglich selbständige?) Ab­hand­lung über den Computus, d.h. die Zeitrechnung und ihre kosmologische Ordnung, erst des Sonnenjahres mit dem Tierkreiszyklus und den größeren Ein­heiten wie Olympiaden oder Jubeljahr, dann die kleineren Einheiten Monat, Woche Tag. Es folgt das Mondjahr mit den eingefügten Zeiten, um das Mondjahr mit dem Sonnenjahr wieder zu harmonisieren. Die Berechnung des Osterfestes. Die Zyklen.

Nur am Rande spricht der Übersetzer ein wichtiges Motiv für die ausführliche Dar­stellung vom Sinn der Gottesdienste aus: In dieser Zeit werden die letzten Ketzer in Südfrankreich gejagt und dreißig Jahre später wird der letzte Perfekte hingerichtet.[5] Die Vernichtung der Katharer/Ketzer in Südfrankreich bedeutet aber nicht, dass auch ihre Kritik an der römischen Kirche aus den Köpfen verschwindet. Deshalb ist eine genaue Erklärung, was die einzelnen Handlungen bedeuten, ein Gebot der Stunde und eben der Region, in der das Bistum Mende sich befindet: nahe dem Zentrum der Ketzerkirche.[6] Notwendig, weil selbst die Priester unwissend sind in dem was sie in der Messe tun, blinde Blindenführer!  4,30,10 verteidigt Durandus gegen die Häretiker die Messe als ‚Opfer‘, die sich auf Jesaja 1,13 »Bringt weiterhin nicht nutzlos ein Opfer dar!« berufen. Die Kontroverse über die Brotbitte (bei Lukas „das tägliche Brot“ – so beten die Katholiken; bei Matthäus „über-materielles/ himmlisches Brot“ – so beten die Katharer) das füllt Durandus beredt (4,48,13).

Die drei Bände sind Broschuren, aber fadengeheftet, das heißt zum häufigen Auf­schlagen geeignet. Das wird man besonders beim letzten Band immer wieder tun. Denn dort ist der wertvolle Schlüssel, über den man alles erschließen kann. Nicht nur ist hier genau verzeichnet, wo welche Bibelstelle (ca. 5600 Zitate und Verweise) ver­wendet und zitiert ist. Ebenso die spätantiken und mittelalterlichen Theologen („Kirchenväter“), die eine umfangreiche Bibliothek voraussetzen. Dann die hymno­logischen Quellen, das Kirchenrecht. Der größte Schatzöffner ist der Index liturgicus! Auf knapp 150 Seiten ist das Werk erschlossen mit einem kleinen Lexikon, das nicht nur kurz erläutert, was mit dem Stichwort gemeint ist, sondern auch welch unter­schiedliche Bedeutung es an den einzelnen Stellen hat. Damit hat man einen hervor­ragenden Führer durch die acht Bücher. Welch ein Glück, dass der beste Kenner seine jahrzehntelange Vertrautheit mit dem rationale diese großartige Arbeit vollen­den konnte, weit mehr als eine Übersetzung. Eine Fundgrube für die christliche Religion der Vormoderne und für alle, die sich mit Ritualen, Materialität von Religi­on, Farben, Zeiten, Orten beschäftigen wollen, mit Semantik/Zeichen.[7] Und der Kenner zeigt, was in der Fundgrube alles zu finden ist.

  1. Mai 2017 Christoph Auffarth

Religionswissenschaft        Universität Bremen

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[1] Guillelmi Duranti Rationale divinorum officiorum. Edidit Anselme Davril. (Corpus Christianorum – Continu­atio Mediaevalis 140) 3 Bände, Turnhout: Brepols 1995-2000. Buch 1-4 (1995). Buch 5-6 (1998). Buch 7-8 (2000).

[2] Claudia Barthold (übersetzt): Wilhelm Durandus, Rationale divinorum officiorum: Prolog, Buch IV – Über die Messe = Der geistliche Sinn der göttlichen Liturgie. Eingeleitet und übers. Mülheim/Mosel: Carthusianus 2012.

[3] Das zweite Werk ist die Concordantia caritatis des Ulrich von Lilienfeld um 1355; erschienen im glei­chen Verlag 2010. Meine Rezension im Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchenge­schich­te 108 (2010), 263-265.

[4] Das Rationale ist mit drei Zahlen zu zitieren Buch, Komma Kapitel (hier mit c. abgekürzt), Komma Paragraph. So lässt sich das Zitat in allen Ausgaben finden. Für die Übersetzung kann man in Klammern hinzu setzen Band I, II oder III der Übersetzung, Komma Seite(n).

[5] Christoph Auffarth: Die Ketzer. München: Beck [2005], ³2016, bes. 84-90. Perfekte sind diejenigen, die die Sakramente der Katharer austeilen dürfen.

[6] In der Einleitung (xxiii) erwähnt Douteil Ketzer in Oberitalien und, dass viele Ergänzungen der ‚zweiten Auflage‘ Einwände von Ketzern besprechen.

[7] Die Religionswissenschaft hat in der Religionsästhetik die Methode entwickelt.

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