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Geschichte des globalen Christentums-2

Jens Holger Schjørring; Norman A. Hjelm (Hrsg.):
Geschichte des globalen Christentums. Zweiter Teil: 19. Jahrhundert.
(Die Religionen der Menschheit 33)
Stuttgart: Kohlhammer, 2017. 583 S. geb. 179 €. ISBN 978-3-17-021932-8.

Säkularisierung und gleichzeitig Neugewinnung von Religion:
Eine Globalgeschichte des Christentums im 19. Jahrhundert

Kurz nach dem ersten Band erscheint der zweite (von drei) Bänden einer Global­geschichte des Christentums in der Neuzeit. Der erste Band beschrieb die Christen­tümer seit den Eroberungen der See- und Weltmächte Portugal und Spanien auf dem afrikanischen, asiati­schen und amerikanischen Kontinent und damit die Globali­sie­rung von einer zwar als Einheit theologisch gedachten Religion (und in der Forschung auch oft genug noch als Einheit konzipierten), historisch-räumlich aber einer Vielzahl von Religionen, für die es keinen gemeinsamen Kern, vielleicht eine Familienähnlichkeit zu erkennen gibt.[1] Die wechselseitige Vernetzung der jeweiligen Religion mit ihre sozio-kulturellen Vorausset­zungen, Rahmen, Strukturen führen zu ganz unterschiedlichen ‚Entwicklungspfaden‘[2] und damit zu unter­schiedlichen Chris­tentümern, Religionen. Ein Entwicklungspfad des Westens seit der Fran­zö­si­schen Revolution wird gerne als ‚Säkularisierung‘ und ‚Rationalisierung‘ beschrie­ben: das Schwinden und schließ­lich – so erwarteten viele um die Jahrhundertwende 1900[3] – das Verschwinden der Religion und ihr Ersatz durch ein wissenschaftliches Welt­bild.[4] Dem widersprechen die Beiträge dieses Bandes und zeichnen mit diesem Handbuch Entwick­lungen, die sich von den üblichen Konzepten der Religionsge­schichte unterschei­den.[5] Als Epochengliederung nimmt Hugh Mc Leod in seinem hundertseitigen exzellenten Überblick ‚Die Revolutionen und die Kirche‘: Die neue Ära der Moderne (53-160) zwar das Konzept des ‚langen 19. Jahrhunderts‘ auch für die globale Geschichte auf: von der Franzö­sischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg, 1789-1914. Der Beitrag zu Russland hingegen (Christian Gottlieb, 271-326) beginnt 1700 mit dem Ersatz des Patriarchen durch eine staat­liche Kirchenver­waltung (275), den Synod, mehr noch aber mit den Reformen des Zaren Peter des Großen, und geht bis zur Oktoberrevolution 1917. Säkularisierung als Epochen­charakterisierung erscheint auch aus globaler Sicht auf Europa als nur ein Strang der Ent­wicklung, während aber andere Stränge genau dem zuwider laufen. Da sind zum einen der Streit um die Französische Revo­lution, der ebenso zu Materialismus führt wie zu entzauber­ten Religionen (v.a. im Protestantis­mus) führt wie zu Wiederverzauberung und Re-Sakrali­sie­­rung (v.a. im Katholizismus). Aus­gezeichnet die Darstellung des Katholizismus in seiner ultramontanen, von der römischen Zentrale beanspruchte monarchisch-absolutistische Struktur im Widerstreit mit Katholiken in Europa, die der Moderne aufgeschlossen waren, von Andreas Holzem 161-233. Ein eigener Beitrag zum Protestantismus in Europa fehlt, der die Erweckungsbewegungen und die religiöse Differenzierung durch neue Kirchen neben den monopolistisch auftretenden Großkirchen beschreiben müsste.[6] Immerhin ist der für die protestantische Religionsgeschichte wichtige Aspekt der protestantischen Missionen sehr gut charakterisiert (Kevin Ward 235-269), die Ende des 18. Jahrhunderts mit der Gründung der Londoner CMS und der Basler Mission beginnen und mit der Weltkonferenz in Edinburgh 1910 ihren Höhepunkt erreichten. Richtig betont ist, dass Mission eine nicht von den Kirchen getragene Laien-Bewegung war, die eigene Volkskirchen (nach dem evangelischen Modell der Landeskirchen) mit eigener Sprache und eigener Führung schaffen wollte. Genauso treffend dargestellt, dass sie vielfach im Protest gegen den ethisch verwerf­lichen Imperialis­mus stand und doch dessen rassistischen und ausbeuteri­schen Überlegen­heitsdünkel und auf militärischer Gewalt gegründeten Missachtung jeder Grundrechte nicht verhindern konnte. Mitri Raheb aus dem palästiensischen Bethle­hem beschreibt differenziert die Chris­ten­tümer des Nahen Ostens (325-358). Margaret Bendroth zeigt die nordamerikanische Geschichte, nicht nur der Puritaner auf (359-397), hebt aber hervor, dass amerikanische Denominationen weit weniger von professionellen Priestern/ Pastoren getragen werden als die europäischen. Meisterleistungen sind die Kapitel, auf knappem Raum die Differenziert­heit der Christentümer herauszuarbeiten in Asien (Klaus Koschorke (398-448), in Afrika (Kevin Ward, 450-488) und Lateinamerika (Martin Dreher, 489-513). Angesprochen hat mich, etwa wie Japaner es schafften, die imperialistischen Mächte herauszuhalten, aber dennoch einen beträchtlichen Protestantismus ausbildeten. Oder wie die Entstehung der National­staaten ins Lateinamerika in Abschüttelung der imperialistischen Mächte, die dreihundert Jahre den Kontinent beherrscht hatten, auch die Religion in eine Krise stürzten. Hervorheben möchte ich schließlich die Idee zu und die Ausführung eines Kapitels, das dem Anspruch einer Globalgeschichte gerecht wird: Das Christentum in Kontext anderer Weltreligionen: Inter­religiöse Dynamiken und Entwick­lungen im 19. Jahrhundert von Ulrike Schröder und Frieder Ludwig (515-551). Gegen die Kritik, schon der Begriff Religion[7] konzipiere einen imperialis­tischen Zwang zur Übernahme des westlichen Verständnisses und der aufgezwungenen Religionsfreiheit (wie das etwa im ‚Freihandel‘ geschieht), machen die Autorin und der Autor deutlich, wie sogar eher im Gegenteil die dem Imperialismus Unterworfenen ihre Religion zu einem Mittel nutzen, sich der Übernahme der westlichen Religion zu erwehren.[8] Religion gewährt gegen den Univer­sal­anspruch Europas das Recht auf Verschiedenheit. Wichtige Studien neuester Zeit haben diesen Prozess untersucht und nachgewiesen.[9] Die Autoren beschreiben das für Indien, für Westafrika und das Weltparlament der Religionen in Chicago 1893.[10] Religion ist in der Globa­lisierung ein Modernisierungsgewinner.

Dieses Handbuch ist für den vielfachen Gebrauch ordentlich fadengeheftet und fest gebun­den. Die Karten je am Anfang eines Kapitels sind grobe Orientierungsmittel, sonst keine Ab­bil­dungen. Ein Orts- und Namensregister sind hilfreich. Der Preis ist enorm. Aber den Her­ausgebern und Autoren ist ein wirklich neues Handbuch gelungen, das die Christentümer der ersten Moderne im Prozess der Globalisierung beschreibt. Ein überzeugendes Konzept, das neue Perspektiven für die Religionsgeschichte eröffnet.

Bremen, 14. Juli 2018                                                         Christoph Auffarth

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Teil 1 dieses Werkes wurde hier besprochen:

https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/03/02/geschichte-des-globalen-christentums/

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[1] Das Autorenteam ist international. Parallel erschien (alle drei Bände auf einmal) die englische Version History of global Christianity  bei Brill in Leiden; Boston 2018. Meine Rezension zum ersten Band: Jens Holger Schjørring; Norman A. Hjelm (Hrsg.): Geschichte des globalen Christentums. Erster Teil: Frühe Neuzeit. 2017. https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/03/02/geschichte-des-globalen-christentums/ (2.3.2018).

[2] Diesen Begriff begründet gegen die in Anm. 3 angesprochene „Entwicklung“ hervorragend Helmut Zander in seiner Europäischen Religionsgeschichte 2016, die den globalen Vergleich mit anderen Kulturen durchführt.

[3] Seit Max Weber konzipiert(e) man gerne eine ‚Okzidentale Sonderentwicklung‘, die durch ‚Entzau­berung‘ und ‚Rationalisierung‘ nicht nur anders als andere Weltregionen sich entwickelte, sondern auch höher, moderner, überlegen (also in einem evolutionistischen Fortschritt). Dass Weber auch das Ambivalente darin sah, wie sich der Westen in „ein stahlhartes Gehäuse“ verrennt, also kulturkritisch versteht, nicht bestätigend argumentiert. (Dass Nietzsches Kritik am ‚letzten Menschen‘ dahinter steht, hat Wilhelm Hennis gegen Wolfgang Schluchter zu bedenken gegeben).

[4] Dabei steht die kognitive Dimension von Religion, der ‚Glaube‘, Theologie, Dogmen, zu sehr im Vordergrund. Die anderen Dimensi­onen und Funktionen (soziale, Gemeinschaft bildende und abgrenzende, ethische, escha­to­logische, ästhetische, architektonische Dimension, die wir in der Gegenwart wieder erleben, sind nicht beachtet. Grundlegend dazu Chris­toph Auffarth; Hubert Mohr: Religion. in: CA; Jutta Bernard; HM (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion, Band 3. Stuttgart; Weimar 2000, Religion 160-172. C.A.: Religiosität/Glaube 188-196 [Vgl. engl. Ausgabe The Brill Dictionary of Religion. Edited by Kocku von Stuckrad. Revised Edition of Metzler Lexikon Religion, edited by Christoph Auffarth; Jutta Bernard and Hubert Mohr. Translated by Robert R. Barr. 4 Bände. Leiden; Boston 2006, III 1607-1619 (religion).

[5] Ganz schwach der Band 5: 1750-1900. Paderborn: Schöningh 2007 der Religionsgeschichte im deutsch­sprachigen Raum, rezensiert von Christoph Auffarth in: Theologische Literaturzeitung 132(2007), 1295-1297.

[6] Das hat besonders Lucian Hölscher: Geschichte der protestantischen Frömmigkeit. München: Beck 2005 herausgearbeitet.

[7] Zum Religionsbegriff ausgerechnet Jonathan Z. Smith’s Artikel Religion, Religions, Religious, in: Mark C. Taylor (ed.) Critical Terms for Religious Studies. Chicago1998, 269-284 zu zitieren, der ‚religion‘ nur für ein Konzept von Wissenschaftlern hält (no data for religion), passt gerade nicht zu dem hier vorgetrage­nen Argument. Die hervorragende Studie von David Chidester, Savage Systems 1996 ist verwendet. Als Beschreibungskonzept s. Auffarth/Mohr 2000 (wie Anm. 4).

[8] In einem gleichzeitig zu dem exzellenten Buch von Tomoko Masuzawa: The invention of world religions. Or, how European universalism was preserved in the language of pluralismChicago: Chicago University Press 2005 hat der Rezensent einen Aufsatz veröffentlicht, der zwar – wie Masuzawa – den imperialistischen Anspruch des Begriffs der ‚Weltreligion‘ herausstellt, aber das Gegenteil bewirkt habe: die Erhaltung der Vielfalt in der Globalisierung durch das Recht auf eine eigene Religion. Christoph Auffarth: „Weltreligion“ als ein Leitbegriff der Religionswissenschaft im Imperialismus. in: Ulrich van der Heyden; Holger Stoecker (Hrsg.): Mission und Macht im Wandel politischer Orientie­rungen. Europä­ische Missionsgesellschaften in politischen Spannungsfeldern in Afrika und Asien zwischen 1800 und 1945. (Missions­geschichtliches Archiv 10) Stuttgart: Steiner 2005, 17-36.

[9] Adrian Hermann: Unterscheidungen der Religion: Analysen zum globalen Religionsdiskurs und dem Problem der Differenzierung von ‘Religion’ in buddhistischen Kontexten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. (Critical Studies in Religion 10) Göttingen: Vandenhoeck Ruprecht 2015.

[10] Christoph Auffarth: Weltreligion und Globalisierung. Chicago 1893 – Edinburgh 1910 – Chicago 1993. in: Zeitschrift für Missions- und Religionswissenschaft 93 (2009[2010]), 42-57.

 

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