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Greenblatt Adam und Eva

Die Geschichte/Erzählung vom Anfang der Menschheit

Stephen Greenblatt
Die Geschichte von Adam und Eva.
Der mächtigste Mythos der Menschheit.

München: Siedler 2018. 448 S.
€ 28,00 ISBN 978-3-8275-0045-8

Kurz: Die Menschen erzählen sich den Ursprung der Menschheit. Besonders bedeutend war die Geschichte von Adam und Eva. Die Kapitel zur Renaissance sind hinreißend, die Rezeption der Jahrhunderte davor eher konventionell erzählt.

Ausführlich: Stephen Greenblatt ist ein vielfach ausgezeichneter Professor für Englische und Amerikanische Literatur an der Harvard University.[1] Sein besonderes Interesse gilt der Renais­sance, Shakespeare zumal.[2] Dies macht auch Stärken und Schwächen dieses neuen Buches aus. So behauptet er: „Doch erst in der Renaissance – im Zeitalter Dürers, Michel­angelos und Miltons – mit den brillanten Darstellungstechniken, gelang es, die ersten Menschen real über­zeugend, ihre Geschichte tatsächlich lebendig erscheinen zu lassen. Sie wurden zusam­men gebracht mit den umwerfend lebensechten Statuen der Antike.“ (19). Während die Erzählung in der Genesis von Adam und Eva in der Hebräischen Bibel, in der christlichen Rezeption des „Alten Testa­ments“ zumeist als der „Sündenfall“ als ein Stück Literatur die Kulturgeschichte und die Religionsgeschichte der westlichen Welt immer wieder reizte und gleichzeitig normativ bestimmte, gebe es für die neuen Erkenntnisse über die Anfänge der Menschheit keine ästhetische Erzählung. SG schreibt eine kultur­wissen­schaftliche Literaturgeschichte, d.h. er versucht Texte als Antworten auf Herausfor­derungen durch andere Texte und durch historische Veränderungen zu erklären. (Das nennt er New historicism).[3] So erklärt er den jüngeren, aber vor dem Sündenfall stehenden ersten Schöp­fungs­bericht (Gen 1) aus der Situation des nach Babel deportierten Volkes Israel im 6. Jh. v.Chr. (33-51). Das ist spannend erzählt, aber nicht auf der Höhe der exegetischen Diskus­sion.[4] Dass er auch die jüdische Rezeption und Kommentierung mit einbezieht, ist an wenigen Stellen weiterführend.[5] Merkwürdigerweise fehlt die Geschichte von der Lilith, die doch erklären will, wie Kain nach dem Brudermord in ein Land zieht und eine Stadt gründet, wo viele Menschen wohnen. Die können ja nicht von Eva abstammen. Also habe Adam schon eine erste Frau gehabt, die eher als Hexe zu beschreiben ist. In einem späteren Kapitel (269-288) stellt SG das Buch des Lyoner Calvinisten Isaac La Peyrère über Menschen vor Adam (1655) vor und schreibt, das seien die ersten Risse an der Glaubwürdigkeit der Genesis. Das Problem hatten die Rabbinen schon identifiziert. Richtig allerdings, dass die Risse in der Episteme[6] durch die Entdeckung der Neuen Welt den Einen Ursprung aller Welten in Frage stellten. Die Kapitel über Augustinus (101-144) sind psychologisierend, ordentlich, aber auch nichts Neues.[7] Treffend aber, die Misogynie[8] komme nicht von Augus­tin, sondern von Tertullian und Hieronymus. Für diesen Teil des Buches lohnt es kaum, es zu lesen. Dann aber die großartigen Kapitel zur Kunst der Renaissance, besonders zu Dürers Stich von Adam und Eva 1504. Dürer malt immer wieder nackte Menschen, den Adam aber gestaltet er als ideal-schönen Mann, nachdem er intensiv die antike Statue des Apollon (von Belvedere, damals 1490 gerade ausgegraben) studiert hatte (165-190). Der Höhepunkt des Buches aber sind die drei Kapitel zu John Milton (191-268) und seinem Meisterwerk, dem Epos Paradise Lost (1667, ²1676).[9] Hier bewährt sich SGs new historicism: Nicht nur der mutige, kritisch-kühne Autor, sondern auch der tyrannische König Karl I., die englische Revolution, in der Milton ein wichtiges Amt ausfüllt, die Rückkehr des Königssohns, die Enteignung, die unglückliche Ehe, die ihn dazu bringt, ein Recht auf Scheidung zu verlangen (was Miltons Ruf dauerhaft beschädigt). Erblindet dichtet und diktiert Milton sein Epos. Hochgebildet in der theologischen Literatur widerspricht Milton der Tradition, er, der kirchlich, finanziell, poli­tisch Unabhängige,[10] und schafft die Gestalten des den Menschen zugewandten Satans (vorher der Lieblingsengel Gottes), des Adam, der Eva, ja Gottes. Sie reflektie­ren ihr Han­deln. Eva ist nicht die verführte und ver­füh­rende Frau, sondern sie pflückt bewusst die Frucht der Erkennt­nis und gewinnt so für die Menschen den freien Willen (den die Kirchen­väter und die Reformation ausgeschlossen hatten). Dieser Teil macht die Stärke dieses Buches und der Methode SGs aus. Die beste Interpretation von Milton (eines meiner Lieb­lingsautoren), die ich kenne.

SG meint, die alte Erzählung von Adam und Eva habe die ihre Überzeugungskraft verloren, und versucht sie, um die modernen Erkenntnisse der Wissenschaft erweitert, neu zu erzäh­len. Die Lucy-Hypo­these, der Ursprung aller Menschen liege in der Savanne Ostafrikas, wird als wissenschaft­liche Wahrheit wiedergegeben, eine Zeichnung des Paares (Abb. 29) sei die moderne Version der Vertreibung aus dem Paradies. Diese Wissenschaftsgläubigkeit ist naiv. SG gelingt es nicht, die Differenz zu erklären, obwohl ihm das der entscheidende Unter­schied erscheint: Was sind wissenschaftliche Wahrheiten, was macht demgegenüber der Mythos aus, hier also der Mythos von Adam und Eva? Einerseits lobt er, wie in der Renais­sance aus Adam und Eva ‚reale‘ Menschen wurden durch Bilder und durch Literatur, andrerseits sei doch gerade dort der grundlegende Fehler entstanden, wenn man, vor allem Augustinus, die beiden Ur-Eltern für historische Figuren halte. SG aber entkommt selber nicht dem Problem. Mythos heißt, narrativ durch eine erzählerische Fiktion ein Gedanken­experi­ment durchzuspielen:[11] Was wäre, wenn Menschen über das Wissen Gottes verfügten („vom Baum der Erkenntnis essen“) und unsterblich wären („vom Baum des Lebens essen“)? Im Lichte altorientalischer Mythen ist klar, Gott will das allein für sich behalten. Die Verheißung der Schlange Ihr werdet Gott gleich sein, kann dieser tyrannische Gott nur beant­wor­ten mit der scharfen Trennung zwischen Gott und Mensch: Was als Frevel der Menschen gegen Gott interpretiert wird, ist nichts anderes als die Bedingungen des Mensch-Seins (conditio humana): Menschen zeichnet zwar aus, dass sie über ein Ent­scheidungsvermögen verfügen, aber sie sind nicht unsterb­lich. Das Paradies ist nur ein Gedankenexperiment, keine ‚historische‘ Situation. Das ‚Para­dies‘ ist keine Realität, in die die Menschen zurück­kehren könnten und wollten.[12]  Es ist schlicht utopischer Raum und Zeit, also weder Raum noch Zeit für das Gedankenexperi­ment: Was wäre, wenn … ? Es geht dem Mythos nicht um die Rückkehr ins Paradies, weil es das nie gegeben hat und geben wird.

  1. Juli 2018 Christoph Auffarth

Religionswissenschaft

 Universität Bremen

 

[1] Stephen Greenblatt, geboren 1943. Im Folgenden kürze ich seinen Namen mit den Initialen SG ab.

[2] Unter seinen zahllosen Werken wurde seine Shakespeare-Biographie zum Bestseller Will in the World: How Shakespeare Became Shakespeare. New York: W. W. Norton 2005. The Swerve: How the World Became Modern. New York: W. W. Norton 2011 [dt. Die Wende. Wie die Renaissance begann. München: Siedler 2012]. Der deutschen Übersetzung von Klaus Binder liegt zugrunde die amerikanische Originalausgabe The Rise and Fall of Adam and Eve. New York: W. W. Norton 2017.

[3] Greenblatts und darauf antwortende Aufsätze bei Moritz Baßler (Hrsg.): New historicism: Literatur­geschichte als Poetik der Kultur. Frankfurt am Main: Fischer-TB 1995, Tübingen: Francke ²2001.

[4] Bei einer studentischen Hausarbeit hätte ich viele Mäkeleien zu Ungenauigkeiten und fehlende Kenntnis von Forschung angemerkt.

[5] Greenblatt stammt aus einem Elternhaus, das das religiöse Judentum praktizierte, und hat so die Sozialisation einer jüdischen Kindheit erfahren. Im Gegensatz zu der spätantiken Rezeption der Genesis durch die christlichen ‚Kirchenväter‘ mit ihrer verheerenden Negativität des Menschenbildes, vor allem des Frauenbildes, jauchzen die jüdischen Rabbinen über die Schöpfung. Mit ihrer Sexualität sind die Menschen Mitarbeiter an der Schöpfung. Dieser Unterschied fehlt bei Greenblatt.

[6] Episteme meint das Wissen und die wissenschaftliche Konstruktion eines ‚Weltbildes‘.

[7] Siehe meine Rezension: Weichenstellung in die Europäische Religionsgeschichte: Augustinus wendet sich vom Manichä­is­mus ab. Volker Henning Drecoll; Mirjam Kudella: Augustin und der Manichä­is­mus, 2011. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2012/02/02/weichenstellung-in-die-europaische-religionsgeschichte-augustinus-wendet-sich-vom-manichaismus-ab-2/ – Die Konkupis­zenz (übrigens S. 130 falsch geschrieben), die sexuelle Lust, überträgt die Erbsünde.

[8] „Frauenhass“ von μισεῖν miseîn hassen + γυνή gynè Frau: Frauen sind an allem schuld.

[9] Der Text wird nur auf Deutsch geboten in der adaptierten Übersetzung von Bernhard Schuhmann Stuttgart; Augsburg: Cotta 1855 (nicht die berühmte von Johann Jakob Bodmer, der von 1732 an immer wieder neue Übertragungen schuf; nicht die bei Reclam, zuerst 1969, von Hans Heinrich Meier), nachgedruckt mit weiteren Werken von Milton Frankfurt am Main: Zweitausendeins 2008. Leider ist dort aber ein modernisierter englischer Text gedruckt. Der Originaltext ist online zugänglich http://www.dartmouth.edu/~milton/reading_room/pl/book_1/text.shtml .

[10] Er übernimmt weder die anglikanische Tradition der Könige noch den Staats-Calvinismus der Revolution, sondern ist ein typischer dissenter (Nonkonformist), der für seine Unabhängigkeit auch Nachteile in Kauf nimmt. Viele von ihnen wanderten dann aus nach Nordamerika und bildeten die Puritaner. Wichtige Grundsätze Miltons wurden in die amerikanische Verfassung aufgenommen. Vgl. meine Rezension „Die Reformation legt die Grundpfeiler für die modernen Rechte des Individuums“. John Witte: Reformation und Recht. Rechtslehren der lutherischen Reformation. 2014; John Witte: Die Refor­mation der Rechte. Recht, Religion und Menschenrechte im frühen Calvinismus 2015. (6.6.2016) In: http://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2016/06/06/john-witte-reformation-und-recht/

[11] Burkhard Gladigow: Mythische Experimente – experimentelle Mythen. in: Renate Schlesier (Hrsg.in): Faszination des Mythos. Studien zu antiken und modernen Interpretationen. Basel; Frankfurt a.M.: Stroemfeld 1985, 61-82.

[12] Christoph Auffarth: Paradise now – but for the wall between. Some remarks on paradise in the Middle Ages. in: Gérard P. Luttikhuizen (ed.): Paradise Interpreted. Representations of Biblical Paradise in Judaism and Christianity. (Themes in Biblical Narrative. Jewish and Christian Traditions 2) Leiden [u.a.] 1999, 168-179.

 

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