Handbuch der Religionen (HdR): Kontinuierlich wachsende Printausgabe und Online-Zugänge

Trotz starker Digitalisierung in der Kultur des Buches ziehen es immer noch viele vor, sich Material auf der ‚ÄúPapierbasis‚ÄĚ zu besorgen.
Dazu geh√∂rt seit 1997 das von dem Religionswissenschaftler  Udo Tworuschka und dem Historiker Michael Kl√∂cker im Olzog-Verlag M√ľnchen herausgegebene
HANDBUCH DER RELIGIONEN (HdR)
Zugang zur Printausgabe: hier

Viele Spezialisten und f√ľr die einzelnen Themenfelder zust√§ndige Fachgebietsleiter haben dieses Handbuch im Ringformat mit j√§hrlichen Erg√§nzungslieferungen zu einem vierb√§ndigen Werk anwachsen lassen. Inzwischen finden sich in den Ordnern mit inzwischen 37 Erg√§nzungsliefeungen √ľber 4500 Seiten Text (!).
Hier wurde also ein umfassendes Lexikon der Religionen entwickelt.  Es erm√∂glicht einen umfangreichen √úberblick √ľber die Geschichte und Gegenwart der verschiedenen religi√∂sen Traditionen und Str√∂mungen in Deutschland.  Das macht allerdings die √úbersicht und schnelle Auffindbarkeit bestimmter einzelner Themen nicht immer leicht.

Das Gesamtinhaltsverzeichnis bietet darum eine erste √úbersicht.
Download Inhaltsverzeichnis: hier

Weiterhin k√∂nnen √ľber eine Suchmaske nun alle Artikel als Volltextsuche
(einige kostenlos, die meisten gegen geringe Geb√ľhr) online abgerufen und heruntergeladen werden:
Online-Zugang zum HdR

Dieses umfassende Werk zu den Konfessionen und Religionen  im deutschsprachigen Raum hat mit seinen Grundsatzbeitr√§gen eine religionswissenschaftliche Basis gelegt. Mit den Aktualisierungen zu religi√∂sen Entwicklungen und Ver√§nderungen d√ľrfte es f√ľr die Recherche von Fachleuten und Interessierten aus allen gesellschaftlichen Bereichen ausgezeichnet recherchierte Zug√§nge f√ľr eine sachkompetente Orientierung bieten.

 

 

Religionsmonitor 2013 – Studie: “Religiosit√§t im internationalen Vergleich”

Rz-Religionsmonitor-internationalDer Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung 2013 hat im Fr√ľhjahr erhebliche Beachtung und Diskussionen ausgel√∂st. 
Das gilt f√ľr den Bereich: “Religiosit√§t und Zusammenhalt in Deutschland“.
(vgl. Besprechung in den “Ein-Sichten” vom  25.06.2013).

Der k√ľrzlich vorgelegte Teil √ľber Religiosit√§t im internationalen Vergleich” d√ľrfte eine √§hnliche Wirkung zeigen.
Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel hat die Auswertung vorgenommen.

Hier der gesamte Text zum Download

Das MIGAZIN, Fachmagazin f√ľr Migration und Integration in Deutschland (25.06.2013) hat eine √ľbersichtliche Beschreibung und differenzierte Bewertung vorgelegt. Sie zeigt, dass bei den L√§nderuntersuchungen Religiosit√§t in Europa kontinuierlich abnimmt (mit einigen typischen L√§nderabweichungen), aber au√üerhalb Europas eine gesellschaftlich entscheidende Rolle spielt. Dabei ist in Europa insgesamt ein recht entspanntes Verh√§ltnis zu Religion(en) zu beobachten. Eine Ausnahme bildet der Islam. Er wird weiterhin √ľberwiegend  negativ eingesch√§tzt und gilt f√ľr viele nicht mit der Demokratie vereinbar. Nachdenklich machende und zum Teil beunruhigende Bilanzen, auf die Religionsgemeinschaften und politisch Verantwortliche unbedingt angemessen reagieren m√ľssten!

Man darf auf die weiteren Auswertungen gespannt sein! 

Buch des Monats Juli 2013: Reformer im Islam

Rz-Amirpur-Islam-neuKatajun Amirpur: Den Islam neu denken. 
Der Dschihad f√ľr Demokratie, Freiheit und Frauenrechte
Beck`sche Reihe: bsr 6075. M√ľnchen: C.H. Beck 2013. 256 S. Abb.
— ISBN 978-3-406-64445-0

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

Die Autorin, inzwischen Professorin f√ľr Islamische Studien in der Akademie der Weltreligionen der Universit√§t Hamburg, hat sich schon l√§ngst einen Namen gemacht, nicht nur als Journalistin zum Thema Islam, sondern auch als kompetente Islamwissenschaftlerin. So nimmt man mit Spannung ihre neue Publikation zur Hand, weil schon der Titel ahnen l√§sst, dass es hier um ein dem Islam gem√§√ües und zugleich modernes Verst√§ndnis dieser oft diskreditierten Religion geht. Das Vorurteil eines nicht der Moderne f√§higen und unaufgekl√§rten Islams m√∂chte Katajun Amirpur nicht nur allgemein begegnen, sondern dies auch konkret an ReformerInnen des Islams nachweisen.

F√ľr ihre beeindruckende Vorstellung  islamischer Neudenker  hat die Autorin aus der gro√üen und allgemein wenig beachteten Vielzahl von Reformern die folgenden ausgew√§hlt: Nasr Hamid Abu Zaid, Fazlur Rahman, Amina Wadud, Asma Barlas, Abdolkarim Soroush und Mohammed Mojtahed Shabestari.

Bilanz
Die hier zusammen gestellte Auswahl progressiver islamischer Denkerinnen und Denker best√§tigt, dass es ‚Äěden Islam‚Äú nicht gibt, sondern auch innerislamisch intensiv um ein angemessenes heutiges Verst√§ndnis des Korans und islamischer Lebensgestaltung gerungen wird. Gerade angesichts der vielen Vorurteile gegen√ľber der geistigen Unbeweglichkeit des Islam ist dieses Buch eine notwendige Klarstellung. Auch weil es gut recherchiert und √ľbersichtlich zu lesen ist, w√§re zu w√ľnschen, dass diese hier vorgestellten Muslime einer breiten √Ėffentlichkeit bewusst werden.

Dieses Buch gibt damit wertvolle Impulse, die Reformgedanken muslimischer Theologen gesellschaftlich und praktisch umzusetzen.

Reinhard Kirste

 Rz-Amirpur-Islam-neu, 30.06.12   

Buch des Monats Mai 2013: Macht und Ohnmacht der Religionen

Rz-Boberski-WeltmachtHeiner Boberski / Josef Bruckmoser: Weltmacht oder Auslaufmodell.
Religionen im 21.Jahrhundert
.
Innsbruck-Wien: Tyrolia 2013, 222 S.
— ISBN 978-7022-3239-9 — auch als E-Book erh√§ltlich

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

¬†Die beiden Journalisten und zugleich theologisch kompetenten Sachbuchautoren Heiner Boberski (Wiener Zeitung) und Josef Bruckmoser (Salzburger Nachrichten) nehmen sich in leicht lesbarer, aber keineswegs populistischer Form den Schwankungsfeldern von Religion an. Sie konstatieren f√ľr die Gegenwart Ablehnung von (organisierter) Religion einerseits und neue religi√∂se, oft seltsame Ph√§nomene andererseits. Ihre Einsch√§tzungen sichern sie immer wieder mit statistischen Belegen ab. Hinzu kommen medienwirksame Auftritte religi√∂ser Pers√∂nlichkeiten wie die des Dalai Lama und der P√§pste. Darum lohnt sich ein genaueres Nachschauen, denn: ‚ÄěDie religi√∂se Weltkarte ist ‚Ķ im Lauf der Geschichte nie √ľber l√§ngere Zeit stabil geblieben … ‚Äú (S. 20).

Letztlich wirken Religionen am intensivsten und √ľberzeugendsten mit ihrer dialogischen Friedensmacht, immer wieder gepr√§gt durch Vorbilder des engagiert gelebten Glaubens. So gesehen sind sie keineswegs ein Auslaufmodell. Wichtig aber bleibt, dass nicht immer wieder religi√∂s motivierte Brutalit√§t, diese Vers√∂hnungskr√§fte diskreditiert. Das vorliegende Buch stellt angenehmerweise nicht nur Fragen oder referiert Gesellschaftsanalysen, sondern zeigt, wie Religionen als Br√ľcken einer gerechten und solidarischen Zukunft der Menschheit dienen k√∂nnen ‚Äď eine sch√∂ne Verbindung und ein wichtiger Aufruf zu respektvoller Verbindlichkeit gegen√ľber allen Andersglaubenden. Es ist ein Buch, dem man viele Leser w√ľnschen m√∂chte.

Reinhard Kirste 

Rz-Boberski-Weltmacht, 27.04.13

 

 

Buch des Monats März 2013: Jesus im Koran

Rz-Bauschke-JesusMartin Bauschke: Der Sohn Marias. Jesus im Koran.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013, 200 S., Koranstellenregister
— ISBN 978-3-650-25190-9 —

Der Religionswissenschaftler Martin Bauschke, Leiter des Berliner B√ľros der Stiftung ‚ÄěWeltethos‚Äú, hatte bereits 2001 (B√∂hlau-Verlag) das Buch ‚ÄěJesus im Koran‚Äú herausgebracht. Was im ersten Augenblick wie eine Neuauflage erscheint, zeigt sich sehr schnell als ein wirklich neues Buch. Bauschke hat n√§mlich nicht nur die theologischen Debatten seit der Erstausgabe seines Buches eingearbeitet, sondern die gesamte Struktur systematisiert und st√§rker religionswissenschaftlich ausgerichtet. Dem Autor kommt zugute, dass er seit vielen Jahren dieses Thema nicht nur erforscht, sondern auch einem interessierten Leser- und H√∂rerkreis vermittelt. Dies mag auch die Ursache sein, dass sich dieses Buch nicht nur f√ľr Fachleute, sondern f√ľr jede/n Interessierte/n gut liest. Im Anhang gibt es noch einen Fragebogen und Vergleichstabellen f√ľr Koran und Neues Testament.

Der Autor gliedert sein Buch in 14 Kapitel mit 8 (optisch besonders herausgehobenen) Exkursen, die zum einen spezielle islamische Vorstellungen und zum anderen verst√§rkt heterodoxe christliche Anschauungen von Jesu Wirken, Leben, Sterben und Auferstehen zur Sprache bringen. Er f√ľhrt hier letztlich eine 1400j√§hrige, keineswegs unproblematische Dialoggeschichte fort, die mit dem Koran begonnen hat. 

Das Fazit formuliert Bauschke so: ‚ÄěDer Koran widerspricht jeder gleichsam ‚Äög√∂ttlichen‚Äė Christologie. Jesus ist … ein sterbliches Gesch√∂pf ‚Ķ Das Messiasbekenntnis des Korans stellt ‚Ķ eine theozentrische Re-Interpretation der Gestalt Jesu angesichts der vielf√§ltigen, auch noch zur Zeit Muhammads miteinander konkurrierenden christlichen Christologien dar.‚Äú (S. 160f.161). ‚ÄěMan kann das theozentrische Jesus-Zeugnis des Korans auch eine zeichenhafte Messianologie nennen‚Äú (S. 164). 

Diese grundlegende Arbeit ist auch als Basis f√ľr den christlich-islamischen Dialog wichtig, denn: ‚ÄěIm heutigen multikulturellen Kontext ist kein Christsein mehr m√∂glich ‚Äď es sei denn um den Preis fundamentalistischer Abschottung und Ignoranz ‚Äď an den mitten unter Christen lebenden Muslimen vorbei‚Äú (S. 165). So hat er hier die Basis f√ľr ein sachgerechtes Gespr√§ch √ľber Jesus zwischen Christen und Muslimen erheblich vertieft und auf breite religionswissenschaftliche und hermeneutische Grundlagen gestellt. Dies macht das Buch f√ľr Christen und Muslime gleicherma√üen wichtig und interreligi√∂s grundlegend. 

                                                                                                                                                     Reinhard Kirste

Sekten Рaus der facettenreichen Vielfalt religiöser Bewegungen

Gerald Willms: Die wunderbare Welt der Sekten.
Von Paulus bis Scientology
.
Mit einem Vorwort von Marco Frenschkowski.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, 320 S.
— ISBN 978-3-525-56013-6.

Ausf√ľhrliche Beschreibung: hier

Der Soziologe Gerald Willms unterscheidet sich in dieser Darstellung von den bekannten kirchlichen Kompendien zur Sektenproblematik. Die gro√ükirchlich eingeleitete Frage: ‚ÄúIst eine bestimmte Gruppe mit den Richtlinien der Gro√ükirche in √úbereinstimmung zu bringen, oder eben nicht?‚Äú, entf√§llt bei Willms. Die Frage: ‚ÄěDarf man ‚Äď oder darf man nicht?‚Äú, wurde bis dato kirchlich er√∂rtert. Willms hingegen sortiert nicht ‚Äěgut und b√∂se‚Äú aus. Er l√§sst das Spektrum religi√∂ser Erscheinungen einfach nebeneinander existieren. F√ľr Willms trifft die g√§ngige Anti-Sekten-Polemik nicht zu. Das gewohnte ‚ÄěSchwarz-Wei√ü-Denken‚Äú, fordert deshalb bei der Lekt√ľre der wunderbaren Welt einige konzentrierte Ver√§nderungen.
Das Buch ist im eigentlichen Sinne die endg√ľltige Aufgabe der ehemaligen alleing√ľltigen kirchlichen Deutungshoheit, n√§mlich was als ‚Äěrichtig‚Äú oder ‚Äěfalsch‚Äú, ‚Äěwahr‚Äú und ‚Äěunwahr‚Äú einzusch√§tzen ist. So ist das Entscheidende: Der Autor muss nicht gegen jemanden oder gegen eine religi√∂se Richtung opponieren. Sogar das eigene Urteil zu Scientology h√§lt der Autor einer angstverzerrten weltanschaulichen Opposition entgegen. Ich verstehe das als einen m√∂glichen demokratischen Akt, der in der Religions- und Weltanschauungsfreiheit garantiert ist.
Ohne ‚ÄěAus‚Äú- oder ‚ÄěNicht-Ausgrenzen‚Äú zu m√ľssen, entspannt sich die religi√∂se Lage von selbst. Von selbst kann es zum heiteren Dialog werden. So l√§sst sich der Leser vom Autor zum eigenen entspannten √úberblick von den Anf√§ngen des Christentums bis in die Gegenwart mit einem Schuss Humor einladen.
Und man vergesse es nicht: Zur zeitlos g√ľltigen Unbestechlichkeit geh√∂rt Humor. Gerald Willms verbindet Sachlichkeit mit dieser heiter gestimmten Gelassenheit. Sie macht das Buch so sympathisch.

Gerhard Kracht
ehemaliger Beauftragter f√ľr Sekten- und Weltanschauungsfragen
der Evangelischen Kirche von Westfalen

Rz-Willms-Sekten, 08.12.12

Buch des Monats November 2012: Interkulturelle Erweiterung der “Moderne”

Hans Schelkshorn / Jameleddine Ben Abdeljelil (Hg.): Die Moderne im interkulturellen Diskurs. Perspektiven aus dem arabischen, lateinamerikanischen und europäischen Denken.
G√∂ttingen: Velbr√ľck Wissenschaft 2012, 250 S. — ISBN 978-3-942393-33-1

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

Schon unter den Bedingungen des Kolonialismus entwickelten sich im 19. Jahrhundert in Lateinamerika und Asien eigenst√§ndige Debatten, ‚Äěin denen die Herausforderungen der westlichen Zivilisation mit den eigenen kulturellen Traditionen vermittelt‚Äú wurden bzw. in Verbindung gebracht werden sollten. Es ging und geht dabei immer noch darum, ob und wie sich das Denken an ver√§nderte Bedingungen anpassen kann und muss. Diese dortigen Diskurse wurden allerdings in Europa und in Nordamerika lange Zeit kaum wahrgenommen, und Afrika trat √ľberhaupt erst in der 2. H√§lfte des 20. Jahrhunderts ins westliche Blickfeld. Erst die verst√§rkte Globalisierung √§nderte hier sowohl Blick- wie Denkrichtung. Der sog. Arabische Fr√ľhling ist das aktuellste Zeichen √ľber das Problemfeld ‚ÄěModerne‚Äú im Kontext von Interkulturalit√§t und zeigt zugleich, wie notwendig ein solches Buch wie das vorliegende ist.
Weil der eurozentristische Blick kulturell weiter die Runde macht, halten die Autoren einer solch einseitigen Wahrnehmung eine Konzentrierung auf den arabischen und lateinamerikanischen Raum entgegen ‚Äď Gegendiskurse, die aus der Begegnung eigenst√§ndigen indigener Weisheit und entsprechender Denktraditionen entstehen. Die aufgezwungenen (post-)kolonialen Strukturen in diesen L√§ndern haben die durch den ‚ÄěWesten‚Äú bedrohten Kulturen in einen √úberlebenskampf gezwungen. Diese Auseinandersetzung er√∂ffnet jedoch zugleich Sehweisen, auf die die europ√§ische Moderne reagieren muss. Dies kann nur sinnvoll auf der Ebene der Gleichwertigkeit geschehen. Im Grunde m√ľsste in der Fortsetzung dieser Diskussion noch Asien insgesamt und das Afrika s√ľdlich der Sahara mit einbezogen werden.

Reinhard Kirste

Rz-Schelkshorn-Moderne, 31.10.12

Buch des Monats September 2012: Jenseits von Himmel und Hölle

John Shelby Spong: Jenseits von Himmel und H√∂lle. Eine neue Vision vom ewigen Leben. Aus dem Amerikanischen √ľbersetzt von Gerhard Klein.

Ostfildern: Patmos 2011, 221 S.¬† — ISBN 978-8436-0028-6¬†

Ausf√ľhrliche Besprechung: hier

Kurzrezension
Der Autor dieses Buches, John Shelby Spong (geb. 1931), emeritierter anglikanischer Bischof, geh√∂rt zu den bekanntesten religi√∂sen Autoren der USA. In seinen B√ľchern vertritt er mutige Thesen f√ľr ein erneuertes und gegenw√§rtiges Christentum jenseits des bisherigen Christentums.1 Spong versucht, eine postmoderne Weltsicht mit einem Glauben zu verbinden, der die Naturwissenschaft ebenso wie wichtige bibelexegetische Erkenntnisse ernst nimmt. F√ľr das praktische Leben m√ľssen diese auch ethisch im Sinne des Engagements f√ľr die Ausgegrenzten umgesetzt werden.

Als alter Mann, der nun sein letztes Buch ver√∂ffentlicht, ist ihm klar geworden, dass er dies nur als pers√∂nliche Beschreibung darlegen kann und nicht als christliche Theorie √ľber Himmel und H√∂lle. Im Bedenken seiner eigenen Biografie untersucht Spong genauer sein zunehmendes religi√∂ses Interesse, das bei ihm erhebliche Glaubensver√§nderungen bewirkte

Das den Autor lange pr√§gende externe Religionsverst√§ndnis einer ‚ÄěGottheit √ľber uns‚Äú, m√∂chte er √ľberwinden zugunsten einer ‚ÄěGottheit in uns‚Äú (S. 128). Und so ist ‚Äědas G√∂ttliche, das wir immer suchten, eine Dimension des Menschlichen‚Äú (S. 138). Man merkt, dass sich Spong mystischen Sichtweisen ann√§hert. und letztlich ein Neuverst√§ndnis wahrhafter Dimension von Religion!¬†

Anm 1:¬† Rezension hier¬† zum Buch von J.Sh. Spong: Die S√ľnden der heiligen Schrift. Wie die Bibel zu lesen ist (2007)

                                                                                                                                                 Reinhard Kirste

 

 

Religiöse Erziehung Рchristliche und islamische Perspektiven

Stella El Bouayadi-van de Wetering /Siebren Miedema (Eds.): Reaching for the Sky.
Religious Education from Christian and Islamic Perspectives.  

Currents of Encounter – Studies on the Contact between Christianity and Other Religions, Beliefs, and Cultures 43

Amsterdam/New York, NY: Rodopi 2012, VII, 284 S. Index.
‚Äď ISBN: 978-90-420-3479-2

Religi√∂se Erziehung ger√§t in multikulturellen Gesellschaften und angesichts von Migrationssituationen zu einer besonderen Herausforderung f√ľr Eltern, Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer in der Schule, aber auch f√ľr Moscheevorst√§nde und Hodschas. Kinder und Jugendliche m√ľssen ihren eigenen Weg in Auseinandersetzung und Dialog mit herk√∂mmlichen und auch provozierenden Lebensmustern finden und eine eigene Weltsicht aufbauen. Wie gehen junge Menschen mit ihrer Herkunftsreligion um? Wie l√§sst sich tolerantes, friedvolles und dialogoffene Verhalten ein√ľben? Wie sollen Jugendliche unterrichtet werden? Welche Bedingungen sind f√ľr interreligi√∂ses Lernen notwendig?
Der wissenschaftliche Diskurs wird ¬†im Bereich der religi√∂sen Erziehung neue Horizonte er√∂ffnen m√ľssen. Der Fokus ist dabei besonders auf das Christentum und den Islam gerichtet. Das h√§ngt mit den sich √§ndernden Gesellschaftsstrukturen und ihren Pr√§gungen zusammen ‚Äď in der Spannung zwischen s√§kular und fundamentalistisch.


Die Herausgeber, die Arabisch-Lektorin und Erziehungswissenschaftlerin Stella El Bouayadi-van de Wetering, der Professor f√ľr Religi√∂se Erziehung Siebren Miedema und der ReligionsphilosophHenk Vroom (alle von der Freien Universit√§t Amsterdam), b√ľndeln die Materialien und Vortr√§ge einer Konferenz, die in enger Zusammenarbeit mit dem niederl√§ndischen Zentrum f√ľr Islamische Theologie, internationalen Erziehungswissenschaftlern und mit der Liga der Islamischen Universit√§ten in Kairo entstanden. Die Auswahl der Themen bezieht sich darum einerseits auf Kommunikationsstrukturen der religi√∂sen Erziehung, der Normen und Werte in Elternhaus, Moschee, Kirche und Schule, zum anderen auf L√§nder, in denen schon intensive Erfahrungen mit Multireligiosit√§t vorliegen, hier konkret: T√ľrkei, Indonesien, Libanon, Niederlande, Deutschland, Belgien und √Ągypten. Zugleich stehen die Jugendlichen im ‚ÄěVerbund‚Äú und in Auseinandersetzung mit den Erwachsenen und den Erziehungsinstitutionen. Stark beeinflussend wirkt sich verst√§ndlicherweise das Verhalten unter ihresgleichen aus, die Problematik der ‚ÄěPeer-Groups‚Äú. Die Autoren beschreiben darum aktuelle Prozesse im Erziehungsgeschehen und zeigen Verluste, Problemstellungen und Neufindung religi√∂ser Identit√§t bei Jugendlichen. Sie verbinden ihre Analysen und Einsch√§tzungen mit den Intentionen, Lernfelder aufzubauen, in denen andere Glaubenstraditionen respektiert und die jeweiligen Einflussmechanismen von Elternhaus, Schule, Kirche, Moschee, den Medien und der ‚ÄěStra√üe‚Äú einbezogen werden.
Die Herausgeber weisen im Vorwort daraufhin, dass die Beitr√§ger/innen ‚Äď durchweg Erziehungswissenschaftler/innen Methoden und Handlungsanleitungen f√ľr die Erziehung junger Menschen (mit und ohne Migrationshintergrund) liefern m√∂chten. Angesichts st√§rker auftretender antiislamischer Tendenzen in den europ√§ischen ‚Äěautochthonen‚Äú Gesellschaften ist dies dringend n√∂tig, damit k√ľnftige Gesellschaften durch Toleranz und dialogoffene Wertehaltungen gepr√§gt werden.
Mualla Sel√ßuk von der Universit√§t Ankara zeigt, dass die koranische Bedeutung der ‚ÄúLeute des Buches‚ÄĚ ein Kommunikationsmodell f√ľr eine interreligi√∂s offene islamisch-religi√∂se Erziehung sein kann. Erhebliche Praxiserfahrungen bringt Ina ter Avest (Amsterdam) ein, und zwar in der Reflexion von drei Grundschul-Beispielen, die einen unterschiedlichen religi√∂sen bzw. s√§kularen Hintergrund haben. Begegnung zwischen Menschen verschiedener Religionen verl√§uft Verstehen f√∂rdernd am besten ‚Äěspielerisch‚Äú. Die ‚ÄěSpieler‚Äú sind dabei Lehrer und Kinder gleicherma√üen im Blick auf den Andern und das Andere. Sie wirken miteinander √ľberzeugend sind dann √ľberzeugend, wenn sie didaktisch verantwortet ‚Äěpredigen‚Äú, was sie bereits praktizieren. Alma Lanser-van der Velde (Amsterdam) hebt die Bedeutung des praktischen Umgangs mit Religion in famili√§rer Kindererziehung hervor. Dihyatun Masqon Ahmad vom Zentrum f√ľr Islamische und Westliche Studien aus Ost-Java berichtet von der Dynamik einer modernen islamischen als Internat gef√ľhrten indonesischen Erziehungseinrichtung, der Pondok Pesantren.
Die Herausgeberin El-Bouayadi-van de Weteringgeht n√§her auf die Problematik zwischen h√§uslicher Erziehung, Unterricht in der Moschee und s√§kularem Umfeld in den Niederlanden ein. Der T√ľbinger Religionsp√§dagoge Friedrich Schweitzer bezieht sich auf eine √§hnliche Konstellation in mehreren europ√§ischen L√§ndern im Blick auf die h√§usliche (oft fehlende) religi√∂s-famili√§re Erziehung und die kirchlichen M√∂glichkeiten, haupts√§chlich im Zusammenhang mit der Konfirmation. Goedroen Juchtmans von der Katholischen Universit√§t L√∂wen hebt die Bedeutung der Frauen in der religi√∂sen Erziehung hervor. Sie setzen sehr stark auf rituell-spirituelle Impulse im Sinne einer Sakralisierung des Lebens.
Es folgt der Blick in den Nahen Osten: Im Libanon tr√§gt die christliche Erziehung durch die geopolitische Lage osmanische, arabische und westlich-missionarische Pr√§gesignaturen und zugleich blutige B√ľrgerkriegserfahrungen, wie der Theologe Rima Nasrallah (Beirut) dokumentiert. Bahaeddin Budak (Amsterdam) konzentriert sich zusammen mit der Herausgeberin auf die muslimische Jugend, die unbedingt spirituelle Orientierung braucht und z.T. in der Gefahr steht, sich auf religi√∂sen Extremismus einzulassen. Die Niederlande sind geradezu ein Brennpunkt f√ľr diese kritische Gemengelage im Zusammenhang mit der ‚ÄěVers√§ulung‚Äú im niederl√§ndischen Schulsystem und der fortschreitenden S√§kularisierung. Gerdien Bertram-Troost und der Herausgeber Siebren Miedema (beide Amsterdam) sind sich √ľber die Wirkungen religi√∂ser Erziehung aufgrund empirischer Untersuchungen recht unsicher. Arslan Karag√ľl (Amsterdam), der neben islamische Erziehung den Schwerpunkt ‚Äěspiritual care‚Äú (Seelsorge) unterrichtet, ist angesichts der Schw√§chen in der Praxis islamischer Erziehung und fehlender umfassender Erziehungskonzepte f√ľr die Zukunft ziemlich beunruhigt. In diesem Zusammenhang lohnt der Vergleich zweier s√§kularer multikultureller Gesellschaften, n√§mlich der T√ľrkei und der Niederlande im Blick auf die Fakten und Faktoren religi√∂ser Erziehung ‚Äď so die √úberlegungen von M. Fatih Gen√ß aus der T√ľrkei (Ankara), Ina ter Avest und Siebren Miedema (Niederlande).
Eine andere Sichtweise er√∂ffnen Hussein Bashir Mahmoud(Kairo) und die Herausgeberin Stella El Bouayadi-van de Wetering, indem sie zuerst auf die Bildungsgeschichte und dann auf die Leitlinien islamischer und religi√∂ser Erziehung eingehen, wie sie in √§gyptischen Primar- und Sekundarschulen gehandhabt wird: Toleranz als ethischer Wert spielt hier eine herausragende Rolle. Aus christlicher Sicht diskutiert Manfred L. Pirner (Universit√§t Erlangen-N√ľrnberg), wie die ‚ÄěPeer Groups‚Äú der Jugendlichen mit dem Einfluss der Medien umgehen und eine ‚ÄěSelbst-Sozialisation‚Äú stattfindet, die zwar auch religi√∂s gepr√§gt sein kann, aber ohne die Muster der klassischen Religionen auskommt. In eine √§hnliche Richtung geht Nabil Alsamaloty, Soziologe an der Al-Azhar-Universit√§t in Kairo, zusammen mit der Herausgeberin: Unter Heranziehung soziologischer Theorien auch zum Konfliktmanagement legen sie den Schwerpunkt ihrer Argumentation zum einen auf die Entwicklung kriminellen Verhaltens als Folge von Ausgrenzung und zum andern auf soziale und √∂konomische Gewalt im Kontext extremer Armut. Fundamentalistisch und terroristisch orientierte Peer-Groups k√∂nnen sich f√ľr ihre gewaltsame Konfliktbereitschaft religi√∂se Muster aneignen, die originale Glaubenstradition konterkarieren. Das gilt nicht nur f√ľr junge Muslime, sondern f√ľr junge Menschen in allen Religionen.
Wolfram Wei√üe von der Akademie der Weltreligionen in Hamburg stellt die Ergebnisse des sog. REDCo-Projektes vor: Es handelt sich um eine Untersuchung, die religi√∂se Erziehungskonzepte mit (recht heterogenen) religi√∂sen Einstellungen von 14-16j√§hrigen Jugendlichen in mehreren L√§ndern Ost- und West-Europas kombiniert. Insgesamt h√§lt die Mehrheit der Angesprochenen ein Kennenlernen anderer Religionen in der Schule f√ľr friedensf√∂rdernd. Dem f√ľgt Redbad Veenbaas (Amsterdam) das Ergebnis einer √§hnlich strukturierten kleinen Untersuchung aus den Niederlanden √ľber die religi√∂sen Werte- und Normvorstellungen junger Muslime hinzu, die auch gesellschaftlichen Ver√§nderungen durch die ‚ÄěStra√üen-Kultur‚Äú unterliegen.
Die Herausgeber gehen im Epilog nicht nur der Frage nach, ob es religi√∂ser Erziehung gelingt, ‚Äěreaching for the sky, also ‚Äěnach dem irdischen Himmel zu greifen‚Äú. Ob das wohl die Vorstufe zum transzendenten Himmel (heaven) ist? Der Blick auf christliche und muslimische Jugendliche insgesamt spiegelt nur einen Augenblicksstand. Dieser ist von der Spannung religi√∂ser Erziehung in famili√§rer Tradition und dem Mangel religi√∂s-authentischer Sprache in s√§kularen Gesellschaften gepr√§gt. Angesichts nicht zu √ľbersehender Komplexit√§ten im Feld religi√∂ser Erziehung kann diese Zusammenstellung und¬† mit der Auswertung einer Reihe von Analysen zuerst eine Bewusstseinssch√§rfung erreichen. Zum andern aber bietet das Buch Orientierungsempfehlungen f√ľr eine dialogische Religiosit√§t, die wirklich ernst genommen und umgesetzt werden sollten.
Reinhard Kirste
Rz-El Bouayadi-RE-Sky, 20.05.12

Innerislamische Kontroversen um Koexistenz und Gewalt

Zusammenfassende Rezension   
Ausf√ľhrliche Besprechung:
hier anklicken! ‚Äď
Tilman Seidensticker (Hg.): Zeitgenössische islamische Positionen zu Koexistenz und Gewalt.
Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2011; VIII, 184 S., Index der modernen muslimischen Denker
ISBN 978-3-447-06534-4

Das Wort ‚ÄěIslam‚Äú verbindet sich f√ľr viele mit ‚ÄěGewalt‚Äú. Sich auf den Islam berufende Terroristen rechtfertigen ihr Tun damit, dass sie behaupten, diese Gewaltt√§tigkeiten seien von der islamischen Tradition her gerechtfertigt. Allerdings richtet sich die Gewalt nicht nur gegen ‚ÄěUngl√§ubige‚Äú, sondern vielfach auch gegen Muslime selbst. Nun gibt es durchaus Gewalt bef√ľrwortende und Gewalt ablehnende Richtungen innerhalb der islamischen Welt. Der Jenaer Arabist und Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker hat nun mit einer Reihe von Fachleuten (√ľberwiegend der j√ľngeren Wissenschaftler-Generation) diese ‚ÄěIslamischen Kontroversen √ľber Berechtigung von Gewalt‚Äú genauer untersucht.

Zehn Jahre nach den Anschl√§gen vom 11. September in den USA und am Beginn des ‚Äěarabischen Fr√ľhlings‚Äú stellt sich die Frage nach der m√∂glichen Zwangsmentalit√§t einer Religion besonders intensiv. Es l√§sst sich ja kaum vorhersagen, welche Entwicklungen in der islamischen Welt insgesamt dominieren werden. Die dogmatisch auftretenden Fundamentalisten fordern eine R√ľckkehr zu den Regeln und Statuten der Urgemeinde, wohlgemerkt, wie sie diese verstehen. Die Konsequenz ist oft genug, dass sie ihr Verst√§ndnis auf konfliktreiche Art und gegen alles ‚ÄěWestliche‚Äú in die Gegenwart zu √ľbertragen versuchen. Andersdenkende werden als H√§retiker oder Ungl√§ubige diffamiert. Aber das ist nur die eine Seite, wenn man einmal genauer die innerislamischen Kontroversen betrachtet.
Es geht grunds√§tzlich um die Spannung zwischen Toleranz und Gewalt, zwischen Verteidigung von islamischen Errungenschaften und Kampfansage an die Ungl√§ubigen, die in den unterschiedlichen Auslegungen von djihadzum Ausdruck kommen, n√§mlich (Mariella Ourghi, Freiburg). Das Absolutheitsdenken scheint in diesem Zusammenhang eine wesentliche Positionsversch√§rfung mitzubringen: Monopolanspruch auf das Paradies (so Johanna Pink, Berlin). Dagegen stehen flexiblere und Dialog offene Haltungen wie die von Said Nursi (1876 [?]‚Äď1960, kurdischer Herkunft, T√ľrkei) und Mahmud Taha (1909 /1911‚Äď1985, Sudan), bis hin zur sog. Mardin-Intiative muslimischer Intellektueller von 2010. Die Djihad-Doktrin zwischen gewaltsamem Vorgehen gegen Ungl√§ubige und Verteidigung des (wahren) Glaubens braucht also eine dringende Neubesinnung, um den Terrorismus gegen sog. falsche Muslime und ‚Äěwestliche Ungl√§ubige‚Äú auszubremsen. Hermeneutischen Monopolanspr√ľchen bei der aktualisierenden Auslegung der Prophetentradition, der Hadithe, muss darum ein Riegel vorgeschoben werden. Selbst innerhalb des islamistischen Spektrums gibt es inzwischen eine wachsende Ablehnungsfront gegen extreme, sich auf den Koran und die Prophetentradition berufende Gewaltbereitschaft (Rotraud Wielandt, Bamberg). Die Frage bleibt allerdings, ob es eine neue Hermeneutik gegen islamistische Gewalt aus der derzeitigen religi√∂sen Gemengelage heraus geben wird. Die extreme Spannbreite der Djihad-Verst√§ndnisse zwischen r√ľckw√§rts gewandter Ver√§nderung und liberaler Reform hat bekannte Namen an den jeweiligen ‚ÄěEckpunkten‚Äú. Sie reichen von al-Maududi √ľber Sayyid Qutb bis zu Fazlur Rahman und Mahmoud Taha.
Dieser Sammelband gibt differenzierende Einf√ľhrungen in zeitgen√∂ssische Kontroversen zum Thema ‚ÄěGewalt‚Äú. Er ist f√ľr alle empfehlenswert, die als aufmerksame Zeitgenossen die innerislamisch-theologischen, islamistischen und gesellschaftspolitischen Bewegungen besser verstehen wollen. Da das Spektrum dieser Debatte noch wesentlich gr√∂√üer ist, als in dieser Zusammenstellung angezeigt werden konnte, w√§re sicher ein Fortsetzungsband sinnvoll.
Reinhard Kirste