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Monika Scala: Der Exorzismus in der Katholischen Kirche

 

cover_scalaMonika Scala: Der Exorzismus in der Katholischen Kirche. Ein liturgisches Ritual zwischen Film, Mythos und Realität. (Studien zur Pastoralliturgie 29)  Regensburg: Pustet 2012. 490 S. ISBN 978-3-7917-2382-2. Diss. Wien 2009.

Exorzismus – nach der Aufklärung

Exorzismus ist ein aktuelles Thema: einerseits richten viele katholischen Bistümer wieder offiziell das Amt des Exorzisten ein. Seit dem Pontifikat Johannes‘ Pauls II. und Benedikt XVI. wird ein Ritual wieder angeboten und nachgefragt, das im Zeit­alter der Wissenschaften durch andere, wissenschaftlich kontrollierte Verfahren der Heilung abgelöst schien. – Und auf der anderen Seite sind Exorzismus-Fälle, an deren Ende die besessene Frau stirbt, Angriffspunkt für weitreichende Kritik nicht nur am Ritual selbst, sondern an Kirche, Religion und institu­tionalisierte Irratio­nali­tät. Das Thema ist auch für den akademischen Unterricht und künftige Lehrer attrak­tiv, aber wie sich zurecht finden zwischen Selbstverständnis und funda­mentaler Kritik, zwischen Apologie und Polemik?

Eine umfangreiche und sehr sorgfältig dokumentierten Dissertation (Wien; die Be­treu­er sind jedoch Professoren aus Graz und Vallendar) verspricht wissenschaftliche Analyse für „ein litur­gisches Ritual zwischen Film, Mythos und Realität“. „Im An­fang war der Film“: Monika Scala[1] beginnt 40-144 mit einer Analyse des Films The Exorcist, Regie William Friedkins aus dem Jahr 1973. Zwei Filme stehen in der öffent­lichen Diskussion: dieser amerikanische Film, der die Abgründe menschlicher Exis­tenz in wuchtigen Hitchcock-Bildern darstellt; MS analysiert nicht den Film Requiem (2006, Regie Hans-Christian Schmid; Drehbuch: Bernd Lange). Im Jahr zuvor hatte ein weiterer amerika­nischer Film einen Fall dramatisiert (The Exorcism of Emily Rose) im deutschen Sprach­raum eine funda­men­tale Anklage gegen ein Weltbild, das weni­ger die Rettung eines Menschen als den Kampf gegen den Teufel und seine Dämo­nen zum Ziel hat. Die Begründung, warum MS den amerikanischen Film untersucht: Da werde das Ritual umfassend gespielt und man könne Liturgie des Rituale Roma­num von 1614 und seine Perfor­mance im Film vergleichen. Es geht also um das Wie, nicht um das Was und Warum: die Voraussetzung und die Konstruktion des Teufels­glaubens. Sie stellt sich auf die Seite der Päpste, die an die Realität des Bösen als ‚Teu­fel‘ glauben, und damit gegen die Kirchenlehrer, Päpste und das Konzil, das den Glauben an den Teu­fel als Perversion des Glaubens an Gott ablehnen. Die grund­le­gende fundamental-theologische Frage löst MS mit einem Bekenntnis zur Realität des Teufels. Aber sie stellt doch – und das zeichnet eine wissenschaftliche Darstel­lung aus – das Umden­ken innerhalb des deutschen Episkopats dar: Der Fall der Anne­liese Michel (gestor­ben 1976; kirchlich handelt es sich um den Fall Klingenberg, also um den Ort des Rituals, nicht die beim Ritual zu Tode Gekommene) hat zu aus­führlichen Diskussi­onen in der Amtskirche geführt (In der Anm. 397 bibliographisch dokumentiert). „Völlig unerwartet und ohne Vorankündi­gung [nach der in die gegenteilige Richtung sich wendende Diskussion unter den deutschen Bischöfen] überraschte um­so mehr die Bekanntgabe des neuen lateini­schen Exorzismusrituals De Exorzismis et Supplicationibus Quibusdam am 29. Jänner 1999 …“ (MS 398; die Ver­änderungen gegenüber dem Rituale Romanum 400-424; zur Kritik 425-436) Es handle sich um ein besonderes „Gebet“, sei nicht mehr zu den Sakramentalien zu zählen (441. Wirksamkeit durch das Ritual). Oder wie MS 146 nebenher bemerkt, „Um einer magischen Deu­tung entgegen zu wirken, versucht ein neuerer Kommentar […] das Verständnis von Exorzismus anders auszudrücken, nämlich als das eindrückliche Gebet der Kirche, Gott möge einen vom Bösen in ungewöhnlicher Weise bedrängten Menschen durch die Erlösungstat Jesu Christi von dieser Bedrängnis zu befreien.“ Drei Erlöser: Gott, Christus, die Kirche. Gibt es da eine Reihenfolge, eine Quelle und davon abgeleitete Fähigkeit des Kampfes gegen das Böse? – Obwohl der neue Exor­zismus in die Lan­des­­sprachen übersetzt werden sollte, fehlt bis heute eine deutsche Übersetzung.

Die Veränderung des Weltbildes, die Differenz zwischen dem aufgeklärten Europa und anderen Weltbildern, dem biblischen oder dem ‚magischen‘: Dazu gibt es keine wirklich eingehende Diskussi­on! Fürbittendes Gebet oder Imperativ an den Dämon? Das ist da nicht die durchgehende Frage. Vielmehr: Was besagen stattdessen fast 200 Seiten biblische Befunde und  Kirchenväter? Durchaus nach den Regeln der Kunst gemacht, aber Bibelwissenschaft ist nicht die Aufgabe einer Liturgiewissenschaft­lerin. Das Kapitel dient eher der Ontologie: Es gibt das/den Bösen.[2] Daraus ergibt sich die Notwendigkeit des Rituals. Weniger der Hermeneutik: Was bleibt unver­zicht­bar im biblischen Weltbild, wenn es durch die Aufklärung gegangen ist? Das ist keine Frage der Bibelwissenschaft und Patristik, sondern der Fundamentaltheologie und der Religionswissenschaft.

Das Buch stellt sich nicht der Aufgabe, im Rahmen der Europäischen Religionsge­schichte (zu der Wissenschaft, Atheismus, Religiosität der Menschen und das Lehr­amt der Kirche gehören) den Exorzismus zu positionieren. Was leistet die Disserta­tion dann?  Sie bietet eine auch für die Religionswissenschaft bedeutende Darstel­lung zum Thema Ritual, Performanz und Ritualdynamik.[3] Denn die scheinbare Kon­stanz des Rituals beweist ihre Ritualdynamik durch die Veränderung nahezu aller ‚Umstände‘. Die Konstanz des Rituals, die Konstanz der performativen Rede­akte, der Formgeschichte, die Letztbegründung,  ihrer Begründung während sich alles andere verändert: das Weltbild, die Rhetorik des Sprechakts, die Ausführenden, die Besessenen. Das ist einer eingehenden Untersuchung wert. Das Ritual ist schein­bar gleich. Durch die rezipierende Öffentlichkeit ist alles anders.

 

24. Mai 2013                                                                                                  Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,

Universität Bremen


[1] Der Kürze halber im Folgenden abgekürzt mit den Initialen MS; Seitenzahlen als Zahlen in Klam­mern (ohne S.).

[2] Sätze wie „nach christlicher Auffassung wurden der Teufel und die anderen Dämonen zwar von Gott gut erschaffen, rebellierten jedoch aus freiem Willen …“ und DH 1347 zitierend „die Kirche sieht sich in der Nachfolge Christi zu kontinuierlicher Fortführung dieses Kampfes [gegen das Böse] ver­pflichtet.“ behaupten eine theologische Richtigkeit,  die so undifferenziert nur in einem Katechismus, nicht aber in der wissenschaftlichen Analyse stehen können.

[3] Dazu das neue Handbuch Christiane Brosius; Axel Michaels Paula Schrode (Hrsg.): Ritual und Ritual­dyna­mik : Schlüsselbegriffe, Theorien, Diskussionen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2013.

 

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