Permalink

0

Ikonographie Palästinas

Die Ikonographie Palästinas/Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern.
Band 4: Die Eisenzeit bis zum Beginn der achämenidischen Herrschaft.

Von Silvia Schroer unter Mitarbeit von Barbara Hufft, Philipp Frei, Florian Lippke, Patrick Wyssmann.

Basel: Schwabe 2018.

961 Seiten. ISBN 978-3-7965-3878-0.
148 €

 

Bilder im Alten Israel laden ein, die bunte Religion zu entdecken

 

Kurz: Das sorgfältige Handbuch, hier der vierte und letzte Band über die Zeit von 1200-500 v.Chr., ist auch ein Buch zum Entdecken der Religionsvielfalt im Alten Israel vor der Exilszeit und dem strengen Monotheismus Jhwhs der Exils-Propheten.

Ausführlich: Ein Langzeitprojekt wird mit diesem Band abgeschlossen: Die Ikonographie der Zeichen, die in der südlichen Levante dargestellt wurden. War die Erforschung Israels ein fast ausschließlich protestantisches Unternehmen, so schuf die tatkräftige Arbeit von Othmar Keel (*1937) ein ganz neues Projekt und mit diesem Band ist es so gut wie vollendet. Die Protestantische Worttheologie berief sich auf das erste/zweite Gebot des Dekalogs: Du sollst Dir kein Bildnis machen! Also waren Bilder kein Ausdruck der Theologie Israels, sondern das ‚kanaanäische‘ Gegenteil. Die joschianische Kultreform (622 v.Chr)[1] zeigte den Umgang Israels mit den Bildern: Ausreißen, zerhacken, säkularisieren. Mit seinem Buch über die Bilderwelt der Psalmen setzte Keel einen Paukenschlag: die Metaphern der Psalmen (Gott als Fels, als Burg, als Hirte …) fanden sich in den Bildern.[2] Die Nachzeichnungen seiner Frau Hildi erwiesen (und erweisen sich auch in dem vorzustellenden Band) als viel besser als jede Photographie. Es folgten Bücher über die Bilder/Metaphern bei Hiob, im Hohen Lied usf.[3] Ein Buch zur Schöpfung ist für den Unterricht ein vorzüglicher Lehrerband.[4] Die Kritik allerdings fragte zu Recht: Da hat ein Jäger und Sammler in seiner Entdeckerfreu­de Bilder zusammengestellt assoziativ zu den Psalmen, die irgendwie aus dem antiken Nahen Osten stammen.[5] Da muss eine Ordnung her! Denn die Bilderwelt ist offenbar eine Gold­grube, die für die Forschung viel Potential ergibt. Der Aufbau eines Museums in Fribourg in der Schweiz,[6] der Katalog der Siegel,[7] der vorliegende Katalog der Ikonographie. Unter seiner Anleitung entstanden zahlreiche Dissertationen.[8] Seine Mitarbeiterin und Kollegin, Professorin in Bern, Silvia Schroer hat die mühsame Arbeit der Ordnung übernommen, aber auch mehr populäre Bücher veröffentlicht, beispielsweise die Körpersymbolik.[9] Beim ersten Band war Keel noch Mitverfasser. Dann allerdings fesselte ihn das Thema der Religions­geschichte Jerusalems.[10]

Nun also zum Handbuch Ikonographie als eine Religionsgeschichte Palästinas/Israels. Die vier Bände umfassen Band 1 Vom ausgehenden Mesolithikum bis zur Frühbronzezeit.  (Fribourg: Academic Press, 2005. 392 S.); Band 2 Die Mittelbronzezeit. 2008.  339 S.; Band 3 Die Spätbronze­zeit. (Fribourg: Academic Press, 2011. 457 S. Der vierte Band umfasst die Zeit vom Ende der Bronzezeit um 1200[11] bis zum Beginn der Perserherrschaft, also bis zur Exilszeit Israels (‚Babylonische Gefangenschaft‘, 597-520 v.Chr.).[12]  Mit Band 4 ist der Katalog abgeschlossen. Für die Zeit nach dem Exil ist ein Nachfolgeprojekt in Aussicht BIPOW Die Bildwelt Israels/ Palästinas zwischen Ost und West, das die Perserzeit und hellenistische Zeit behandeln wird. Der Band 4 also umfasst die Nummern 994-1974, d.h. die Hälfte des gesamten Katalogs und umfangmäßig 80% des Gesamtwerkes. Die Katalogeinträge sind sehr präzise knappe Beschreibungen des Bildthemas, der Fundort und eine Datierung, das Museum, in der das Objekt aufbewahrt und zu finden ist, die Größe, die Literatur, wo das Objekt schon erforscht wurde, Parallelen. Viele Objekte sind allerdings nicht in einer Grabung gefunden worden, die einen Kontext und damit eine präzise Datierung erlaubt, sondern irgendwie ins Museum gekommen, so dass die Datierung oft aus der Stilistik und Vergleich mit ähnlichen Stücken erschlossen wird.[13] Der Katalog ist chronologisch in drei Epochen untergliedert, dort dann nach Ikono­graphischen Themen sortiert, also etwa ‚Der Stier‘, ‚Herr der Tiere‘, ‚Göttin, Schlange, Taube und Granatapfel‘, ‚die nackte Göttin‘, ‚Sterne, Wächter und Mischwesen‘, ‚Wettergott‘, ‚Herrscher erschlägt Feinde‘. Diese Themen sind auch chronologisch in der Entwicklung und thematisch kontextualisiert in der Einleitung S. 60-88 behandelt, das Kapitel v. ergänzt die biblischen Bezüge aus Band 3, v.a. um Frauen und Göttinnen, die astralen Gottheiten und den Einfluss der brutalen assyrischen Herrschaftsideologie. Die knappe, aber umfassende Beschreibung des jeweiligen ikonologischen Themas benennt Orte und Zeiten, in denen das Motiv (in der ‚Umwelt‘) besonders gepflegt wurde und wie die Könige, die Propheten, wie die Psalmen und poetisch-liturgischen Texte das Motiv ver­arbeiten oder kritisieren im Bezug auf den Jhwh-Kult. Es ist auch möglich, anhand der ausführlichen Indices (für das Gesamt­werk S. 926-961 in kleiner Schriftgröße) zu finden, beispielsweise eine Bibelstelle, einen Fundort (mit kurzer geographischer Einordnung; dazu auch die Karten S. 13f), die gesuchten Motive (leider nicht immer unter­gliedert; etwa zu ‚Bovine, s.a. Kuh, Kalb, Rind, Stier‘ sind es an die hundert Katalog­num­mern. Differenzierter sind aber viele der großen Einträge wie ‚Feinde‘: unter Füßen, gefesselt, geköpft, gefesselt mit Nasenring usf., so auch unter Capride [Ziege, Antilope …], Frau, Gott, Göttin, Löwe, MusikantInnen. Die Joschijanische Kultreform kann ich nicht unter dem Namen des Königs finden, muss also über die Bibelstelle 2.Könige 22-23 suchen und das religionsgeschichtlich so interessante Kapitel 8 bei Ezechiel zum sog. Synkretismus[14] in Jerusalem, also viele Kulte neben dem Jhwh-Kult. S. 18 finde ich so nicht, S. 79 und 84 behandeln nur Details. Zu Recht hat Silvia Schroer die mangelnde Berücksichtigung der weiblichen Gottheit oder weiblichen Seite Gottes kritisiert (21) und in diesem Band einen besonderen Schwerpunkt: gesetzt 96-107. Israel/Palästina ist ein Land zwischen den Großmächten in Mesopotamien und Ägyp­ten, die S. 25-60 vorgestellt werden, dazu die Philister und Phönizier, Zypern und Griechen­land, Urartu und Hethiter.  Kapitel IV, 61-88, beschreibt die Themen der Bildkunst und wie sie sich in den drei Epochen der frühen Eisenzeit verändern: nächst den ägyptischen die auto­chthonen (‚einheimischen‘) Traditionen, unterschieden noch einmal von den nord­syrisch-anatolischen Motiven, wie Stier und Wettergott.

Der vierbändige Katalog findet in diesem Abschlussband eine glänzende Vollendung. Ob das schon eine ‚Religionsgeschichte‘ ist, sollte noch reflektiert und eingeschränkt werden. Die Bilder und Zeichen sind nur eine Dimension,[15] die eher der Elite zuzuweisen sind. Der Band ist ebenso ein Handbuch zum genauen Studium, wie die Zeichnungen der Objekte zum genaueren Nachschauen der Erklärung locken, zu den vergleichbaren Objekten, zum Motiv, zum Kontext. Und sie leiten die Leser dazu, die Bibel aufzuschlagen, um die ange­gebenen Stellen nachzulesen. Ein ausgezeichneter, sorgfältiger Band und ein Entdeckerbuch.

 

Bremen/Much, 16. Juli 2019
Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

………………………………………………………………………………………………………………

[1] Michael Pietsch: Die Kultreform Josias. Tübingen: Mohr 2013. Meine Rezension: Israels Religions­geschichte am Wendepunkt: Die joschianische Kultreform. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/. Christian Frevel: Geschichte Israels. Stuttgart: Kohlhammer 2016, 267-269.

[2] Othmar Keel: Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1972, 51996.

[3] Eine Zusammenstellung seiner Bücher findet man am einfachsten im Wikipedia-Artikel zu Keel.

[4] Keel/Schroer: Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht; Fribourg: Academic Press 2002; ²2008.

[5] Zur Kritik und Diskussion etwa die Beiträge in Bernd Janowski; Nino Zchomelidse (Hrsg.): Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 2003.

[6] BIBEL+ORIENT Museum in Fribourg.

[7] Vier Bände Studien 1985, 1989, 1990, 1994, dann das Corpus der Stempelsiegel-Amulette aus Palästina/ Israel. Von den Anfängen bis zur Perserzeit. Einleitung. Göttingen 1995, ISBN 3-525-53890-1. (Orbis Biblicus et Orientalis. Series Archaeologica 10), Band 1(1997)-5(2017). Noch nicht abgeschlossen.

[8] Um nur einige zu nennen: Thomas Staubli zum Image der Nomaden, Urs Winter zu Baum und Göttin, Christoph Uehlinger zum Turmbau zu Babel. Die von OK gegründete Reihe Orbis Biblicus et Orientalis umfasst 285 Bände, die neutestamentliche Reihe Orbis Biblicus et Orbis Antiquus NTOA ist bei Band 120 angelangt, dazu je eine Reihe series archaeologica.

[9] Silvia Schroer; Thomas Staubli: Menschenbilder der Bibel. Ostfildern 2014. Schroer: Die Körpersymbolik der Bibel. Darmstadt: WBG 1998, ²2005.

[10] 2 Bände, die in dem Handbuch und Reisebuch Orte und Landschaften der Bibel als Band 4,1 erschienen. Band 4,2 ist der unschätzbare Studienreiseführer von Max Küchler über Jerusalem von den Anfängen bis zur Neuzeit. 2007. Die zweite Auflage 2014 ist gekürzt (von 1266 auf 816 Seiten, also um ein Drit­tel), gestrafft, aber viele Alter­na­tiven in den Deutungen sind gestrichen. Ich ziehe die erste Auflage vor.

[11] Zu der Bewertung der Zerstörung durch die Seevölker, das ist die Sicht der Ägypter, und anderen Faktoren des Niedergangs und der Kontinuität Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt. München: Beck 2018, 577-662. Siehe meine Rez. auf dieser Internet-Seite: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/07/18/die-geburt-der-mediterranen-welt/

[12] Die Zeitangaben nennen nicht die ‚christliche‘ Ära, sondern nur a [wie ante Christum natum vor Christi Geburt], beziehen sich also auf die übliche Zeitrechnung, wie im Englischen sich eingebürgert hat, in wissenschaftlichen Texten nicht mehr BC (Before Christ), sondern BCE zu schreiben (Before Common Era).

[13] „Viele Katalogstücke sind nicht auf hundert Jahre genau, manche nicht einmal auf zweihundert Jahre genau datierbar.“ S. 7.

[14] Schroer 21: „Die Religion Israels und Judas vor dem Exil beschreibt man am zutreffendsten als polytheistisch.“ Der wichtige weitergehende Aspekt des Synkretismus ist damit nicht getroffen.

[15] Christoph Auffarth und Hubert Mohr: Religion. in: Metzler Lexikon Religion. Hrsg. von denselben und Jutta Bernard. Band 3. Stuttgart: Metzler 2000, 160-172.

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.