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Spielräume religiöser Pluralität

Bärbel Beinhauer-Köhler

Spielräume religiöser Pluralität: Kairo im 12. Jahrhundert.

(Religionswissenschaft heute 13)
Stuttgart: Kohlhammer 2018.

ISBN 978-3-17-035480-7. –
230 Seiten       39.-

 

Drei Religionen in einer islamischen Stadt des Mittelalters: Nebeneinander, Kommunikation, Spielräume, Konflikte

 

Kurz: Eine quellennahe Untersuchung des Lebens dreier Religionen in zahlreichen Konfessionen in der islamischen Stadt, Kairo – und das in der Zeit der Kreuzzüge.

Ausführlich: Im Kairo zur Zeit der schiitischen Fatimiden und ab den 1160er Jahren unter der Herrschaft der sunnitischen Aiyubiden (Saladin u.a.) lebten nah beieinander Muslime, Christen und Juden. Bärbel Beinhauer-Köhler beschreibt die Spielräume religiöser Pluralität des weitge­hend friedlichen Zusammenlebens.[1] Dabei stellt sie eine lange diskutierte These in Frage, dass nämlich mit der Islamisierung der Städte des östlichen und südlichen Mittel­meerraumes sich der Charakter der Städte grundlegend geändert habe: Statt freier Plätze, auf denen sich das Leben tummelte, sei es Markt, Gespräche, Volksversammlung, konzen­triere sich die islamische Stadt in Moscheen und Herrscherpalästen, die Häuser nach innen gekehrt mit vergitterten Fenstern.[2] Die Durchgangsstraßen werden zu Sackgassen für den Bazar.[3] Dem stellt BBK nun entgegen, dass es durchaus ‚Öffentlichkeit‘ gab, jedenfalls in der religiös pluralen Stadt Kairo. Mit dem Konzept Öffentlichkeit beschäftigt sie sich allerdings nicht weiter, sondern verweist nur auf die frühe und umstrittene Arbeit von Jürgen Haber­mas.[4] Die behandelt das Konzept allerdings im 18. Jahrhundert im Sinne politischer Teilhabe; ob man es auch für die Vormoderne verwenden kann, ist umstritten,[5] ohne dass BBK das problematisiert. Ihre Gegenthese argumentiert damit, dass es öffentliche Plätze und Märkte vor den Toren der Stadt gegeben habe; die These vom Niedergang der Polis (mit der Teilhabe aller [Männer] an Macht und Entscheidungen) allerdings bestätige sich wohl. Die Kategorien sind zu polar und grob; anderes wie Klientel und Familien-Dynastie sind hier einzubeziehen.

BBK stellt anhand der zeitgenössischen Quellen[6] zunächst den Palast und die Festung als „Repräsentationsmaschinerie“ vor (58-89), die zwar eine geschlossene Veranstaltung war, in die aber der jüdische Gelehrte Maimonides als Leibarzt Zugang hatte, während der Herrscher sich auch in der Stadt zeigte in Demonstrationen der Macht. Für die Religionen haben die muslimischen Herrscher zumeist Freiräume definiert, innerhalb derer die jeweilige Gruppe ihre Religion praktizieren konnte (90-139). Als Nicht-Muslime dhimmis hatten sie eine Steuer zu zahlen.[7] Der Herrscher El-Hakim zu Beginn des 11. Jahrhunderts, der u.a. 1009 in Jerusalem die Grabeskirche zerstören ließ,[8]  wurde selbst von den Muslimen für ‚wahnsin­nig‘ erklärt, zumal er auch eine Muslimenverfolgung befahl.[9] Er bildet eine Ausnahme. Dann folgen die Orte der Religion, beginnend mit Synagogen, dann Kirchen und Klöster, Mosche­en und schließlich Friedhöfe bzw. Mausoleen, in und um die herum die Lebenden wohn(t)en und ihren Geschäften nachgingen und nachgehen. Es folgen Räume der Wissenschaft (140-152), die sehr innovative Frage nach Frauen in der Stadt (153-175), Offene Räume (176-197) und endet mit einem Gang durch die Stadt 198-213. Ein Literaturverzeichnis mit Quellen und Forschungsliteratur sowie ein Index mit Orten, Personen, Sachen (wichtig!) vollenden den Band.[10]

Während in mittelalterlichen Städten gesellschaftliche Gruppen je in einem Quartier lebten,[11] gibt es Heiligtümer, die von Muslimen und Christen für Gottesdienste und Feste besucht wurden, manche sogar gemeinsam und gleichzeitig, etwa Marien-/Meryem-Heiligtümer, die es in Ägypten vielfältig gibt, da ja Maria und die ‚heilige Familie‘ vor Herodes Kinder­mord dorthin flohen (Matthäus 2,13-15). Das Phänomen von multireligiösen Heiligtümern haben untersucht etwa Carsten Colpe,[12] Dorothea Weltecke,[13] Ute Verstegen, Jens Kreinath.[14] Gravierend ist, dass BBK einen wichtigen Text nicht kennt: Im Auftrag von Kaiser Friedrich Barbarossa bereiste Burchard von Straßburg 1175 den Nahen Osten, um Saladin zu treffen (was ihm allerdings nicht gelang). Er machte sich genaue Notizen zur Geographie, zur Lebensweise der Einwohner, ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihrer Religion und Heilig­tümern. Darin findet sich eine ausführliche Erkundung von Kairo im 12. Jahrhundert. Die Beschreibungen sind so gar nicht, wie sonst eigentlich alle mittelalterlichen Reiseberichte, auf dramatische Ereignisse, Abenteuer aus, gespickt mit Übertreibungen und bedienen nicht die anti-islamischen Vorurteile des Publikums. Vielmehr beobachtet Burchard scharf und erkun­digt sich bei Ortskundigen. In dem Text liest man auch die ausführlichste Darstellung der Assassinen. Zu dem Text, überliefert in der Slawenchronik des Arnold von Lübeck 7, 8. De statu Egypti vel Babylonie,[15] gibt es eine hervorragende Monographie von Christine Thomsen, die auch die Fragen der Multireligiosität behandelt.[16]

Die gewichtige Frage, welche Bedeutung die Kreuzzüge für das Kairo des 12. Jahrhunderts (das ist der Untersuchungszeitraum des Buches) hatte, ist gestreift. Die These, dass der Bau von Moscheen ein Zeichen des Zusammenrückens der islamischen Konfessionen unter Schi­iten[17] und Sunniten angesichts der Kreuzfahrer gewesen sei (129-132), und die Bedrängung der Christen, als die Herrschaft der Fatimiden die Kontrolle verloren (120-124), sind wichtige Beobachtungen, der aber die andere entgegensteht, dass erst mit Saladin die Kreuzzüge als ein Krieg verstanden wurde, in dem ‚der Islam‘ sich zu einem gemeinsamen Dschihad sammeln müsse,[18] gerade Saladin aber nicht ‚die Christen‘ (die Migration aus dem Westen wie die lokal seit Jahrhunderten ansässigen) als Gegner verstand, sondern die eidbrüchigen Herrscher und die nur noch Krieg trainierenden Ritterorden hart bekämpfte, sonst aber für einen geschützten Freiraum für die Religionen sorgte.

Das Thema der drei (und unter sich noch einmal mehrfach unterschiedenen) Religionen in einer gemeinsamen Stadt, im mittelalterlichen Kairo des 12. Jh.s, hat Bärbel Beinhauer-Köhler in einer quellennahen Untersuchung beschrieben. Besonders das Kapitel zu Frauen und Gender ist hervorzuheben. Die angelsächsische Forschung ist sehr gut aufgearbeitet. Die Fragestellung hätte durch eine theoriegestützte Präzisierung an Schärfe und Vergleichbarkeit gewonnen: Für die Methode und Theorie von Räumen, Öffentlichkeit, Gruppenidentität, Religion wären hier gute Beispiele aus der Religionswissenschaft einzubringen.

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 Bremen/Much, 16. Februar 2019

Christoph Auffarth
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

[1] Bärbel Beinhauer-Köhler ist Professorin für Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Marburg. Im Folgenden ist ihr Name mit den Initialen abgekürzt: BBK.

[2] Die These von der defizitären islamischen Stadt (Max Weber) hat religionswissenschaftlich Hans G. Kippenberg aufgegriffen: Die vorderasiatischen Erlösungsreligionen in ihrem Zusammenhang mit der antiken Stadtherrschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, 436; 505. Kunsthistorisch interessant Hans Belting: Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks. München: Beck 2008.

[3] Das anthropogeographische Grundlagenwerk von Eugen Wirth: Die orientalische Stadt. 2 Bände, Mainz: von Zabern 2000, ³2002 ist nicht verwendet.

[4] BBK 48 ist etwas differenzierter als S. 14. Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Unter­suchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Neuwied: Luchterhand 1962. Bei Luchterhand erschienen 17 Auflagen, bevor 1990 der Suhrkamp Verlag eine Neubearbeitung in sein Programm übernahm, zuletzt 152018. Das Buch war Habermas` Habilitationsschrift, die im ersten Anlauf von der Frankfurter sozialwissenschaftlichen Fakultät abgelehnt wurde. Eine gute Dokumentation zur Diskussion über Habermas‘ normatives Konzept findet man unter https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturwandel_der_%C3%96ffentlichkeit (14.2.20202).

[5] Wichtig der umfangreiche und theoriebewusste Aufsatz Peter von Moos: Das Öffentliche und das Private im Mittelalter. Für einen kontrollierten Anachronismus. In: PvM: Öffentliches und Privates, Gemeinsames und Eigenes. Gesammelte Studien zum Mittelalter 3. [zuerst 1998, überarbeitet] Berlin 2007, 121-202.

[6] Sie sind meist in Übersetzung zitiert, vielfach sind auch arabische Begriffe genannt und erklärt. Etwa, dass das gleiche Wort kanisa verwendet wird für ‚Kirche‘ wie ‚Synagoge‘. Problematisch scheint mir, nicht religionswissenschaftlich erklärend einzugreifen, wenn  S. 153 behauptet wird, der Harem im Hofhaus sei „geradezu sakraler Nukleus islamischer und semitischer Familien- und Wohnstruktu­ren“ (Stefano Bianca 1991) – Für Wilhelm von Tyrus, der viele Jahre Erzbischof dieser Hafenstadt war und damit intimer Kenner der Region, verwendet BBK eine englische Übersetzung (215), die noch auf der veralteten RHC Ausgabe beruht, statt auf der neuen im CCM von R.B.C. Huygens 1986.

[7] Die Steuer wird nicht als Kopfsteuer (der Hausväter, ğizya) erhoben, sondern der religiösen Gemein­de, die sie dann umlegt auf ihre Mitglieder, meist nach sozialen Vermögen gestaffelt. Die Steuer war zu Zeiten und Orten sehr unterschiedlich; die spätantiken und byzantinischen Steuern galten als viel belastender. Das System der Steuer auf die Gemeinden haben die Osmanen im Millet-System weiter­entwickelt. Es ist daran orientiert und interessiert, dass die religiös und teils ethnisch ‚anderen‘ Gemeinden sich relativ autonom selbst organisieren.

[8] Thomas Pratsch (Hrsg.): Konflikt und Bewältigung. Die Zerstörung der Grabeskirche zu Jerusalem im Jahre 1009. (Millennium-Studien zu Kultur und Geschichte des ersten Jahrtausends n. Chr. 32) Berlin: de Gruyter 2011.

[9] Zu el-Hakim ist die wichtige Arbeit von Josef van Ess nicht verwendet, während die Forschungen von Heinz Halm aufgegriffen sind.

[10] An Fehlern ist mir aufgefallen: Jakob Burckhardt (26), das Kürzel KHS vor dem Namen Burmester erschließt sich mir nicht (90 A. 1). Hg. ist wohl Hl. [Heilige] (94), treasury (112), markanter Konvent (117). Hegeoumenos richtig: Hegumenos [Abt, griech. ἡγούμενος] (153).

[11] Musterbeispiel ist bis heute Jerusalem mit seinen vier Quartieren der Altstadt, das arabische, das griechische, das armenische und das jüdische Viertel. Oder Venedig nicht nur mit dem Ghetto, sondern auch etwa dem fondaco dei tedeschi, wo die deutschen Kaufleute wohnten.

[12] Carsten Colpe: Das samaritanische Pinehas-Grab in Awerta und die Beziehungen zwischen Hadir- und Georgs-Legende. In: CC: Das Siegel der Propheten. Historische Beziehungen zwischen Judentum, Judenchristentum, Heidentum und frühem Islam. (ANTZ 3) Berlin: Institut Kirche und Judentum 1989, 182-226.

[13] Dorothea Weltecke: Multireligiöse Loca Sancta und die mächtigen Heiligen der Christen. In: Der Islam 88(2012), 73-95. Weitere Bibliographie bei Verstegen 2018, 80 Anm. 11. Jens Kreinath: The Seductiveness of Saints: Interreligious Pilgrimage Sites in Hatay and the Ritual Transformations of Agency. in: Michael A. Di Giovine; David Picard (eds.): The Seductions of Pilgrimage: Sacred Journeys Afar and Astray in the Western Religious Tradition. Farnham: Ashgate 2015.

[14] Ute Verstegen: Andersgläubigkeit als Herausforderung. Mittelalterliche Pilgerzentren des östlichen Mittelmeerraums als Orte multireligiöser Praxis. Ein Beitrag zum Ambiguitätsdiskurs in den Kultur­wissenschaften. In: Benjamin Scheller und Christian Hoffarth (Hrsg.): Ambiguität und die Ordnungen des Sozialen im Mittelalter. (Das Mittelalter, Beiheft 10) Berlin: De Gruyter 2018, 77-103. Der Aufsatz beruht auf der Habilitationsschrift der Verfasserin: Heiliger Ort, sakraler Raum. Kontinuität und Wandel in der Inszenierung der Herrenorte in Jerusalem. [Habil. Erlangen-Nürnberg 2013; nicht gedruckt].

[15] In mittelalterlichen lateinischen Texten wird Kairo meist nova Babylonia genannnt.

[16] Christiane M. Thomsen: Burchards Bericht über den Orient. Reiseerfahrungen eines staufischen Gesandten im Reich Saladins 1175/1176. Berlin: De Gruyter 2018. – Meine Rezension: Ohne Vorurteile ins Land der Muslime – in der Kreuzfahrerzeit. In: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2018/08/03/burchard-ueber-den-orient/ (3.8.2018).

[17] Die wichtige Arbeit zu den Ismaciliten/Fatimiden von Markus Wachowski; Rationale Schiiten. Ismailitische Weltsichten nach einer postkolonialen Lektüre von Max Webers Rationalismusbegriff. (RGVV 59) Berlin: De Gruyter 2012 ist nicht aufgenommen.

[18] Zu den Verträgen zwischen je einzelnen westlichen christlichen Herrschern und muslimischen Herrschern s. Michael A. Köhler: Allianzen und Verträge zwischen fränkischen und islamischen Herrschern im Vorderen Orient. Eine Studie über das zwischenstaatliche Zusammenleben vom 12. bis ins 13. Jahrhundert. Berlin: De Gruyter 1991.

 

 

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