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Der Fall von Akkon

Roger Crowley: Der Fall von Akkon. Die letzte Schlacht um das Heilige Land.
Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Juraschitz.

Darmstadt: WBG Theiss 2020. 288 Seiten. ISBN 978-3-8062-4177-8
28€, auch als eBook erh.

Die letzte Kreuzfahrerburg wird 1291 erobert

Kurz: Sehr detailliert und sehr gut recherchiert erzählt Crowley die Einkreisung und dann die Belagerung, bis die letzte verbliebene Stadt-Burg der Kreuzfahrer an der Küste des ‚Heiligen Landes‘ erobert wird und die Kreuzfahrer fliehen. Wer an Militärgeschichte seine Freude hat, kommt ganz auf seine Kosten, aber die Aufklärung durch Geschichte fehlt.

Ausführlich: Das Buch steht in einer Tradition englischer Geschichtsschreibung, die für die Kreuzzüge der Historiker Steven Runciman verkörperte. Seine dreibändige Geschichte der Kreuzzüge (übersetzt von dem Sprachkünstler Peter de Mendelssohn) setzte den Maßstab,[1] den in glänzender Weise das neue Buch von Roger Crowley erfüllt: In großer Erzählkunst, spannend, sucht sich der Autor wichtige und zum Erzählen eindrückliche Ereignisse aus, beschreibt die Ausgangssituation, malt die Charaktere der Kontrahenten, lässt sie aufeinan­der los und beschreibt die Folgen. Die Erzählungen folgen den Quellen beider Seiten, die er meist aber aus Übersetzungen kennt.[2] Dazu kommt die Kenntnis der meisten Orte und Landschaften, die RC selbst bereiste. Akkon selbst hat er zusammen mit dem besten Kenner der Architektur der Kreuzfahrerzeit in allen Einzelheiten besichtigt.[3] Die Quellen bestimmen, was er erzählt, geben die Wertungen der Personen vor. Plastisch wird deutlich das Ende der Besie­de­lung Syrien-Palästinas durch die Kreuzfahrerherr­schaf­ten von Edessa im Norden über Antiochien, die Hafenstädte Antiochien, Sidon, Tyrus, Caesarea, Arsuf, Jaffa bis hinun­ter nach Alexandrien/Damiette in Ägypten. Stadt um Stadt erobert Baibars und eignet sich dafür, eigentlich Spezialist für den Bewegungskrieg mit Reitern in Schlachten, Techniken der Belagerung an. Die Mamluken, ehedem als Sklaven zum Militär gezwungen, mit dem sich die in Luxus und hoher Kultur lebenden Aiyubiden nicht selbst der Lebensgefahr aussetzen wollten, erheben sich gegen ihre früheren Herren und bilden – im Augenblick der schlimms­ten Be­dro­hung der bisherigen Herrschaft durch den ebenso massiven wie brutalen Erober­ungs­zug der Mongolen und dem Fall von Bagdad und Damaskus – selbst eine Herrschaft von Ägypten bis Nordsyrien. Was Saladin gelang, dem Kurden als Heerführer und dann als eigentlicher Herrscher, das vollendete der frühere Sklave Baibars und seine Nachfolger Qalawun und Khalil al-Aschraf, die Hauptfiguren des Geschichtsromans.[4] Wer in ihm Erdoğan erkennt, den Dschihad des ‚Islamischen Staates‘, Unmenschlichkeit, gebroche­ne Verträge, Krieg gegen das eigene Volk, die Westler, die blauäugig mit Geld sich freizu­kaufen versuchen, wird dazu eingeladen, ohne das auszu­sprechen.[5]

Wenn ich das Buch bis zur letzten Seite gelesen habe, frage ich mich als Religionswissen­schaft­ler und Historiker: Was habe ich daraus gelernt? Zum einen den Blickwechsel, nicht aus lateinischen Quellen allein,[6] sondern vor allem auch Quellen der Muslime. Die Namen und ihre Schreibweise hat ein Fachmann geprüft;[7] wie oft fallen andere Bücher in diese Falle! Das Buch ist nicht von einem Historiker geschrieben, erst recht nicht von einem Religions­historiker. Es ist Ereignisgeschichte von großen (oder weniger großen) Männern: Baibars „führte Krieg, … griff Jaffa an … und legte die Stadt in Schutt und Asche.“ (85). Er alleine?, wird man mit Bert Brecht fragen. Die Dif­ferenzen und Veränderungen im Verständnis des Dschihad oder die Beziehungen­ zwischen Ritterorden und Ribat, der Religion der neu be­kehr­ten Mamluken,[8] des Kurden Saladin, der Aiyubiden, die Religion der palästinensischen Christen gegenüber den Lateinern aus Frank­reich und den Normannen aus Süditalien[9] bleibt ohne Überlegung. Dafür reichlich Stereotypen, die Vorurteile bedienen. Geschichte als Aufklärung geht anders.

Dennoch: Wer sich für Mililtärgeschichte, Festungsbauten, Wurfmaschinen, spannend erzählte Schlachten interessiert, der findet hier genau recherchierte Details, den tagelang inspizierten Ort Akkon in allen Einzelheiten, gut ausgewählte Zitate und zur Illustration Abbildungen ein Bogen auch in Farbe.[10]

 

 Bremen/Much, November 2020                                             Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen

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[1] Sir Steven Runciman 1903-2000 war englischer Historiker der alten Schule. Sein Blickwinkel war vom Byzantinischen Reich aus, dessen Regionen er aus eigener Anschauung kannte und dessen Sprachen er beherrschte. Eine Zeitlang war er Professor in Istambul, im übrigen war er aber so reich, dass er als Privatgelehr­ter forschte und schrieb. Er erzählte neben der Geschichte der Kreuz­züge 1951-1954 in drei Bänden, 1957-1961 auf Deutsch, die vielen Nachdrucke meist ohne die Quellen­angaben. Die Ge­schichte des bulgarischen Reiches, Der Fall von Konstantinopel, die Sizilianische Vesper, die Griechen unter türki­scher (osmanischer) Herrschaft. Sein Geschichtsbild war britisch, d.h. zwar eurozentrisch aber nicht auf Europa beschränkt, international im Bewusstsein des Empire.

[2] Der Verfasser Roger Crowley (*1951) war Reader für englische Literatur an der Universität Cam­bridge, bereist das Mittelmeer, lebte sowohl auf Malta wie in Istambul, jetzt wieder in England. Be­kannt durch historische Sachbücher über Portugal, Die Eroberung von Konstantinopel 1453, Venedig u.a. Die englische Wikipedia attestiert ihm: „He has a reputation for writing page-turning narrative history based on original sources and eyewitness accounts combined with careful scholarship.”

[3] S. Denys Pringle hat die gültigen Handbücher erarbeitet: Secular buildings in the Crusader Kingdom of Jerusalem. An archaeological gazetteer. 1997. The churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. A corpus. 4 Bände. Cambridge: Cambridge University Press 1993-2009.

 

[4] Klassische Stereotypen für einen Orientalen: listig bis hinterlistig, brutal, immer Terror verbreitend. „Dem Vernehmen nach saß etwas Böses in seinem Auge.“ (66f).

[5] Ausgesprochen ist dieser Gegenwartsbezug im Titel des anderen Buches 1453: The Holy War for Con­stan­ti­nople and the Clash of Islam and the West. New York: Hachette Books, 2005. „Islam and the West” oder “The West against the rest” waren die Lehren aus Samuel Huntingtons Clash of Civilizations 1996.

[6] Immer häufiger werden Quellen nicht richtig zitiert, so auch hier: Autor, Titel, Buch, Kapitel, erst dann die Edition oder Übersetzung (und die Seite). Wenn man nicht genau die Edition greifbar hat, kann man das Zitat und Kontext nicht finden.

[7] Hannes Möhring als Historiker und Orientalist ist dafür ein Fachmann. Die Umschrift der arabischen Namen ist eine Mischung aus Zugeständnissen an deutsche und englische Lautregeln, nicht die offizielle Umschrift mit ihren Diakritika: Dschihad, Aiyubiden etc. Akzeptabel für ein Sachbuch.

[8] Zur Ismailiya der Mamluken Markus Wachowski: Rationale Schiiten: Ismailit­ische Weltsichten nach einer postkolonialen Lektüre von Max Webers Rationalismusbegriff. (RGVV 59) Berlin: de Gruyter, 2012. Heinz Halm: Kalifen und Assassinen. Ägypten und der Vordere Orient zur Zeit der ersten Kreuzzüge 1074-1171. München: Beck 2014. 

[9] Diese Web-Seite: Oliver Becker: Die Architektur der Normannen in Süditalien im 11. Jahrhundert. Affalterbach: Didymos 2018. In: https://blogs.rpi-virtuell.de/buchempfehlungen/2019/07/30/die-architektur-der-normannen/ (30.7.2019).

[10] Was für die Quellen gilt (Anm. 6), muss erst recht kritisch für die Abbildungen angemerkt werden: Es gibt zwar eine Liste der Abbildungen, die Copyright ist hinterlegt, aber von wann und aus welcher Handschrift u.ä. sie stammen, ist nicht nachgewiesen.

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