Bultmann – Jonas – Briefwechsel

Rudolf Bultmann – Hans Jonas: Briefwechsel 1928-1976

Mit einem Anhang anderer Zeugnisse.

Hrsg. Andreas Großmann.

Tübingen: Mohr Siebeck 2020. XXV, 161 Seiten. Leineneinband.
ISBN 978-3-16-159284-3
69.-

Die Freundschaft des christlichen Theologen mit dem jüdischen Philosophen

Kurz: Die Freundschaft zwischen dem Marburger Professor für Neues Testament, Rudolf Bultmann, und dem 17 Jahre jüngeren Philosophen Hans Jonas war geprägt durch genaues Zuhören und sorgfältig erwogene Einwände. Sie bestand über die Shoa (‚Holocaust‘) hin­weg; Bultmann teilte nicht die antijüdischen Gemeinheiten und Hetze mancher seiner neu­testamentlichen Kollegen und besonders des anderen Lehrers von Jonas, Martin Heidegger.

Ausführlich: Zwei sehr unterschiedliche Biographien und doch eine lebenslange Freund­schaft. Rudolf Bultmann, am 20. August 1884 im Oldenburger Wiefelstede als Pfarrerssohn geboren und am 30. Juli 1976 in Marburg gestorben, blieb als Doktorand und als Professor für Neues Testament nahezu sein ganzes Leben in Marburg (nach der üblichen Wander­schaft als Student und einer kurzen Zeit als Professor in Breslau und Gießen), wagte aber nach der Emeritierung sich englischem und amerikanischem Publikum zu stellen.[1] Hans Jonas hingegen hatte ein sehr bewegtes Leben, vor allem auch wegen der Verfolgung und dem Kampf gegen den Nationalsozialismus.  In Mönchengladbach 10. Mai 1903 geboren starb er als berühmter Philosoph am 5. Februar 1993 in New Rochelle nahe New York. Als Jude verließ er NS-Deutschland schon im September 1933 nach London, dann nach Israel, meldete sich als Soldat im Untergrundkampf für den erhofften Staat Israel, dann in der britischen Armee und siedelte sich mit der Familie 1949 erst in Kanada,[2] ab 1955 in der Nähe New Yorks an, wo er Philosophieprofessor wurde, aber immer wieder auch Gastprofessuren annahm. Hans Jonas[3] schrieb sich in Bultmanns Seminar ein (zu dem man sich persönlich anmelden musste, zusammen mit seiner engen Studienfreundin Hanna Arendt)[4] und Bultmann betreute die Dissertation über Der Begriff der Gnosis.[5] Aber ein Jude konnte nicht zum Dr.theol. in einer evangelisch-theologischen Fakultät promoviert werden. Nominell Erstgut­achter war Martin Heideg­ger (1889-1976), der in Marburg mit RB gut befreundet, dann nach Freiburg berufen, dort der nationalsozialistische Rektor der Universität wurde und sich am 27. Mai in seiner Rektorats­rede ausdrücklich zum Nationalsozialismus und Führerprinzip bekannte. HaJo folgte ihm nach Freiburg, aber verließ schon im September Deutschland. Bultmann lehnte den Nationalsozialismus ab und engagierte sich in der Bekennenden Kirche, forderte aber eine moderne Interpretation der Bibel. Das Programm der Entmytho­logisierung entsprach auch HaJo, der den Begriff schon vorher verwendet hatte.[6] Als HaJo Jahre später den Ruf auf die Professur für Philosophie nach Marburg erhielt, konnte er im Jahre 1960 nicht annehmen (46): „… aber über den Schatten (der Vergangen­heit) springen […] konnte ich am Ende doch nicht“. Seine Mutter war in Auschwitz ermordet worden.

Der Briefwechsel[7] enthält 59 Briefe und Postkarten, fünf davon zwischen 1928 bis 1938, dann beginnt HaJo ihn wieder 1952 mit „Ich weiß, dass dieser Brief um Jahre zu spät kommt“ (14). RB war auch praktisch behilflich, als es um Anerkennung der Pensionsansprüche HaJos ging (116f; ebenso 119-123 Heidegger – nicht im Sachregister). Bultmann besuchte auf seinen USA-Reisen HaJo und Familie, umgekehrt auch HaJo mehrfach in Marburg (34; 126). Interes­sant ist der Austausch über Eric Voegelin 31-34 zu dessen Aufsatz „Religionsersatz“. Dass HaJo selbst sich einen Mythos aus­dach­te, als er zu einem Vortrag über Unsterblichkeit gebeten wurde, nach dem Gott sich aus seiner Allmacht zurückzieht,[8] bedenkt RB ausführ­­lich BW 58-61 und HaJo antwortet ebenso ausführlich 64-68, ein Höhepunkt der Buches! Und natürlich ist der Vortrag HaJos auf der Gedächtnisfeier für RB eine Rede der Freundschaft, die dennoch nicht nur lobt, sondern ein differenziertes Bild eines souverän-dialogischen Gelehrten und seiner Ideen zeichnet.

Der Band enthält Texte, die schon andern Orts gedruckt sind. Besonders die Kritische Gesamt­ausgabe der Werke von Hans Jonas versammelt im Band III/1 Texte, die das Leben lang dauernde Beziehung des theologischen Lehrers mit dem Philosophen bezeugen.[9] Das be­ginnt mit dem Brief vom 13. Juli 1929, in dem HaJo von Freiburg aus, wohin er Heidegger aus Marburg gefolgt war, auf 8 handschriftlichen und 7 auf der Maschine geschriebenen Seiten auf einen Aufsatz von RB zu Paulus antwortet,[10]  gewissermaßen ein Aufriss zu einem ein Jahr später erschienenen Buch.[11] Dann die beiden Briefe zu dem Aufsatz HaJos über Un­sterb­lichkeit.[12] Die Rede HaJos zur akademischen Trauerfeier in Marburg „Im Kampf um die Möglichkeit des Glaubens. Erinnerungen an Rudolf Bultmann und Betrachtungen zum philo­­sophischen Aspekt seines Werkes“, die auf Erich Dinklers Würdigung des theologischen Aspekts folgte.[13] RBs Brief zur Festschrift für HaJos 75. Geburtstag 1978.[14] Und die kurze englische Würdigung zum 100. Geburtstag 1984.[15] Fehler gibt es so gut wie keine.[16] Der Band ist erschlossen mit Orts-, Personen-, Sachregister. Der Verlag hat seine bei ihm gewohnte Qualität erfreulicher Weise erfüllt: Gut lesbarer Druck, fadengeheftet, blauer Leineneinband, in Papier eingeschlagen. Gut so, auch wenn das kostet! Die Briefe ohne Kürzungen zu lesen ist wertvoll und manches Detail über das Kommunizieren über Briefe, Telephon, Flugzeug haben ihren eigenen Reiz und Wert.

 

Die Einleitung des Herausgebers Andreas Großmann[17]  (xi-xxv) hebt hervor, was ihm in der Korrespondenz positiv aufgefallen ist. Er geht kaum darüber hinaus. Es bleibt für mich ein Problem: RB hat in seiner Religionsgeschichte,[18] die er kurz nach dem Kollaps der NS-Herr­schaft veröffentlichte, einerseits das Werk drei jüdischen Freunden gewidmet,[19] andrerseits das antike Judentum als schwärzeste Religion dargestellt, aus der die Predigt des Juden Jesus etwas herausragt, doch auch die bleibe jüdisch. RB verneint die jüdische Wurzel des Chris­ten­tums. Vielmehr sei die neue Religion mit seinem Kultheros Kyrios Christos eine helleni­stische, also aus dem Griechischen hervorgegangene Religion. Das antike Judentum dient als Negativfolie für das strahlende Christentum.[20] Der ‚historische‘, also jüdische Mensch Jesus ist für das Christentum unbedeutend. Auferstanden ist der Kyrios Christus in den Glauben. Man kann sehr viel Positives sagen zu Bult­manns Haltung zu den zeitgenössischen Juden und seinen Freundschaften wie der zu Hans Jonas. Das hat aber nicht dazu geführt, dass er sein (und seiner neutestamentlichen Kollegen) Geschichtsbild revidiert hätte. Die zweite Verste­hensbarriere ist die ‚Theologie nach Ausch­witz‘. Für Jonas war schon das christliche Gottes­bild, wie es Augustinus glaubte, aus Paulus entnommen zu haben,[21] ein Problem, das er in seiner kleinen Mono­graphie 1930 diskutier­te.[22] Nach der historischen Erfahrung von ‚Ausch­witz‘ aber muss das Gottesverständnis neu gedacht werden. Wo war Gott, als sein Volk er­mordet wurde? Die eine Antwort ist: Es gibt keinen Gott. Die andere legt die Gottesverant­wortung in die Verant­wortung der Menschen, sich unbedingt für das Leben einzusetzen. Das hat HaJo dann angesichts der Atomkraft und der Möglichkeit, die Menschheit zu ver­nichten, in seinem Buch Prinzip Verantwortung 1977 aus­geführt. Für Bultmann war Ausch­witz nicht dieser existenzi­elle Aufschrei, der ein Um­den­ken der Theologie notwendig macht. Jürgen Molt­mann hat in Der gekreuzigte Gott (1972) ein solches Umdenken auch in der christ­lichen Theologie realisiert: Wenn Gott Auschwitz zulässt, dann kann er nicht allmächtig sein. Der leidende Gott macht sich solidarisch mit den Menschen, wird selbst Mensch und erleidet den Tod. Nur wird hier ein christlicher Gott gezeichnet für die jüdische Shoa. Das birgt in sich die Gefahr, dass die Täter sich zu Opfern machen.[23]

 

 Bremen/Much, November 2020                                                      Christoph Auffarth

Religionswissenschaft,
Universität Bremen
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[1] Eine bedeutende Biographie des Wissenschaftlers hat Konrad Hammann: Rudolf Bultmann. Eine Biographie. Tübingen: Mohr Siebeck 2009, ²2009, ³2012 verfasst, dazu Rudolf Bultmann und seine Zeit. Biographische und theologische Konstellationen. Tübingen: Mohr Siebeck 2016. Hammann ist vor wenigen Wochen im Oktober 2020 überraschend gestorben; seine Forschungen zu Bultmann sind sehr sorg­fältig. Bultmanns Namen kürze ich im Folgenden mit den Initialen RB ab.

[2] Im Brief vom 11.12.1952 berichtet: BW 16f. Die neue Lebenswelt in Kanada und den USA stellte ganz andere Themen, zum Organischen und den Lebensstufen. – RB antwortet vier Wochen später.

[3] Die sehr interessanten und lesenswerten Erinnerungen nach Gesprächen mit Rachel Sala­mander. Hrsg. und Nachwort Christian Wiese. Frankfurt am Main: Insel 2003 erschienen zum 10. Todesjahr. Im Folgenden kürze ich den Namen mit HaJo ab.

[4] Erinnerungen 2003, 108-128, Arendt 111. BW 15, Anm. 18 zum WiSe 1925/26. Nicht bei Hammann. Von Arendts Anmeldung ist überliefert, dass sie unter der Bedingung am neutestamentlichen Seminar teilnehmen wolle, dass dort keine antijüdischen Urteile ausgesprochen würden – eine berechtigte Befürchtung bei vielen Neutestamentlern der Zeit, wie etwa gerade zu Gerhard Kittel geforscht wird. Vgl. [Rez] “Entjudung” – Kirche im Abgrund. Von Oliver Arnhold http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2011/08/04/entjudung-kirche-im-abgrund-von-oliver-arnhold/ (4.August 2011). – Seine Gedenkrede auf Arendt schickt HaJo Bultmann zu BW 106-108.

[5] Die Gutachten sind abgedruckt BW 111-115.

[6] Hammann, Bultmann und seine Zeit 2016 (wie Anm. 1), 85. Zu dem „kleinen Sturm“, den die Entmytho­logisierung in Deutschland „heraufbeschworen“ habe und das „Ketzer-Richten“ (Bultmann, BW 21f) die knappe Anm. 44. Jonas BW 126-128.

[7] Während auf dem Außentitel beide als Autoren genannt werden, nennt die Titelseite nur Bultmann als Autor des Briefwechsel[s] mit Hans Jonas, obwohl der Band Briefe und Texte von beiden enthält. Im Folgenden abgekürzt mit BW.

[8] 1961, später wieder in Gottesbegriff nach Auschwitz 1961. Gut bibliographiert BW 51 A. 114.

[9] Hans Jonas: Metaphysische und religionsphilosophische Studien. Hrsg. von Michael Bongardt, Udo Lenzig, Wolfgang Erich Müller. (Kritische Gesamtausgabe von Hans Jonas, hrsg. Dietrich Böhler, Michael Bongardt, Holger Burckhart, Christian Wiese, Walther Ch. Zimmerli, Band III/1. Freiburg: Rombach 2014 (im Folgenden HaJo, KGA III/1). Der Herausgeber des BW bezieht sich nirgendwo auf diese Ausgabe. Im Folgenden abgekürzt mit KGA.

[10] Das „Briefmonstrum“ gibt BW 2-12 in der Reinschrift = HaJo, KGA III/1, 23-33 gibt den hand­schriftlichen Entwurf (Abb. s. v) wieder. Dort sind auch die unterstrichenen und die durchgestriche­nen Wörter und Sätze angegeben, was im BW nicht geschehen ist. In HaJo, KGA III/1, 467-473 ist ein „Protokoll der Seminarsitzung vom 21.1.1928: Das Freiheitsproblem bei Augustin“. Die Herausgeber nehmen an (534), dass es sich um das Referat handelt, das HaJo im Seminar von Heidegger vortrug.

[11] Hans Jonas: Augustin und das paulinische Freiheitsproblem. Ein philosophischer Beitrag zur Genesis der christlich-abendländischen Freiheitsidee. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 1930; erweitert ²1965. Der Band erschien in der von RB herausgegebenen Reihe Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments. Für das ebenfalls in dieser Reihe erschienene Hauptwerk von HaJo, die als Dissertation bei Martin Heidegger 1930 begonnene Gnosis und spätantiker Geist. Teil 1: Die mytholo­gische Gnosis. 1934, ²1954 [xvi, 456 Seiten]; Teil 2,1: Von der Mythologie zur mystischen Philosophie. 1954 (xv, 223 Seiten), Teil 2,2, hrsg. von Kurt Rudolph (Seiten 225-410) 1993. schrieb RB ein Vorwort, wieder in BW 117f.

[12] HaJo, KGA III/1, 367-371 RB und 371-376 HaJo. Der Briefwechsel wird aber in der Form abgedruckt, wie der Verlag Vandenhoeck&Ruprecht ihn gekürzt druckte am Ende des Taschenbuchs HaJo: Zwischen Nichts und Ewigkeit. Göttingen 1963, 63-72. Vollständig in BW 57-62; 63-68

[13] Auf der Feier am 16.11.1976 etwas gekürzt vorgetragen: BW 123- HaJo, KGA III/1, 377-405 mit der Angabe der Varianten in den englischen Fassungen. Vgl. Einleitender Kommentar zur KGA lix-lxiii.

[14] BW 143 = HaJo, KGA III/1,

[15] BW 143-146 = HaJo, KGA III/1,

[16] Falsche Trennung 65 Schuldigs-einkönnen.

[17] Leiter des Forum interdisziplinäre Forschung (FiF) der Technischen Universität Darmstadt und Dozent für Philosophie.

[18] RB: Das Urchristentum im Rahmen der antiken Religionen. Zürich: Artemis 1949 (und viele Nach­drucke). Dazu Andreas Lindemann: Religionsgeschichtliches Umfeld des Neuen Testaments. In: Christof Landmesser (Hrsg.): Bultmann Handbuch. Tübingen: Mohr Siebeck 2017, 240-248.

[19] Vgl. Hammann, Bultmann und seine Zeit (wie Anm. 1) 2016, 58. Zur Darstellung des Juden Jesus, der nicht innerhalb einer Theologie des Neuen Testaments zu behandeln sei, S. 61 „Dabei ist das Bild des nachexilischen Judentums, in das Bultmann die Botschaft Jesu hineinzeichnet und von dem er sie zugleich abhebt, zweifellos auch von etlichen historischen und sachlichen Fehlurteilen mitbestimmt, die er weitgehend unkritisch aus den einschlägigen Darstellungen Wilhelm Boussets und Emil Schürers übernommen hat. Bultmann stützt sich auf die Darstellungen von Wilhelm Bousset, Kyrios Christos 1913, ²1916. RB, Geleitwort zu 51965. Ders.: Die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter. Berlin: Reuther u Reichert 1903, ²1906 [stark gekürzt als Göschen-Heft 1912]. Dazu jetzt Sascha Gebauer: Hugo Greßmann und sein Pro­gramm der Religionsgeschichte (BZAW 523) Berlin: De Gruyter 2020. Jan Höffker: Das Chris­tentumsve­rständnis Wilhelm Boussets. Evangelische Theologie im Spannungsfeld von Historismus und Ratio­nalismus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020.

[20] (Unbewusst) antijüdische Einstellung Bultmanns haben mehrere Wissenschaftler konstatiert, v.a. Wolfgang Stegemann in: Kirche und Israel 5(1990), 19-33. Das lehnt Konrad Hammann rundweg ab: RBs Begegnung mit dem Judentum. ZThK 102(2005), 35-72. ND in: Ders., Bultmann und seine Zeit 2016, 41-76. Ders.: Bultmann und das Judentum. In: Landmesser, Handbuch (wie Anm. 18), 161-167.

[21] Aus einer falschen Übersetzung von Römer 5,12 konstruierte Augustinus die „Erbsünde“: der Mensch kommt als Sünder auf die Welt. Und die Gnade Gottes/Begnadigung des eigentlich zum Tode verurteilten Sünders trifft nur Auserwählte. Die Welt ist heillos, das Heil gibt es erst nach dem Tod.

[22] Wie oben Anm. 11.

[23] Christoph Auffarth: Auschwitz: Der Gott, der schwieg, und vorlaute Sinndeuter. Eine Europäische Religionsge­schichte fokussiert auf einen Erinnerungsort. In: Adrian Hermann; Jürgen Mohn (Hrsg.): Erinnerungsorte der Europäischen Religionsgeschichte. Würzburg: Ergon 2015, 463-501, zu Moltmann 485-487.

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