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Origenes: Die Homilien zum Ersten Buch Samuel

#origenes_bd7 (Page 1)Origenes: Die Homilien zum Ersten Buch Samuel .
Eingeleitet und übersetzt von Alfons Fürst. (Origenes Werke Deutsch OWD 7) Freiburg im Breisgau: Herder 2014.

[ISBN:978-3-451-32908-1 ]

 

Die Hexe von Endor und andere Predigten von Origenes

Kurz: Der Band 7 der Ausgabe der Werke des Origenes mit deutscher Übersetzung enthält sehr bezeichnende Texte des großen Theologen-Philosophen (185-254 n.Chr), die Alfons Fürst hervorragend einführt.

Ausführlich: Dank des Fleißes von Alfons Fürst ist ein weiterer Band von der Origenes‘ Werkausgabe erschienen, die Text und Übersetzung diesmal der Predigten zu den Samuel- und Könige-Büchern präsentiert. Das Glanzstück stellt die Predigt zu der Totenbeschwö­rung Königs Sauls mit Hilfe der Wahrsagerin (Luther nannte sie ungenau „die Hexe“) von Endor, 1 Sam 28, 3-25, besonders weil sie in der originalen Sprache des Origenes erhalten ist, auf Griechisch. Origenes hat die schwierige Aufgabe zu meistern, ob für Christen noch ein Hades existiert und wie das mit dem Abstieg des toten Christus in den Hades zu verstehen sei (Im Glaubensbekenntnis „hinabgestiegen in der Reich des Todes“; in der orthodoxen Osterikone zerbricht Christus dabei die Pforten der Hölle und führt heraus die Erzmütter und Väter, die an Christus glaub­ten, bevor er auf Erden auftrat). „Weniger berühmt, aber eine Perle aus der philosophischen Auslegung“ (Fürst, S. 3) ist die einleitende Predigt (in der lateinischen Übersetzung des Ru­finus), wo Origenes anhand der Phrase vir unus über seine eigene Rolle nachdenkt, die ihn, den einzigartigen Prediger und Intellektuellen in Distanz zur zuhörenden Gemeinde bringt. Wichtig die Methode der Auslegung in der Anm. 28 (S. 132f), dass O zwar erst den Text aus dem Text erklären will, aber wenn das nicht zu einem Ergebnis führt, dann breit auch andere wissenschaftliche Quellen hinzuzieht. Die Kinder des Elkana mit seiner einen Frau und dem späten Samuel mit Hanna bezieht O auf das Verhält­nis von guten Werken und Gnade (c.5; dazu Fürst in der Einleitung S. 50-59). In der praefatio zu der Predigt (Ende von c. 1, S. 122), die er ausnahmsweise in Jerusalem hielt, weiß er, dass die Worte des Bischofs, den er vertritt, immer die Worte eines sehr freundlichen Vaters lenissimi patris sind, er dagegen bittere Medikamen­te amara medicamenta mitgebracht habe. Seine strenge Moralpredigt ist zwar als heilsamer Tadel gemeint, aber hat wenig Erfolg und erzeugt den Abstand zur Gemeinde. In einem neu (2012) gefundenen Text bestätigt O die Notwendigkeit von eindeutiger Lehre, die Häresien verhin­dere (15). Die Predigt zum ‚einzigartigen‘ (s. 126 A. 19 zur philologischen Genauigkeit des O) Vater des Samuel gehört zu den seltenen Selbst­äu­ßer­ungen des Philosophen-Theologen, die ganz dem Einheitsdenken des spätantiken Plato­­nis­mus entspricht und die von den Christen jede Spaltung (schismata 1 Kor 1,10; vgl. die gut begründete Anm. 22 auf S. 130) zu verhindern verlangt.

Der aufregenden Geschichte von König Saul, der eine Totenbeschwörerin bittet, mit dem verstorbenen Propheten Samuel Kontakt aufzunehmen, und offenbar erfolgreich mit diesem magischen Ritual ein authentisches Jahwe-Orakel zu erhalten (1Sam 28), obwohl dies explizit gegen den Monotheismus verstößt (Deuteronomium 18,10f), widmet sich die griechisch erhaltene Homilie (Text und Übersetzung 202-237, Einführung 60-101). In der Umwelt, aber auch unter Christen war Magie offenbar Praxis, auch wenn rhetorisch massiv Ein­wände formuliert wurden. Während andere christliche Autoren behaupten, nicht Samuel sondern ein Dämon sei Saul erschienen, und scharfe Kritik an O.s Auslegung einsetzte (76-91), ver­weist O auf die Wahrheit des Totenorakels. Erstaunlich, wie in diesem Fall O den Text genau auslegt und auf den Wortlaut pocht, wo er doch sonst die Allegorese liebt. Sein Argument ist stark, das seiner Gegner schwach: Das, was der Toten­geist voraussagt, erweist sich als wahr. (Hier erklärt AF Wichtiges zur Frage der Inspiration: letztlich ist der Heilige Geist der Autor. 212 Anm. 18 + 21; S. 94f) Am Schluss bemüht O ein großes Argument für den nicht so schwer­wiegenden Text: Auch Christus stieg in die Unterwelt. Die katabasis, prominent im Glaubensbekenntnis, ist allenfalls angedeutet in der Bibel. Glänzend stellt AF in Anm. 457 (S. 97) fest: der biblische Bezug geht eher auf Apg 2, 25-31, wo Psalm 16,10 zitiert wird, denn auf 1Petr 3,19. Als gemeinsame Aussage stellt O fest den Propheten, der auch den Toten die Erlösung predigt.

Die Predigten sind Mitschriften. Ein sehr deutlicher Beleg ist der Vorfall in der lat. Homilie c.10 (S. 152, Z. 15ff), wo just in dem Augenblick, wo O von Hannas Jubel spricht, jemand unter den Zuhörern einen epileptischen Anfall bekommt. – Der Band ist auch wichtig für die (sehr fragmentarische) Überlieferung der Texte des Origenes. Sehr sorgfältig stellt AF das dar S. 102-114. Hier eine griechische Homilie neben einer lateinischen. Dazu ein Papyrus, der sich eher als Exzerpt herausstellt, und die Streitschrift eines anderen Theologen, Eusta­thios, die direkte Zitate enthält.

Nicht erhalten ist eine Predigt zu dem Urteil des weisen Richter Salomon, wobei Origenes in der Auslegung behauptet, die Mutter mit dem toten Baby repräsentiere die Juden, die mit dem lebenden Kind versteht er als Repräsentantin der Christen (Predigt zu Josua 3,4, zitiert S. 4 Anm. 4).

Wieder ein reicher Band mit höchst interessanten Texten, die AF mit seinen Einführungen und den knappen Kommentaren sowohl in das Werk des Origenes einfügt wie in die zeitge­nössische Philosophie und Wissenschaft. Die Übersetzung ist – einmal mehr – sehr genau im Blick auf den lateinischen bzw. griechischen Text und gleichzeitig sehr gutes Deutsch. Das ist ein meisterliches Werk.

 

  1. November 2014                                                                                   Christoph Auffarth
    Religionswissenschaft
    Universität Bremen

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