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Origenes: Über das Gebet

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Origenes: Über das Gebet

Eingeleitet und übersetzt von Maria-Barbara von Stritzky
(Origenes Werke Deutsch OWD 21)
Freiburg im Breisgau: Herder 2014.
[ISBN: 978-3-451-32947-0 VII, 392 S.]

 

Wozu und wie beten? Origenes erklärt

Kurz: Der große christliche Intellektuelle erklärt in dem Text um 230 n.Chr., wozu das Gebet gut ist. Am Beispiel des Vaterunsers erklärt er das Vorbild für das beste Gebet.

Ausführlich: Das Buch über das Gebet (περὶ εὐχῆς; lat. de oratione, abgekürzt orat. ) ist eines der (wenigen) Werke, das in der originalen griechischen Sprache des Sprachkönners Origenes überliefert ist. Als griechischer Text ist gedruckt die Ausgabe, die Paul Koetschau in den GCS 1896 aus der einzigen Handschrift herausgab und die er bald 30 Jahre später in den BKV² übersetzte.[1] Dieser Band der Origenes‘ Werkausgabe verbindet eine philosophische Reflexion, ob Beten zu Gott  überhaupt sinnvoll sei, mit der anderen großen Fähigkeit des Origenes, biblische Texte auf der intellektuellen Höhe der Philosophie seiner Zeit auszulegen und gleichzeitig damit den einfachen Gläubigen auch hilfreich zu sein. So stehen am Ende so praktische Fragen, wie man steht und sich hält beim Beten und in welche Richtung man bete.

Die Einleitung und Übersetzung beruhen auf langjähriger Beschäftigung der Autorin[2] mit dem Text.[3] MBvS führt auf 90 Seiten ein zum Autor, zur Entstehungszeit 232-235 n.Chr., als Origenes nach seinem Konflikt in Alexandreia schon nach Caesarea übergesiedelt war. Origenes gibt erst eine systematische Erörterung über den Sinn und die Voraussetzungen des Betens unter den logischen Regeln der Philosophie seiner Zeit und setzt sich auseinander, wie man mit den begrenzten Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis Gott und die himmlische Welt „erfassen“ kann (καταλαμβάνειν). Damit erhebt er den „Anspruch des Christentums, die wahre Philosophie zu sein.“ (S. 15) Ein für Origenes zentraler Begriff ist die Apokatastasis (ἀποκατάστασις), etwa als „Wiederherstellung des Urzustandes“ zu verstehen. Er erläutert das an dem Satz der Gottesebenbildlichkeit in Genesis 1,26: Luther übersetzte „Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Was Luther zwei Mal mit dem gleichen Wort Bilde übersetzt, sind aber im Hebräischen zwei verschiedene Wörter. So auch in der griechischen Bibel: Eikon und Homoiôsis (εἰκών, ὁμοίωσις).[4] Das „Bild“ Gottes, das die Menschen in sich tragen, sei zwar durch den Sündenfall entstellt, aber die in dem zweiten Substantiv enthaltene aktive und prozesshafte „Angleichung“ ermöglicht es den Menschen, wieder Gott ähnlich zu werden: dank der Menschlichkeit Gottes als Christus (er ist die von Gott gewollte Eikon/Ikone) in den intellektuellen Kompetenzen der Weisheit und des Logos. Dadurch können Menschen ihren von Gott geschaffenen und gewollten Zustand wiederherstellen. Wenn Christus das Bild Gottes ist, werden die Menschen Bild des Bildes. (MBvS 50-53; 63); Gott wird zum Vater aller Christen, nicht nur des Christus. – Ist es überhaupt sinnvoll, Gott um etwas zu bitten? Origenes bejaht das gegen diejenigen, die alles von Gott für vorherbestimmt und damit für unveränderlich halten. Wie die Gebete zu Gott gelangen, stellt sich Origenes vor, durch Engel, die jeden Menschen begleiten; auch die Verstorbenen sind im Gottesdienst eingeschlossen. Die „Schutzengel“ können aber auch die Menschen verlassen, wie Origenes von den Juden von Jerusalem und Judaea sagt (wo Origenes ja jetzt in Caesarea wohnt): „wegen ihrer Sünden sind sie in die Hände der Feinde geraten, denn die Völker, die das Gesetz aufgegeben haben, sind von Gott und den beschützenden Engeln aufgegeben worden“ (orat. 31,7).

Inhalte des Gebetes kann man am besten am Vaterunser erkennen (das legt Origenes orat. 18-30 aus; etwas mehr als die Hälfte des Werks), dem Gebet, das Jesus seinen Jüngern gelehrt hat, als sie ihn darum baten. Genauer gesagt, sind es für Origenes zwei Gebete, das in Matthäus 6, 9-13 unterscheide sich trotz vieler Übereinstimmungen von dem bei Lukas 11,2-4. Wie immer bei Origenes legt er biblische Texte allegorisch aus. So versteht er „das Reich Gottes“ (besser: die Herrschaft Gottes) „in unserem Innern“ (orat. 25,1 zitiert Lukas 17,20f); das „Kommen“ als ein „Wachsen“.[5]

Besonders die Bitte um das tägliche Brot ist interessant (orat. 27, S. 212-233). Das wahre Brot des Himmels sei das Wort Gottes, nicht eine materielle Speise. Was MBvS in der Einleitung dazu erläutert, sollte auch in der Übersetzung deutlich werden, also nicht „tägliches Brot“. Interessanterweise hat die lateinische Übersetzung (Vulgata) später das gleiche griechische Wort an den beiden Stellen verschieden übersetzt: einmal mit (panem) cotidianum „tägliches (Brot)“und einmal mit supranaturalem „übernatürlich, himmlisch“. Dafür ist das griechische Wort wichtig ἄρτον ἐπιούσιον. Etwa „darüber seiend“ (sprachlich nicht wirklich geklärt: das weibliche Partizip von εἶναι ‚sein‘ bzw. das Substantiv οὐσία ‚das Sein‘ führen beide nicht einfach zu diesem Adjektiv). Das kann einmal bedeuten „Das Brot darüber hinaus, gib uns heute!“, also: genügend Essen auch für morgen. Das findet Origenes nicht zutreffend. Stattdessen übersetzt er „darüber seiend“ mit himmlisch.[6] Und wieder versteht Origenes, der Intellektuelle, das Brot als Gottes Wort intellektuell.

Und schließlich: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ Origenes schreibt vor der Einrichtung der „Anstaltskirche“ (wie Ernst Troeltsch die Kirche der Sakramente nannte), d.h. es gibt noch kein festes Verfahren,  keine apostolische Sukzession, keine „Schlüsselgewalt“. Origenes legt Wert darauf, dass Gott allein Schuld vergibt. Das menschliche Lossprechen von Schuld komme den vom Geist Erfüllten (den sog. Pneumatikern) zu.

Auch dieser Band ist wieder eine sehr gute Arbeitsgrundlage, um sich den Text des großen frühen Theologen zu erarbeiten und seine sprachliche Kompetenz im originalen Griechisch zu erkennen neben einer kompetenten Übersetzung und einer guten vergleichenden Einführung, die die Besonderheiten der Ideen des Origenes herausarbeitet.

  1. April 2016 Christoph Auffarth
    Religionswissenschaft
    Universität Bremen

[1] BKV die Bibliothek der Kirchenväter bietet in zwei Reihen Übersetzungen für die antiken Theologen, nicht den Text. (im Internet aufbereitet von der Universität Fribourg in der Schweiz). Der Text wurde in der Reihe Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderten GCS vom gleichen Autor 1899 herausgegeben. Der Text in dieser Ausgabe folgt mit ein paar Verbesserungen dieser Ausgabe.

[2] Der Verlag gibt an: Dozentin an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Kapuziner, Münster. Im Folgenden mit den Initialen MBvS abgekürzt.

[3] Studien zur Überlieferung und Interpretation des Vaterunsers in der frühchristlichen Literatur. (Münsterische Beiträge zur Theologie 57) Münster: Aschendorff 1989.  In der gleichen Reihe OWD hat sie bereits den Band zum Martyrium bearbeitet. Rez. Auffarth, http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2010/12/29/231/ (29.12.2010). Dort sind auch die weiteren bisher erschienenen Bände besprochen.

[4] Die griechische Bibel (Septuaginta) ist der Text, aufgrund dessen Origenes argumentiert. Er unterscheidet sich durchaus von der Hebräischen Bibel. Zur griechischen Bibel sind zahlreiche Forschungen in den letzten Jahren durchgeführt worden. Vgl. http://buchempfehlungen.blogs.rpi-virtuell.net/2009/06/30/septuaginta-deutsch-herausgegeben-von-wolfgang-kraus-und-martin-karrer/ (30.6.2009). Gerade erscheint ein 7-bändiges Handbuch, hrsg. von Martin Karrer u.a.

[5] Gegen dieses individualistische Verständnis hat in einem berühmten Büchlein Johannes Weiß 1892 gezeigt, dass das Reich Gottes hereinbricht in einer Apokalypse und dafür das Volk Gottes sich sammelt: Die Predigt Jesu vom Reiche Gottes. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1892; ²1900.

[6] So verstanden es auch die Katharer im 12./13. Jh.  gegen die römisch-katholischen Christen, s. Christoph Auffarth, Die Ketzer München: Beck 2009.

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