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Origenes: Die Kommentierung des Buches Genesis (Band 1/2). Von Karin Metzler

Die Schöpfungsgeschichte christlich gelesen

Origenes: Werke Mit deutscher Übersetzung [OWD], Hrsg. von Alfons Fürst; Christoph Markschies.
OWD Band 1/1: Die Kommentierung des Buches Genesis. Hrsg. von Karin Metzler.
Freiburg; Berlin 2010 [xxv, 341 Seiten. Euro 89,95. ISBN 978‐3‐451‐32901‐2

Nach dem ersten, begeisternden Band mit den Jesaja-Homilien [Rezension hier] folgen im gleichen Jahr zwei weitere Bände in der Ausgabe, die zweisprachig den ganzen Origenes leicht zugänglich machen.
Hier die Kommentierung der Genesis. ‚Kommentierung’ nennt die Herausgeberin Karin Metzler [ref] Künftig mit den Initialen abgekürzt. [/ref] die Sammlung des Erhaltenen, weil Origenes einerseits einen Kommentar zur Genesis schrieb, der aber nur die vier ersten Kapitel von der Erschaffung zu den Sündenfällen umfasst und in Vers Gen 5,1 abgeschlossen und besiegelt wird. Dafür benötigt er 13 ‚Bücher’ (Papyrusrollen). Dazu kommen „Scholien“, die auch die weiteren Kapitel der Genesis kommentieren. Scholien bezeichnen Kommentare, die man zur Erklärung unbekannter Worte oder Zusammenhänge an den Rand oder zwischen die Zeilen antiker Werke schrieb. Christoph Markschies vermutet, es handle sich in diesem Fall um (Auszüge aus) Mitschriften seiner Schüler und Gäste. Ange-fangen hat Origenes seinen Kommentar zunächst in Alexandria, den Rest vollendete er wohl 234 in Caesarea, seinem neuen Wohnort (dem römischen Hafenort in Palästina). Zur gleichen Zeit schrieb er an seinem philosophischen Hauptwerk Περὶ ἀρχῆς (Perì archês, de principiis), während die große Verteidigung gegen die Angriffe des Intellektuellen Celsus danach entstand. Das längste zusammenhängende Stück (D 7) umfasst etwa 40 Doppelseiten und handelt von der Vorsehung mit einer langen Auseinandersetzung über die Richtigkeit der Prophetie und die Falschheit der Astrologie. Die Sterne sind Zeichen, nicht Mächte (82 f σημεῖα – δυνάμεις): es geht um das Problem der Willensfreiheit. Hatte Judas die Chance, sich auch anders entscheiden zu können (118 f)? Dass hinter σῶσαι (96,15) das platonische Problem steht, wie man die Idealbilder mit dem Faktengewimmel in Einklang bringen will, „die Phänomene retten“ σῴζειν τὰ φαινόμενα, ist wieder eine kluge Beobachtung von KM.
Der Text ist der aus der großen wissenschaftlichen Ausgabe der Griechischen Christlichen Schriftsteller, den die gleiche Wissenschaftlerin gerade herausgibt und zahlreiche Verbesserungen in der Zuordnung und im Verständnis bringt. Eine enorme Arbeit kommt zum Abschluss, all die Stücke zusammenzusuchen und zu prüfen, die teils in Origenes eigenen Schriften zitiert, in drei umfangreichen (beschädigten) Papyri und in den Texten 13 anderer antiker Schriftsteller zu suchen sind. Tatsächlich: „Spurensuche“! Testimonien (A-C), Fragmente aus dem Kommentar (D) und die Scholien (E), die in den Sammelkommentaren (Catena ‚Kette’) immer wieder ausgeschrieben wurden. Man sieht die sorgfältige Arbeit von Jahren nicht nur im griechischen Text. Die Entscheidung übrigens, den griechischen Text in einer seriphenlosen Type zu setzen (was eigentlich einem Grundsatz widerspricht, keine Seriphen-schrift – die deutsche Übersetzung – parallel daneben zu setzen), führt zu einem sehr gut lesbaren und übersichtlichen Resultat. Die Arbeit ist konzentriert zusammengeführt in der Übersetzung. Man sieht die genauen Überlegungen. Beispielsweise wählt KM für inordinatus nicht ‚ungeordnet’ (was eher eine durcheinander gebrachte Ordnung voraussetzte), sondern ‚ordnungslos’ (48 f). Für den griechischen Strichpunkt der als Punkt in halber Höhe notiert wird, wählt sie ‚Hochpunkt’ (70 f) und die kluge Erläuterung für das grammatikalische Problem, das man ohne griechischen Text nicht verstehen kann, in Anm. 65. Apò koinoû 154 f. Der „Wal“ (das κῆτος) des Jona, wie wurde er geschaffen (162 f) – der Leviathan fehlt?
Der Kommentar KMs ist anspruchsvoll und verlangt einige Kenntnis in antiker Rhetorik und Grammatik. Dann aber führt KM aufschlussreich durch die komplizierte Argumentation. Origenes liest die Schöpfungstexte ja nicht als jüdischen Text historisch, sondern allegorisch, d.h. der Text sagt etwas anderes, zumindest mehr, als was auf der wörtlichen Ebene dasteht. Origenes will die ethische Herausforderung darin erkennen, ihren anagogischen Sinn. C I 1 gibt einen Aufriss: Adam als Christus, Eva als Kirche, Gott in der Trinität als Vater, Wort und Geist (der über der Urflut schwebt C I 3) – und die Weisheit! sapientia C II 1, 276, S. 51 –, der Teufel als das Dunkle (C I 1b), wo aber sind die Engel (C II 2)? Origenes verbindet sie mit dem Wasser – nicht wie seit Augustinus üblich, mit der Erschaffung des Lichtes. Oder meinte er die Bäume im Paradies (C II 4)? Und wie kann man den Kosmos hinein bringen, der nicht im Horizont des Schöpfungsberichters „Mose“ liegt. Doch! behauptet Origenes, dafür steht die merkwürdige doppelte Erschaffung von Himmel und der Erde (Gen. 1,1 und 1,8 u. 10). Gegen die Gnostiker mit ihrem Dualismus muss Origenes den Text verteidigen, er spreche vom guten Gott, nicht vom böswilligen Demiurgen (108 f) Er hat, auch wenn er wohl selbst nicht Hebräisch konnte, jüdische Gelehrte gefragt, wie sie den Text verstehen (S. 48, Anm. 26).
Die Einleitung zum Gesamtwerk durch die Herausgeber (VII-XXV) ist sachlich knapp und lesenswert zugleich. Das Abkürzungsverzeichnis (XV f) sollte, auf dickem Papier gedruckt, jedem Band beiliegen.
Kurz: auch dieser zweite Band der OWD ist hervorragend gelungen. Das Ergebnis jahrelanger Arbeit gipfelt in der abgewogenen Übersetzung und den Kommentaren der Anmerkungen.
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5. Dezember 2010
Christoph Auffarth,
Religionswissenschaft,
Universität Bremen

 

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